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Berlin
Hamburger Bahnhof


Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen
bis 17.09.2017

Ausstellungen

Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen

Rudolf Belling (1886–1972) zählt zu den wichtigsten deutschen Bildhauern der Klassischen Moderne. Ausgangspunkt der Retrospektive Rudolf Belling sind zehn Hauptwerke der 1920er-Jahre aus der Sammlung der Nationalgalerie, darunter der berühmte Dreiklang (1919/24). Die insgesamt rund 80 Exponate aus den 1910er- bis 1970er-Jahren – darunter Skulpturen, Zeichnungen, Modelle, Filme, Fotos und Figurinen – beleuchten die vielen Facetten eines Plastikers, der sich nicht auf das Medium der Skulptur allein festlegen lässt.

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Rudolf Belling Kopf in Messing, 1925 Messing, 33,3 x 22,5 x 19 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © bpk / Nationalgalerie, SMB / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Bereits vor der eigentlichen Schau stößt man auf eine überlebensgroße Arbeit von Rudolf Belling. Dabei handelt es sich um die Reklamefigur für einen Reifenhersteller, die einst an der Berliner Rennstrecke unweit des Funkturms zu finden war. Doch die AVUS gibt es heute ebenso wenig wie eben die dort platzierte Reklame.

Kampf und Tanz

Die eigentliche Ausstellung ist thematisch strukturiert, folgt dabei auch einer Chronologie der künstlerischen Karriere Bellings. Belling war ein leidenschaftlicher Tänzer und zugleich Gründer eines Berliner Tanzklubs, was auch in seinen Skulpturen einen Niederschlag fand. Er schien aber auch von der Kunst der Antike angetan zu sein, von Ringern im olympischen Wettkampf, von athletischen Männern, betrachtet man seine aus Muschelkalk gearbeitete Figurengruppe von zwei miteinander ringenden Athleten. Sie sind nicht nur muskulös und durchtrainiert, sondern scheinen auch eine Art Rüstung zu tragen. Ihre Waffen sind die bloßen Hände und die Kraft ihrer Armmuskeln, sodass man von einem ritterlichen Kampf Mann gegen Mann sprechen muss, den der Besucher zu Gesicht bekommt.

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Rudolf Belling Skulptur 23, 1923/1966 Messing, poliert, 41,5 x 21,5 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © bpk / Nationalgalerie, SMB / Reinhard Friedrich / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Bereits an dieser Arbeit lässt sich Bellings Konzept von Raum und Skulptur ablesen. Raum meint dabei auch stets umhüllter Leer- oder Hohlraum. So ist Henry Moore nicht der Einzige, der sich mit diesem Thema in der Bildhauerei befasst hat. Doch neben den Figuren, teilweise auch abstrakt wie der „Dreiklang“, der sich um eine gedachte vertikale Mittelachse schraubt, findet sich unter dem Frühwerk auch durchaus Konventionelles wie der Mädchenkopf im Profil aus Bronze. An den Raub der Sabinerinnen muss man beim Anblick der Kleinskulptur „Kampf“ denken. Zwei Männer scheinen hier um eine Frau zu kämpfen, ein willenloses Opfer von Männerwillkür.

Neben dem Tanzen ist Belling für eine weitere Leidenschaft bekannt: die Fliegerei, die er während des Ersten Weltkriegs ausübte. Für verdiente Flieger schuf er eine Kleinfigur „Flieger“ (1917). Auftraggeber war die Fliegerakademie in Berlin-Adlershof. Die Vielseitigkeit des Bildhauers Rudolf Belling zeigt sich auch darin, dass er Kostüme für den Film „Golem“ entwarf, von dem man in der hervorragenden Ausstellung einige Ausschnitte zu sehen bekommt.

Köpfe, Körper, Geste

Ein nicht namentlich bekannter Kritiker äußerte sich 1924 mit folgenden Worten zu Bellings Arbeiten: „Jedes Gebilde Bellings ist ein Coup.“ Das bringt es auf den Punkt und betrifft nicht nur die Schau im Berliner Kronprinzenpalais, die der besagte Kritiker besucht hatte, sondern auch die aktuelle Präsentation.

Ursprünglich als sechs Meter hohe Skulptur war Bellings expressiver Dreiklang gedacht, in dem man drei abstrakte, kristalline Figuren ebenso sehen kann wie drei Dornenäste, die einen Leerraum einschließen. Gedacht war diese Skulptur für Musikaufführungen. Im „Leerraum“ sollten die Musiker ähnlich wie in einem klassischen Musikpavillon in Kurparks ihren Platz einnehmen. Neben dem Dreiklang existieren weitere Arbeiten Bellings die in der Kunstgeschichte einen besonderen Platz einnehmen und dem Konzept der organischen Formen unterliegen: z. B. „Skulptur 23“ und der aus Messing gefertigte Frauenkopf von 1925. In diesen wie auch anderen Arbeiten unterstreicht Belling die Gleichrangigkeit von Leerraum und Skulptur und den Raumbezug seiner bildhauerischen Arbeiten. Dass er bisweilen auch die Formensprache der Art nouveau in sein Werk aufnahm, unterstreicht die Arbeit „Natur“. Mutter Natur wird dabei von einer Schar Kinder umgeben, die sich um Hüfte und Oberkörper schlingen, derweil Vater und Mutter (?) der Natur zu Füßen liegen.

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Dreiklang, 1919-24 Holz, 91 x 77 x 77 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © bpk / Nationalgalerie, SMB / Klaus Göken / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Ähnlich wie in seinem Dreiklang hat er auch die Darstellung einer drallen Liegenden konzipiert, die von einer „Scherenhand“ überwölbt wird. Der erwähnte weibliche Messingkopf scheint durchaus symbolistisch aufgeladen. Ist die Dargestellte Vamp oder Engel? Trägt sich einen Hut über dem Haar, das in einer langen Strähne auf den schlanken Hals fällt? Man könnte es meinen. Geheimnisvoll und verführerisch ist der Blick der Dame. Geradezu kühn ist die „Büste“ des Galeristen und Kunsthändlers Alfred Flechtheim von Belling gestaltet worden. Er beschränkte sich auf die Augen-, Nasen- und Mundpartien. Betrachtet man den Porträtierten und dessen breiten Mund und die Hakennase, so meint man, einer Überzeichnung gegenüberzustehen. Wie fiel wohl das Urteil Flechtheims aus? Diese Arbeit entstand 1927, im gleichen Jahr, als Flechtheim Belling unter Vertrag nahm.

Arbeiter und …

Während Bellings Werk während des sogenannten Dritten Reichs überwiegend als entartet angesehen und teilweise eingeschmolzen wurde, so das Porträt von Friedrich Ebert, ließ man Bellings Skulptur des Boxers Max Schmeling unangetastet. 1927 errang Max Schmeling im Kampf gegen den Belgier Fernand Delarge in der Dortmunder Westfalenhalle den Titel eines Europameisters im Schwergewichtsboxen, einige Jahre später im Kampf gegen Jack Sharkey den Weltmeistertitel. Viel entscheidender war jedoch Schmelings Ringschlacht mit dem „braunen Bomber“ Joe Louis im Jahr 1936. Schmelings Sieg – Motto der Nazis „Arischer Herrenmensch besiegt „schwarzen Untermenschen“ – kam den braunen Machthabern damals sehr gelegen, von denen sich der Boxer in der Folgezeit instrumentalisieren ließ. Belling zeigt Schmeling, der in den USA den Kampfnamen „Der schwarze Ulan vom Rhein“ trug, in Kampfauslage, allerdings mit recht offener Deckung.

Von Genossenschaften und Gewerkschaften erhielt Belling einige Aufträge, die er wie den Bergmann auch ausführte. Dieser Kumpel, der seine Brötchen mit Knochenarbeit unter Tage verdient, ist nun nicht bei der Stollenarbeit dargestellt, sondern als überlebensgroßer Aufrechtstehender, der sich auf seinen Pickel stützt. Ihren Platz fand diese Skulptur im Foyer der Reichknappschaft. In der Ikonografie erinnert diese Arbeit stark an die Bergleute und Dockarbeiter, die Constantin Meunier geschaffen hat.

1930 bis 1932 entstand unter dem Titel „Gemeinsamkeit“ eine Tischskulptur von Mann und Frau. Im Auftrag der Deutschen Buchdruckergewerkschaft entwickelte Belling das Porträt von Paul Härtel. Es fand seinen Platz im Gewerkschaftshaus in der Berliner Dudenstraße. Auch der Konsumverein Den Haag war auf Belling aufmerksam geworden und ließ das Rundschild „Oh Mann, Oh Frau“ entwerfen.

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Rudolf Belling Organische Formen, 1921 Bronze, versilbert, Höhe: 54 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie Eigentum des Vereins der Freunde der Nationalgalerie © bpk / Nationalgalerie, SMB, Verein der Freunde der Nationalgalerie / Roman März / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Offene Formen und Raumkurven

Wie andere Intellektuelle und Künstler emigrierte Belling 1939 nach Istanbul und nahm dort eine Professur an. Aus jenen Jahren in der Türkei stammt ein klassisches Reiterstandbild für den Atatürk-Nachfolger Ismet Inönü. Über dieses gibt es einen Film in der Ausstellung zu sehen. Gezeigt werden obendrein die zeichnerischen Skizzen zur Entwicklung des Denkmals. Ansonsten stoßen wir auf zahlreiche Skulpturen, die im Geiste des Dreiklangs nach 1945 geschaffen wurden. Bisweilen hat man den Eindruck abstrahierender vegetabiler Formen, so auch bei „Skulptur 49“, in deren Zentrum eine Art Blütenstempel auszumachen ist. Das Blütenmotiv taucht im Friedensdenkmal auf, das Belling für den Münchner Olympiapark entworfen hat. Zu sehen ist eine Zwischengröße der im Original beinahe sieben Meter großen Skulptur.

In der Nachkriegszeit griff Belling auch wieder das Thema Tanz auf und schuf eine breitbeinige Figur in „Segelgewand“, die er „Tanz“ nannte. Schleifen- und Lanzettförmigkeit findet sich in der verwobenen „Raumkurve“, die 1958 entstand. Nur eine äußere Körperhülle wurde bei Belling zu einem weiblichen Torso. „Dynamik“ versinnbildlichte für den Künstler ein spitzer Stachel, der aus seiner Umgebung emporschießt.

Architekturidee

Schließlich trifft man auch auf architektonische Visionen Bellings, die allerdings nur noch im Modell oder in Fotografien die Zeitenwende überlebt haben. Das gilt für das Haus Goldstein in der Sensburger Allee 17 (Berlin-Westend) ebenso wie für den Tanzpalast in der Berliner Martin-Luther-Straße. Die Villa für den jüdischen Rechtsanwalt Goldstein, der 1942 im Rigaer Getto ermordet wurde, wurde nach 1945 abgerissen und mit ihr die Brunnenanlage, die Belling konzipiert hatte. Es war, so entnimmt man es den Fotos und dem Modell, ein Brunnen mit zahlreichen Spiralelementen, der einer futuristischen Archi-Skulptur gleicht. Wassili Luckhardt zeichnete für die Planung der Gartenterrasse verantwortlich, für den Villenbau selbst Arthur Korn. Der Tanzpalast war eine Umgestaltung eines Eispalastes mit kristalliner Deckenstruktur und illuminiertem Brunnen, wie ein Großfoto zeigt. Wie kreativ Belling im Umgang mit vorhandener Architektur verfuhr, zeigt nicht nur die Umgestaltung des Scala-Theaters vom Eis- zum Tanzpalast, sondern auch die Einrichtung eines ehemaligen Gemüseladens als eigene Wohnung, in der auch die Skulptur „Natur“ ihren Platz hatte. Mehr Informationen darüber findet man im ausliegenden Katalog zur Schau. text: © ferdinand dupuis-panther

Ausstellungen

Hanne Darboven. Korrespondenzen
19.05.2017 bis 27.08.2017

Anlässlich einer Schenkung von 15 Werken und Werkkomplexen aus allen Schaffensphasen der 2009 verstorbenen Künstlerin Hanne Darboven widmet der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin dieser bedeutendsten Vertreterin der Konzeptkunst in Deutschland eine Ausstellung. Die frühen Zeichnungen aus der Schenkung von Susanne und Michael Liebelt machen deutlich, wie die Künstlerin anfänglich die Auseinandersetzung mit der Minimal Art und Konzeptkunst ihres New Yorker Umfelds suchte, um dann mit ihren auf Kalenderdaten beruhenden Zahlenkonstruktionen zunehmend größere, eigenständige Werkblöcke zu schaffen. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in New York 1966/67 entwickelte Darboven ein System der Quersummenberechnungen von Tagesdaten, das fortan die Basis ihres Schaffens bildete. Zentraler Teil der Ausstellung ist die Korrespondenz aus den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren, die die Entstehung dieses einzigartigen Aufschreibesystems zugänglich macht. Ergänzt wird die Präsentation um Arbeiten Darbovens und Künstlerkollegen wie Carl Andre, Bernd und Hilla Becher, Daniel Buren, Sol LeWitt und Lawrence Weiner aus der Sammlung der Nationalgalerie, des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek.

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin
Öffnungszeiten
http://www.smb.museum/smb/service/index.php?lang=de&n=3&p=5

https://youtu.be/VRTTyMYbJNE

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