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Berlin
Brücke Museum

ars viva 2022 Im Dialog mit der Sammlung des Brücke-Museums
bis 28. November 2021

Das Brücke-Museum zeigt in diesem Jahr die ars viva 2022. Seit 1953 wird der ars viva Preis von dem Kulturkreis der deutschen Wirtschaft an herausragende junge, in Deutschland lebende Künstler*innen vergeben. Die diesjährigen Preisträger*innen sind Tamina Amadyar (*1989 in Kabul, Afghanistan), Lewis Hammond (*1987 in Wolverhampton, UK) und Mooni Perry (*1990 in Seoul, Südkorea).

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Ausstellungsansicht, ars viva 2022, Tamina Amadyar, Lewis Hammond, Mooni Perry

Im Kern geht es um die Arbeiten von drei ars-viva Preisträgern, Tamina Amadyar, Mooni Perry und Lewis Hammond, die in einen selektiven Kontext mit Arbeiten von Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Ludwig Kirchner gesetzt wurden. Beim Rundgang werden wir zunächst mit den Werken von Lewis Hammond (*1987 in Wolverhampton, UK) konfrontiert. Dieser Künstler versteht es, altmeisterliche Maltechnik, Surrealismus und Kunst der Antike ebenso in seine Arbeiten einzubinden wie auch popkulturelle Referenzen. Science-Fiction-Anlehnungen sind bei Hammond ebenso auszumachen wie Momente von Horror- und Fantasy-Erzählungen. Wer allerdings in diesen Genres nicht sehr bewandert ist, wird sich schwer tun, diese Bezugslinien herzustellen. Es sei noch anzufügen, dass sich der aus Großbritannien stammende Künstler sehr intensiv mit der Geschichte des Künstlervereinigung Die Brücke beschäftigt hat. Auch das fließt m. E. wohl nicht offensichtlich in die Sujets ein, die überwiegend in Kleinformaten präsentiert werden.

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Lewis Hammond, Carbon, 2021 Öl auf Leinwand, Foto: Gunter Lepkowski  Courtesy of the Artist und Arcadia Missa, London 

Aus- und angeschnitten sind zwei Masken“gesichter“, die auf faltigem blauen Grund zu sehen sind. Bezüge kann man durchaus zu einigen Stillleben von Brückemalern ziehen, die ja durchaus ein Faible für sogenannte primitive Kunst an den Tag legten und Stillleben mit afrikanischen Masken malten. Neben „Dream Sequence“ stehen die Besucher vor einem Kleinbild mit einem Gesichtsausschnitt. Zu sehen ist ein aufgerissener Mund und eine Zahnreihe mit spitz gefeilten Zähnen, die an ein Raubtiergebiss denken lassen. Bei „Angry Gods“ sehen wir keine asiatischen oder afrikanischen Gottheiten, sondern Messer, Dolche, eine halbe Schere, eine Art Morgenstern und einen Schattenmenschen in tiefem Blau im Hintergrund. Surrealismus oder Magischer Realismus? Das fragen wir uns als Betrachter. Aus der Sammlung von Schmidt-Rottluff stammt der ausgestellte Würdestab mit arabischem Zeichen und einem anthropomorphen gehörnten Kopf. Arabische Beschriftung ist zu dechiffrieren. Vermutlich stammt dieser Zeremonienstab aus Persien oder Indien.

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Lewis Hammond, If I lose you ..., 2021

Auch „if I lost you, if I lost you, if I lost you“ konzentriert sich auf ein Kleinformat, doch daneben sehen wir ein großformatiges Gemälde mit einer rotblonden Frau in dunkelblauem Top und Kleid – so scheint es zumindest. Ihre Hände hat sie ineinander verkrampft. Der Hintergrund scheint wie ein Kulissenbau, der durchbrochen wurde. Auf einer Kommode, die links im Bild zu sehen ist, steht eine in düsterem Grün gehaltene Kopfbüste. Einen Flötenspieler vor einer hohen Holztür mit einem Fratzendekor sehen wir in der aktuellen Ausstellung obendrein. „Coax“ nannte Hammond diese Arbeit.

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Erich Heckel Mann mit Pfeil und Bogen, 1910, Foto R. März
(c) VG BildKunst Bonn 2021

„Die Malerei von Tamina Amadyar verbindet Farb- und Formstudien mit Momenten der eigenen Wahrnehmung. Sie erinnert darin Orte, an denen sie war und setzt sich vor allem mit den erlebten Licht- und Raumerfahrungen ihrer Reisen wie nach Afghanistan oder Kalifornien auseinander. Ihre oft großformatigen Gemälde stellen meist zwei Farben in einen Dialog miteinander. In ihren Farbstudien spielt sie mit Komplementär-Kontrasten, Übermalungen und geometrischen Formen. Durch die Verwendung von Pigmenten mit Hasenleim schafft sie eindrucksvoll leuchtende Farbfelder, die in schnellen Bewegungen aufgetragen, ihren Gemälden Raum und Struktur verleihen.“ so lesen wir es in der Ausstellungsbeschreibung.

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Tamina Amadyar, venus, 2020 Pigment, Glutin auf Leinwand, Foto: Roman März Courtesy of the Artist und Galerie Guido W. Baudach, Berlin

Wenn man sich in die Farbsetzungen der Künstlerin vertieft, muss man unwillkürlich an die Arbeiten von Mark Rothko denken. Auch Rupprecht Geiger scheint mit seinen Werken durchaus nicht weit entfernt von dem, was die aus Afghanistan stammende bildende Künstlerin zeigt, wenn auch nicht ausschließlich zeigt. Denn auch urbane Landschaft, aquarelliert, skizzenhaft, flüchtig und im Moment entstanden, sehen wir bei unserem Rundgang. Ein gelb-orange farbener Kubus füllt bei der Künstlerin beinahe die gesamte Bildfläche aus und stößt auf eine unregelmäßige grasgrüne Form. Warum eine auslaufende bläuliche Fläche, die auf ein wässrig rotes Rechteck stößt mit „nightshop“ tituliert ist, kann nur die Künstlerin beantworten.

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Tamina Amadyar, moabit, 2021 Aquarell auf Papier, Foto: Stefan Jeske Courtesy of the Artist, Galerie Guido W. Baudach und Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe

Unterwegs im urbanen Dschungel entstanden Ansichten von Wohnblocks, so auch der in Gelb Getauchte hinter einem Maschendrahtzaun. In Bewegung geraten ist ein weiterer Block mit Wohnungen, der gekippt eingefangen wurde. Vor dem Haus steht eine Ampelanlage. Ob wir bei einem Gang durch Moabit die Sujets wiederfinden könnten? Wer weiß es. Jedenfalls bezieht sich eine der beiden Arbeiten auf Moabit und die andere auf die Starstraße. Gibt es diese und wo?

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Karl Schmidt-Rottluff Bauernhäuser, 1911 Foto R. März
(c) VG BildKunst Bonn 2021

In Bonbonfarben getaucht hat die Künstlerin den Wohnblock in der 5ten Straße. Da treffen Brombeerfarben und Rosa aufeinander. In diesem Mut zur Farbe lassen sich Linien zu den gefühlten Farben der Brückemaler ziehen, die ja ihre Arbeiten in „gefühlte Farben“ tauchten. Unter den ausgewählten Arbeiten der Brücke-Maler finden sich in der Schau eine Straßenszene von Ernst Ludwig Kirchner, der ja das bunte Treiben am Potsdamer Platz in vielen Gemälden festgehalten hat, so auch in der kleinformatigen Arbeit aus dem Jahr 1913/14. Sind da nicht Freier mit ihren Escortdamen des Nachts unterwegs? Von Kirchner stammt zudem die gezeigte Bleistiftzeichnung von Bäumen am Ufer. Doch welche Bezüge ergeben sich zwischen dieser Arbeit und den Arbeiten der gezeigten Preisträger? Gewiss zu Mooni Perry, die sich mit dem Thema Sexarbeit ausführlich befasst hat. Sie fand ihr künstlerisches Medien in filmbasierten Arbeiten und Installationen. „Bezugnahmen zu koreanischer Poesie und Theorie finden sich in ihren Videos ebenso wie der Einsatz vokaler oder instrumenteller Darbietungen. Interviewsequenzen und dokumentarisches Material sowie mehrdeutige Figurendarstellungen in Form von 3D-Animationen werden von Perry zu vielschichtigen Videoarbeiten zusammengesetzt.“ So lesen wir es im Text zur Ausstellung.

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Ernst Ludwig Kirchner, Hamburger T"nzerinnen , 1910, Foto R. März

Übrigens, Perry scheint auch weitere Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner ausgewählt zu haben, ob die Hamburger Tänzerinnen aus dem Jahr 1910 oder die Tuschezeichnung „Bordell“: Zwei halbentblößte Damen stellen ihre körperlichen Reize vor zwei Freiern zur Schau. Einer von diesen scheint eher gelangweilt an seiner Zigarre zu rauchen. Erotisches Knistern ist jedenfalls nicht auszumachen, oder?

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Mooni Perry, Binlang Xishi, Chapter 1, 2021

Bezüge zwischen den Ansätzen von Tamina Amadyar und Karl Schmidt-Rottluff ergeben sich unter anderem, wenn man die roten Bauernhäuser unter schwerem braunen Reetdach betrachtet, die Karl Schmidt-Rottluff geschaffen hat. Das Urbane bei Amadyar wird zum Beispiel in einem Werk von Walter Gramatté „gespiegelt“: Wir sehen auf die nächtliche Stadt in tiefem Blau und mit hellen Lichtschlitzen in den Häusern und das „Sternenlicht“ der Laternen. Doch der auch im Fauvismus sehr beliebte Blick von Innen nach Außen fokussiert sich nicht allein auf das Urbane, sondern insbesondere auf die Topfpflanzen im Fenster.

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Ernst Ludwig Kirchner, Zwei Badende an der Fehmarnküste, 1913
Foto Roman März

Das Brücke-Museum erweitert mit der aktuellen Schau den Blick, löst sich aus der Retrospektive und der Darstellung des Expressionismus der Brücke, zeigt Verbindungen zur Gegenwartskunst auf – und das ist sehr reizvoll.

© ferdinand dupuis-panther Die Copyrights an den Werken liegten bei den Urheber bzw. deren Rechtevertretern

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Erich Heckel , Uferweg, 1951, Foto Nick Ash (c) VG BildKunst Bonn 2021

Info
https://www.bruecke-museum.de/

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