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Oslo

Oslo Museum


Funktionalismus in Oslo
bis 26. August 2017

Funktionalismus in Oslo

In einer thematischen Schau steht die sogennante Zwischenkriegszeit zwischen 1925 und 1940 bezogen auf die Architektur, den Städtebau, die gesellschaftliche Entwicklung und das Kulturleben der norwegischen Hauptstadt im Mittelpunkt.

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Wohmaschinen mit Flachdach im Sinne Le Corbusier, oder?

Die Moderne hielt in den 1920er und nachfolgenden Jahren auch in der norwegischen Hauptstadt Einzug. Neues Bauen, Bauhaus und International Style waren in Europa zu jener Zeit eh en vogue. Einer der führenden Architekten jener Zeit Lars Backer – ihm ist u. a. das 1970 abgebrochene Shansen Restaurant zu verdanken – formulierte 1925 folgendes Credo: „Wir wollen eine Architektur schaffen, die auf der Höhe der Zeit ist. Das beinhaltet auch die Materialien, mit denen wir bauen. Jedwede Maskerade und nur den äußeren Schein lehnen wir ab. Der Zweck muss die Form bestimmen.“

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Reidar Aulie: Tendens, 1931

Großstädte wie Oslo standen vor wachsenden Herausforderungen. Vielfach waren die Quartiere überbelegt, strukturiert von Hinterhöfen mit Quergebäuden und Seitenflügeln. Forderungen nach Verbesserung der Lebensverhältnisse machte die Runde. Das reflektierte auch der eine oder andere Künstler, so auch Reidar Aulie, dessen Gemälde „Tendenz“ in der Schau zu sehen ist. Man sieht einen Agitator mit roter Fahne, außerdem Menschen, die für ihre Interessen auf die Straße gehen, eingebettet in eine städtisch-industrielle Landschaft.

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Ausstellungsinszenierung: Mode und Interieur

Sozialistische Ideen standen in den 20er und 30er Jahren auf der Tagesordnung, und auch Architekten stellten sich die soziale Frage. Überbelegte und unhygienische Wohnungen sowie deren Beseitigung standen im Fokus. „Wir müssen die Blockrandbebauung mit Hinterhofbebauung aufgeben. Progressive Planer vermeiden eine allzu dichte lineare Baustruktur. Die Gebäude müssen sonnenbeschienen sein. Jede Wohnung muss Sonnenlicht bekommen, möglichst sogar jeder Raum der Wohnung.“ Das waren die Worte von Harald Hals, dem obersten Planungsbeauftragten der Stadt Oslo im Jahr 1933. In jenen Jahren kam auch der Gedanke der Stadtzonierung, sprich der Trennung von Wohnsiedlungen und Industrieansiedlungen, auf. Ein Netzwerk von Parks und sozialem Grün sowie von schnellen Verkehrswegen sollte die neue Stadt durchziehen.

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Designs von Nora Gulbrandsen und Sverre Pettersen aus den späten 20er Jahrfen

Wie das neue Wohnen ausschauen soll, verdeutlicht die Schau durch eine entsprechende Inszenierung, die funktionale achtgeschossige Wohnbauten mit großen Balkons und starker Durchfensterung als „Fotostrecke“ zeigt. Diashows, die eingebunden sind, beleuchten das soziale Leben, werfen einen Blick auf das Aufkommen von Varieté und Revue, vor allem auch von Tanzveranstaltungen mit Swingmusik.

Glas und Beton wurden die wesentlichen Baumaterialien. Funktionales stand im Vordergrund, nicht das Dekor wie zuvor während der Blütezeit des Jugendstils. Wohnungen sollten bezahlbar sein, aber bessere Bedingungen zum Leben vorhalten. Slums in der Innenstadt Oslos wurden abgerissen, auch um Platz für das aus Klinker erbaute Rathaus von Oslo zu schaffen. Das doppeltürmige Rathaus ist bis heute in eine Rondellbebauung eingebettet. Unterdessen sind allerdings die Bauten der 20er und 30er Jahre rund um das Rathaus längst verschwunden. Das Gesicht der Stadt änderte sich damals auch durch das Aufkommen von Neonreklame und den einen oder anderen Konsumtempel mit Glasfassade.

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Axel Revold: Bau des Osloer Rathauses, 1930er Jahre

Heute sind das Stenersen-Haus – von Arne Korsmo erdacht – und das Ditlev-Simonsen-Haus – nach Entwurf von Ove Bang – Ikonen der modernen Architekturgeschichte. Zur Zeit ihrer Erbauung waren sie ebenfalls Leuchttürme des Neuen Bauens, übrigens weit über Oslo hinaus.

In jenen Tagen der sogenannten Goldenen 20er Jahre machte auch die Frankfurter Küche Furore. Auf engstem Raum entstand eine Küche der kurzen Wege. Badezimmer und Toiletten in der Wohnung wurden die Norm, auch das vom Wohnzimmer getrennte Schlafzimmer. Gebaut wurde von privaten Unternehmen, aber auch von Wohnungsgenossenschaften wie OBOS, 1929 gegründet.

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Den Achtstundentag und damit mehr Freizeit erstritten die norwegischen Beschäftigten bereits 1919. 1937 setzte man auch den bezahlten Urlaub von 12 Tagen durch. So wuchs auch die Nachfrage nach Freizeit und Unterhaltung. Kinobesuche waren durchaus üblich. Bis heute gibt es das Saga und das Klingenberg, die in den 1930er Jahren erbaut wurden.

In der Kunst waren Schüler von Matisse wie Jean Heiberg, Per Krogh und Axel Revold die führenden Künstler jener Zwischenkriegszeit. Auch neusachliche Tendenzen gab es, was sich in Porträts niederschlug, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Inszeniert wurde in der Übersichtsschau auch das Wohninterieur jener Zeit, zudem auch der Kleidungsstil der Frauen, die eine Bob-Frisur bevorzugten und den sogenannten jungenhaften Klapperstil. Überhaupt waren androgyne Formen damals unter Frauen sehr angesagt.

Die Schau bietet einen sehr informativen Überblick über die gesellschaftliche Situation der Zwischenkriegszeit und streift dabei auch Bereiche wie Jazz, Tanz, Radio und Wohnkultur. text und fotos: (c) ferdinand dupuis-panther

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Asbjorn Aamont: Helene Anderson, 1918

Oslo Museum
Frognerveien 67
Oslo
http://www.oslomuseum.no/oslo-museum/english/

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