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Frans Masereel: Widerstand in Bildern
bis 3. Sept. 2017

Frans Masereel

Die Schau befasst sich mit Masereels gesellschaftlichen Visionen, seiner Sozialkritik und seinem Pazifismus, ganz abgesehen von der Sympathie für die Ideen des Kommunismus. Frans Masereel (1889-1972) wird vielfach als der bedeutendste Grafiker des 20. Jahrhunderts betrachtet, soweit es seine Holzschnitte betrifft. Zu den Bildern des Chronisten und Kommentators der politischen Ereignisse u. a. zwischen dem I. und dem II. Weltkrieg wurden aktuelle künstlerische Positionen in einen Dialog gesetzt. Vertreten sind Künstler aus Europa, dem Nahen Osten, Amerika und Afrika, so Mary Evans, Anton Kannemeyer, Glenn Ligon, Dan Perjovschi, Billie Zangewa, William Kentridge, Philip Aguirre e Otegui, Slavs and Tatars und Kerry James Marshall. Masereels Schaffen ist in der Schau mit 84 Arbeiten in Öl, Aquarell und Tusche sowie 21 Holzschnitten, einer Lithografie und 40 Büchern und 26 sonstigen Dokumenten präsent.

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Frans Masereel, Familie beim Lesen, 1937 Stad Antwerrpen Distrikt Antwerpen co Nova . © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken

Chronist, Dokumentarist, Künstler, Parteigänger, Pazifist, ein Mann mit Standpunkten, ein Mann, der Partei ergreift, auch in plakativer Art und Weise – das war Frans Masereel. Bisweilen mag die Nähe zu plattem Agit-Prop als störend empfunden werden, insbesondere in seinem monumentalen Werk „Familie beim Lesen“ (1937). Übrigens auch Picassos „Guernica“ war wie Masereels Werk auf der Exposition Internationale des Arts et des Techniques appliqués à la Vie Moderne in Paris zu sehen – doch welche Kontraste im künstlerischen Herangehen an ein brisantes, politisches Thema.

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Mary Evans, Tableau Vivant (studie), 2017 Courtesy of the artist.

Mit parteilichem Standpunkt

Masereel war im Kern ein genauer Beobachter der Brüche und Umbrüche in Europa zwischen dem I. und dem II. Weltkrieg sowie in den danach folgenden Jahren. Die Lage der abhängig Arbeitenden lag ihm am Herzen. Zugleich hatte er ein Gespür für das Zeitgeistliche, für die sogenannten wilden 1920er Jahre, für die Kriegsgewinnler, die spießigen Kleinbürger, aber auch für die Nutten, die Bettler und die aus dem Krieg Heimgekehrten, die nicht nur äußerliche Verletzungen, sondern auch innere davongetragen hatten. Insoweit ist eine Nähe zu Arbeiten von Otto Dix und Georg Grosz nicht von der Hand zu weisen, teilweise auch ikonografisch.

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Frans Masereel, houtsnede uit La ville, 1925. © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken

Für die da unten

Durchaus neusachlich erscheint Masereels Blick auf den Moloch Großstadt, auf den frühen Turbokapitalismus bis zum Börsencrash von 1929. In seiner Kunst, die in der Form stark reduziert und in den Inhalten vereinfachend anzusehen ist, bündelt sich ein politisches Verständnis, das Sympathien für die da unten und nicht für die da oben beinhaltete. Darin ist er John Heartfield nicht unähnlich, auch wenn Letzterer das Medium Fotografie und Collage benutzte, um eine „Kunst der Aufklärung“ zu schaffen. Allerdings scheint ein Saaltext, in dem Masereel in seinem Schaffen mit einem Anthropologen und Soziologen verglichen wird, der an visionären gesellschaftlichen Konzepten arbeitet, inhaltlich als doch ein wenig zu weit hergeholt. Zu sehr scheint mir der 1972 verstorbene Künstler, der sich schon sehr früh mit der Lage der Genter Textilarbeiter konfrontiert sah, in der Rolle des Chronisten eingebunden.

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Dan Perjovschi, News(and)paper, 2017 (Detail, in situ MuZee). Courtesy of the artist and Gregor Podnar Gallery Berlin & Michel Rein Paris, Brussels. foto: fdphotos 2017

Verengter Blick der Gegenwartskunst

Gegenwartskunst mit den Arbeiten Masereels zu konfrontieren, scheint ein Ansatz, das Thema „Widerstand in Bildern“ auf der Höhe der Zeit zu halten. Die Auswahl der Künstler und Werke, Mary Evans oder William Kentridge oder Billie Zangewa, erscheint mir doch sehr verengt, hat man beim Gang durch die Schau doch sehr viele Spotlights auf die Gegenwartskunst aus Afrika gerichtet. Ja, man kann auch auf einer Installation des Künstlerkollektivs Slavs and Tartars – einem ausladenden Bett, „Flussbett“ genannt, –Platz nehmen und sich in eine Lektüre über den osteuropäischen Blick auf Afrika und seine Bewohner vertiefen. Thematisch steht dann allerdings erneut Afrika im Fokus. Das verstellt den Blick auf die Verwerfungen in Europa, das Nord-Süd-Gefälle, auf anwachsende Armut und Marginalisierungen, auf Ausgrenzungen, auf das Wachsen der Kluft zwischen Arm und Reich.

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Frans Masereel, Sortie de cinéma, aquarel op papier, 1925. Privécollectie, België © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken

Alles, fast alles ist schwarz-weiß

Schwarz-weiße Holzschnitte, die hier und da das komplexe gesellschaftliche Geschehen auf Schwarz und Weiß reduzieren, wurden in der aktuellen Schau in schwarz-weiße Kuben gehängt. Warum? Hätte man die Räume nicht auch in ein plakatives, revolutionäres Rot hüllen können? Nicht gelungen scheint die Hängung, bei welcher sich die Kunst der Gegenwart beinahe im Schaffenskanon von Masereel versteckt anstatt optisch hervorgehoben zu werden, zum Beispiel durch farbige Passepartouts.

Masereel, als Marxist abgestempelt, Volksfrontfreund und ...

Masereels Arbeiten sind gleichsam Romane in Bildform, in Holzschnitte nicht n, die er in billigen Volksausgaben vertreibt. Nein, von Comics würde ich in Masereels Fall nicht sprechen, aber von Bildserien wie in der Serie „La Ville“ („Die Stadt“). Stets schlug das Herz des Künstlers links. In Illustration von Schriften gegen die Nazis zeigte er seine Form des Widerstands. Paris, wo er zeitweilig lebte, musste er nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht verlassen. Avignon wurde seine neue Heimat. Dort unterhielt er Verbindung zur Résistance. Auf der Flucht schuf er Werke wie „Juin 1940“ und „Destins“. Begraben wurde der 1972 verstorbene Künstler, der ab 1947 in Saarbrücken unterrichtete, in St. Amandsberg (Gent).

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Frans Masereel, Umzug in Tunesien, 1912.
© SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken / foto: fdphotos 2017

Mehr als nur Holzschnitte

Neben den Holzschnitten, für die er bekannt ist, sind in der Schau aber auch Arbeiten wie das Ölgemälde „Umzug in Tunesien“ zu sehen. Wie in dem genannten Gemälde, das bereits eine gewisse expressive Handschrift und einen Sinn für Lichtregie zeigt, sind auch die 1928 entstandenen Porträts der Mutter und des Stiefvaters im Stil der Moderne gehalten und gänzlich unakademisch.

Das Politische zeigt sich unter anderem in der in Tusche entstandenen Arbeit „Der Krieg wird zu Grabe getragen“ (1937). Der Tote mit Gasmaskengesicht und einem Haarkranz aus Geschützrohren wird von einer Gruppe von Männern auf der Schulter getragen. Hinter dem Sarg ziehen jubelnde Menschen, die Ballons aufsteigen lassen, einher. Losgelöst und befreit erscheinen sie.

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Frans Masereel, Prière, 1922. Privécollectie, België © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken / foto: fdphotos 2017

Konfrontationen

Der Kontrast zwischen der Arbeit von Mary Evans, die die Schattenrisse von Afrikanern in einer in-situ-Arbeit auf eine Wand es Museums geworfen hat und der vis-à-vis zu sehenden Agit-Prop-Arbeit „Familie beim Lesen“ im Stil des sozialistischen Realismus, ist ebenso hart, wie die „Graffiti-Arbeit“ von Dan Perjovschi gegenüber Masereels frühen Arbeiten. Zu sehen sind Perjovschi collagierte Bild-Schnipsel, die die Leerblase des Populismus aufs Korn nehmen und die in einer Stacheldrahtblase gefangene „Freiheit“ zeigen. Die Silhouette eines Panzers mit muskulösem Arm statt eines Geschützrohrs wird um die Zeile „All this Macho strongmen with big guns and little dicks“ ergänzt. Das ist Satire, Kommentar, Ironie, aber eben auch Bild-Schnipsel statt tief gehender Analyse. Zu verstehen sind die Bild-Schnipsel als Botschaften. Das Gesamtkunstwerk wird um Exemplare von 22 Bukarester Tageszeitungen ergänzt, gleichsam ein Fingerzeig auf den Titel der Arbeit „News(and)Papers“.

Der Mensch im Zentrum

Nicht nur Masereels Holzschnitt des tanzenden Eulenspiegels zeigt das Verständnis des Künstlers für die Verschiedenheit von Menschen. So ist auch sein Ölgemälde mit Vertretern des fahrenden Volkes zu sehen. Der Tod in „Death goes a-wandering, on a fine spring day“ ist nicht ein Sensenmann, sondern bei Masereel eine schöne Frau, die an einem Frühlingstag überlebensgroß in der Menge der Stadtbewohner erscheint. Man sieht u. a. einen Künstler in verschlissener Kleidung an der Staffelei, einen Zeitungsverkäufer, wohlbeleibte Kleinbürger, wohlhabende Damen und auch einen Alten, der auf einer Bank ein Schläfchen hält, sowie eine Mutter mit einem Kind auf dem Arm.

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Frans Masereel, The Tramway, 1921. Galerie Ronny Van de Velde Antwerpen - Knokke © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken / foto: fdphotos 2017

Masereel fokussierte sich sehr stark auf den Menschen in der Großstadt, so auch in „Die Blinde“. Die Lichter der Großstadt bleiben ihr verborgen, auch das städtische Chaos, der urbane Dschungel. Zu sehen ist obendrein in einem weiteren Holzschnitt die Frau als Lustobjekt der Männer, die an ihren Brüsten saugen und sich an ihre prallen Schenkel klammern. In „Fantasie No 1“ sieht man ein Liebespaar in den Schluchten der Wolkenkratzer. Festgehalten hat Masereel in Öl eine Demo in Brüssel unter belgischer Trikolore und Slogans wie „Non“ und „Jamais“ - entstanden 1961.

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Frans Masereel, Le choix, 1924, aquarel op papier. Privécollectie © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken

Urbane Welt, urbane Verführung

Die Welt der käuflichen Liebe und des Tanzes ums Goldene Kalb fing Masereel im Aquarell „Moulin Rouge no 2“ ein. Großstadtfieber griff der Künstler im Holzschnitt „Okay“ auf: Aufgestelzt ist die innerstädtische Autobahn, Neonreklame funkelt, Hochhäuser recken sich gen Himmel. Auch „Sortie de cinema“ ist dem Thema Urbanität gewidmet. Gleiches gilt für das Häusermeer in der grafischen Arbeit „Amerika“ sowie für den Holzschnitt „Le Tramway“ (1922).

Fazit

Die Schau, teils thematisch, teils zu Beginn biografisch angelegt, scheint mir überfrachtet. Die Bilderwelten verschwimmen angesichts der Fülle der präsentierten Arbeiten. Auch wenn Saaltexte vorhanden sind, hätte man stärkere Zäsuren einbringen müssen. Generell gilt: Weniger ist mehr auch für diese Schau, die sich ja als Retrospektive und zugleich Diskussionsbeitrag zu den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen begreift.

Text: © ferdinand dupuis-panther

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Frans Masereel, Les romanichels, Eigentum des belgischen Staats, Musée des Beaux-Arts Liége © SABAM Belgium 2017 & Frans Masereel Stiftung Saarbrücken / foro: fdphotos 2017


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Romestraat 11
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