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Oslo
Henie Onstad Kunstsenter

Carsten Höller: Henie Onstad Sanatorium
bis 10. Sept. 2017

Carsten Höller: Henie Onstad Sanatorium

Die Schau umfasst Installationen von Carsten Höller, der das Kunstzentrum in ein Sanatorium und zugleich in eine Art "Spielwiese und Eventpark" verwandelt hat. Dabei scheint eine gewisse dadaistische Provokation durchaus beabsichtigt zu sein, ohne dass Höller in die Fußstapfen von Schwitters tritt. Seine Installationen nehmen m. E. die Überspanntheit der Großstadtmenschen ebenso aufs Korn wie auch den allgegenwärtigen Gesundheits- und Wellnesswahn. Medical Wellness scheint Höller auf seine ganz eigene Weise dem Besucher anzubieten und ohne ärztliches Rezept zu verschreiben.

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Carsten Höller: Henie Onstad Sanatorium, Foto
Øystein Thorvaldsen / Henie Onstad Kunstsenter

Dadaeskes scheint in der Schau auf Kafkaeskes zu treffen. Bereits beim Betreten des Kunstzentrums wird man mit Personal konfrontiert, das weiße Kittel trägt. Passend ist das zu Höllers Umgestaltung des Hauses zu einem Sanatorium. Mit dieser Umgestaltung nimmt der Künstler – eigentlich ist der in Belgien geborene und aufgewachsene Carsten Höller promovierter Ökologe, der über Phythopathologie seine Doktorarbeit veröffentlicht hat – Bezug auf den Tatbestand, dass es einst in Hovikodden mehrere Sanatorien gab, drunter eine Tuberkuloseheilanstalt und ein Sanatorium für die betuchte Oberschicht.

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Carsten Höller, Giant Triple Mushrooom 2017, Foto Øystein Thorvaldsen / Henie Onstad Kunstsenter

Was will uns Höller eigentlich mit seiner Schau vermitteln? Kunst kann heilen? Oder ist es eher die Provokation, die in allen Installationen steckt, die uns wachrütteln und uns aus der Komfortzone herausbringen will? Schon der Zugang zur Schau ist ungewöhnlich, muss man doch durch einen dunklen Gang hinauf aufs Dach des Kunstzentrums laufen. Einzig und allein auf unseren Tastsinn können wir zurückgreifen, wenn wir uns in der Dunkelheit des Ganges bewegen. Verlangt nicht eine Kunstschau nach den visuellen Fähigkeiten? Ja, das tut sie. Doch Höller will wohl die Besucher auch auf die anderen Sinne, wie Haptik und das akustische Verstehen zurückwerfen.

Angekommen ganz oben, kann man sich für einen „Rundflug“, eingehängt in ein Geschirr, wie es beim Drachenfliegen gebraucht wird, einlassen und per Rutsche in die eigentliche Ausstellung gelangen. Beides kostet den einen oder anderen Besucher sicherlich Überwindung. Wer an Platzangst oder an Höhenangst leidet, der bekommt an dieser Stelle erhebliche Probleme. Für solche Besucher gibt es selbstverständlich auch einen „normalen Zugang“ zur Höller-Schau!

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' Carsten Höller: Henie Onstad Sanatorium: Giant Psycho Tank
Foto Øystein Thorvaldsen / Henie Onstad Kunstsenter

Über die Rutsche gelangt man nicht etwa in einen inszenierten Sanatoriumpark oder in ein lauschiges Wäldchen, sondern in eine Ansammlung riesiger Hybridpilze, darunter ist auch ein Fliegenpilzhybrid, dem noch Trüffel und Spitzkegeliger Kahlkopf hinzugefügt sind. Wahrscheinlich hat hier der Pflanzenpathologe Höller seiner Fantasie freien Lauf gelassen.

Bei Fliegenpilz denkt man rasch an Rauschzustände. Doch berauscht sind wir als Besucher weniger, eher irritiert. Irritation tritt auch auf, wenn man sich einem Haufen von Dragees nähert. Nachschub kommt von der Decke. In steten Intervallen fallen Dragees von dort hinab. Psychopharmaka oder was sonst – das stellt sich als Frage. Jedem ist es freigestellt, eine Pille zu nehmen und zu schlucken. Ob es eine bittere Pille wird, darüber schweigt sich Höller aus.

Sinnesreizungen besonderer Art verspricht die sogenannte „Phi Wall II“ mit auf- und abgeblendeten Lichtscheiben in warmen Tönen. Hinter dieser Wand scheint Dan Flavin seine Spuren hinterlassen zu haben, wenn wir vor dem „“Double Neon Elevator“ stehen. Doch Flavin ist zwar ein bekannter Lichtkünstler, der auch Höller inspiriert haben mag, aber den „Lichtfahrstuhl“ hat Höller alleine erdacht.

Schaut man auf das „auf- und absteigende Licht“, dann ist das sicherlich nicht entspannend, sondern durchaus eine gesteigerte Reizung für die Netzhaut, sodass man eher geneigt ist, den Ort schnell zu verlassen. Nachfolgend stößt man auf zwei langsam durch den Raum rollende „Klinikbetten". Während des Tages ist es nicht gestattet, sich auf ihnen auszuruhen. Man kann sich jedoch ein solches Bett für die Nacht buchen und im Kunstzentrum verbleiben. Ob man ruhig oder unruhig schläft, fragt sich der Besucher gewiss. Wahrscheinlich schläft man so, als würde man in einem rollenden Zug im Schlafwagen oder auf einer Fähre in einer Kabine nächtigen. Spuren auf dem Boden hinterlassen die rollenden Betten obendrein. Das bedeutet aber nicht, dass man am Morgen nachvollziehen kann, wo man eingeschlafen und wie man durch den Raum gerollt ist.

Zum „Kuraufenthalt“ in Höllers Sanatorium gehört auch ein „Seelenbad“. Ja,. Man kann in einen Wassertank steigen und alles um sich herum vergessen. Das ist vor allem dann zwingend geboten, wenn man sich der flackernden Lichtwand ausgesetzt hat, die in ihrer Installation einem Technotanztempel alle Ehre macht. Reizungen, Überreizungen und Entspannung scheint Höllers Rezeptur für den Sanatoriumaufenthalt zu sein. Dabei ist diese künstlerische Verordnung nicht frei von Provokationen. Bisweilen fühlt man sich als Marionette in einem absurden Bühnenstück, ohne dass man genau seine Rollen als Besucher kennt.

Grenzerfahrungen verschafft uns der Künstler vor allem durch den Zugang über den „No Decision Corridor“ und die Rutsche. Gleiches gilt natürlich auch für die Konfrontationen mit den Lichtinstallationen. Bei der flackernden Lichtwand muss man aufpassen, denn derartige Reizungen können epileptische Anfälle auslösen. Personal in weißen Kitteln ist zwar anwesend, aber sicherlich darunter kein Neurologe, der Erste Hilfe leisten könnte.

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Carsten Höller: Zöllner Stripes
Foto Øystein Thorvaldsen / Henie Onstad Kunstsenter

In der Schau sieht der Berichterstatter eine kritische Auseinandersetzung mit dem Eventcharakter von Kunstausstellungen. Nicht so sehr die Kunst steht dabei im Fokus, sondern das Ereignis, das zum Muss wird. Small Talk am Rande und nicht die kritische Betrachtung von Kunst scheinen im gängigen Ausstellungsmarkt gefragt. So wundert es nicht, dass Ausstellungen auch als Blockbuster gesehen werden, die Besucher in das Haus und Geld in die Kasse spülen. Was zu sehen ist, scheint Nebensache zu sein. Es genügt, wenn das Ereignis als hip angesehen wird. Das, so scheint es mir, lotet Höller eben durch die Art des Zugangs zur Schau und durch seine Installationen auch aus. Er wirft den Besucher auf sich, fordert ihn, fordert ihn heraus, zwingt ihn aus dem Konventionellen. © ferdinand dupuis-panther

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Carsten Höller: Mushroom
Foto Øystein Thorvaldsen / Henie Onstad Kunstsenter

Henie Onstad Kunstsenter
Sonia Henies vej 31
1311 Hovikodden
www.hok.no

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