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Ahlen
Kunstmuseum

Fragile. Alles aus Glas! Grenzbereiche des Skulpturalen
bis 16.10.2022

Mit der Ausstellung Fragile. Alles aus Glas! Grenzbereiche des Skulpturalen widmet sich das Kunstmuseum Ahlen dem Thema "Licht" in neuer Weise. Glas ist ein faszinierendes, lichtdurchlässiges und reflektierendes Material, das jedoch als Ausgangspunkt für skulpturales Arbeiten problematisch erscheint. Obwohl seit der Antike produziert, konnte es sich aufgrund der komplizierten Herstellungsverfahren und seiner Empfindlichkeit zunächst nur als geschätztes und anfangs sehr kostbares Gebrauchsmaterial durchsetzen. Erst im 20. und vor allem im 21. Jahrhundert haben sich Künstlerinnen und Künstler intensiv mit dem Werkstoff auseinandergesetzt und dabei die besonderen erzählerischen Qualitäten von Glas entdeckt: Transparenz, Immaterialität und Fragilität kontrastieren zur kristallinen Härte des Materials Glas erscheint schwerelos und wiegt dennoch schwer, es besitzt eine samtene Oberfläche und gefährlich scharfe Bruchkanten.

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Harvey K. Littleton, Eye-Form, 1970er Jahre, 10 × 16,1 cm, Achilles-Stiftung, Hamburg, Foto: Achilles- Stiftung, Hamburg

Glas ist fragil – das zeigen einige Objekte, die bewusst der Zerstörung ausgesetzt wurden, nicht nur in einem Video. Glas ist formbar, lässt sich in fließenden Formen einfrieren, wie es uns Karin Sander in einigen ihrer Objekte verdeutlicht. Mit Glas in Bleifassung kann man, so Felicitas Fäßler, auch faltige Formen schaffen. Sie lassen Formen erahnen, aber sind vor allem Faltungen, so als wäre es Tuch, das da etwas verhüllt. Und die Verhüllung ist dabei vielleicht auch eine Replik auf Christo, oder?

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Tony Cragg, Eroded Landscape, 1998, Glas, sandgestrahlt, 252 × 150 × 150 cm, SCHAUWERK, Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Blickfang im ersten Ausstellungsraum ist jedoch die Arbeit von Tony Cragg, der aus „Gebrauchsgegenständen“ wie Kessel, Krug, Kelch, Glas, Vase oder Auflaufform und anderen Gefäßen einen Regalturm geschaffen hat. Die genutzten Gegenstände haben eine matte-milchglasige Oberfläche. Mit viel Fantasie kann man in Craggs Gebilde einen Eisberg oder aber eine Gletscherkuppe sehen, so wie es aus dem Begleittext zu entnehmen ist. 500 Objekte stapelte der aus Großbritannien stammende, aber in Wuppertal tätige Künstler in seinem Glasregal. „Landschaft“ nennt er übrigens dieses Werk. Dass aus drei Glasscheiten auch eine „Feuerstelle“ zu inszenieren ist, zeigt uns die Arbeit von Asta Gröting. Dank der Verfärbungen der Scheite in „glühendem Rot“ kommt diese Glasarbeit der Wirklichkeit von Holzscheiten doch recht nahe, auch wenn in einer Verfremdung.

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Kai Schiemenz, Crystal Chamber, 2013, Glas, 22 x 21 x 34 cm, Sammlung Kemmler, Stuttgart, Foto: Galerie EIGEN & ART

Glas im Fluss so wie die fließende Zeit von Dali zeigt uns an verschiedenen Stellen der Ausstellung die Künstlerin Karin Sander. Larry Bell hingegen konfrontiert uns mit drei Kuben in unterschiedlichen Verfärbungen. Die drei Objekte sind offene Würfel, in die ein Quader hineingestellt wurde. Die Farbnuancen der Objekte reichen von Indigoblau bis Hellblau. Teilweise spiegeln sich die Färbungen der Kuben in einem Glasobjekt aus geschichteten Gläsern, Karl-Heinz Adler zu verdanken. Das eigentlich durchsichtige Glas wird durch Schichtungen eher zum Spiegel und undurchsichtig, vor allem in der Mitte des Schichtobjekts.

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Peter Behrens, Bierbecher, 1902/1903, Landesmuseum Württemberg

Vorbei geht es auf dem Rundgang auch an einem gläsernen Koi, dessen stachelige Bruchglasschuppenhaut eher an einen giftigen Feuerfisch erinnert. Martha Klonowska hat sich für diese Arbeit von japanischen Holzschnitten von Utagawa Hiroshige anregen lassen. Neben Glasobjekten zeigt man in der Ausstellung auch Arbeiten auf Papier, die sich mit Glas befassen. Dazu gehören auch die unscharfen Aufnahmen von Gläsern aus dem Nachlass des Pioniers der Fotografie William Henry Fox Talbot. Cornelia Parker sind die Aufnahmen zu verdanken, die wir aktuell sehen. Konfrontiert wird diese Arbeit mit ausgestellten Trinkgläsern, unter anderem von Peter Behrens, der maßgeblich für Designs von AEG verantwortlich war, von Wilhelm Wagenfeld und Koloman Moser. Die Überfahrt in einem Containerschiff nach Montreal nutzte Christoph Brech für die Fertigstellung eines Videos, das ein schwankendes und vibrierendes Wasserglas zeigt. Dünungen des Meeres und die Vibrationen der Schiffsmotoren sind für die Bewegungen im Glas verantwortlich, die filmisch festgehalten wurden.

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Max Ernst: Drei Engel, Kunstmuseum Walter, Augsburg, foto fdp2022

Die Ausstellung präsentiert zudem einen Glasbecherdreiklang, der Arbeiten von Adolf Loos, Arnulf Rainer und Jenny Holzer vereint. Ausgangspunkt ist Loos’ Wasserbecher No 248. Der „unbehandelte“ Loos-Becher erhielt von Rainer eine Übermalung mit der Inschrift „Anfang“ und Holzer verfremdete den Becher durch die Inschrift „Truth“. In den Bereich der Archiskulptur ist das Werk von Isa Melsheimer einzuordnen. Dazu gehört auch ihr Werk „Luckhardt 3“, eine Referenz an Wassili Luckhardt, neben Bruno Taut und Hans Scharoun einer der führenden Architekten der 1920er Jahre. Die Genannten einten Architekturvisionen wie sie auch von Wenzel Hablik bekannt sind. Sie erdachten sich Lebensräume in gläsernen Bauten und im Orbit schwebend. Ähnlich wie Basaltsäulen ragen bei Melsheimer Glassäulen dicht an dicht empor. Auch mit dem Thema Glas befasst sich Gerda Schlembach. Sie schuf eine Druse, die beinahe wie eine Blüte ausschaut und deren Innenleben aus Glasbruch besteht. Die gleiche Künstlerin schuf auch einige Kuben mit Innenleben. Die Kuben bestehen aus horizontal geschichteten Scheiben. Im Inneren entdeckt man eine Lilie, ein Herz und eine Meduse. Doch dazu bedarf es des genauen Hinschauens.

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Louisa Clement, Transformationsschnitt, 2015, Ludwig Forum Aachen

Einen Raum für sich beansprucht die Arbeit von Louisa Clement namens „Transformationsschnitt“. Die schwarzen Glasbrocken, die wir sehen enthalten das Nervengift Sarin. Als Nervengift ist eine tödliche Waffe, die auch dem Regime von Saddam Hussein und Assad zur Vernichtung von Teilen der eigenen Bevölkerung im Irak und in Syrien diente. Entwickelt wurde Sarin 1938 von IG Farben in Leverkusen. 600 Tonnen der Chemikalien, die zur Herstellung von Sarin notwendig sind, konnten dem Assad-Regime entzogen und in Munster (Niedersachsen) in Glas eingeschmolzen werden. Was wir zu Gesicht bekommen sind die Glasbrocken, die wie Land Art von Robert Long anmuten und doch eine einst tödliche Fracht enthalten. Provokativ kommt Mona Hatoum daher, die nicht nur Weihnachtskugeln, sondern auch gläserne Handgranaten präsentiert und in einem Medizinschränkchen ausstellt. Ob sie da wirklich hingehören?

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L. Fontana/E. Constantini: Spaziale 2, Kunstmuseum Walter, Augsburg
foto fdp2022

Skulptur? Plastik? Happening oder was? Das ist die Frage bei der ausgestellten Arbeit von Barry Le Va. Nach genauen Handlungsanweisungen wurden Glasscheiben übereinander geschichtet und dann mit einem Vorschlaghammer traktiert. Und was ist der Sinn der Zerstörungsaktion? Der Beweis des Fragilen? Oder das Hinterfragen von Kunst durch Aktion? Das „Werk“ des 2021 verstorbenen Künstlers, trägt den Namen Shatterscatter-Aktion. Und auch Timm Ulrichs zeigt die Zerbrechlichkeit von Glas. Man betrachte seine Arbeit „Das große Glas“!

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Ausstellungsansicht foto: fdp2022

Und was haben Felix Droeses Kreuz und Halbmond mit dem Ausstellungstitel zu tun? Beide religiösen Symbole wurde in einen Holzkant gerammt. Stehen beide jeweils für Unterdrückung, Kriege, Unterwerfungen, Verfolgungen? Wer sich mit der jüngeren und jüngsten Geschichte befasst, muss die Frage wohl bejahen. „Grandpa’s Holiday“ nannte Sebastian Richter seine „Assemblage“ von gläsernen Stahlhelmen. Der Stahlhelm als Last und als Schutz – als vermeintlicher Schutz – wird in ein transparentes, fragiles Objekt transformiert und ad absurdum geführt. Längst gibt es ja gegen moderne Kriegswaffen keinen Schutz mehr. Helm und Schutzwesten scheinen eher Staffage und Erinnerung an Zeiten, in denen die Durchschlagskraft von eingesetzten Waffen nicht immer zum Tod führte.

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Ausstellungsansicht foto fdp2022

Zu sehen sind in dieser sehr sehenswerten Schau auch Studioglaswerke, unter anderem von Harvey K. Littleton. Toots Zynsky zeigt uns ein Schalenobjekt aus dünnen Glasfäden und auch Jan Fišar ist mit einem Werk in der Schau zu bewundern. Otto Piene oder? Das fragt man sich wenn man vor „Spaziale 2“ steht und die angeordneten Perforationen sowie die tiefroten Glasobjekte bestaunt. Doch schon beim Titel wird deutlich, dass Lucio Fontana hier am Werk war, in Kooperation mit Egidio Constantini. Und wer hat sich die drei Pinguine ausgedacht, die wir ebenfalls sehen? Es ist Max Ernst, der deutsche Surrealist. Wie es sich für einen Surrealisten gehört, wählte er keinen sinnfälligen Titel mit Bezug zu den Formen, sondern nannte seine Arbeit „Drei Engel“!

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Isa Melsheimer, Luckhardt 3, 2009, Courtesy Isa Melsheimer,
Galerie Jocelyn Wolff, Paris

Zum Schluss sei ausdrücklich auf drei grafische Arbeiten von Luckhardt und Hablik hingewiesen, die sich mit dem Thema Kristallformen und Idealbauten aus Glas beschäftigen. Nach dem I. Weltkrieg entstand eine Bewegung, die sich Gläserne Kette nannte und von dem Architekten Bruno Taut initiiert wurde. Den Mitgliedern der Bewegung, zu der neben Hablik und Luckhardt auch Hans Scharoun gehörten, war es, transparente Kultbauten und Siedlungsformen zu schaffen. So wirft die Schau auch ein Spotlight auf einen Aspekt zum Thema Glas, der eher wenig bekannt ist.

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Adolf Luther, Lichttropfen 1963, 160 x 52,5 x 5 cm, Aluminium, Holz, Glas, Kunstmuseum Ahlen, Dauerleihgabe Theodor F. Leifeld-Stiftung

Nachsatz

Beteiligte Künstler*innen:

Karl-Heinz Adler | Hans Arp | Peter Behrens | Larry Bell | Christoph Brech | Francois Bonvin | Erich Buchholz | Dale Chihuly | Louisa Clement | Le Corbusier | Tony Cragg | Felix Droese | Marcel Duchamp | Ayşe Erkmen | Max Ernst | Felicitas Fäßler | Gustave Falconnier | Hermann Finsterlin | Jan Fišar | Lucio Fontana | Gabriella Gerosa | Lena von Goedeke | Asta Gröting | Wenzel Hablik | Richard Hamilton | Mona Hatoum | Jenny Holzer | Bethan Huws | Martha Klonowska | Karl Köpping | Vera Lišková | Harvey K. Littleton | Adolf Loos | Adolf Luther | Christian Megert | Isa Melsheimer | Koloman Moser | Cornelia Parker | Verena Pfisterer | Otto Prutscher | Arnulf Rainer | Sebastian Richter | Richard Riemerschmid | René Roubíček | Karin Sander | Hans Scharoun | Kai Schiemenz | Gerda Schlembach | Thomas Schütte | Robert Smithson | Studio Seguso Arte Vetro | Lino Tagliapietra | Bruno Taut | Timm Ulrichs | Barry Le Va | František Vízner | Wilhelm Wagenfeld | James White | Jörg F. Zimmermann | Toots Zynsky

Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit den Städtischen Museen Heilbronn, Kunsthalle Vogelmann, Kuratorin: Dr. Rita E. Täuber.

© ferdinand dupuis-panther / Die Werke unterliegen dem Urheberrechtsschutz/Urheberechte liegen bei den Künstlern bzw. Rechtevertretern

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Timm Ulrichs, Das getarnte Haus, 115, 2012, Spiegelhaus, Courtesy Artist,

Info
https://kunstmuseum-ahlen.de/

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