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Berlin
Daimler Contemporary

Friendship. Nature. Culture. 44 Jahre Daimler Art Collection Werke der Sammlung 1920–2021 Daimler Contemporary Berlin bis 29. Mai 2022

Die Jubiläumsausstellung ›Friendship. Nature. Culture. 44 Jahre Daimler Art Collection‹ blickt auf die Entwicklung einer der bedeutenden internationalen Unternehmenssammlungen zurück. Aus dem Bestand von über 3.000 Kunstwerken der 1977 gegründeten Sammlung wurden etwa 100 Werke von rund 70 Künstlerinnen und Künstlern ausgewählt. Sie nehmen in einem weit gefassten Sinne Beziehungen auf zu zeitgenössischen Phänomenen im Kontext von Freundschaft, Natur und Kultur. Die Motive und Inhalte der Werke aus einem Zeitraum von 100 Jahren bilden Netzwerke und eröffnen Resonanzräume, die das Wechselspiel von Kunst und menschlichem Zusammenleben ausloten.

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Blick in die Ausstellung mit Arbeiten von Anselm Reyle, Sarah Morris, John Nixon

Aus über 3000 Kunstwerken der Unternehmenssammlung wurden für die Jubiläumsschau 100 Exponate von 70 Künstlern ausgewählt. 30 Werke stammen von Künstlerinnen, was verdeutlicht, welchen Wandel die Ausrichtung der Sammlung nach der Jahrtausendwende genommen hat. In der Ausstellung verbinden sich drei Begriffe, die zugleich thematisch-politisch-kulturell zu begreifen sind: Freundschaft, Natur und Kultur. Der philosophische Kontext, in dem dies steht, wird mit Blick auf das Werk von Hannah Arendt ausführlich in einer sehr lesenswerten Begleitbroschüre behandelt. Diese ist kein Beiwerk, sondern essentiell für das Verstehen der Ausstellung. Zum Verständnis der präsentierten Kunstwerke gehören auch die ausführlichen Texte zu den jeweiligen Exponaten.

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Imi Knoebel trifft auf Luca Trevisani

Zu sehen ist Gegenwartskunst, teilweise schroff, spröde, wenig emotional zugänglich, vielleicht auch hier und da provokativ, minimalistisch, inszeniert. Josef Albers ist ebenso vertreten wie Andy Warhol, Richard Paul Lohse wie Imi Knoebel, Norbert Kricke, Karin Sander, Oskar Schlemmer und François Morellet, um nur einige der Künstler namentlich herauszustellen. Morellet, Schlemmer, Albers und andere werden in einer Art Kabinett präsentiert. Dort liegt auch ein Heft mit ausführlicher Bildbeschreibung aus.

Gleich beim Betreten der Ausstellungsräume erhaschen wir einen Blick auf Warhols serielle Arbeit „Mercedes Benz C 111 Versuchswagen“. Diese ist in die Reihe „Cars“ einzuordnen, die im Haus Huth auch schon einmal in Gänze vorgestellt wurde. Nachfolgend fällt unser Blick auf Imi Knoebels in Schwarz gehaltene „Installation“ namens „Zwilling“, zwei geometrische Formen, die zueinander zu passen scheinen und doch wieder nicht, die eins scheinen, aber doch in zwei zerfallen. Eine Form zeichnet sich durch den Zacken eines Sterns aus. Zugleich muss man beim Anblick an Kasimir Malevitch und dessen Formreduktionen denken, wenn man vor Knoebels Arbeit steht. Nicht zu sehen ist „Kinderstern“, ein Werk, das Knoebel für die Kinderkrebshilfe in Baden-Württemberg konzipierte. Darauf verweist der Wandtext. Unbekannt ist der Künstler von „Bars“, einem Quilt der Amish, eine religiöse Gemeinschaft, die Traditionen des 18. und 19. Jahrhunderts pflegen. Ausgestellt ist ein Quilt mit Balkenmusterung in Rot und Aubergine, also nicht Stars and Stripes, sondern nur Stripes. Die Arbeit könnte durchaus als konkrete Kunst durchgehen, korrespondiert mit Werken von Albers, Riley und und Fruhtrunk. Im Dialog dazu finden wir Dawn William Boyds Zugang zur amerikanischen Flagge mit Stars and Stripes, allerdings im Angesicht der Trump Ära verändert, quadratisch und diagonal gehälftet, um Stars und Stripes in neuer Form zu zeigen.

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Natur, Natur, Natur - oder?

Raumgreifend ist das Werk „Sieb“ von Luca Trevisani, der seine Arbeit genuin auf den Raum im Haus Huth hin konzipierte. Die von der Decke sich in den Raum ergießende Arbeit besteht aus großmaschiger Netzstruktur mit 60 Elementen. Man könnte an die Abstraktion von Wellenmustern ebenso denken, wenn man davorsteht, wie an die Strukturen, in denen Muscheln gezüchtet werden. In Referenz an „Family of Man“ sind die diversen fotografischen Arbeiten zu verstehen, die mondial ausgerichtet sind, sprich Künstler jenseits von Europa in den Blick nimmt. Da sieht man Straßenszenen aus Harare, blickt einer „Carmen“ ins Gesicht und wird mit drei Milizionären konfrontiert, die ein wenig verloren wirken und sich an ihrer Waffe festhalten. Man sieht eine Versammlung algerischer Männer tief eingehüllt in lange Kamelhaargewänder. Aus der Serie „Hyena Man“ präsentiert uns Pieter Hugo eine Aufnahme und auch mit drei Aufnahmen aus der Serie „The Chinese“ werden wir konfrontiert, mit einer im Sterben liegenden Frau, drei älteren Entertainerinnen und einem muslimischen, behinderten Mädchen.

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im Vordergrund: Michael Sayles Naked Women in African Mask Descending a Staircase

Industrial Piece #3/#4 zeigt uns René Kanzler in zwei Diptychons, die allerdings keine Innenaufnahmen von Stahlwerken, Autowerkstätten, von Walzstraßen oder Fließbändern zeigt, sondern Naturaufnahmen mit Solirisationen. Wir sehen Hochformatiges mit Geäststrukturen und Knospen in Braun- und in Grünnuancierungen. Entstanden sind diese Arbeiten durch Verfremdungen und Überformungen digitalisierter Materialien. Das Wie und der Hinweis auf das Ursprungsmaterial entzieht sich dem Betrachter.

Japanische Kunst des Papierschnitts und Readymade verbindet Yuken Teruya in der Arbeit „Notice Forest Lous Vuitton“. In der Präsentation erinnert uns die ausgestellte Einkaufstasche, die offen auf einer Konsole liegt an Werke von Donald Judd. Wie ein Guckkasten ist die Einkaufstasche geöffnet. Blickt man hinein, so sieht man zwei Papierbäume, die aus der Oberfläche der Tasche herausgeschnitten wurden. Möbel oder Kunstobjekt – das fragt man sich bei dem ausgestellten "Bowl Chair" von Lina Bo Bardi. Sie ist Architektin, Bühnenbildnerin, Möbeldesignerin – und das spiegelt sich auch in diesem Werk der in Rom Geborenen wider.

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Unter anderem Arbeiten von Carola Grahn aus Rentierhaut, teilweise vernäht

Marcel Broodthaers ist die Referenz für die „Naturinstallation“ von Pietro Sanguinete. Man denke beim Betrachten an die vom belgischen Surrealisten museal inszenierten Gewächshäuser. Pietro Sanguinete hingegen umschließt mit seinen Pflanzen in Hydrokultur einen Monitor, auf dem Bilder einer Überwachungskamera zu sehen sind. Nicht die Technik überwacht die Umwelt, sondern umgekehrt, oder? Lucio Fontana oder doch nicht – damit befasst sich das dreiteilige Werk von Carola Grahn, die als Material Rentierhaut und Sehnenfaden verwendet. Einerseits schneidet sie die Häute ein, vernäht aber die jeweiligen Schnitte, ob nun beim Schriftzug „Lappland“ oder bei den beiden Brüsten in der Arbeit „Mama“. „Mr. Fontana“ blieb der Schnitt ein Schnitt.

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Blick in die Ausstellung

Einen Sonnenuntergang im Lichtkasten konfrontiert Guan Xiao mit zwei skulptural anmutenden Arbeiten bestehend aus Kunstblumen und zwei glänzend polierten Autofelgen. Reflektierendes Papier ist das Material für die Hochhauskulisse in Ma Qiushas Arbeit. An Konstrukte von Sol LeWitt muss man beim Anblick von Sarah Morris’ „Dulles (Capital)“ denken. Eine „Gitterstruktur“ mit gefüllten Quadraten in „Pop-Art-Farben“ erblicken wir. René Magritte ist nicht Teil der Sammlung, aber seine Pfeife ohne die Notiz „Das ist keine Pfeife“. Überdimensioniert ist die Pfeife im Gemälde von Raphaela Simon, die im Blow-up-Verfahren als Teil ihres Schaffens auch andere Gegenstände derart verfremdet hat.

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Im Vordergrund: John M. Armleder: Don't Do it

Noch ein Blick ins Kabinett zum Schluss: Da sehen wir ein schmales Hochformat, das die Sitzende von Schlemmer zeigt. Wir sehen die kryptisch-glyphische Arbeit von Willi Baumeister auf blauem Grund. Korken sind zu einem runden Relief von Jan Henderikse zusammengefügt worden. Konkrete Kunst verdanken wir Richard Paul Lohse: „Eine und vier gleiche Gruppen“, 1949/1968. Orange-Grün, Blau-Grün, Blau-Grün, Orange sowie Gelb-Rot links und rechts – das sind die Farbintervalle der vertikalen Streifen, die das Gemälde ausmachen. Mittig sieht man aber auch Blau-Grün-Blau-Grün. Und welche Gruppen sehen wir nun? Strukturales und nicht die Homage für ein Quadrat wird vom Bauhausmeister Josef Albers ausgestellt. Lichtkunst von Morellet ist gleichfalls im Kabinett zu finden: Angelegt wie die Streben eines Zeltdaches sieht man vier grellweiße Neonröhren, die über einer weißen Fläche und weißen Bändern liegen. Schließlich sei noch auf den belgischen Künstler Georges Vantongerloo hingewiesen, der uns eine Komposition in weiß mit drei schwungvollen Linien präsentiert, die gleichsam ein Gesicht andeuten. Der Text zur Arbeit verweist allerdings auf Funktionsgleichungen, die hinter dem Werk „Composition RN 5674“ stehen. Quo vadis?

© ferdinand dupuis-panther Fotos Hans-Georg Gaul, Berlin

Info
Daimler Contemporary Berlin Geöffnet täglich von 11 – 18 Uhr
Haus Huth Alte Potsdamer Straße 5 10785 Berlin

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