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Ahlen
Kunstmuseum

EPOCHE ZERO Die Sammlung Lenz Schönberg zu Gast.
bis 12. Februar 2023


1958 in Düsseldorf von Otto Piene und Heinz Mack gegründet und später durch Günther Uecker ergänzt, suchte die Künstlergruppe Zero nach neuen Ausdrucksformen, die der Zerrissenheit der eigenen Zeit gerecht werden sollte. Wie könnte künstlerische Arbeit nach den Gräueltaten im Nationalsozialismus aussehen? Wie ließ sich in einer Gesellschaft arbeiten, die keine Stunde Null erlebt hatte? Davon ausgehend entwickelte Zero künstlerische Formen, die zur meditativen Versenkung einluden, die aber auch das Licht und die Transparenz feierten. Weit über die Kerngruppe hinaus entstand in den 1960er Jahren eine offene europäische Aktionsgemeinschaft, die durch Freundschaften und Netzwerke eng verbunden war und die das Kunstgeschehen über Jahrzehnte prägte. Die private Sammlung von Gerhard und Anna Lenz repräsentiert diese künstlerische Entwicklung in ihrer ganzen Breite und in herausragender Qualität. Eine Auswahl wird im Kunstmuseum Ahlen zu sehen sein. Etwa 60 Arbeiten entfalten die künstlerische Bandbreite der Epoche Zero. Auswahl der Künstler*innen: Hermann Bartels | Lucio Fontana | Hermann Goepfert | Gotthard Graubner | Yves Klein | Walter Leblanc | Heinz Mack | Christian Megert | Roman Opalka | Otto Piene | Arnulf Rainer | Günther Uecker.

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Gnther Uecker, Kreis Kreise, 1985, N"gel und Grafit auf Leinwand auf Holz, 200 x 200 x 10 cm, Philipp Schönborn, München, VG Bild Kunst, Bonn 2022

Wer eine Ausstellung mit Künstlerräumen erwartet, vor allem mit solchen von Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker, der wird diese in Ahlen nicht finden, sieht man einmal davon ab, dass im obersten Geschoss des Museums die „Zahlwerke“ von Roman Opalka exklusiv präsentiert werden. Es sind große Paneele, die erst bei näherer Betrachtung akribisch gesetzte Zahlenreihen „enthüllen“. Diese sind gleichsam auf schuppig-überlappenden schmalen Rechtecken gesetzt worden, so der flüchtige Eindruck Von Weitem sind es eher grau-marmorierte und in Grautönen changierende Großformate, die beinahe monochrom erscheinen.

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Gotthard Graubner, Farbraumköper Hommage … Monet, 1985, Öl und Acryl auf Leinwand ber Synthetikwatte auf Leinwand, 250 x 250 x 12 cm

Es geht in Ahlen im Kern darum eine Sammlung zu zeigen, die sich den ZERO-Künstlern und Zeitgenossen wie Yves Klein, Jef Verheyen, Lucio Fontana und anderen widmet. Die Sammlung steht also im Fokus. Dabei scheint durchaus neben dem Dialogischen auch das Kontroverse eine Rolle zu spielen. Uecker trifft dabei unter anderem Graubner, aber auch Mack. Nein, die Lichtinstallationen von Otto Piene sind nicht Bestandteil der Sammlung. Wer diese sehen möchte, der ist gut beraten in Münster das LWL Museum für Kunst und Kultur zu besuchen. Ja, die Nagelbilder, aber nicht nur die von Günther Uecker sind Bestandteil der Sammlung. Diese Sammlung wird in der aktuellen Hängung begleitet von Künstlerzitaten, die allerdings weniger poetisch ausgerichtet sind als die Bildtafeln mit literarischen Impulsen, die wir im Katalog finden.

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Hermann Bartels, Gelbes Bild, 1959, Ölfarbe gespachtelt und gemalt, 76 x 53,3 cm, Sammlung Lenz Schönberg. Foto Archiv Lenz Schönberg

Und noch etwas ist nicht genuine Funktion der Ausstellung: die Einbettung der Gruppe ZERO in die gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik. Gab es da nicht auch nach 1945 eine proklamierte Stunde Null, die sich bei genauer Betrachtung eben nicht als Neuanfang herausstellte? Die Künstler, die im Nachkriegsdeutschland tätig waren, waren an einem Neuanfang interessiert, verweigerten sich der Instrumentalisierung, nahmen Abstand vom Gegenständlichen. Es gab jedoch Ausnahmen, denkt man an die Liste der „Gottbegnadeten“, sprich der von Hitlers Gnaden. Und diese wirkten in der neuen Bundesrepublik weiter. Da gab es eben keinen Bruch, sondern Kontinuität. Das betraf dabei nicht nur Arno Breker. Insoweit war die Abkehr vom Figurativen ein entscheidender Schritt. Er war radikal in Form und Inhalt, wie man beim Rundgang durch die Ausstellung sehen kann.

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Manzoni Piero, o.T. Achrome, 1957, mit Kaolin, Farbe und Leim getränkte Leinwand, 73 x 60 cm, Philipp Schönborn, München, VG Bild Kunst, Bonn 2022

Teilweise erscheinen die in einzelnen Räumen platzierten Künstlerzitate fast apodiktisch. Man denke dabei an Yves Kleins Aussage: „Die Farben sind die wahren Bewohner des Raumes … Durch die Farbe spüre ich eine vollständige Identifizierung mit dem Raum, ich bin wahrhaft frei.“ Und Günther Uecker, der nicht davor zurückschreckte Nägel in die Leinwand zu treiben und diese bewusst zu verletzen, ist mit folgenden Worten zu hören: „Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht … Jeder Nagel ist eine plastische Linie.“ Uecker scheint dabei durchaus eine Nähe zu Lucio Fontana aufzuweisen, der durch das Aufreißen und das Aufschlitzen von Leinwänden Räume schuf, ohne plastisch zu arbeiten.

Gleich im Erdgeschoss fällt der Blick auf ein Ueckersches Nagelbild. Es trägt den Titel „Kreis Kreise“ und entstand 1985. Teilweise drängt sich dem Betrachter der Eindruck auf, er sehe radiale Strahlungen, bedingt durch die Art der Verdichtung und der Neigung der eingeschlagenen Nägel. Aluminium und Plexiglas sind die Materialien, die Heinz Mack für seine Arbeit „Flügel des Erzengels Michael“ verwendete. Vegetabil oder nicht – das fragt man sich aus der fernen Betrachtung. Wie ein riesiges Blatt und wie ein silbern glänzender Poncho mutet das an, was wir sehen. Farbraumkörper waren das „Markenzeichen“ von Gotthard Graubner – und auch diese finden sich im Erdgeschoss des Kunstmuseums. Dabei steht eine Arbeit durchaus in Bezug zum Seerosenteich von Monet, sieht man doch verwischte rote Lotosblüten auf dem Farbmeer Graubners schwimmen.

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Jean Tinguely, No.10 Fixation Ovale, 1958 bis 59, Schwarze Holztafel mit Metallelementen, alle weiss bemalt, 90,5 x 120 cm, Sammlung Lenz Schönberg. Foto Philipp Schönborn, Mnchen

Auch wenn wir keine Lichtskulptur Pienes in Ahlen sehen, so ist das Thema Licht doch auch gegenwärtig. Das gilt für „Gelbgelbweißheißschnell“. Ovale und konzentrische Formen aus Punkten umgeben eine mittig gesetzte „Flamme“, so als würde der Lichtschein sich ausbreiten und brechen.

Dass man aus Geigen und Geigenbögen durchaus eine Skulptur formen kann, unterstreicht Arman mit „Armandus de cremone faciebat Anno 1961“. Ausrangierte Musikinstrumente sind zu sehen, so ausrangiert wie Autoteile auf einem Verwertungshof. Dass Graubner nicht nur Farbkissen bemalte, zeigt eine abstrakte Arbeit namens „Schwarze Scheibe“. Wer beim Betrachten der Arbeit an die Suprematisten denken muss, liegt nicht ganz falsch, wenn auch Graubners Werk nicht so strukturiert streng ist wie solche von Malevitch und Konsorten. Die Aufhebung der Zweidimensionalität durch das Falten von Leinwand, die in Kaolin, Farbe und Leim getaucht wurde, lag Piero Manzoni am Herzen. Dabei fällt auf, dass die Faltungen links eher horizontal, die rechts eher vertikal ausgerichtet sind. So scheint beinahe eine abstrakte Landschaft mit Bäumen zu entstehen. Und was hat Arnulf Rainer da in seinem Werk verschwinden lassen? Es ist eine Arbeit, die „Gelbe Übermalung“ heißt. Geht es etwa um das Verschwinden des Figurativen?

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Oskar Holweck, Tuschezeichnung 18-V57, 1957, Schwarze Tusche auf Papier, 65 x 50 cm, Philipp Schönborn, Mnchen

Ein niedriger blauer Tisch, geschaffen von Yves Klein, wartet beim Rundgang auf Besucher. Nur die Stühle fehlen. Rorschachtest oder flüchtiges, verwackeltes MRT – das fragt man sich beim Betrachten von „Anthropometrie ANT 131“. Und auch in diesem Werk ist das patentierte Yves-Klein-Blau zu finden. Beinahe dem Blick entrückt, ist ein Kleinformat von Yves Klein. Keine Frage: Es geht ums Blau in „Monochromes Blaues Bild IKB 146-148“.

Auch ein kinetisches Objekt ist Teil der Ausstellung. Erdacht hat es der aus Fribourg/Schweiz stammende Jean Tinguely, dem in Basel ein eigenes Museum in Rheinnähe gewidmet ist. Nein, die großformatigen Schrottmaschinen muss man dort anschauen., in Ahlen hingegen gibt es etwas Kleinformatiges. Auf schwarzem Grund rotieren organisch geformte Metallteile, die wie zufällige Cut-outs anmuten. In Bewegung gesetzt wird das Werk Mo bis Sa ab 15.30 h zu jeder Std. und am So ab 11.30 h.

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Otto Piene, Green Fan - Grüner Fächer, 1990, Feuergouache, 73 x 101 cm, Archiv Lenz Schönberg, VG Bild Kunst, Bonn 2022

Beim weiteren Rundgang erleben wir die „Gelbe Flut“ von Uecker. Hier sind die Nägel in Reih und Glied ins Holz und Leinwand geschlagen worden. Durch das auf die Arbeit gelenkte Licht, ergeben sich diagonale Schattenwürfe der Nägel. Wir sehen zudem ein weiteres Lichtrelief von Heinz Mack aus Alufolie. Eine andere Form des Reliefs schuf Jan Jacobus Schoonhoven. Weiß pigmentiert sind in fünf Lagen die Zieharmonikafaltungen in jeder Lage. Avantgardistischer Setzkasten oder was? Eine Reihe von ausgestellten Exponaten mit flirrenden Farblichtmeeren sind dem belgischen Künstler Jef Verheyen zu verdanken. Dass nicht allein Yves Klein das Monochrome schätzte, unterstreicht Turi Simeti mit „Schwarzes Bild“. Dies ist in einen grauen Rahmenkasten gesetzt worden, so als wäre es Teil einer Guckkastenbühne. Wie im Wind tanzende Halme schauen die Halmbündel in Orange, Violett und Grün aus, die Bridget Riley mit Aquarellfarben und Bleistift auf Millimeterpapier gebannt hat. Vegetabiles gelang auch dem niederländischen Künstler Herrman de Vries. Der einen Blätterreigen auf Papier schuf.

Die sehr dynamisch und luftig gehängte Ausstellung erleichtert das Verweilen vor einzelnen Exponaten. Der Blick kann sich sozusagen am Exponat festsaugen, wird nicht durch dichte Hängung irritiert. Zugleich ist die Schau auch ein „wahrer Bilderbogen“ durch die Kunstgeschichte der 1960 bis 1980er Jahre. Hingehen, eintauchen, staunen, betrachten …

© ferdinand dupuis-panther

Vorschau
30 Jahre Kunstmuseum Ahlen

Aufbruch! Junge Moderne aus unserer Sammlung 05. März – 11. Juni 2023 Mit den Highlights aus unserem Sammlungsbestand zur Klassischen Moderne eröffnen wir unser Jubiläumsjahr zum 30-jährigen Bestehen des Kunstmuseum Ahlen. Die Ausstellung Aufbruch! Junge Moderne aus unserer Sammlung stellt Positionen aus Malerei, Zeichnung und Druckgrafik von der Jahrhundertwende bis in die 1930er Jahre vor, nimmt sie vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen über die "Moderne" neu in den Blick, fragt nach künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in jener Zeit und macht auf Netzwerke, Freundschaften und einflussreiche Verbindungen zwischen Künstler*innen und Kunstzentren aufmerksam. Im Neubau laden wir zeitgenössische Künstler*innen aus unserer Sammlung zur Intervention ein: Im Erdgeschoss zeigt die Schweizer Künstlerin Susanne Lyner (*1949), im Kontext von Landschaftsgemälden der Klassischen Moderne, eine Serie quadratischer Arbeiten, die durch das Werfen von Farbe auf Leinwand entstehen. Im ersten Obergeschoss richtet der ukrainische Künstler Aljoscha (*1974) eine Installation ein, die auf die dort gezeigten Stillleben reagiert.

Info
https://kunstmuseum-ahlen.de/

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