Zwischen Alpen und Seen

Unterwegs im Voralpen-Express zwischen St. Gallen und Luzern

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Sie sind stolz auf ihre textile Vergangenheit, die Bewohner der Ostschweiz. Auch Einheimische in der St. Galler Altstadt tragen gestickte Armbänder, um auf die Tradition aufmerksam zu machen. „Seit dem Mittelalter gehört die Textilbranche zur wirtschaftlichen Geschichte St. Gallens“, berichtet Claudia Schneider bei einem Rundgang durchs Textilmuseum: „Die Blütezeit der Maschinenstickerei waren das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert.“ St. Galler Arbeiten sind immer noch weltberühmt. Große Designer wie Chanel, Dior, Armani verarbeiten Spitzen aus der Stadt südlich des Bodensees.

Schweiz - Im Textilmuseum in St. Gallen

Kleider im Textilmuseum

Was St. Gallen an die Spitze brachte ist seit 1886 im Palazzo Rosso zu sehen. Hand- und Maschinenstickereien sowie Stoffdrucke demonstrieren die Entwicklung der Textilindustrie. Höhen und Tiefen der Branche sind dokumentiert. Gezeigt werden auch spätantike Stoffe aus Ägypten, mittelalterliche und moderne Gewebe aus anderen europäischen Ländern. „Unsere Textilbibliothek umfasst 2.000 Musterbücher unterschiedlicher Firmen“, erklärt die Museumsführerin: „Auch für das seit 1824 stattfindende „St. Galler Kinderfest“ spielte die weiße Stickerei, insbesondere die „Broderie Anglaise“, eine wichtige Rolle für die Kleidung von Müttern und Töchtern. Vor allem die Ausstattung der Lehrerinnen wurde früher mit Spannung erwartet.“ Noch heute findet das Ereignis alle drei Jahre statt. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Integration einer multikulturellen Gesellschaft. Doch die Garderobe ist mit der Zeit gegangen: T-Shirts, Jeans und Leggins haben den Spitzen ein bisschen den Rang abgelaufen.

Schweiz - Textilmaschine im Textilmuseum in St. Gallen

Maschine im Textilmuseum

Vom Museum sind es nur wenige Meter bis in den Stiftsbezirk, der von der 1747 vollendeten Kathedrale beherrscht wird. In der Stiftsbibliothek, einem prächtigen Rokokosaal, gibt es noch mehr Bücher, Bücher, Bücher. 170.000 sollen es sein. Dazu kommen 2.000 mittelalterliche Originalhandschriften.

Schweiz - in der Kathedrale in St. Gallen

Die 1747 vollendete Kathedrale von Innen

Verlässt man das Textilmuseum in die andere Richtung, so gelangt man nach wenigen Minuten zum Bahnhof. Jede Stunde rollt hier ein schneeweißer Voralpen-Express (VAE) der Südostbahn (SOB) ein. Verziert ist er mit zwei Streifen: Einem grünen, der die bewaldeten Höhenzüge repräsentiert, die blaue Linie steht für die zahlreichen Seen, an denen sich der Zug entlangschlängelt. Auf den Tischchen zwischen den blau-grün gepunkteten Polstersitzen ist der Streckenverlauf mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten dargestellt, so dass kein Fahrgast ein Highlight verpassen muss. Auf 125 Kilometern und in etwas mehr als zwei Stunden verbindet der normalspurige Voralpen-Express St. Gallen in der Ost- mit Luzern in der Zentralschweiz.

Schweiz - Streckenverlauf des Voralpen-Express

Streckenverlauf des Voralpen-Express

Gleich nach dem Verlassen der Stadt überquert der Zug den Sitter-Viadukt, die mit 99 Metern höchste Eisenbahnbrücke der Schweiz. Erbaut 1910. Die Berggipfel Hoher Kasten und Säntis thronen am Horizont. Weiter geht es durchs wellige grüne Appenzeller Land. Hinter Herisau folgen der ebenfalls spektakuläre Weißenbach-Viadukt und kurz darauf der Wasserfluhtunnel. Bevor die Bahn bei Schmerikon das Ufer des Obersees erreicht, wird es noch einmal Nacht! Über achteinhalb Kilometer zieht sich der Rickentunnel durchs hügelige Toggenburg. Zu Dampflokzeiten kam es hier 1926 zu einem dramatischen Unfall. An einer Steigung blieb ein Zug im Tunnel stecken. Mangels ausreichender Belüftung starben neun Personen an Kohlenmonoxidvergiftung. Als Folge wurde die Trasse ein Jahr später elektrifiziert. Über den künstlich angelegten Seedamm zwischen Rapperswil und Pfäffikon passiert der Voralpen-Express den Zürichsee an seiner engsten Stelle. Der Damm basiert auf einer eiszeitlichen Moräne und trennt den Ober- vom Zürichsee. Die größte Stadt der Schweiz glitzert weit entfernt am nordwestlichen Ufer. Über die Rothenthurmer Hochmoorebene erreicht die Bahn den Zugersee

Schweiz - die Strecke führt am Zugersee vorbei

Die Strecke führt am Zugersee vorbei

Laubbäume, durch die das blaue Wasser schimmert, fliegen an den Fenstern vorbei. Dann weiden wieder braunweiße Kühe auf den saftigen Weiden, die die Milch für die Lieblingsprodukte der Schweizer, Käse und Schokolade, liefern. Hinter Küssnacht am Rigi, einem knapp 1.800 Meter hohen Bergmassiv, ist bereits der Vierwaldstättersee erreicht. Vom gegenüberliegenden Ufer grüßen Luzerns Hausberg, der Pilatus, und das Stanserhorn. Wieder versperren mehrere Tunnel die Sicht. Dann ist der Blick frei auf den Fluss Reuss und die fast 900 Meter lange mittelalterliche Museggmauer mit noch neun erhaltenen Türmen, bevor der Voralpen-Express in den modernen Luzerner Sackbahnhof einfährt.

Schweiz - Fluss Reuss und die fast 900 Meter lange mittelalterliche Museggmauer mit noch neun erhaltenen Türmen

Fluss Reuss und die mittelalterliche Mauer mit ihren Türmen

Um die Schweiz von ihrer technischen und kulinarischen Seite kennenzulernen, sollte man bereits eine Station vorher am Luzerner Verkehrshaus aussteigen. „Unser Museum ist das meistbesuchte der Schweiz. Wir zeigen über 3.000 Exponate der Verkehrsgeschichte“, informiert Walter Hodel, einst Lok- und heute Museumsführer: „Die Ausstellungen zum Schienen- und Straßenverkehr, zu Schifffahrt, Seilbahnen, Luft- und Raumfahrt füllen mehrere Hallen auf 20.000 Quadratmetern.“ Die immer noch betriebstüchtige Zahnrad-Dampflokomotive H ½ Nr. 7 verließ 1873 als erste Lok das Werk der Schweizerischen Lok- und Maschinenfabrik Winterthur (SLM) für die Vitznau-Rigi-Bahn. Ein Kraftwerk auf Rädern ist die schwarze Dampflokomotive „Elefant“, die 1913 auf die Schiene ging. „Da die Schweizer Bahnen schon früh elektrifiziert wurden, war es die letzte große Dampflok, die in Winterthur gebaut wurde“, sagt Walter Hodel: „Auch dem „grünen Krokodil“, der ersten leistungsfähigen Elektrogüterlok, die nicht immer leicht zu steuern war, ist ein Platz im Museum eingeräumt. Ebenso einer holzverschalten Zahnrad-Elektrolokomotive der Jungfraubahnen, die von 1898 sechzig Jahre lang vom Bahnhof Kleine Scheidegg „Gipfelstürmer“ auf das 3.454 Meter hochgelegene Jungfraujoch oberhalb Interlakens chauffierte.“ In drei Fahrsimulatoren kann man sich als Lokführer fühlen oder auf einer Gartenbahn eine Runde übers Gelände drehen. Da die Schweiz nicht nur das Land der Eisen-, sondern auch der Seilbahn ist, ist auch diesem Thema eine Halle gewidmet, in der die Entwicklung vom ersten Transport- und Skilift bis zur Großraumkabine ausgestellt ist. „Doch lange vor den Bahnen gab es Schiffe. Auf dem Wasser hat alles begonnen“, meint Walter Hodel: „Das älteste Verkehrsmittel des Museums ist ein jungsteinzeitlicher Einbaum aus dem Bielersee im Kanton Bern. Dagegen ist die Maschine des ehemaligen Vierwaldstättersee-Raddampfers „Pilatus“ von 1929 schon fast modern.“

Schweiz - Rathaus in Luzern

Blick auf das Rathaus in Luzern

Technisch noch futuristischer wird es in der Erlebniswelt „Swiss Chocolate Adventure“. In einer braunen Kapsel, die die Form einer halben Kakaobohne hat, gehen neugierige Schleckermäuler und Naschkatzen 20 Minuten lang mit allen fünf Sinnen auf eine multimediale Entdeckungsreise durch die Schweizer Schokoladengeschichte. Sie beginnt im tropischen Regenwald am Äquator, wo die Kakaopflanzen angebaut werden, verfolgt den Transport der Bohnen nach Europa und begleitet den Verarbeitungsprozess zu echter Schweizer Schoggi. Plötzlich rieseln über eine schräge Rinne fertige Schokoladentäfelchen aus der Wand. Ein schneller Griff, ein Biss in den zarten Schmelz. Himmlisch!

 

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Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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