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Hannover
Historisches Museum

Typisch Hannover!?
Besonderheiten und Merkwürdigkeiten
der niedersächsischen Landeshauptstadt
bis 6. August 2017

Jede Stadt ist unverwechselbar, auch Hannover. Die aktuelle Ausstellung versucht, dem intensiv nachzugehen. Dazu werden folgende Kapitel aufgeblättert: stadtbildprägende Bauten wie die Marktkirche und das Neue Rathaus, das niederdeutsche Hallenhaus, die Welfen, die "Pferdestadt", das Schützenwesen, die Hannoversche Architekturschule, Hannover, grüne Stadt, die Messe, die Transporterstadt, die Straßenkunst und Stadtprominenz von Leibniz bis Hillebrecht. Präsentiert wird aber nicht nur Typisches, sondern Bürgerinnen und Bürger Hannovers sind eingeladen, mit Leihgaben die Ausstellung zu bereichern und ihre Gedanken und Ideen zu "Typisch Hannover" in die Ausstellung einzubringen.

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Rudolf Weber: Schulfest im Tiergarten, 1909
(103 x 153; VM 10613; BD 1644)

Gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs fällt der Blick des Besuchers auf ein Großexponat aus dem Hause Hanomag: das „Kommissbrot“. Dabei handelt es sich um einen Kleinwagen, der erstmals 1924 produziert wurde, ein Zweisitzer mit offenem Verdeck und 10 PS sowie Rechtssteuerung. Eigentlich war Hanomag eher für den Bau von Loks und Traktoren bekannt. Doch das Unternehmen versuchte sich halt auch im Automobilbau. Bis 1928 wurden immerhin mehr als 15000 dieser Fahrzeuge verkauft. Hanomag das ist ebenso typisch Hannover wie Döhrener Wolle, Appel Delikatessen, Pelikan und Sprengel Schokolade.

Kolbenfüllfederhalter von Pelikan und ...

Günther Wagner, der Farbenfabrikant, ist auch der Spiritus Rector des Unternehmens mit dem Pelikan-Emblem. Farben, Bürobedarf und Schreibgeräte – das war es, was Günther Wagner groß machte. Doch 1982 war Schluss mit Pelikan, ein in der Oststadt ansässiges Unternehmen, denn damals musste Insolvenz angemeldet werden.

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Pelikan, Füllfederhalter mit Reklamefigur, 1936-1939
(VM 46582; BD 17873)

Wer kennt nicht die Reklame mit dem vor dem Grammophon hockenden Hund und dem Motto „His Master's Voice“, 1909 entwickelt. Auch dies ist eine Hannoveraner Erfolgsgeschichte. Sie ist Emil Berliner zu verdanken, der neben dem Mikrofon auch dem Tonträger Schallplatte zum Erfolg verhalf. Eine Aufnahme mit Caruso stand dabei am Beginn der Erfolgsgeschichte. Diese erste Aufnahme datiert auf das Jahr 1902. Noch heute werden von Nachfolgern der Deutschen Grammophon in Langenhagen Tonträger, allerdings als CD, hergestellt. Wer weiß eigentlich, was hinter dem Kürzel Geha steht? Es handelt sich um die Gebrüder Hartmann, die ihr Unternehmen 1918 in Linden gegründet hatten. Duplex-Kohlepapier war der Verkaufsrenner zuzeiten mechanischer Schreibmaschinen! Rheinisches Apfelkraut stand am Beginn des Erfolges von Appel Delikatessen, gegründet von Kaufmannssohn Heinrich W. Appel.

1853 begann die Produktion von Bonbons, Konditorenwaren und Schokoladen bei Sprengel. Dass auch einst die rote Wärmflasche von Continental ein Verkaufsschlager war, wird in der sehr abwechslungsreich gestalteten Schau deutlich. Mitmachen ist bei dieser Schau sehr gefragt und sei es nur, dass man Chips für den Teil der Schau verteilt, den man für besonders typisch hält. Zudem kann man auch an einer Zettelwand sein typisches Hannoverprodukt notieren.

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Künstlerhaus in der Sophienstraße, Lithografie, 1856 (BD 20050)

Hannoveraner kommen zu Wort

Aufgelockert wir die Schau durch kurze Interviews, in denen Hannoveraner wie der eh. Direktor des Sprengel Museums Dr. Krempel oder aber der Unternehmer Martin Kind erzählen, was sie für typisch ansehen, denken sie an Hannover. Auch Befragungen von Bürgern, wohl an dem Platz von Hannover schlechthin, dem Kröpcke, werden gezeigt. Für den einen ist es das Maschseefest, für den anderen der Kröpcke, für wiederum einen weiteren das Herrenhäuser Bier als typisch für Hannover. Ach ja, Dr. Krempel hob in seinem Interview die Straßenkunst und vor allem die Nanas am Leine-Ufer hervor, kein Wunder, wenn man jahrelang das Kunstmuseum der Stadt geleitet hat. Martin Kind betont, dass die Menschen auf die Stadt stolz sein können, auch wenn Hannover national oft als grau beschrieben wird.

Evangelisch oder was?

Die Schau befasst sich mit dem Thema „Sehr evangelisch“ und macht deutlich, dass seit den 1950er Jahren ein Wandel eingetreten ist, sodass sich nur noch 30% der Stadtbevölkerung als evangelisch beschreiben. Hervorgehoben wird, dass Hannover Sitz mehrerer Spitzenorganisationen der evangelischen Kirche ist, darunter der Reformierte Bund und die EKD. Außerdem hebt die Ausstellung auch auf Bischof Hanns Lilje ab, der Mitinitiator des Kirchentages und ein Mann der Aussöhnung war.

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Reiterstandbild König Georg V., Eisenguss bronziert, um 1860
(VM 1307; BD 11294)

Hannover, die Welfenstadt

In diesem Abschnitt der Schau fällt der Blick gleich auf das imposante Modell des Rittersaals des Leineschlosses. Seit 1844 bildete dieser den Mittelpunkt des höfischen Lebens. Ein Bombenangriff vernichtete jedoch die prächtige Gestaltung dieses Saals im Jahr 1943, so auch den Intarsienfußboden und die Marmorauskleidung des Saals. Selbstverständlich blättert der Besucher auch gleichsam in der dynastischen Geschichte, erfährt von Herzögen und Königen, die an der Prägung der Stadt beteiligt war, so auch Herzog Georg von Calenberg. Er machte Hannover 1636 zu seiner Residenz. Sophie, die Gattin von Ernst August, trug auch zur Stadtgestaltung bei, da ohne sie der Große Garten in Herrenhausen nicht angelegt worden wäre. Ist es nicht König Ernst August, der bis heute für die Hannoveraner eine „Landmarke“ ist? Trifft man sich nicht unter dem Schwanz seines Reiterstandbilds vor dem Hauptbahnhof, wenn man nicht am Kröpcke und der Normaluhr seine Verabredung einlöst? Auf einem Gedenkblatt, das gezeigt wird und das von 1862 stammt, sieht man neben dem Reiterstandbild des Monarchen auch einige der zentralen Baudenkmäler Hannovers, das Welfenschloss, die Marienburg, das Hoftheater. Georg V., ein weiterer Regent, war es, der sich für die Eisenbahnverbindung nach Hannover einsetzte und dessen Prunkwagen wir in einer Entwurfszeichnung zu Gesicht bekommen.

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Plakat Transporter-Modelle 1956 (B = 120; BD 11644)

Hannover, das ist der VW Bulli

Das Historische Museum hatte in der Vergangenheit den Bullibauern eine Schau gewidmet und beim Thema „Transportstadt“ wird dieser Teil der Stadtgeschichte wieder aufgegriffen, und zwar rund um einen grün-weiß lackierten Bulli, der die Farben des Fußballklubs Hannover 96 trägt. Kurz dargestellt wird die Geschichte des Transporterbaus in Stöcken, angefangen beim T1 im Jahr 1956 und des T2, der 1967 den T1 ablöste und von dem 3 Mio. Fahrzeuge verkauft wurden. Noch heute wird am Standort Stöcken im Fahrzeugbau gearbeitet. Wie vielfältig der Bulli nach Modifizierungen eingesetzt werden konnte, zeigt ein Plakat von 1957. Dreißig lieferbare Fahrzeugmodelle gab es, ob Kastenwagen oder Kleinreisebus. Ohne türkische Zuwanderer gäbe es die Erfolgsgeschichte VW Bulli nicht. Daran erinnert ein Wimpel eines türkischen Fußballklubs, der von einem Vertrauensmann und Betriebsrat des VW-Werks in Stöcken nach dessen Berentung ins Leben gerufen wurde.

Neogotik musste es sein

Dass es eine der Neogotik verpflichtete Architekturschule gab, die Conrad Wilhelm Hase begründete, macht Teil der Ausstellungsinszenierung aus. Zu den neogotischen Bauten der Stadt, auch als Rundbogenarchitektur bekannt, gehören das Palais Simon, von Christian Heinrich Tamm für den angesehenen Bankier Israel Simon entworfen, aber auch die von Karl Börgemann konzipierte Villa für den Ziegeleibesitzer Friedrich Willmer. Zu erwähnen sind auch die Christuskirche und das heutige Künstlerhaus. Das ländliche Hannover, das beinahe gänzlich verschwunden ist, wird beim Thema "Das Hallenhaus" behandelt.

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Bubble-Plast-Aktion beim Altstadtfest 1970 (BD 21273)

Eine Parkbank eröffnet den Themenschwerpunkt Großstadt im Grünen. Überrascht dürfte der Besucher sein, wenn er zur Kenntnis nimmt, dass Hannovers Fläche zu 50% aus Grünanlagen besteht. Ein Meilenstein in der Stadtgeschichte war der Bau des nur zwei Meter tiefen Maschsee Mitte der 1930er Jahre als grünes Ensemble im Südosten der Stadt. Auch auf die Eilenriede mit ihren Ruheplätzen wird in diesem Ausstellungskapitel eingegangen.

Wer ist prominent?

Wer sich für die Stadtprominenz von Ifland bis Leibniz und von Fritz Hamann bis Kurt Schwitters interessiert, der wird Interessantes in der Schau finden, auch jenseits des „MERZ-Baus“ und des Massenmörders Hamann, der zahlreiche junge Männer umbrachte und dann in die Leine warf. Dass Besucher im Kontext der Prominenz von Hannover auf Lena Meyer-Landrut verweisen, nimmt man mit einem leichten Schmunzeln zur Kenntnis. Dass auch Herr von Knigge Hannoveraner war und lange Zeit für richtiges Benehmen sorgte, nehmen wir ebenso zur Kenntnis wie den Tatbestand, dass Georg Ludwig Friedrich Laves neben Hase ganz entscheidend das Stadtbild Hannovers geformt hat.

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Plakat Schützenfest Hannover, 1960 (BD 25807)

Dass die Pferderasse Hannoveraner nicht unmittelbar mit der niedersächsischen Landeshauptstadt zu tun hat, aber im Wappen des Landes und der Bezirksregierung gegenwärtig ist, wird in der Schau verdeutlicht. Hannover als Messestadt wird hervorgehoben, aber auch als Stadt der Straßenkunst, die wie die Nanas sehr umstritten war. So sieht man auch Dokumentationsfotos von Demos gegen die Nanas am Leine-Ufer. Zugleich sind zahlreiche farbige Aufnahmen von Graffitikunst zu sehen. Die künstlerisch gestalteten Busstopps – zu sehen ist das Modell der Haltestelle Königsworther Platz – gehören ebenso zur Kunst im öffentlichen Raum wie das Fabeltier in der Eilenriede.

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"Messe. Deutsche Industrie-Messe", Plakat, 1957
(118 x 84; VM 39731)

„Noch mehr typisch“ fragt die Ausstellung zum Schluss, zugleich die Aufforderung, sich an der Schau zu beteiligen, was einige Hannoveraner bereits mit Leihgaben wie einem Ginkgoblatt aus dem Berggarten oder dem Autogramm von Champion Jack Dupree getan haben.

Fazit: So abwechslungsreich und unterhaltsam muss die Präsentation von Stadtgeschichte sein, die sich auf zentrale Objekte konzentriert und nicht durch Überladungen abstößt. Hingehen und Neues über annover lernen … Text © ferdinand dupuis-panther Abb: © Historisches Museum Hannover

Historisches Museum Hannover
Pferdestraße 6
30159 Hannover
http://www.historisches-museum-hannover.de/

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