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Berlin
Brücke Museum

1910: Brücke. Kunst und Leben bis 28. August 2022

1910 war eines der prägendsten Jahre der Künstlergemeinschaft Brücke und ihr künstlerischer Höhepunkt. Fünf Jahre zuvor von den Architekturstudenten Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff in Dresden gegründet, fand die Gruppe in diesem Jahr ihren gemeinsamen Stil. Im Atelier oder draußen in der Natur arbeiteten die Künstler intensiv zusammen und beeinflussten sich dabei gegenseitig. Schnelle Pinselstriche, kräftige Farben und eine unverstellte Energie kennzeichnen ihre Arbeiten in dieser Zeit. Die Ausstellung ist Teil einer dreiteiligen Reihe, die zentrale Jahre der Künstlergruppe Brücke kulturgeschichtlich anhand des reichhaltigen Bestandes des Brücke-Museums untersucht.

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Erich Heckel, Am Teich, 1910, Aquarell über Bleistift, Brücke-Museum Print: © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen Online: © VG Bild-Kunst, Bonn

Das Thema Dresden und die Brücke wird ebenso behandelt wie die Beziehungen von einigen Künstlern zu Dangast. Ein eigenständiges Kapitel widmet sich der Galerie Arnold, die nicht nur Werke der Brücke-Künstler zeigte, sondern auch solche von Paul Gaugin. Auf die Kunst des Aktes im Schaffen von Heckel, Schmidt-Rottluff, Mueller, Pechstein und Kirchner sowie Nolde wird ebenso eingegangen wie auf das Thema Neue Secession sowie Cabaret und Varieté.

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Ernst Ludwig Kirchner, Artistin, 1910, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum

Statt eine Zeitleiste zu den einzelnen Kapiteln zu zeigen, hat man sich bei der Anlage der Ausstellung darauf fokussiert, „Alltagsdaten“ zur Einordnung der Malerei der Klassischen Moderne zu liefern, ob die Einwohnerzahl im Deutschen Reich, die Zahl der Telefone, der Preis für Butter und für Schweinefleisch, die Jahresdurchschnittstemperaturen, das Gourmetgericht des Jahres, Fasan auf Sauerkraut und die deutschen Nobelpreisträger im Jahr 1910. Da ist also nicht von der gewaltigen Waffenproduktion durch die Krupp-Werke, nicht vom Aufstand gegen den Zaren im Jahr 1905 und auch nicht von anderen Künstlervereinigungen wie die von St.Martens-Latem zum Beispiel die Rede. Das ist auch nicht notwendig, denn auch die gegebenen Daten vermitteln ein Bild des Deutschen Reiches zurzeit der Künstlervereinigung Die Brücke.

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Ernst Ludwig Kirchner, Heckel, ruhend, 1909/10, Tusche, Brücke-Museum

Die Saaltexte sind kurz und prägnant. Sie werden von O-Tönen der Künstler begleitet. Hier und da wurden Faksimile von Fotos als Wandgründe eingesetzt, um darauf Texte und einzelne Kunstwerke zu platzieren. So findet man ein Foto von Dresden im entsprechenden Kapitel ebenso wie von den Moritzburger Teichen an anderer Stelle. Nicht nur grafische Arbeiten und Ölgemälde sowie Aquarelle werden gezeigt, sondern auch Druckstöcke für Vignetten und für die Mitgliedsausweise der passiven Mitglieder der Brücke. Auf einem dieser Ausweise – ausgestellt für Gustav Schiefler, seines Zeichens Landgerichtsdirektor in Hamburg und zudem Sammler sowie Kunstmäzen – sieht man den Brückenschlag von der Dresdner Altstadt zur Neustadt über die Elbe. Unter den Brückenbögen sieht man ein Dampfschiff dahinstampfen und einen Segler. Auf der Brücke stehen vier Personen. Ist das vielleicht auch der Bezug zum Namen „Die Brücke“, sprich der „Dresdner Brückenschlag“?

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Erich Heckel, Brücke 1910 EL Kirchner, Umschlag der "V. Jahresmappe" der Brücke, 1910, Holzschnitt, BrückeMuseum, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung Print: © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen Online: © VG Bild-Kunst, Bonn

Dresden und die Brücke

Das Verhältnis der Brücke-Künstler zu Dresden schien nicht harmonisch und auch nicht von überschwänglichen Emotionen begleitet, vergegenwärtigt man sich des nachfolgenden Zitats: „ Es ist unbegreiflich, daß Dr(esden) den Ruf einer Kunstlandschaft genießt, ganz unbegreiflich …“ (zit. Karl Schmidt-Rottluff). Schmidt-Rottluff hatte sich trotz seiner Vorbehalte gegen das Elbflorenz in der Berliner Straße (Dresden-Friedrichstadt) niedergelassen. Heckel hatte in dieser Straße sein erstes Atelier und auch Kirchner ließ sich in dieser Straße nieder, die somit durchaus ein wichtiger Bezugspunkt der Künstlergruppe wurde. Doch das Herz der Künstler schlug eben nicht für das Elbflorenz. Kirchner zum Beispiel ging 1911 nach Berlin.

Kleine Fluchten unternahmen die Künstler vor allem im Sommer, so Schmidt-Rottluff, den es nach Dangast und Varel, also an die Nordseeküste zog. 30 Landschaftsgemälde schuf Schmidt-Rottluff in der Sommerfrische Dangast. Auch Heckel zog es nach Dangast. Er war ja so eine Art Anker, ein Verbindungsglied zu all den anderen Künstlern der Brücke. Auch der in Berlin-Wilmersdorf lebende Max Pechstein war gelegentlich Gast am Nordseestrand. Dresden verblasste als Ort der Brücke. Mehr und mehr war es Berlin, die Stadt mit dem aktuellen Pulsschlag, die die Künstler besuchten oder dort lebten wie Otto Mueller. Sein Domizil lag in Berlin-Steglitz, Mommsenstraße 60. Intensiv war die Korrespondenz der Künstler untereinander, vor allem aber mit Heckel. Dabei wurden Postkarten mit grafischer Gestaltung verschickt. Wie eng die Beziehung einzelner Künstler zueinander war, unterstreicht das Porträt von Heckel, das Max Pechstein schuf. Heckel ist mit Halstuch und einem Schnurrbart zu sehen.

Nur als Mitglieder einer Gemeinschaft hatten die Künstler überhaupt eine Chance, ihre Kunst zu präsentieren. Die klassische Moderne war im Gegensatz zu heute nicht en vogue. Vielmehr dominierten der französische Impressionismus und der Expressionismus eines van Gogh. Förderer, sogenannte passive Mitglieder wie Harry Graf Kessler und die Kritikerin Rosa Schapire, waren sicherlich auch wichtige Förderer und Fürsprecher. Diese bedachte man u.a. mit druckgrafischen Jahresmappen. Wie gesagt, die Künstler waren unter einander eng verbunden. Max Pechstein verdanken wir das Porträts von Otto Mueller in Tusche, Feder und Pinsel. Kantig ist das Gesicht, hoch ist die Stirn, fern ist der Blick, gekerbt ist das Kinn. Schmallippig ist er nicht, wie es in einem Text an anderer Stelle der Ausstellung heißt.

Welche Bedeutung der Holzschnitt für die Brücke-Künstler hatte, wird im Verlauf der Schau deutlich und auch in einem gesonderten Kapitel hervorgehoben. Zu den Holzschnitten gehörten auch Signets wie das des stehenden Aktes. Dieses ziert einen Briefumschlag an den Landgerichtsdirektor Schiefler.

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Karl Schmidt-Rottluff, Deichdurchbruch, 1910, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum © VG Bild-Kunst, Bonn

Galerie Arnold, die erste Adress

Die erste Adresse für moderne Kunst in Dresden war die Galerie Arnold. Kein Wunder, dass sich die aktuelle Schau mit dem Wirken dieser Galerie beschäftigt. Erstmals waren hier Werke von van Gogh und Gaugin zu sehen, die die Künstler der Brücke schwer beeindruckten. Neben Gaugin zeigte die Galerie Arbeiten von Schmidt-Rottluff, Kirchner, Heckel und Pechstein sowie von Cuno Amiet und Otto Mueller. Das Plakat für die Ausstellung entwarf Kirchner. Blickfang ist dabei ein sitzender weiblicher Akt. Die Kritik war teilweise ob der ausgestellten Werke empört. In Leben-Wissen-Kunst vom 7. Sept. 1910 war Folgendes zu lesen: „Die Koloritexzesse und Linientobsuchtsanfälle der Brückemeister sind nur ein schüchterner Veitstanz als Vorspiel zum großen Hällenkarneval …“. Ist hier nicht schon angelegt, was sich dann in der Diffamierung als Kunst von Geisteskranken und als entartete Kunst Jahrzehnte später manifestierte?

Ja, Farbexplosionen sind es, die die Malerei der deutschen Avantgarde des beginnenden 20. Jahrhunderts auszeichnet. „Deichdurchbruch“, in feuriges Rot getaucht und von Schmidt-Rottluff geschaffen, ist so ein Werk, das in Farbe schwelgt. Nur schemenhaft erkennt man vor dem Durchbruch, der von einer Brücke überwölbt wird, zwei Personen. Rote Schlieren durchziehen den Himmel. Sattgrüne Flächen auf dem Deich sind ebenso zu erkennen. Von Schmidt-Rottluff stammt auch der Holzschnitt des Vareler Hafens. Im Vordergrund sieht man den schwarzen Schiffsrumpf eines Seglers, der an der Kaimauer liegt, dahinter die Backsteinhäuser längs des Kais. Welch ein Kontrast ist dies zu dem Porträt von zwei Nackttänzerinnen, die Max Pechstein in Öl festgehalten hat. Na ja, ganz nackt wie Josephine Baker sind die Damen nicht. Sie haben ihre Brüste entblößt. Die eine mit roten Strümpfen und gelbem Rock bekleidet scheint sich in die Waage zu begeben, festgehalten von der anderen, die schwarze Pumphosen trägt und gleichfalls ihre Brüste präsentiert. Und all das im prüden wilhelminischen Deutschland!

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Ernst Ludwig Kirchner, Liegender Akt vor Spiegel,1909/10, Öl auf Leinwand, BrückeMuseum

Die Brücke und die Nackten

Die Aktmalerei und das Nacktbaden als Ausdruck einer neuen Körperlichkeit sind es, die Moralapostel gegen die Brücke-Maler aufbringen. Heute ist ein sitzender Akt wie der von Schmidt-Rottluff in Holz geschnitten kein Aufreger mehr. Die Dargestellte hat ihre Arme hinter dem Kopf verschränkt. Oder macht sie sich die Haare? Doch nicht allein die Aktdarstellung ist bei den Brücke-Malern zu finden, sondern auch Straßenszenen oder Landschaftsansichten. Man denke an Heckels Arbeit „An den Moritzburger Teichen“ von 1909. Mit wenigen flüchtig gesetzten Strichen gelang es Heckel ein Gehölz zu inszenieren. Skizzenhaft hingeworfen erscheint in Aquarell „Badende im Schilf“. Motto: „Es gibt nichts Wertvolleres als Akte im Freien.“ (zit. Ernst Ludwig Kirchner). Nicht nur Kirchner, sondern auch Heckel und Pechstein liebten die Moritzburger Teiche. Es war ihr Ausflugsziel nahe Dresden schlechthin, und das zu einer Zeit, als in Deutschland der erste FKK-Club gegründet wurde. Nur wilhelminische Spießer und Zeitgenossen der Künstler störten sich an den Nacktbadenden, rümpften die Nasen über die verwerflichen Darstellungen wie in „Zwischen Schilf“. Man zweifelt beim Anblick der drei im Bildhintergrund Badenden daran, ob sie sich wirklich ins Nass stürzen oder lieber doch nicht. Mit schnellem Strich hat Max Pechstein „Akte im Wasser“ gezeichnet. Man hat sogar den Eindruck, man sehe ihn den letzten Strich setzen und dann die verbleibende Tusche in einer Schlangenlinie an der Blattunterkante ausstreichen. Dazu betrachte man die im Vordergrund stehende Dame genauer.

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Max Pechstein, Im Wald bei Moritzburg, 1910, Öl auf Leinwand, Brücke-Museum Print: © Pechstein – Hamburg/Tökendorf Online: © VG Bild-Kunst, Bonn

Dangast

„Es ist unglaublich, wie stark man die Farbe hier findet, eine Intensität, wie sie kein Pigment hat, fast scharf für das Auge.“ (zit. Karl Schmidt-Rottluff). Ihm ist das Aquarell vom Vareler Hafen zu verdanken. Segelkutter dümpeln im welligen Wasser, werfen Spiegelungen auf die Wasseroberfläche, die zerfließen. Max Pechstein ist mit einer anderen Dangaster Ansicht in der aktuellen Schau vertreten: „Haus am Strand“, 1910. Zum Vergleich schaue man sich mal die Ansichtspostkarte an, die auch ausgestellt ist. Banal erscheint das Sujet, eine „Dorfecke“, doch farbgewaltig ist die Gestaltung durch Schmidt-Rottluff. Da vereinen sich Rostrot mit Tannengrün, zeigt sich die Dorfstraße in feurigem Rot.

Lyriker, aber noch Mensch

Otto Mueller, der im Durchschnitt zehn Jahre älter als die Kernfiguren der Brücke war, wurde von vielen bewundert. Erich Heckel schwärmt gar von der Menschlichkeit Muellers. Anlass für die Begegnung war die Ausstellung der Neuen Secession im Berliner Kunstsalon. Mit viel Pathos beschreibt Kirchner Mueller: „Feiner Otto Mueller, Lyriker, aber noch Mensch, ganz schmale Lippen“. Unter anderem ist Muellers Gemälde eines Aktes in einem Boot, in Sandfarben getaucht, in der sehr sehenswerten Schau zu sehen.

Im weiteren setzt sich die Ausstellung mit den Einflüssen auseinander, die auf die Brücke-Künstler wirkten. Genannt werden in diesem Kontext Matisse, Munch und van Gogh. Auch die außereuropäischen Kulturen prägten die Künstler. Unter anderem verweist ein Blütenzweig, von Erich Heckel geschaffen, an den Stil des Expressionismus, wenn nicht gar Pointillismus.

Unter dem Stichwort Farbe, Form, Linie findet sich unter anderem das Porträt von Fränzi, dank an Heckel. Von ihm stammt auch die Ansicht des spiegelglatten Müggelsees mit einem Segelboot mit aufgestelltem Segel. Auch Nolde findet sich mit einer Arbeit in diesem Teil der Schau: „Jägers Haus auf Alsen.“ Dabei scheint der üppige Blumengarten vielmehr im Fokus zu stehen, als das Haus im Hintergrund.

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Ernst Ludwig Kirchner, Drahtseilartisten mit Seil und Schirm, 1910, Kohle, BrückeMuseum

Sehr ausführlich geht die Schau auch auf die Aktmalerei und -zeichnung ein, zeigt unter anderem „Hockende Dodo“ von Schmidt-Rottluff und „Interieur II“ von Kirchner. Auch das sitzende Kind auf dem gelben Überwurf eines Bettes ist in diesem Abschnitt der Ausstellung zu finden. Zu verdanken ist diese Arbeit Erich Heckel. Bei diesem Kapitel hat man schon den Eindruck der „Dopplungen“, denn auch in all den vorherigen Kapiteln spielt der Akt eine nicht unwesentliche Rolle. Mit der malerischen und zeichnerischen Beschäftigung mit Cabaret und Varieté endete die Schau.

Fazit: ein unbedingtes Muss auf dem Besuchszettel für Ausstellungen in Berlin!

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.bruecke-museum.de/

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