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Berlin
Broehan-Museum

Jan Toorop. Gesang der Zeiten
bis 21. Mai 2017

Die Ausstellung zeigt über 200 Bilder des bedeutendsten niederländischen Symbolisten.

linienspiel
Jan Toorop LIJNENSPEL, DE KOMST VAN DE NIEUWE KUNST (Linienspiel, das Aufkommen der neuen Kunst) 1893 Gemeentemuseum Den Haag

Die Wahl des Ausstellungstitels korrespondiert trefflich mit den teilweise poetisch angehauchten Werken des in Indonesien geborenen niederländischen Künstlers. Wie kein anderer hat er sich mit der Frage der Linienführung und der Ornamentierung befasst, mithin ganz im Geiste der Art nouveau stehend, die selbst die „Architektur in Bewegung“ brachte.

Die thematisch strukturierte Schau folgt Toorops künstlerischer Entwicklung, die auch durch seine Freundschaften und Kontakte mit Künstlern wie James Ensor, mit den Mitgliedern der Gruppe Les XX und vom Pointillismus von Seurat bzw. vom postimpressionistischen Luminismus bestimmt war. Der schwungvolle Jugendstil findet sich ebenso in Toorops Werken wie Formen des Symbolismus, durchaus auch bezüglich der Ikonografie in der Nähe zu Fernand Khnopff, betrachtet man Toorops Frauengestalten – Heilige und Huren, Vamp und Maria. Dass er auch durch die Haager Schule und deren Vorliebe für das Licht der Niederlande geprägt war, kann man den biografischen Daten Toorops entnehmen.

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Jan Toorop LES DEUX SAULES (‚NOVEMBERZON') (Zwei Weiden; Novembernachmittag) 1889 Gemeentemuseum Den Haag

Saaltexte als Orientierungen zu Themen wie „Damen in Weiß“, „Leben auf dem Land“, „Realistischer Symbolismus“ und „Das Innenleben eines Graubarts“ führen die Besucher durch die sehr umfängliche Schau, die aufgrund der dichten Hängung das Auge und den Kopf der Besucher besonders herausfordert. Leider vermisst man bei den Saaltexten zum Symbolismus Tooropscher Prägung die Dechiffrierung des Symbolinhalts. Stattdessen befasst man sich mit den technischen Aspekten, dem Duktus, der Arbeiten.

Symphonien in Weiß

Ins bürgerliche, wenn nicht gar großbürgerliche Milieu entführt uns Toorop mit seinen „Damen in Weiß“. Dabei nimmt Toorop Aspekte der Malerei des englischen Malers James McNeill Whistler auf, der Frauen als Symphonien in Weiß begriff. Es sind Damen von Welt, begütert, wenn nicht selbst, dann doch durch Heirat. Zu sehen ist unter anderem die lesende Lucie van Dam van Isselt, die einen besonders ausladenden blau-schwarzen Hut zur Schau stellt, ein Kontrast zu dem weißen Kleid mit hohem Kragen und dem strichig aufgetragenen grünlichen Hintergrund. Neben dieser Dame erblicken wir „Madame B (Elize Beetz)“. Einen üppig blühenden Garten als Hintergrundmotiv wählte Toorop für das Porträt. In Aquarell mit Gouache gehalten ist „Symphonie in Weiß“. Zu sehen ist eine Dame in wallendem, weißen Kleid an einem weißen Tisch.

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Jan Toorop TRIO FLEURI 1885 Gemeentemuseum Den Haag

Die Armut des modernen Lebens

Die Damen in Weiß verkörperten bei Toorop das urbane Leben. Doch auch das Leben auf dem Lande blendete der Künstler in seinem Schaffen nicht aus. Beeindruckt von den französischen Naturalisten und den sogenannten Flämischen Primitiven schuf er einige beeindruckende Gemälde mit expressivem Duktus, so auch die Szene vom Blumenmarkt in London. Frauen mit „Bauchläden“ verkaufen, so die zentrale Szenerie, einzelne Blumen an die Vorbeilaufenden. Eher dunkeltonig gehalten ist die Darstellung von Straßenmusikanten. Sie sorgen mit Geige, Harfe und Querflöte für die Unterhaltung der Passanten, die willig stehen bleiben und zuhören. Doch welchen Obolus sind sie bereit, den Musikern zuzustecken? Im Kontrast zum Leben auf der Straße ist das Leben in der bürgerlichen Idylle des heimischen Gartens, so wie in dem Gemälde „Trio Fleuri“, zu sehen. Es zeigt drei Frauen in ihrem Garten. Eine von ihnen hält einen Brief in der Hand. Ist es ein Liebes- oder ein Abschiedsbrief? So wie van Goghs „Die Kartoffelesser“ den Blick für das Elend des Landlebens schärft, so tun es auch Toorops „Garnwickler“, die sich um den Kohleherd scharen, auf dem ein dampfender Kessel steht.

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Jan Toorop Plakat DELFTSCHE SLAOLIE 1895 Gemeentemuseum Den Haag

Das Spirituelle in Bildpunkten

Im Stil von Seurat malte Toorop eine Vielzahl von Gemälden, so auch die Landschaft mit zwei knorrigen Weiden im linken Vordergrund. Es soll sich laut Bildbeschreibung um eine Landschaft im November handeln. Doch das satte Grün mit bunten Farbtupfern scheint dazu nicht zu passen. Flirrendes Licht liegt über dem Gehöft und der Kirche im Hintergrund. Dieses würde man eher im Sommer als im November erwarten, oder? In Blau-Grün legte Toorop seine Vorstellung von „Melancholie“ an. Es zeigt eine in einem Türrahmen lehnende Frau. Hinter der Hecke neben dem Haus grast ein Gaul. Insgesamt hat man den Eindruck einer abendlichen Szenerie bei fahlem Licht. Einen eigenartigen Trauerzug kreierte der Künstler mit der Arbeit „Sonnenaufgang – Morgen nach dem Streik“: Großvater und Enkel – so hat es den Anschein – tragen den beim Streik Umgekommenen nach Hause. Dabei geht es augenscheinlich vorbei an blühenden Mohnfeldern.

Angeregt durch japanische Tuschezeichnungen entstand ein maritimes Thema mit auf den Wellen schaukelnden Booten und einem Mann, der im Niedrigwasser mit einem Tau über der Schulter versucht, einen der Kähne an Land zu ziehen. Man betrachte besonders die „sprudelnden Wellen“ und das sich kräuselnde Wasser, das denjenigen an japanische Zeichnungen erinnert, der solche Arbeiten schon mal gesehen hat. Warum konnte man nicht in einer Repro entsprechende Arbeiten japanischer Künstler anfügen, um einen visuellen Vergleich zwischen dem „Original“ und Toorops Adaption zu ermöglichen? Ist Toorop und Japonismus kein Thema?

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Jan Toorop RÔDEURS 1892 Kröller-Müller Museum, Otterlo

Poetisch-märchenhaft

Es finden sich im Gesamtwerk von Toorop Arbeiten, die eher an Buchillustrationen, um nicht zu sagen an Zeichnungen für Märchenbücher erinnern. Dazu gehört auch die Arbeit „Mutter“. Dabei wird die Rolle der Frau gänzlich auf die der Gebärenden und Erziehenden reduziert. Umgeben ist die Mutter, die an die Mariendarstellungen denken lässt, von einem Kreis von Mädchen, die teilweise an ihrem Rockzipfel hängen oder wie das Jüngste in ihrem Schoß. In der Manier eines William Turners entstand die Komposition „Orgel“ mit der dominanten Figur einer gänzlich in Weiß gekleideten Organistin. Flüchtigkeit und Verflüchtigung sind Begriffe, die beim Anblick des Gemäldes spontan in den Sinn kommen.

Märchenhaft erscheint die Welt der „Sphinx“. In einer Collage sieht man die Sphinx getragen von Atlanten, einen Teich mit einem Schwanenpaar, langhaarige bärtige Gestalten, die vorbeiziehen, und eine Gruppe von Frauen, die ihre Arme gen Himmel richten. Auf einem Felsen liegt ein nacktes Paar, dem die Aufmerksamkeit einer Gruppe von Umstehenden gilt. Gerade zu diesem symbolistisch aufgeladenen Werk hätte man sich einen beschreibenden Text gewünscht, der die Symbolik im Einzelnen erläutert. Doch darauf muss der Besucher leider verzichten. Was für „Die Sphinx“ gilt, gilt auch für „Die drei Bräute“, von denen eine durchaus als Maria zu identifizieren ist. Wer aber sind die beiden anderen, die Barbusige im durchsichtigen Seidenkleid und die Damen mit der Halskette aus Totenschädeln?

Ähnlich wie bei Fernand Khnopff finden sich bei Toorop Frauenbilder zwischen Heilige und Hure, so auch bei den Zeichnungen von Frauen mit wehenden Haaren und in der Arbeit „Ich sitze und sehe hinaus“.

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Jan Toorop FATALISME (Fatalismus) 1893
Kröller-Müller Museum, Otterlo

Spiegel, Buchillustrationen und Plakate

Frauen mit erotischer Ausstrahlung findet man auch unter den ausgestellten Plakaten. Geworben wird mit diesen für Lebensversicherungen ebenso wie für Delfter Salatöl. Toorop entwarf aber auch Spiegelrahmen, so auch den mit der Darstellung von Adam und Eva, die einen Apfel pflücken.

Immer wieder finden sich bei Toorop Szenen des bäuerlichen Alltags, ob bei dem in schwarzer und farbiger Kreide gemalten Sämann oder beim „Bohnenschneider“. Lichtdurchflutet ist die Kate der betenden Bauern vor dem Essen. Besonders beeindruckend sind aufgrund der genialen Lichtkompositionen Arbeiten wie „Meeresblick mit Booten“. Doch trotz all der präsentierten Bildfülle bleibt Jan Toorop ein Rätselhafter, von dem man gerne in O-Tönen mehr zu seinem Lebensweg und seinen Arbeiten erfahren hätte.

Text: ferdinand dupuis-panther

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Jan Toorop SELBSTPORTRÄT 1915 Gemeentemuseum Den Haag

Bröhan-Museum
Schlossstraße 1a
14059 Berlin (am Schloss Charlottenburg)
http://www.broehan-museum.de/service/

 


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