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Geduld wie ein Austernfischer

Mandø, ein einsames Eiland im dänischen Wattenmeer

Text und Fotos: Rainer Heubeck

 

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Es ist fast wie in einer Großstadt – wer von Vester Vedsted nach Mandø fährt, hat die Wahl zwischen der rot-blauen Linie und der grünen Linie. Doch die beiden Verbindungen sind keine U-Bahn-Strecken. Nein, Traktoren mit Hänger sind im Angebot, wahlweise in rot-blau oder grün. Auch die Strecke variiert nicht sonderlich. Es gibt zwei „Straßen“ zur Auswahl. Beide verlaufen in die gleiche Richtung, ihr Abstand liegt bei rund 100 Metern. Welcher der beiden Wege befahren werden kann, liegt jedoch nicht an der Frage „rot-blau“ oder „grün“.

Dänemark - Mandö - Straße

Viel wichtiger für diese Entscheidung sind die Gezeiten sowie die Windstärke. Wobei die weiter südlich gelegene Trasse, der Ebbevej, nur von den Traktorbussen befahren werden kann, während der Låningsvej bei Niedrigwasser auch für Autos geeignet ist. Wenn die Flut im Anmarsch ist, besteht allerdings Überschwemmungsgefahr – deshalb sollte man vor einer Fahrt darüber den Gezeitenkalender genau studieren. Zwischen den niedrigsten und dem höchsten Tidenhub liegen rund 1,5 Meter Höhenunterschied. Und wenn dazu noch starker Wind kommt, der für ein bis zwei Meter hohe Wellen sorgt, steigt der Meeresspiegel noch stärker. Mit eigenem Fahrzeug befahren sollte man den zehn Kilometer langen Damm deshalb nur, wenn man sicher ist, dass das Wasser nicht gerade ansteigt.

Dänemark - Mandö Landschaft

Mandø ist die kleinste und ruhigste von drei bewohnten dänischen Nordseeinseln – Mandø, Rømø und Fanø. Auf Mandø ist weder Kurbetrieb noch Party angesagt, dafür gibt es Natur pur. Und auch wenn die Insel rundum vom Wattenmeer umgeben ist, wer sich auskennt, der findet auf der Westseite der Insel sogar einen Badestrand. „Baden sollte man aber nur, wenn das Wasser ansteigt, denn wenn die Ebbe im Anmarsch ist, treibt man schnell aufs offene Meer“, berichtet Klaus Melbye. Er ist Leiter des Wattenmeer-Zentrums in Vester Vedsted auf dem dänischen Festland – und wenn er nicht gerade Bürodienst hat, neue Ausstellungen konzipiert oder mit Besuchern auf Austern- oder Seehundsafari geht, dann leitet er Exkursionen durch das Wattenmeer. Und das besteht keineswegs nur aus Schlamm und Schlick, sondern es ist quicklebendig. Auch die kleinen weißen Krebse, die auf den ersten Blick wie Skelette aussehen, sind keineswegs tot. Die Tiere wachsen und streifen ihren alten Panzer ab, das passiert ungefähr 15 bis 17 Mal pro Jahr“, berichtet Klaus Melbye, der gerade einen der abgeworfenen Krebspanzer aufgehoben hat.

Dänemark - Mandö - Krebse

Wattwandern, manchmal mit Gummistiefeln, manchmal mit Gummihose, ist eine gute Möglichkeit, die Insel Mandø kennen zu lernen. Doch wer die Abgeschiedenheit des Mini-Eilands, auf dem nur gut dreißig Menschen wohnen, wirklich erleben will, der sollte sich in einem Apartment oder einem Ferienhaus einquartieren. Viel Abwechslung freilich darf ein Besucher nicht erwarten. Aber mit etwas Glück hat der Inselkiosk nachmittags geöffnet – und man kann dort einkaufen. Und vielleicht trifft man beim Einkaufen ja einen Inselbewohner, der sich noch an die großen Sturmfluten, die Mandø heimgesucht hatten, erinnern kann.

Dänemark - Mandö - am Watt

Die letzte größere Flut erlebten die Bewohner im Jahr 1981, damals brach der 1937 angelegte Seedeich, der die Insel schützen sollte. Doch Sturmfluten gab es auch schon früher, beispielsweise im Jahr 1923. Legendär ist die gewaltige Sturmflut aus dem 1624 – damals wurde auch die Inselkirche von den Wassermassen weggespült. Lediglich das Taufbecken blieb erhalten – und wurde deshalb in der Nachfolgekirche, der „Mandø Kirke“, wieder aufgestellt.

Dänemark - Mandö - Sturmflutmarken

Das kleine Kirchlein hat praktischerweise auf zwei Seiten einen Eingang – ein handfester Vorteil, wenn die Windböen so stark werden, dass der Besucher fast umfällt. Auf dem Dachboden der Inselkirche, so berichtet eine Mitarbeiterin des Wattenmeerzentrums, liegen zwei leere Särge. Sie sind neu und unbenutzt – und sie liegen bereit für den Fall, dass ein Einheimischer stirbt, während die Insel im Winter wieder einmal vom Festland abgeschnitten ist.

Dänemark - Mandö - Kirche

Mandø und das umliegende Wattenmeer sind ein idealer Urlaubsort für alle, die Ruhe suchen und Erdung. Wer die 7,6 Quadratkilometer große Insel erkunden will, kann dies zu Fuß oder per Fahrrad tun. Zerstreuung gibt es wenig auf dem Eiland – eine kleine Windmühle kann besichtigt werden und ein altehrwürdiges Kapitänshaus beherbergt ein kleines Inselmuseum. Die eigentliche Attraktionen jedoch sind die Landschaft und das Wattenmeer. Wer durchs Watt wandern will, macht dies am besten im Rahmen einer Führung. Oder erkundigt sich im Vorab, welche Gebiete betreten werden dürfen und wo man die Vögel auf keinen Fall stören sollte.

Dänemark - Mandö - Blick über das Wattenmeer

Klaus Melbye, der Leiter des Wattenmeerzentrums, führte vor etlichen Jahren auch die dänische Königin Margarethe II. nach Mandø. Mehrere Stunden lang zeigte er ihr die Besonderheiten der Natur und erläuterte ihr dabei auch, wie schwer es die Austernfischer haben, ihre Brut großzuziehen. „Es kann bis zu 15 Jahre dauern, bis ein Austernfischer seine Eier einmal ausgebrütet hat. Diese Vögel legen zwar mehrmals im Jahr Eier, aber wenn das Meer stärker ansteigt als normal, spülen die Wellen die Eier immer wieder weg“, berichtet Melbye. Geduld wie ein Austernfischer müsse man haben im Leben, sprach darauf die Königin. „Mit ihr zu reden, fiel mir nicht immer leicht, weil wir uns in Dänemark grundsätzlich alle duzen. Ich habe sie zwar lange äußerst respektvoll angeredet, aber irgendwann ist mir dann ein Du rausgerutscht, da hat sie schon etwas verwundert geschaut“, gesteht Klaus Melbye, der das Wattenmeer-Zentrum in Vester Vedsted bei Ribe in den nächsten Jahren noch ausbauen will. „Wir wollen eine Ausstellung über die faszinierende Welt der Zugvögel aufbauen“, erklärt Melbye. Nicht ohne Grund – denn rund zwölf Millionen gefiederte Gäste machen alljährlich im Herbst in Jütland Station. Faszinierend ist es, die riesigen Schwärme der Stare zu beobachten, die in den Abendstunden zu Hunderttausenden über die Felder und Dächer ziehen. „Je größer die Gruppe ist, desto sicherer sind die Tiere vor Raubvögeln, beispielsweise den Wanderfalken“, erläutert Melbye – und ergänzt, dass das Wattenmeerzentrum selbstverständlich nicht nur Wattwanderungen sowie Austern- und Robbensafaris anbietet – sondern in der Zeit von Ende August bis Anfang November auch Exkursionen, bei denen die Staren-Invasion, in Dänemark auch „schwarze Sonne“ genannt, beobachtet werden kann.

Dänemark - Mandö - Auster



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