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Berlin
Medizinhistorisches Museum

Dauerausstellung
Dem Leben auf der Spur


Hieb&Stich
bis 14. Januar 2018

Dauerausstellung
Dem Leben auf der Spur

Ohne Rudolf Virchow gäbe es die nunmehr öffentlich gezeigte Sammlung, vor allem die Vielzahl der ausgestellten Präparate, wohl nicht. Virchow war es, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts pathologisch-anatomische Präparate sammelte. Sie sollten nicht nur der Lehre dienen, sondern auch einer interessierten Öffentlichkeit, so wie heute auch, zugänglich sein. Über 20000 Präparate waren es schließlich, die bei der Eröffnung des neu eingerichteten Pathologischen Instituts zu sehen waren. Herzstück des heutigen Museums ist nach wie vor der Präparatensaal mit etwa 750 Exponaten, deren Herkunft nicht immer zweifelsfrei zu ermitteln ist. Neben dem Präparatensaal vermittelt der historische Krankensaal einen Einblick in ausgewählte Krankheitsbilder und deren Therapien. Die Geschichte der Charité kommt ebenso wenig zu kurz wie das Thema „Arzte im Nationalsozialismus“. Allerdings wünschte man sich beim letztgenannten Thema mehr Tiefgang im Hinblick auf Einzelbiografien von Tätern im weißen Kittel, darunter Max de Crinis.

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Vom Anatomischen Theater an Virchows Arbeitstisch
Foto: Thomas Bruns

Geschichte aufgeblättert

Beim Rundgang durch das Museum kann man auch einen Blick in die Hörsaalruine werfen, die Bestandteil des 1899 eröffneten Pathologischen Museums war. Hier fanden die Vorlesungen Virchows und seiner Nachfolger statt. Angeschlossen an den Hörsaal war ein Mikroskopiersaal mit rund 10000 Lehrschnitten für Studierende der Medizin. Neben Virchow begründeten Robert Koch, Otto Heubner, Ernst Bumm, Emil von Behring und Paul Ehrlich den Ruf der Charité. Dies kann man der ausführlichen „Zeitleiste“ zur Geschichte der Charité von den Anfängen als Pesthaus bis ins Jahr 2007 entnehmen. Zu den dunklen Seiten dieser Geschichte gehört auch die Entlassung von 145 Professoren und Dozenten aus politischen und „rassischen“ Gründen nach 1933, darunter Selmar Aschheim und Bernhard Zondek, die 1928 einen ersten Schwangerschaftstest entwickelt hatten. Zur Ärzteschaft der Charité gehörten der Psychiater Max de Crinis, der sich aktiv an der Ermordung seiner Patienten beteiligte, und der Rassenhygieniker Fritz Lenz. Auch dieser Mediziner war direkt in die „eugenischen Maßnahmen“ verstrickt. Vom aktiven Widerstand unter der Ärzteschaft gegen das Naziregime ist jedoch nur wenig bekannt, wie man einem Saaltext entnehmen kann.

Die Geschichte der Charité in DDR-Zeiten – u. a. die Wiederherstellung der roten Backsteinbauten 1960 und die Etablierung von 17 Kliniken – wird ebenso gestreift wie die Entwicklung vom Campus Virchow-Kliniken, vom Campus Buch und vom Campus Benjamin Franklin.

Es mutet ein wenig bizarr an, wenn man sich den Titel der Dauerausstellung vergegenwärtigt: „Dem Leben auf der Spur.“ Besucht man das Haus unweit des Berliner Hauptbahnhofs, so dreht sich doch alles um Krankheiten und um deren Behandlungen, oder?

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Krankheitsbilder mittels Wachsmoullagen dargestellt
Foto: Thomas Bruns

Erforschen der Körpermaschine

Schon früh begann man sich in der modernen Medizin für Reizzustände von Nerven und Muskeln zu interessieren und konstruierte jeweils Maschinen wie zum Beispiel einen Muskelschreiber, um derartige Erscheinungen empirisch zu untersuchen. Der von F. Sauerwald um 1860 entwickelte Apparat war in der Lage isolierte Muskeln „abzugreifen“ und über Schreibzeiger die jeweiligen Reizzustände aufzuzeichnen. Aufsteckbare Lautgewichte dienten hingegen dazu, akustische Reize auszulösen, die man anschließend maß. Emil du Bois-Reymond und Johann Georg Halske unternahmen ihrerseits Reizversuche an Nerven und Muskeln mit dem von ihnen konstruierten Schlitteninduktorium. Ein um 1910 entwickelter Handkraftmesser mit zwei beweglich gelagerten Bügeln diente dazu, den entstandenen Druck der zusammengepressten Hand und der daran beteiligten Muskeln zu erfassen. Für die empirischen Datenerhebungen in der Medizin hat man heute andere technische Möglichkeiten, dank sei MRT und CT – und auch das wird beim Rundgang dem Besucher vermittelt.

geburtshilfeGeburtshilfe, ein Aspekt der Dauerausstellung "Dem Leben auf der Spur", Foto. Thomas Bruns

Arsen als Heilmittel

Dass man sich in früheren Jahrzehnten nicht viele Gedanken um die Nebenwirkungen von Arzneien machte, wird deutlich, wenn man an Paul Ehrlichs Versuche mit Arsen erinnert wird. Ehrlich suchte nach einer Substanz, die das Bakterium im Körper der Kranken gezielt aufsuchte und auch in der Lage war, in Erreger einzudringen und diesen abzutöten. Seit 1910 setzte man u. a. gegen Syphilis Arsen als „Heilmittel“ ein, die Nebenwirkungen dieser Substanz dabei billigend in Kauf nehmend. 1929 wurde Arsen bei der Behandlung einer solchen Geschlechtskrankheit von Penicillin abgelöst, und gegen Infektionskrankheiten kamen ab 1939 Sulfonamide zum Einsatz. Neben Laborinstrumenten wie Glaskolben, Pipetten, Dosierlöffel und Rundkolben mit Destillierapparat veranschaulichen auch einige Verpackungen von Salvarsan das Thema „Arsen als Heilmittel“. Mit Bakterien befasste sich auch Robert Koch. Insbesondere die Erreger von Milzbrand, Tuberkulose und Wundinfektionen beschäftigten diesen renommierten Mediziner, dem in der Dauerausstellung ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Ein Durchbruch in der Medizin: die Strahlen des Herrn Röntgen

Heute genießen Patienten den technischen Fortschritt, sind bildgebende Verfahren aus der Diagnostik nicht mehr wegzudenken. Doch als Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die Vorteile von X-Strahlen „entdeckte“, war dies ein Quantensprung in der medizinischen Diagnostik. Allerdings mussten Strahlenschäden und Verbrennungen beim „Durchleuchten“ in Kauf genommen werden. Mit welchen einfachen Mitteln man sich noch 1950 gegen Strahlungen schützte, zeigen die Blei-Leder-Handschuhe, die Ärzte bei den Untersuchungen trugen.

Willige Helfer des Massenmords

Nach 1933 und insbesondere im Zuge des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses beteiligten sich Mediziner an der systematischen Ermordung von Sinti, Roma, Psychiatriepatienten und anderer Bürger, die nicht in das Bild der Nazis passten. Auch an den etwa 350000 Zwangssterilisationen waren Mediziner beteiligt. Mediziner infizierten KZ-Häftlinge bewusst mit Fleckfieber oder sezierten wie der Pathologe Berthold Ostertag ein getötetes Kind. Dabei ließ er ich auch noch fotografieren ließ so, als wäre es kein Verbrechen, sondern ein ganz normaler Vorgang im Rahmen der Untersuchung post mortem. Nüchtern-bürokratisch wurde mit „unwertem Leben“ umgegangen, das belegen ein Versandschein für einen Kinderkopf und der von Dr. Mengele unterzeichnete Beleg für histologische Schnitte, die an ermordeten „Zigeunern“ aus dem Lager Auschwitz II vorgenommen wurden. O-Töne von Opfern von Zwangssterilisationen und Hinterbliebenen von „Euthanasie-Opfern“ gehen dem Besucher unter die Haut. Lange wurde geschwiegen und erst in den letzten vier Jahrzehnten erfolgte Stück für Stück eine Aufarbeitung dieses Kapitels der Geschichte des „SS-Staates“.

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Präparatensaal Foto: Thomas Bruns

Krankheiten und Entstellungen heilen

Verschiedene inszenierte Krankenlager mit Kranken wie Adam Heinrich L., der unter dem rechten Rippenbogen einen schmerzhaften Tumor hatte und entsprechend behandelt wurde, zeigen anschaulich Krankheitsbilder und Therapien. Was es mit der Behandlung von Grünem Star auf sich hatte und welche Rolle Albrecht von Graefe dabei spielte, ist eine weitere Station im historischen Krankensaal. Dass von Graefe für die Behandlung die Peripherie der Regenbogenhaut kleinteilig einschnitt und über ein Loch das Augenkammerwasser abfließen konnte, ist heute allerdings nur noch eine Fußnote der Medizingeschichte. Doch im 19. Jahrhundert profitierten davon jährlich 50000 Patienten.

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Inszenierung "Historischer Krankensaal" in der Dauerausstellung
"Dem Leben auf der Spur" Foto: Thomas Bruns

Der Vater von Albrecht von Graefe war in der plastischen Gesichtschirurgie tätig und beseitigte zahlreiche entstellende Gaumenspalten, wie der Besucher erfährt. Zwischen Schockbehandlung mit Insulin und Elektroschocks waren und sind in der Psychiatrie gang und gäbe. Antidepressiva kamen und kommen zum Einsatz. Doch mehr und mehr auch Psychotherapie und Beschäftigungstherapie, mit denen u.a. die Gabe von Haloperidol ersetzt wird. Ein Reizstromgerät, was der Besucher sieht, diente dazu Krampfanfälle auszulösen und zur elektrischen Entladung im Gehirn beizutragen. Ob das gegen seelische Leiden half, scheint mehr als fraglich.

Zur aktuellen Berichterstattung erreichte uns eine Mail vom Leiter des Museums, Dr. Thomas Schnalke, die wir nachstehenden veröffentlichen möchten: Unter der Überschrift "Arsen als Heilmittel" mag sich beim Leser der Eindruck einstellen, dass die Medizin tatsächlich mit Arsen therapiert hat. Tatsächlich handelte es sich um eine im Labor durch Paul Ehrlich stark modifizierte Arsenstruktur, die als Salvarsan (und später auch als Neosalvarsan) zum Einsatz kam. Richtig ist, dass die Hoffnung Ehrlichs, durch dieses Mittel eine Art "Zauberkugel" ohne Nebenwirkungen gefunden zu haben, nicht erfüllten. - Für die Präparate, wie wir aus der Zeit zwischen 1933 bis 1945 im Präparatesaal zeigen, haben wir anhand der vorhandenen Sektionsprotokolle die Herkunft geprüft. Sie stammen von Patienten, die in der Charité behandelt und verstorben sind und deren Leichnam sodann am Institut für Pathologie der Charité im Rahmen einer klinischen Sektion eröffnet worden. Sie stammen damit nicht von verfolgten Gruppen oder aus Dr. Mengeles Menschenversuchen in Auschwitz. Diesem Umstand trägt der in der Ausstellung angeführte Hinweis Rechnung: "Der zur damaligen Zeit am Institut für Pathologie der Charité übliche und dort auch während des Nationalsozialismus sowie in der DDR praktizierte Umgang mit Präparaten menschlicher Herkunft fußte nach gegenwärtigen Erkenntnissen nicht auf menschenverachtenden oder gar kriminellen Praktiken." Darin kann ich keine "halbherzige Erklärung" erkennen.

Die Eiserner Lunge als Überlebensgarantie

Der kleine Hans G, der im Dezember 1958 an einer Hirnhautentzündung erkrankte, überlebte wohl nur dank der Eisernen Lunge im Kaiserin-Augusta-Victoria-Krankenhaus. Eine solche Eiserne Lunge ist im sogenannten Krankensaal ebenso zu sehen wie das Krankenbett von Karl R., der sich zwei Splitter in die Hand eingefangen hatte und an einer Sepsis in Arm und Hand litt, als man ihn stationär aufnahm. Wir erfahren zudem von Moritz B. und dessen Tuberkulose, die mit Liegekuren an der frischen Luft kuriert wurde.

Rachitis, Gehirnhautentzündung und Zystenleber

Trocken- und Feuchtpräparate gibt es im Museum recht zahlreich zu sehen. Dabei sind die Präparate der menschlichen Anatomie zugeordnet, u. a. Präparate des Schädels, des Skeletts und des Gehirns. Zugleich beleuchten die Präparate auch bestimmte krankhafte Veränderungen wie Arthrose und Arthritis. Für zartbesaitete Gemüter ist der Besuch dieses Abschnitts des Museums nicht zu empfehlen. Kindern unter 16 Jahren ist der Zugang zum Museum auch in Begleitung von Eltern eh nicht gestattet. Und das ist auch gut so.

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Feuchtpräparate in der Schau "Dem Leben auf der Spur"

Zu sehen bekommt man einen bösartigen Tumor der Mundhöhle ebenso wie das Plastinat einer 12 kg schweren Zystenleber. Ein Becken mit Strahlenschäden nach der Behandlung eines bösartigen Scheidentumors und ein Knochentumor am rechten Schambein werden durch die entsprechenden Präparate sichtbar gemacht. Gleiches gilt für das Phänomen der Gehirnerweichung und für die eitrige Gehirnhautentzündung eines 10 Monate alten Jungen. Auch ein gutartiges Geschwulst der sogenannten Dura Mater – eine Erkrankung der äußersten harten Hirnhaut – kann man dank der gezeigten Präparate in Augenschein nehmen. Gleiches gilt für ein Astrozytom, der am häufigsten auftretende hirneigene Tumor.

Bei diesen Präparaten wünschte man sich für Nicht-Mediziner den Vergleich mit entsprechend nicht erkrankten Präparaten bzw. entsprechenden Organaufnahmen. Insbesondere bei den präparierten Föten mit Fehlbildungen wie Exenzephalie oder Anenzephalie wüsste man doch gerne, ob derartige Fehlbildungen auch heute noch auftreten. Wenn ja, welche Maßnahmen der pränatalen Medizin greifen heute? Müssen betroffene Schwangere derart missgebildete und zum Tode verurteilte Föten austragen?

Zum Schluss: In einem Saaltext „Zum Gedenken“ wird darauf hingewiesen, dass zwar die Einverständniserklärung der Verstorbenen zur öffentlichen Zurschaustellung von präparierten Organen in der Mehrzahl der Fälle nicht vorliegt, man aber ausschließen könne, dass derartige Organpräparate im Zuge krimineller Machenschaften in den Bestand des Museums gelangt sind. Das verwundert, bedenkt man, dass dieses Land eine Zeit kannte, als Menschenversuche an Sinti, Roma, seelisch und geistig Kranken legitimiert wurden. Ist also völlig auszuschließen, dass unter den Präparaten nicht auch solche sind, die das Resultat der Menschenversuche von Dr. Mengele sind? Ist man ganz sicher, dass kein Präparat im Zuge der Aktion T4 in die Sammlung gekommen ist? Es täte dem Museum gut, der Herkunft der Präparate akribischer auf den Grund zu gehen und es nicht nur bei einer eher halbherzig anmutenden Erklärung zu belassen. © fdp

 

Hieb&Stich

In seiner Katalogeinleitung formuliert Professor Dr. Thomas Schnalke: „Unter allen medizinischen Spurensuchern und Fährtenlesern ist der Rechtsmediziner in der öffentlichen Wahrnehmung der wirkliche Comanche. Er hat oft wenig – eine Leiche, ein Messer, ein bisschen Blut und Speichel. Daraus liest er viel und manchmal alles. Bestimmt Zeitpunkte, klärt Identitäten, rekonstruiert Abläufe. Klar und unbestechlich, zudem wissenschaftlich begründet und technisch versiert, hilft er, selbst die kniffligsten Rätsel zu lösen.“ Dieses Zitat bringt auch den Charakter der Ausstellung auf den Punkt. Es geht hier nicht in erster Linie um Opfer oder Täter, sondern um eine Art Fährtensuche, sodass die Todesursache aufgeklärt werden kann. Und wer sind die Fährtensucher, gewiss die Kriminalpolizei, die Spurensicherung, aber auch die Rechtsmedizin, über die sich, so Professor Michael Tsokos in seinem Katalogbeitrag zur Ausstellung, Klischees im öffentlichen Bewusstsein eingebrannt haben.

Durch den Tatort-Krimi Teil des öffentlichen Bewusstseins

Dazu habe auch Prof. Dr. Karl-Friedrich Boerne, verkörpert von Jan Josef Liefers, beigetragen, so Michael Tsokos. Jeder, der den sonntäglichen Tatort schaut, kennt ihn seit 2002. Doch das Bild, dass er über die Funktion und Arbeitsweise der Rechtsmedizin vermittelt, ist eben kein Abbild der alltäglichen Wirklichkeit. Diese fängt nun die aktuelle Ausstellung ein, die gegenüber einer ähnlichen Ausstellung in der Vergangenheit – Vom Tatort ins Labor - Rechtsmediziner decken auf – weniger „reißerisch“ und auf die Opfer von Verbrechen angelegt ist.

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Tatwerkzeug mit Blutanhaftungen ( Gemeinsame Asservatenstelle der Staatsanwaltschaft Berlin für die Justizbehörden im Kriminalgericht Moabit ) Foto: Christoph Weber

Realitätsgetreues Bild der Rechtsmedizin

Es geht in der Schau „Hieb§Stich“ trotz des martialisch anmutenden Titels zwar um Mord und Totschlag, aber nur als Untersuchungsgegenstand, angefangen von der Feststellung von Blutspritzermustern bis zu Fingerabdrücken und Insekten, die die Leiche als Eiablage genutzt haben. Dabei stehen empirische, naturwissenschaftliche Methode im Fokus und nicht das jeweilige Opfer. Michael Tsokos bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: „Unsere Absicht ist, (…) ein wissenschaftlich fundiertes, visuell und konzeptionell anspruchsvolles und dabei realitätsgetreues Bild von Rechtsmedizin und kriminalistischen Untersuchungstechniken mit den jeweiligen Aufgabengebieten, Tätigkeitsfeldern und technischen Möglichkeiten zu präsentieren und (...) zudem auch noch bestens zu unterhalten.“

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Schleifspuren an den Schuhspitzen einer Wasserleiche durch Treiben über den Grund eines Gewässers (Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Halle (Saale) ) Foto: Christoph Weber

Tatortbesuche

Das Leben ist ein Rätsel, so liest man es in einem der Saaltexte, aber das Sterben noch viel mehr. Gleich zu Beginn stehen wir einer Glasvitrine mit Einschussloch gegenüber. Wer schoss mit welcher Pistole aus welcher Entfernung auf wen und warum – ein Satz und viele Fragen, die am Tatort zu erhellen sind. Zwei Tatorte wurden inszeniert, einmal ein Stadtforst dank einer „Fototapete“ und einem Fleckchen Waldboden, auf dem die Leiche aufgefunden wurde, und ein häusliches Milieu, spartanisch inszeniert mit einem Sideboard und einem umgestoßenen Stuhl. Wer sich diesen Tatorten nähert, der lernt Begriffe wie Erster Angriff und Sicherungsangriff kennen. Das bedeutet nichts anderes als die Absperrung des Fundortes und dessen Sicherung durch Schutz- und Kriminalpolizei. Ja, dies ist notwendig, um Spuren nicht zu zerstören. Haare, Fasern, Fingerabdrücke, Suchtgiftreste, Fußspuren – alles muss gesichert und mit technischen Mitteln auch untersucht werden. 3D-Laserscannervermessungen gehören ebenso dazu wie fotografische Detail- und Nahaufnahmen. Auch die erste rechtsmedizinische Untersuchung spielt sich vor Ort ab, wie wir beim Ausstellungsbesuch erfahren. Untersucht wird der Ort des Geschehens im Uhrzeigersinn, spiralschleifen- oder zickzackförmig. Jedes Detail wird mit nummerierten „Aufstellern“ gesichtet. Die Höhe der entdeckten blutigen Fingerabdrücke wird vermessen, desgleichen der Umfang des Handabdrucks auf dem umgeworfenen Stuhl. Selbst Scherben entgehen der akribischen Feststellung nicht.

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Gesichtsweichteilrekonstruktion – Plastische Rekonstruktion einiger Gesichtspartien ( Centrum für Anatomie der Charité – Universitätsmedizin Berlin ) Foto: Christoph Weber

Bäbistuben – Anschauungsobjekte mit morbidem Charme

Wie aus unser Welt entrückt erscheinen die sogenannten Bäbistuben, Dioramen aus den Händen eines Präparator der Rechtsmedizin an der Uni Zürich. Wie bizarre Puppenstuben schauen die Modelle aus, in denen man einen Mord auf einem Gehöft ebenso nachgezeichnet hat wie den Selbstmord eines Lokalbesitzers, der sich die Pulsadern durchschnitten hatte, ehe er von der Kellnerin des Lokals gefunden wurde. Einst dienten derartige Modelle nicht allein der Rekonstruktion des Tathergangs, sondern auch als Anschauungsmaterial für angehende Rechtsmediziner. In Zeiten des gegenwärtigen technologischen Fortschritts erscheinen diese Bäbistuben altbacken und wurden längst durch moderne Formen der Rekonstruktion wie 3D-Darstellungen ersetzt.

Im Weiteren vertieft sich die Schau in Blutspuren und deren Muster, stellt die postmortale Computertomographie im Kontext der Spurenanalyse vor, geht auf die Bedeutung von Spürhunden ein und löst auch den einen oder anderen Fall, der nach Unfall aussah, aber Versicherungsbetrug beinhaltete oder aber auf den ersten Blick Mord vermuten ließ, sich aber dann doch als Unfalltod herausstellte.

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Tatortrekonstruktion Foto: Ferenc Stump

Blutspuren als Hinweise

Blutspuren lassen sich nicht rückstandslos beseitigen, zudem gibt es bestimmte Muster, die Rückschlüsse auf die Tat zulassen. Luminol ist eine chemische Substanz, mit der man Blutspuren sichtbar machen kann, auch die auf 60 Jahre altem Schotter aus einem Gleisbett, in dem ein Mensch zu Tode kam. Mit dem bloßen Auge ist nichts zu erkennen, mit Luminol und bläulichem Licht wohl, dank sei der Chemolumineszenz. Tatwerkzeuge tragen häufig Blutspuren, wie man an den ausgestellten Messern und dem Fleischerbeil ersehen kann . Blutspritzer können wie eine Ellipse ausschauen oder wie ein Stechapfelblatt. Je nach Form kann man nun auf den Tatverlauf rückschließen. Auch ein mit Blut durchtränkter Hemdsärmel lässt zwar nicht auf Hieb und Stich schließen, aber auf den aufgesetzten Kopfschuss eines Selbstmörders. 400fach vergrößerte Faserspuren auf einem Pullover führen zu einem karierten Hemd des Täters, wie uns anschaulich vor Augen geführt wird.

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Goldfliege ( Lucillia sericata ) Foto: Michael Jöcks

Der Fall Markus Lüpertz

Es muss nicht immer um Mord und Totschlag gehen wie der Fall des Malers Markus Lüpertz zeigt. Aus seinem Atelier wurden wertvolle Gemälde im Wert von mehreren Hunderttausend Euro gestohlen, ohne dass die Täter über den Abgleich von Fingerabdrücken – eine weitere Form der Fährtensuche – gefunden werden konnten. Irgendwann standen bis auf ein Gemälde alle wieder vor der Tür des Ateliers von Markus Lüpertz. Wir sehen zu dieser Geschichte eines Raubs mit Happy ending einen Teil einer Tür, sprich deren Griff und Schließblech sowie deren Türblatt, die von schwarz eingefärbten Abdrücken überzogen sind.

Fingerabdrücke sind stets individuell. Das hängt mit den Ausprägungen der Hautleisten von Fingerbeere und Hand zusammen. Allerdings scheitert der Vergleich von Fingerabdrücken, wenn die betreffende Lederhaut nicht intakt ist.

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Dünndarmschlingen nach Salpetersäurevergiftung ( Berl iner Medizinhistorisches Museum der Charite – Universitatsmedizin Berlin ) Foto: Christoph Weber

Identifizierung von Toten

Gewebeentnahmen zur DNA-Bestimmung gehören zur Untersuchung von Toten. Die Seriennummern von Schrittmachern und künstlichen Hüftgelenken sind meist sehr hilfreich, um die Identität abzuklären. Die Erhebung des Zahnstatus ist ein weiteres Mosaiksteinchen, um einen Unbekannten zweifelsfrei zu bestimmen. Bei Großschadensereignissen wie einem Flugzeugabsturz ist dies jedoch schon mit gewissen Schwierigkeiten verbunden, wie wir erfahren.

Ein Wildschwein als Spurenleser

Wenn Schweine mit ihren feinen Nasen kostbaren Trüffel aufspüren können, dann sind sie auch zu anderem fähig. Legendär ist die Wildsau Luise, die zwischen 1984 und 1987 bei der niedersächsischen Polizei zum Einsatz kam, um Rauschgift und Sprengstoff zu erschnüffeln. Für die Spurensuche kommen ansonsten besonders abgerichtete Schäferhunde zum Einsatz.

Ein deformierter Schädel und …

Am Beispiel eines Schädels, der aufgrund feuchter Lagerung, die die Fettwachsbildung befördert hat, nicht mehr zweifelsfrei einer Person zuzuordnen war, wird erläutert, dass man in diesem Fall eine Schädelrekonstruktion vornehmen muss. Weichteilgewebe wird dazu entfernt und durch Modelliermasse ersetzt, sodass man am Ende zumindest eine Annäherung an die gesuchte Person erreicht.

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Insektenbesiedelung (Fliegenmaden und Aaskäfer) eines Leichnams nach 21 Tagen Liegezeit im Freien ( Institut für Rechtsmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin ) Foto: Christoph Weber

Ein Hut mit Loch

In der Krempe eines grauen Huts sieht man ein Loch. Der Schädel weist auch einen kreisrunden Eindruck auf und dann ist da noch ein Teil eines Scheibenwischers. Hm, wurde der Betreffende durch einen Schuss getötet? Doch dazu passt der Abdruck im Stirnbein nicht. Gewiss ist, dass der Mann alkoholisiert mit einem Arbeitswagen der Straßenbahnbetriebe zusammengestoßen ist. Der Mann ist schlicht, wie sich bei der Analyse erwies, an derVerletzung gestorben, die die Befestigungsschraube des Scheibenwischers verursachte.

Ein abgetrennter Zeigefinger sollte Geld bringen

Im weiteren Rundgang sehen wir eine Reihe von Tatwerkzeugen, darunter auch einen Baseballschläger, Dolche, Pistolen und eine Zwille, zudem auch ein Klauenbeil, das einem 65 jährigen Arzt zum Verhängnis wurde. Der hatte gegenüber seiner Versicherung behauptet, er habe sich bei Spaltarbeiten am Holzblock versehentlich den Zeigefinger abgehackt, weil ihm ein Insekt in sein Auge geflogen sei. Vier Wochen vor diesem Unfall hatte der Arzt eine Versicherung mit besonderen Bedingungen gezeichnet, bei der besonders auf den Verlust des Zeigefingers abgestellt wurde. Durch Nachstellen der vorgetragenen Szene wurde schnell klar, dass der Arzt sich mit vollen Absicht den Finger abgetrennt hatte.

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Tatortfoto aus der Fotos erie "VESTIGO" Foto: Patrik Budenz

Das Thema der ballistischen Untersuchungen wird in der Schau ebenso gestreift wie die Frage nach der Bedeutung von Insektenlarven in der Rechtsmedizin. Zum Schluss präsentiert Patrik Budenz seine Fotoreihe »Vestigo« mit Aufnahmen von verschiedenen Tatorten. Fazit: Sehr gut gemachte Ausstellung jenseits von „Bones“, CSI oder Tatort. Text © ferdinand dupuis-panther fotos:

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
Campus Charité Mitte
Charitéplatz 1
10117 Berlin
http://www.bmm-charite.de/oeffnungszeiten.html

 

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