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Ahlen
Kunstmuseum

RESET Krise // Chance
bis 16.01.2022

Künstler*innen sind Spezialist*innen für Ungewissheiten, für Experimente, für Grenzgänge. Das Kunstmuseum Ahlen lädt dazu ein, Blicke auf das Morgen zu wagen und unser (globales) Leben neu zu sortieren.

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Den eigenen Computer mag man mit Reset in einen früheren Status zurücksetzen können, die Welt, die wir bewohnen nicht. Wir können die Welt auch nicht anhalten und aussteigen. Denn wohin wollen wir aussteigen? Wir können aussteigen aus der fossilen Brennstoffnutzung, aus dem individuellen Autoverkehr, aus der nuklearen Energienutzung, aus der Massentierhaltung und der Monokultur. Dieser Ausstieg und das Umlenken sind zwingend, denn es ist ja eigentlich schon Fünf nach und nicht Fünf vor Zwölf. Ob man da allerdings von Neustart als Äquivalent zu Reset reden kann, scheint mit einem Fragezeichen zu versehen zu sein. Eher muss man den Begriff Umdenken und Umlenken als entsprechend ansehen.

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Antworten zum praktischen Umdenken finden sich dazu in der Ausstellung nicht, aber das ist auch gar nicht deren Intention. Sie will vielmehr den Blick für die Problemlage schärfen, ohne sich auf die aktuelle Pandemie und die daraus resultierenden Maßnahmen zu fokussieren. Eins hat die Pandemie jedoch verdeutlicht: Ein weiter so kann es in Krisenmomenten – und Sars Cov2 hat solche ausgelöst – nicht mehr geben.

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Was die in der Schau vertretenen Künstler allerdings initiieren, ist das Schärfen des Blicks, und das mit unterschiedlichen Sujets und Medien. Die Ausstellung im Kunstmuseum Ahlen zeigt 19 internationale zeitgenössische Positionen aus Belgien, Deutschland, dem Iran, Israel, Spanien, der Türkei und den USA. Fotografien und Filme stehen neben raumgreifenden Installationen, Skulpturen wechseln mit zarten Prints, Collagen und Zeichnungen. Die Künstler*innen exponieren ihre Arbeit in dichten Szenarien und Räumen, die Betrachter häufig in eine bestimmte Perspektive bzw. Modellsituation miteinbeziehen. So liest man es in der Ankündigung der Ausstellung, die mit ihrem Ansatz durchaus auch ein Wagnis ist. Wer will sich bei einem Museumsbesuch mit schwergewichtigen Fragen befassen, wer mit einer Kunst, die nicht so gefällig und massentauglich wie impressionistische oder expressionistische Malerei daherkommt?

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Vertreten sind im Ahlener Kunstmuseum: Anna Anders, Christoph Brech, Jutta Burkhardt, Homa Emami, Klaus Fritze, Andreas Gefeller, Lena von Goedeke, Lena Grebe, Andreas Horlitz, Miriam Jonas, Alexandra Knie, Thomas Wrede, Andreas Kopp, der belgische Künstler Hans Op de Beeck, Yaşam Şaşmazer, Timm Ulrichs, Bill Viola, Barbara Wrede und die aus Israel stammende, aber in LA beheimatete Noa Yekutieli. Ihnen hat man wie zum Beispiel Thomas Wrede einen eigenen „Künstlerraum“ gewidmet, hat auf einen unmittelbar stringenten Dialog und Kontroverse durch die Hängungen verzichtet.

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Thomas Wrede macht mit seinen inszenierten fotografischen Arbeiten den Anfang. Unter diesen ist auch „Fred & Red’s Cafe“, eine Szenerie, die den Begriff Badlands aufkeimen lässt. Surreal ist die Situation zudem. Inmitten von Ödnis steht hell erleuchtet ein Café. Davor ist ein helllindgrüner Mercedes abgestellt worden. Wieso ein Mercedes? Und wie ist er überhaupt hierher gekommen? Zudem fragt sich der Betrachter: Wer soll eigentlich in diese Ödnis finden, um einen Kaffee zu trinken?. Wie Thomas Wrede bei der Ausstellungsvorstellung erläuterte, fotografiere er auch für seine „Bildcollagen“ stets reale Landschaften, so auch im vorliegenden Fall. Nur er reiste dazu nicht in die Badlands in den USA, sondern besuchte eine Sandgrube in Bottrop-Kirchhellen. Sie also bildet gleichsam die „Kulisse“. Isolation und Verlorensein sind zwei Begriffe, die dem Betrachter gewiss auch durch den Kopf gehen. In einer Art Triptychon präsentiert uns der in Münster beheimatete Künstler den Rhonegletscher in der Schweiz, der mit Vliesfolien abgedeckt wird, um den Prozess der Schmelze aufzuhalten. Wind und Wetter setzen dieser Folienabdeckung zu, die so ausschaut, als wäre ein barockes Faltengewand über die Felslandschaft drapiert worden. In einer der drei Fotografien sieht man auch sogenannten Blutschnee, eingefangen von Thomas Wrede in den alpinen Sommern. Seit 2917 kehrt Wrede immer wieder an den gleichen Ort zurück, der wegen seiner Eisgrotte eine beliebte Touristenattraktion ist. Doch wie lange noch, das ist die Frage. „Nach der Flut“ ist eine andere bemerkenswerte Arbeit Wredes. Das Meer vor Amrum bildet das Landschaftsbild; Häuser für die Modelleisenbahn und ungezählte Streichhölzer verdichten sich zum Bild von Überflutung, wie wir sie sonst nur aus Bangladesch oder aus anderen riesigen Flussdeltas kennen. Doch die Flut hat nun jüngst auch Menschen im Ahrtal und der Eifel getroffen. Fasst vergessen ist dabei die Oderflut. Bewusst habe er darauf verzichtet, so Wrede, asiatische Haustypen in seine Arbeit einzubauen. Es ginge eben darum zu zeigen, wie nahe auch wir der Naturkatastrophe ausgesetzt sind.

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Medial völlig anders angelegt ist das Pflanzenlabor von Klaus Fritze, der zahlreiche Pflanzen in Nährlösungen gedeihen lässt, ob in durchsichtigen Plastikfolien oder Einmachgläsern oder anderen Glasgefäßen. „In Vitro Habitat“ nannte Fritze sein Werk. Das mutet beinahe wie ein Naturalienkabinett des 19. Jahrhunderts an oder auch an Präparate, die in Formaldehyd konserviert werden. Thematisiert wird mit diesem Labor die Frage der Ausbeutung von Natur, auch der Beherrschung von Natur und ob Natur in ihrer Dynamik unter den gesetzten Bedingungen bestehen kann, ob sich ein Kosmos unter Glas entwickelt. Längst werden ja mit Hydrokultur und Nährlösungen Salat, Tomaten, Gurken und anderes Gemüse gezogen. Leider ist nicht zu erfahren, welche Pflanzen Fritze für sein „Experiment“ ausgewählt hat.

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Das Leben in der Blase thematisiert Lena von Goedeke. Eingehüllt in Nebel ist ein bezogenes Bett, das von einer Kamera überwacht wird. Brave New World oder was? Gewiss in einer Pandemie scheint die Blase eine Lösung auf Zeit, aber nicht auf Dauer. Doch wie gehen wir mit bedrohlichen Viren um? Sars Cov2 ist ja nur einer von zahlreichen Viren, die uns herausfordern. Man könnte die Blase auch als Schutzraum für Privilegierte auffassen, oder? Wer es sich leisten kann, baut sich ein, schafft sich einen Kokon, begibt sich in soziale Isolation. Doch dann stellt sich die Frage nach der Verfasstheit einer Gesellschaft, die solche Lebensform akzeptiert.

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Nur wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung wurden an der Kieler Förde Menschen von einem Tornado vom Steg geblasen und ins Meer geschleudert. Bill Viola greift einen solchen Moment mit seiner Videoinstallation auf, die Teil der sehenswerten und nachdenkenswerten Schau ist.

Raumgreifend ist die Installation namens „The Chaos in Order“ von Noa Yekutieli, die während des Lockdowns in LA ihr Gästezimmer zu einem Atelier umgerüstet hat. Dieses Gästezimmer hat sie beinahe 1:1 in Ahlen rekonstruiert, unter anderem mit zahlreichen Scherenschnitten, aber auch amorphen Tonarbeiten sowie einem Spiegel, der eine Raumerweiterung suggeriert und die Enge überspielt. Ordnung scheint auch das Thema von Miriam Jonas, die uns in minimalistischer Manier eine Wand mit gefalteten Frotteetüchern – so der erste Eindruck – präsentiert. Doch es sind nur dünne geschichtete Frotteestreifen, die sie übereinander geschichtet hat. Ordnung halt!

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Was will uns eigentlich Hans Op de Beek sagen? Er hat im Kern eine Art Bühnenbild geschaffen. Man sieht eine graue Hausfassade mit geschlossenem Rollladen. Die Haustür ist leicht geöffnet. Dahinter brennt Licht. Die Bewohner des Hauses, ein Paar, scheinen nur mit einem Bademantel und Schlafanzügen bekleidet zu sein und verloren vor der Haustür zu stehen. Worauf warten sie? Auf Godot? Auf eine Evakuierung? Auf eine Nacht im Notquartier? Diese Fragen bleiben offen.

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Vier „Wolkenbilder“ zeigt uns Andreas Gefeller. Doch es sind keine Wolkenbilder, wie wir sie aus der romantischen Malerei eines Johann Christian Dahl oder von William Turner kennen, sondern es sind Momentaufnahmen der Bedrohung, Aufnahmen von Aschewolken, von Sturmwolken und von aufsteigenden „Feuerwolken“. Wer beim Anblick nicht an einen Vulkanausbruch oder an eine Feuersbrunst, die ganze Landstriche ausradiert denkt, scheint nicht von dieser Welt zu sein.

Wie gesagt, die Ausstellung verlangt Kopfarbeit, verlangt Einlassen auf durchaus Provokantes, verlangt Nachdenken. In der Tat die aktuelle Ausstellung macht nachdenklich.

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© Fotos/Text Ferdinand Dupuis-Panther Die Copyrights für die Werke liegen bei den Künstlern bzw. deren Rechtevertretern

Bildnachweis von oben nach unten

Thomas Wrede vor seinem dreiteiligen Werk Rhonegletscher outside Ausschnitt), 2019

Hans Op de Beek: Home (Wall Piece), 2019

Lea Grebe Cocooningg III, 2020

Thomas Wrede Rhonegletscher outside, 2018

Andreas Gefeller Clouds, 2019

Noa Yekutieli The Chaos in Order, 2020

Bill Viola The Raft 2004

Miriam Jonas Weißes Regal, 2018

Alexandra Knie Vermessung unbekannter Materie (Detail), 1921

Info
https://kunstmuseum-ahlen.de/

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