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Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928 - 1933
bis 8. Oktober 2017

Der Dortmunder Erich Grisar (1898 – 1955), bislang als Arbeiterschriftsteller bekannt, wird nun erstmalig als Fotograf entdeckt. Zwischen 1928 und 1933 hat Grisar zahlreiche fotografische Serien zu den Themen Kindheit, Arbeit und Industrie sowie städtisches Leben angefertigt. Ihn interessierten besonders die Härten des Alltags im Arbeitermilieu, die er einfühlsam dokumentierte.

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Fotograf, 1928 – 1933

Auch wenn Erich Grisar sich sicherlich bezüglich seiner fotografischen Arbeiten nicht mit Robert Capa, Brassaï, André Kertész oder anderen Mitgliedern der berühmten Gruppe Magnum messen kann. Gemeinsam war allen, dass sie die dokumentarische Fotografie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht hatten.

Ein Kind der Dortmunder Nordstadt

Grisar, in der Dortmunder Nordstadt geboren, war eigentlich Vorzeichner und eben nicht ausgebildeter Fotograf und Journalist, auch wenn er ganz ausgezeichnete, dichte Reportagen aus dem Arbeitermilieu geschrieben hat. Ihm verdanken wir einige wesentliche „Soziogramme“ aus der Zeit zwischen 1928 und 1932, also der Zeit der ökonomischen und politischen Krise der Weimarer Republik. Sie erschienen in der „Volksblatt-Illustrierten“, von denen einige Exemplare in der Essener Schau zu finden sind.

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Auf einem selbstgebauten Panzer, 1928 – 1933

Der Erste Weltkrieg und die Folgen

Grisar hatte den Ersten Weltkrieg schwer verwundet überlebt, kein Wunder also, dass ihm die Kriegsversehrten nicht fremd waren, die er in den Straßen Dortmund vor seine Linse bekam, teilweise ohne prothetische Versorgung ihren Alltag meisternd. Geschützte Arbeitsplätze gab es nicht, also blieben nur die Straße und das Betteln, um nicht zu hungern.

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Menschengruppe, 1928 – 1933

1928 erschien Grisars erste Fotoreportage; 1932 die Reisereportage „Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa“. Doch neben der journalistischen Arbeit stand stets der Broterwerb als Vorzeichner. 1953, wenige Jahre vor seinem recht frühen Tod, erschien ein Band mit anekdotischen Alltagsgeschichten unter dem Titel „Der lachende Reinoldus“ - auch dieses Werk gehört zu den Exponaten der Schau, die im nächsten Jahr auf der Zeche Zollern in Dortmund zu sehen sein wird.

Grisars Remington Portable Schreibmaschine und auch die Plattenfilmkamera zeigen das essenzielle Werkzeug, mit dem der „Arbeiterjournalist“, überzeugte Sozialdemokrat und Guttempler seine zahlreichen Bildreihen und Reportagen anfertigte. Grisar hatte einen Blick für die Arbeiter und ihren Arbeitsalltag: Er sah die Steinträger auf den Baustellen der Stadt und fotografierte sie. Ihn interessierten drei wartende Männer, die alle einen Rucksack trugen, so als würde es für sie in die Ferne gehen, aber nicht um Urlaub zu verbringen, sondern Arbeit zu finden. Doch auch den Müßiggänger hielt Grisar im Bild fest: einen Mann, der augenscheinlich dösend auf einer Parkbank sitzt.

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Arbeiter in der Nähe des Hauptbahnhofs, Dortmund, 1928 – 1933

Von spontanen Aufnahmen muss man in den meisten Fällen ausgehen, betrachtet man Szenerien und Sujets. Nur bei den Aufnahmen von Kindern verzichtete Grisar zeitweilig auf das Spontane und arrangierte die Porträtierten. Mal schienen sie ihm nicht genug im Licht zu stehen, mal nicht die richtige Pose einzunehmen.

Zimmerleute auf der Walz, Arbeitsuchende und ...

Grisar war zugegen, als ein Bus mit Arbeitern die Straße befuhr. Er sah die älteren Männer mit Krückstöcken, die sich vor einem Hauseingang zum Schwätzen trafen. Zwei Zimmerleute auf der Walz ließen sich vom Dortmunder Arbeiterfotografen gerne ins rechte Bild rücken. Wer waren die beiden? Leben sie noch? Wohin hat sie die Walz geführt? Das sind Fragen ans Bild, aber Fragen, die wohl unbeantwortet bleiben. Die Aufnahme zeigt die Dortmunder Synagoge im Hintergrund. Was ist aus ihr geworden? Hat die Reichspogromnacht dafür gesorgt, dass sie angezündet und zerstört wurde?

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Kartenspiel, 1928 – 1933

Zum eingefangenen städtischen Leben zählt eine Feuerwehrübung am Hiltropwall, die Grisar in einer Serie für die Nachwelt aufgezeichnet hat. Einen kostümierten Mann, der als wandelnde Werbesäule für IMI Reklame lief, traf der autodidaktische Fotograf auf seinen Stadtwanderungen. Er sah die Frachtschiffe mit Kartoffeln beladen im Dortmunder Hafen und den Papiersammler mit seinem großen Sack. Recycling war also schon damals angesagt, wenn auch aus anderen Gründen als heute.

Marktszenen

Männer standen vor einer Zettelwand, als Grisar auf den Auslöser drückte. Was mag auf den Zetteln gestanden haben? Etwa „Suche Wohnung“? „Suche Arbeit?“ Bürstenverkäufer, die von Haustür zu Haustür ziehen, sind aus unserem modernen Stadtbild ebenso verschwunden wie der blinde Straßenmusikant. Grisar hingegen begegnete beiden noch.

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Abtransport von Schlammkohle, Dortmund, 1928 – 1933

Mit dem Dortmunder Fotografen spazieren wir bildlich über den Wochenmarkt auf dem Magerviehhof: Ein Junge durchwühlt eine herrenlose Kiste nach Brauchbarem. Kohl, Lauch und Rote Bete warten auf Kaufwillige. In einem riesigen Korb werden Äpfel auf den Markt geschleppt. Seine Beobachtungen ließ der Fotograf in seinen Beitrag „Vom Zauber des Wochenmarkts“ einfließen, eher ein banales Thema, aber heute unter dem Stichwort „Lifestyle“ wieder hochaktuell!

Beim Knutschen erwischt

Neben dem städtischen Alltag sah Grisar aber auch Menschen beim Kartenspiel im Park oder auf der Kirmes. Er fotografierte ein knutschendes Paar in einem Café, das sich hinter einem breitkrempigen großen Hut versteckte. Kinder turnten an der Klopfstange und spielten „Kaffee trinken“ – und Grisar war stets zugegen.

Kriegstourismus

Er übersah aber auch die Kriegskrüppel nicht. Sie waren die sichtbaren Opfer des Ersten Weltkriegs, der fünfzehn Jahre nach dessen Ausbruch bereits wieder als touristische Attraktion entdeckt wurde. In Bussen fuhr man auf die Schlachtfelder von Arras, Verdun oder Ypern. Alles, was dort gefunden wurde, wurde als Souvenir zu Geld gemacht. In einer entsprechenden Reportage hat Grisar mit seinem feinen Gespür für die soziale Lage der Zeit das Thema „Kriegstourismus“ kritisch hinterfragt.

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Gänsehüten in der Siedlung Kaiserstuhl, Dortmund, 1928 – 1933

Kinderleben

Dass der Krieg noch nahe war, erkennt man an den Kindern, die aus Trümmersteinen und Rohren einen Panzer als Spielgerät gebaut hatten. Was ist aus ihnen geworden? Fielen sie im Zweiten Weltkrieg? Gehörten sie zu denen, die den totalen Krieg wollten? Leben sie noch? Wissen sie, wenn sie denn noch leben, dass es von ihnen Bilder gibt?

Kinder hatten in den 20er und 30er Jahren ganz wesentlich zum Lebensunterhalt beizutragen, wie einem Beitrag aus der „Volksblatt-Illustrierten“ vom 4. Mai 1929 zu entnehmen ist. Sie transportierten Säcke auf einem Hundekarren, sammelten Tierdung oder Kohlenreste, übernahmen Botengänge oder verdingten sich als Zeitungsjungen. Einige waren in der Sozialistischen Arbeiterjugend organisiert und erlebten das Reichsjugendtreffen, das Grisar mit seiner Kamera begleitete.

Und eine Kohlenlunge haben schon die Kinder, die, kaum daß sie gehen können, fortgeschickt werden mit Karre und Schaufel, dass sie Pferdedung von der Straße kratzen, mit dem das kleine Gärtchen gedüngt wird. So helfen Vier- und Fünfjährige schon das Brot zu verdienen, das sie essen. Erich Grisar 1929

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Siedlung Kaiserstuhl, Dortmund, 1928 – 1933

Brachen wurden zu Spielplätzen, Seifenkisten wurden aus Abfallmaterialien selbst gebaut, der Kaufmannsladen wurde auf der Straße aufgebaut und Nachbarskinder wurden zum Spielen eingeladen. Briketts, die auf die Straße gekippt worden waren, verwandelten sich in Baumaterial für kleine Architekten. Doch es gab in Dortmund – man fragt sich nur wo – eine Kinderseilbahn, die sehr gefragt war. Dann gab es auch die Sonntage, die Grisar mit folgenden Worten beschrieb: „Und einmal in der Woche gibt es den Sonntag. Dann scheint die Sonne und die Arbeiter lehnen sich, froh, einen Tag nicht in Lärm und Ruß der Fabriken sein zu müssen, an das offene Fenster, sehen den Kindern, die auf der Straße spielen, zu. (Erich Grisar 1931)“

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Händewaschen, 1928 – 1933

Knochenarbeit und Maloche

Im Gegensatz zu heute war die Arbeit in den 20er und 30er Jahren hart. Ohne Muskelkraft ging fast gar nichts. Handlanger auf Baustellen schleppten Steine. Auch die Asphaltkocher leisteten Schwerstarbeit. Schlammkohle wurde gesammelt und aus Absatzbecken geborgen. Karren dienten dem Transport. Diese mussten gezogen werden – kein leichtes Unterfangen. Die Fotos Grisars belegen das nachdrücklich. Arbeit gab es nicht wie Sand am Meer. Schlangen vor dem Arbeitsamt waren normal.

Mit Grisar besuchen wir die Wohnquartiere der Arbeiter wie die dicht bei der Kokerei Kaiserstuhl II. Luxus war hier fern, sehr fern. Hochöfen und Schornsteine prägten das Stadtbild und erhoben sich hinter den Zechenhäusern.

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Zusammenbruch eines Pferdes, 1928 – 1933

Eine sehr gelungene Schau, die dank Grisars journalistischer Akribie und der Möglichkeit, einzelne Reportagen zu lesen, eine hoch spannende Zeitreise erlaubt. Grisar erhellt ein weiteres Stück der Geschichte des Potts, der eben so anders als andere Regionen dieser Republik ist, geprägt von Stahl und Kohle, von Zechensiedlungen und heute von den Industriedenkmälern wie der Zeche Zollverein.

text © ferdinand dupuis-panther - Alle Aufnahmen: Erich Grisar / Stadtarchiv Dortmund

LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Grubenweg 5
44388 Dortmund
Geöffnet Do-So 10-18 Uhr

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