DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Ausstellungsorte in Berlin Deutsches Historisches Museum / DDR-Museum / Museum der Dinge / Medizinhistorisches Museum / Topographie des Terrors / Berlinische Galerie

Berlin
Berlinische Galerie

Ferdinand Hodler und die Berliner Moderne
bis 17.01.22

Ferdinand Hodlers (1853–1918) ausdrucksstarke Figurenbilder, Berglandschaften und Porträts sind Ikonen der Moderne. Bereits zu Lebzeiten fand das Werk des Schweizer Malers, der den Symbolismus mitgeprägt hat, international große Beachtung. Was heute kaum noch bekannt ist: Hodlers Weg zum Ruhm führte über Berlin. Von 1898 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs stellte der Künstler nahezu jährlich hier aus. Die Ausstellung "Ferdinand Hodler und die Berliner Moderne" zeigt rund 50 Gemälde des Künstlers, darunter 30 aus dem Kunstmuseum Bern, das Kooperationspartner der Schau ist. Hinzu kommen weitere Werke von Künstler*innen der Berliner Secession, die mit Hodler zusammen in Berlin ausgestellt haben, wie Lovis Corinth, Walter Leistikow, Hans Thoma und Julie Wolfthorn.

hodler1

Ferdinand Hodler, Bildnis Gertrud Müller, 1911,
Foto: © Kunstmuseum Solothurn Dübi-Müller-Stiftung

Als Maler des Symbolismus verstand sich der aus Genf stammende Ferdinand Hodler nicht. Nein, einen Symbolismus wie ihn Edvard Munch oder Arnold Böcklin pflegten, findet man Hodler nicht. Doch aufgeladen und teilweise auch esoterisch zu deuten sind sie wohl. Im O-Ton: „Ich bin kein Symboliker.“ Und weiter: „Ich bin kein Allegoriker, kein Seiltänzer und kein Symboliker, denn meine Werke stellen nichts Übersinnliches, Unsichtbares, Deutungsbedürftiges, sondern die Wirklichkeit, wie ich sie sehe, dar.“ … „Ich bin ein Darsteller seelischer Regungen.“

knabe-kniend

Ferdinand Hodler, Anbetung, 1893/94, Foto: © Kunsthaus Zürich

Berlin spielte für Hodler eine wichtige Rolle, führte doch die künstlerische Anerkennung über das preußische Berlin und auch über die Mitgliedschaft in der Berliner Secession. Früh hatte Hodler jedoch auch zu anderen Kunstzentren wie Wien, München und Paris Kontakte. Doch Berlin bildete eine Ausnahme. Zu Lebzeiten hat sich Hodler an 40 Ausstellungen beteiligt, so ist in den Einführungen zur Präsentation zu legen. Was lag also näher, als eine Retrospektive Ferdinand Hodler in Berlin zu inszenieren, in einer Stadt, in der der Künstler dreimal zu Besuch war.

sommerlandschaft

Ferdinand Hodler, Sommerlandschaft (Der Kastanienbaum), um 1901, Foto: © Kunstmuseum Bern

Themen der ausgezeichnet textlich unterfütterten Schau sind „ Tanz& Rhythmus“ – da scheint der Hodlersche Sinn für die Anthroposophie durchzuschlagen - , Parallelismus sowie Harmonie von Mensch und Natur. Wer sich ins Werk Hodlers vertieft, der wird ohne Frage auf die rhythmische Abfolge von Farben, Formen und Figuren stoßen. Aus einem Nachruf von Theodor Däubler, Dichter und Kulturkritiker, lesen wir: „Hodler kann man als einen der ersten Expressionisten bezeichnen. Hodler überwand den Farbfleck des französischen Impressionismus.“ Da ist gewiss etwas dran.

Dass er Anfeindungen erdulden und Ausschlüsse von Ausstellungen erfahren musste, gehört zur Biografie des Schweizer Malers, der sich 1914 in einem Aufruf gegen den Beschuss der Kathedrale von Reims wandte. Was folgte war ein Bann. Museen entfernten seine Werke. Künstlerbünde schlossen ihn aus. Vergessen war der Erfolg auf der Großen Werkschau 1904.

heilige-stunde

Ferdinand Hodler, Heilige Stunde, 1911, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur; © SKKG, 2020 // SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

Hodler Leben war überschatten von den Erfahrungen des Todes, Unter dem Stichwort „Immer ein Toter zu Hause“ erfahren wir, dass die Eltern und vier seiner jüngeren Brüder an Tuberkulose verstarben. Auch die einzige Schwester wurde durch Schwindsucht dahingerafft. Dieser Umstand hat Hodler gewiss geprägt. Zugleich wissen wir, dass er ein Frauenheld war und im Laufe seines Lebens zahlreiche Geliebte hatte und zugleich verheiratet war. Eine dieser Geliebten war Valentine Godé-Darel, die an Krebs erkrankte und deren Sterben der Künstler begleitet. Dabei hat er das Sterben in zahlreichen Arbeiten festgehalten. Ähnliches geschah mit einer weiteren Geliebten, mit Augustine Dupin, die Hodler auch nach der Trennung täglich besuchte und sie in den Tod begleitete. Sehr beeindruckend ist das Bildnis der Sterbenden vom 14.11.1909.

der-tag

Ferdinand Hodler, Der Tag, 1899-1900, Foto: © Kunstmuseum Bern

Auch das als Skandalbild betrachtete Gemälde „Die Nacht“ hat man nach Berlin geholt. Es wurde 1891 aus einer Ausstellung entfernt. Zeigt es nun die schiere Todesangst Hodlers in der Mitte des Bildes nebst einer schwarzen kauernden Gestalt, die man als Tod kennzeichnen könnte, oder stehen hier Sex und Eros im Fokus, wenn man die Schlafenden sieht, einzeln, als Paare oder gar als Menage à trois, wenn man so will? Besteht eine Verwandtschaft zwischen Schlaf und Tod könnte aus der Arbeit aber auch herausgelesen werden. Gegenüber gehängt wurde in „Der Tag“. Wir sehen zudem „Die heilige Stunde“ mit Bezug auf die in Blau gekleidete Maria. Dabei kann man die sakrale Anmutung, der vier dargestellten Frauen nicht von der Hand zu weisen. Teilweise scheint die Gestik manieriert, aufgesetzt und stilisiert. In dieser Arbeit ist sowohl die Symmetrie als auch der Parallelismus nicht zu übersehen. Innen sitzen zwei Frauen in tiefblauem Gewand, jeweils rechts und links davon eine mit himmelblauem Gewand und in seitlicher Sitzposition.

zwiegespräch

Ferdinand Hodler, Zwiegespräch mit der Natur, 1884, Foto: © Kunstmuseum Bern

Eine Gruppe mit fünf Männern, von denen nur einer keinen Bart und keine weiße Mönchskutte trägt, ist auch Hodler zu verdanken: „Die Lebensmüden“. Warten die Männer, deren Blick auf den Boden gerichtet ist, auf den Tod. Man könnte ach annehmen, sie suchten ihre Mitte, seien mitten in der Meditation. Erstmals war dieses Werk 1907 bei Paul Cassirer zu sehen und muss schon als symbolistisch-visionäre charakterisiert werden. Todessehnsucht scheint nicht unbedingt aus der Arbeit ablesbar, Suche nach Ruhe, nach Weltabgeschiedenheit schon eher.

maeher

Ferdinand Hodler, Der Mäher, 1909/10, Foto: © Kunstmuseum Bern

Frauendarstellungen sind bei Hodler wesentlich dominanter als Männerbildnis, wenn sich auch bei den Porträts die der Frauen und die der Männer in der Ausstellung die Waage zu halten scheinen. In „Der Tag“ sind gleich fünf Frauen als Akte präsent, die sich augenscheinlich die Schamhaare abrasiert haben. War und ist das nicht erst ein Trend seit den späten 1960er und 1970er Jahre? Oder gab es schon zu Hodlers Zeiten eine Bewegung, die Achsel- und Schambehaarung als unweiblich ansah. Und bei diesen Hodlerschen Akten dominiert eine herausgestellte Gestik der Arme und Hände. Das gilt auch für das gezeigte Gemälde „Lied der Ferne“.

fruehling

Ferdinand Hodler, Der Frühling, ca. 1910, © Privatsammlung

Gänzlich im Kontrast zu den Menschenbildern, die eigentlich Frauenbilder sind, stehen die Landschaften und die Ansichten vom Thunersee, die uns Hodler hinterlassen hat. Unter anderem steht man vor einer Seeansicht von Leissingen aus. Die in zwei Reihen dargestellten Wolken scheinen als ein starres weißes Band, teilweise auch als ein fragmentiertes. Die Berge erscheinen wie skulptiert, scharfzackig, mit Ecken und Kanten, nicht rund und organisch. Die Seefläche ist glatt und schimmert von Taubenblau bis Smaragdgrün . Sie stößt an einen steinigen und sandigen schmalen Strand im Bildvordergrund. Von Rot bis Tiefbraun changieren die Farben, mit denen Hodler das Jungfrauenmassiv auf die Leinwand gebannt hat. Auch ein Winterbild des Thunersees ist in der Berlinischen Galerie zu sehen.

lebenmueden

Ferdinand Hodler, Die Lebensmüden, um 1892, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur, Foto: © SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

Weniger beeindruckend erscheinen die Porträts, ob nun das von Josef Victor Widmann oder Hans Mürsel. Die porträtierten Männer erscheinen bieder, steif und konservativ. Die Frauenbildnisse zeugen eher von Dynamik und Aufbruch, so auch das Bildnis von Clara Pasche-Battie. Auch „Blick ins Unendliche“ zeigt eine Porträtierte, die Hodler diagonal in die Bildfläche gesetzt hat und deren Blick sich nach oben richtet. Zu sehen ist eine Langhaarige mit einem doch kantigen Gesicht, wenn auch mit tiefroten Lippen, also durchaus mit weiblichen Attributen. In der Reihe der Porträts steht auch das Selbstbildnis von 1916. Ist da nicht Hodler mit verschmitztem Gesichtsausdruck zu sehen?

selbstbild -hodler

Ferdinand Hodler, Selbstbildnis, 1916, Foto: © Kunstmuseum Bern

Eingestreut in die Schau sind auch Arbeiten von Leistikow oder Thoma, die dialogisch zu den Motiven von Hodler gesetzt wurden. So sehen wir unter anderem „Herbst (Norwegisches Hochgebirge)“ von Walter Leistikow. Diese Ansicht fehlt das Magische, das die Landschaftsbilder Hodlers ausmachen. Leistikow ist im Realismus eingebunden, zeigt eine Hochgebirgslandschaft mit Gletscherzunge und Gletschersee. Die Sonne bricht im Übrigen über den schroffen Gipfel auf. Man betrachte mal dagegen „Die Dents Blanche“ (1917) ! Da hat man eher die Landschaften von Ernst Ludwig Kirchner vor Augen und taucht in pastellfarbene gefühlte Farben ein, oder? Aber es ist eine Arbeit Hodlers, die uns eher das Magische der Schweizer Bergwelt nahebringt. Schließlich sei noch auf die Thematik „Tanz und Bewegung“ hingewiesen. Spätestens dann kommt dem Besucher doch Steiner und die Anthroposophie in den Sinn.

thunersee

Ferdinand Hodler, Thunersee von Leissigen aus, 1904,
Foto: © Kunstmuseum Bern

Die Ausstellung ist rund und nimmt dann der intensiven Einführungstexte jeden mit auf die Entdeckung der Welt von Ferdinand Hodler, dessen Arbeiten im Übrigen im Kunstmuseum Bern zu bewundern sind, wenn sie denn nicht gerade auf Reisen sind!

© ferdinand dupuis-panther

Berlinische Galerie
https://berlinischegalerie.de/besuch/ihr-besuch/

zur Gesamtübersicht Ausstellungen