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Berlin
Deutsches Historisches Museum
Ausstellungshalle von I.M. Pei


"Richard Wagner und das deutsche Gefühl" bis 21. August 2022

"Karl Marx und der Kapitalismus" bis 21. August 2022

 

"Richard Wagner und das deutsche Gefühl"

In Deutschland und ganz Europa wurde ab den 1840er Jahren zunehmend Widerspruch gegen die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen der Moderne laut. Auch Richard Wagner gehörte zu den Kritikern der fortschreitenden Industrialisierung und des Kapitalismus. Gleichzeitig wäre sein künstlerischer Aufstieg ohne einen modernen Kunst- und Musikmarkt nicht denkbar gewesen. Im Deutschen Historischen Museum wird Wagner als Gefühlstechniker sichtbar. Ausgehend von der starken Polarisierung, die Richard Wagner bis heute auslöst, setzt die Ausstellung sein Leben und Werk in Bezug zu den Strömungen und Stimmungen seiner Epoche. Sie rückt vier Grundgefühle des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt, die als treibende Kräfte die Zeitumstände wie auch Wagners Vorstellungen prägten: Entfremdung und Zugehörigkeit, Eros und Ekel. Die vier Kapitel gehen der Frage nach, wie Wagner gesellschaftliche Gefühlszustände wahrnahm und künstlerisch auf diese reagierte: Welche konkreten Gefühle inszenierte und konstruierte er? Wie lehrte er sein Publikum zu fühlen und – in seinem späteren Werk – sich deutsch zu fühlen? Und welche Rolle spielten seine Schriften in diesem Prozess?

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Historische Fotografie: Richard Wagner Franz Hanfstaengl München, 1871 © bpk - Bildagentur

 

Neben den überbordenden Exponaten, deren Funktion fragwürdig ist, weil sie nicht wirklich erschlossen werden, ist auch die formale Struktur der Ausstellung zu hinterfragen. Kann man das 19. Jahrhundert wirklich in den Kategorien Ekel, Eros, Entfremdung und Zugehörigkeit sezieren? Wohl kaum. Zudem wird der Besucher bezüglich Wagner ja auch auf den Antisemiten, Patrioten, Nationalisten, Frauenhelden orientiert.

Es mag ja sein, dass Emotionen ganz wesentlich für die Kompositionen Wagners waren, aber eben auch eine sehr beschränkte Sicht auf das Deutschsein. Die Sagenwelt hatte es Wagner angetan. Aus ihr schöpfte er, schuf „Parsifal“, „Die Nibelungen“ und den „Tannhäuser“. Verbirgt sich dahinter nicht auch ein sehr bornierter Germanenkult, sprich ein ausgeprägter Ethnozentrismus, der sich auch im Krieg 1870/71 entlud? Prägend für die Ausstellung scheint dann aber eher nachstehender Satz: „Er ist Leipziger, Sachse, Europäer, Denker, Deutscher, Nationalist …“ Und das unterstreicht den beschränkten Blick Wagners. Gewiss er beteiligte sich an den Aufständen 1948/9, wurde steckbrieflich gesucht und fand in der Schweiz Aufnahme, zugleich suchte er die Nähe zur Macht, leugnete seine Verehrung zu Bismarck nicht, war an der Seite Ludwig II. zu sehen.

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Bühnenbildmodell "Klingsors Zaubergarten" zu Richard Wagners "Parsifal" (2. Akt) Joukowsky, Paul von, Brückner, Max, Brückner, Gotthold 1882
© Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln


War Wagner nicht auch Narzisst? Oder sind all die Bildnisse des deutschen Komponisten, die eine Schauwand komplett füllen, Ausdruck einer Marketingstrategie, hier eine Büste und dort der Handabdruck, hier der Strohhut und dort das Porträt, das kein Geringerer als der „Malerfürst“ Franz von Lenbach schuf? Der Ausstellungsbesucher steht vor dieser Schauwand, die einer Ahnengalerie in Fürstenschlössern ähnelt, und fragt gewiss danach, welcher Aspekt der Persönlichkeit des Komponisten eigentlich gezeigt werden soll. Wenn man schon eine solche Schauwand als Mittel der Präsentation wählt, hätte man erwarten können, dass dem Besucher ein Handzettel zur Verfügung steht, auf dem er die jeweiligen Objekte identifizieren kann. Doch Fehlanzeige: Die Bildunterschriften finden sich am rechten Rand der Schauwand. Wer also genau wissen will, was er sieht und von wem zum Beispiel das jeweilige Porträt stammt, muss sich stets von links nach rechts und umgekehrt bewegen. Auch das ist ja ganz im Sinne des 19. Jahrhunderts, als Leibesübungen aufkamen. Diese ironische Bemerkung sei an dieser Stelle erlaubt.

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Richard Wagner Franz von Lenbach München, 1881 © Deutsches Historisches Museum

Dass Wagner Objekt der Satire war, sei außerdem angemerkt und auf die Lithografie „Don Richard Juan Lohentrist“ verwiesen. Übrigens, der gezeigte Strohhut stammt von 1876, der Gipsabguss der rechten Hand Wagners von 1883. Caesar Willich schuf um 1862 ein Porträt des Komponisten. Wilhelm Beckmann hingegen eine Arbeit, die Wagner in seinem Heim in Bayreuth zeigt. Insgesamt scheint die Fülle der Ausstellungsstücke der Schauwand als Prolog zu detailliert geraten zu sein. Die Versessenheit aufs Detail und das Fehlen großer Linien bzw. eines roten Fadens sind es auch die die Ausstellung wenig inspirierend machen.

Dabei scheint bei der Gestaltung der Begriff Inklusion den Ausstellungsmachern aus dem Blick geraten zu sein. Wer Besucher in gebeugte Haltung zwingt, um Bildbeschreibungen zu entziffern, wer an manchen Objekten die Beschreibungen gar bodennah auf die Ausstellungssockel platziert, der will tatsächlich keinen lesenden Besucher, sondern einen, der an den Exponaten flüchtig vorbeigeht. Oder?

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Titelblatt des Gedichts "Dem deutschen Heere" von Richard Wagner 1871 © Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh


Reicht ein Bilderbogen aus, um die Revolution von 1849 in Dresden zu beschreiben und analytisch zu erfassen? Wohl kaum. Und was sagt uns eine Gedenkmünze aus einer Kugel , die im Mai 1849 bei den Kämpfen in Dresden abgefeuert wurde? Ja, gezeigt wird auch ein weiterer Bilderbogen, auf dem die Zerstörung des Dresdner Zwingers und der Wilsdruffer Straße in Dresden festgehalten ist. Was aber macht das mit dem Betrachter? Weiß dieser eigentlich, was das Anliegen der Revolutionäre war? Kennt jeder den Ausgangspunkt der Aufstände zwischen Berlin, Dresden und Baden? In der Ausstellung wird diese Historie jedenfalls nicht wirklich aufgeschlagen. Auch die Frage nach der Rolle Wagners in den Aufständen wird nur oberflächlich angerissen. Und was soll der Besucher mit dem aufgeschlagenen Passlistenbuch mit dem Eintrag Richard Wagner anfangen? Wir erfahren zumindest, dass Wagner volle Bürgerrechte in der Schweiz erhielt und so auch nach Paris reisen konnte und sich in Zürich niederlassen durfte. Andere, die an den Aufständen beteiligt waren, wählten die Auswanderung in die USA, wie man der Arbeit von Antonie Volkmer entnehmen kann, die den Titel „Abschied der Auswanderer“ trägt.

 

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Steckbrief gegen Richard Wagner aus "Eberhardt's allgemeiner Polizei-Anzeiger" Dresden, 11. Juni 1853 © Oesterlein Sammlung im Thüringer Museum Eisenach/Reuter-Wagner-Museum


Gehen wir weiter, so entdecken wir auch die antijudaistische Hetzschrift Wagners mit dem Titel „Das Judenthum in der Musik“. Doch es findet sich nirgendwo in der Schau mal ein Exzerpt aus diesem Machwerk oder auch ein prägnantes Zitat. Vor Ort die erste Seite zu lesen, gebeugt über die Ausstellungsvitrine bei gedimmtem Licht, ist eine Zumutung. Überhaupt fehlt es nicht nur zu diesem Thema an Sitznischen, um sich in einen Aspekt des Lebens Wagners zu vertiefen, sieht man einmal von den Opernfilmen ab und den sich über die gesamte Ausstellungsfläche akustisch ausbreitenden Arien, Für die, die sich nun nicht Wagners schwülstige Musik antun wollen, eine akustische Reizung neben der herausfordernden Ausstellungsarchitektur und -präsentation!


Übrigens, auch die Schrift „Die Kunst und die Revolution“ mit Wagners kritischen Anmerkungen zum Pariser Kunstbetrieb wurde nicht transkribiert, so dass man in Grundzügen Wagners Position zum Warencharakter der Kunst nachvollziehen könnte. Oder ist das als Hausarbeit für den Besucher gedacht, der sich die entsprechende Literatur für die Lektüre anschaffen muss, um Wagner besser zu begreifen?

 

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Die Nixe des Rheins auf dem Loreley-Felsen nach Begas August Schmelzkopf 1842 © Deutsches Historisches Museum


Und was fängt der Besucher eigentlich mit dem Thema Eros an? Geht es dabei nur um die Rolle der Frauen in Wagners Leben. Wahrlich, er war kein Kostverächter, man möchte sogar Neudeutsch von Womanizer reden. Frauen waren für Wagner Liebschaften, Gespielinnen, Musen, Managerinnen, mal abgesehen davon, dass er abseits der vielen Affären noch eine Gattin namens Minna hatte, der er in salbungsvollen Worten erläuterte, warum er denn gerade mit dieser oder jener Dame eine Liaison eingegangen sei, aber wirklich nur sie liebe. Um Eros geht es auch in einem seiner Werke namens „Tristan und Isolde“. Hinzuweisen ist unter anderem auf ein Szenenbild aus dem 3. Akt, der sich dem Liebestod von Isolde widmet. Zu verdanken ist diese Arbeit dem Historienmaler Michael Echter.


Zeitgeist ist die Publikation „Väterlicher Rath für meine Tochter“. Doch ein Zitat daraus findet sich in der Ausstellung nicht. Wie also soll dieses Exponat eigentlich die These gesellschaftlicher Normierungen im 19. Jahrhundert unterstreichen? Ja, es gab auch schon damals das Modediktat von Modezeitschriften, wie man einer Veröffentlichung von 1854 entnehmen kann. Glockenröcke, Rüschen, Spitze und Schleifen am Haubenhut war die Norm. Die Lebensreformbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts lag noch in weiter Ferne. Das 19. Jahrhundert kannte aber auch Tabubrüche, man denke an den Inzest von Siegmund und Sieglinde in der „Walküre“. Doch war das wirklich ein Skandal? Oder entzog sich Wagner mit seiner stofflichen Verlagerung in die Sagenwelt aller Verantwortung dafür, was er da auf die Bühne brachte?

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Die "Goldene Faust" – Requisite aus der Leipziger "Ring"-Inszenierung 1973 bis 1976 Joachim Herz © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig


Wagner war eine öffentliche Person, eine kontroverse Person, die auch aneckte, vergegenwärtigt man sich die Aufführung des „Meistersingers“ im Jahr 1868, als er doch Ludwig II. im Konzerthaus die Show stahl. Im weiteren Rundgang „stolpern“ wir über einen Hausschuh von Wagner ebenso wie über die Schlange von Kundry, eine Requisite aus dem „Parsifal“. Kostümentwürfe zum „Ring der Nibelungen“ streifen wir mit unseren Augen wie die Bibliothek Wagners, zu der auch das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm gehört. Und was soll uns das sagen?

Das Modell des Festspielhauses – nach heutiger Kostenrechnung für mehr als 3 Mio. Euro erbaut – ist ebenso Teil der sehr kleinteilig strukturierten Ausstellung wie auch die Historienmalerei „Germania oder die Wacht am Rhein“ aus dem Jahr 1873. Übrigens, in einem Epilog widmet man sich auch dem Festspielort Bayreuth, ein Faszinosum, der sich die politische Elite dieser Republik nicht entziehen kann oder will. Jedes Jahr erleben wir ein Schaulaufen der Politik nebst Anhang in Bayreuth. Dabei schiebt man beiseite, dass die Wagners im III. Reich nicht als Randfiguren agierten, sondern im Zentrum der Macht verkehrten. Wäre es nicht an der Zeit diesen Teil der deutschen Geschichte zu beleuchten und ein Spotlight auf die Unbedarftheit und Ignoranz der Lindners, Merkels und Co. zu werfen, die sich da alljährlich in Bayreuth zeigen? Musik ist eben ebenso wenig unschuldig wie Kunst, auch wenn das die „Gottbegnadeten“, also jene künstlerische Elite von Hitlers Gnaden, behauptet haben, vorneweg Arno Breker. Davon konnte man sich jüngst in einer sehr gelungenen Ausstellung im gleichen Haus überzeugen. Insoweit waren die Erwartungen an die Wagner-Ausstellung ebenso groß wie die Frustration über die formale und inhaltliche Präsentation.

© ferdinand dupuis-panther

 

Karl Marx und der Kapitalismus

Spätestens seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007/2008 erfahren der Kapitalismus und Karl Marx als dessen wichtigster Analytiker und Kritiker wieder starke Aufmerksamkeit. Als Bezugspunkt autoritärer Ideologien und Diktaturen im 20. Jahrhundert bleibt Marx umstritten. Gleichzeitig sind die Fragen, die er in seiner Wirtschafts- und Gesellschaftskritik des 19. Jahrhunderts stellte, angesichts heutiger Transformationen und Krisen weiter in der Diskussion. In der Ausstellung präsentiert und problematisiert das Deutsche Historische Museum Marx’ Denken und Wirken als intellektuelle und politische Auseinandersetzung mit den tiefgreifenden Umbrüchen und Konflikten seiner Zeit.

Die Industrialisierung löste im 19. Jahrhundert in Deutschland und Europa immense ökonomische, soziale und kulturelle Umwälzungen aus, die als Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts wahrgenommen wurden. Über eine politische und wirtschaftliche Revolution hinaus vollzog sich die erste moderne Globalisierungswelle. Ein Jahrhundert später bezeichnete man das, was sich da vollzogen hatte, als den Durchbruch des Kapitalismus. Für die Entstehung dieser Bezeichnung spielte das Werk von Karl Marx eine entscheidende Rolle. Er gehörte zu den schärfsten Kritikern der Verwerfungen der Moderne. Als Philosoph, Journalist, Ökonom und politischer Aktivist hatte er das Ziel, die neuen Verhältnisse versteh- und veränderbar zu machen.

Die Ausstellung zeigt, was Marx bewegte, worauf er reagierte, wie sich seine Theorien wandelten und wo er sich widersprach. Im Mittelpunkt stehen sieben Themen, die Marx’ Gegenwart und seine Kapitalismuskritik bestimmten und die auch heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben: religions- und gesellschaftskritische Kontroversen, Antisemitismus, Revolution und Gewalt, neue Technologien, Naturzerstörung, globale Wirtschaftskrisen sowie internationale Protest- und Emanzipationsbewegungen. Marx’ Historisierung verbindet die Ausstellung dadurch auch mit Fragen nach seiner Aktualität. Gleichzeitig wirft sie im Epilog einen kritischen Blick auf die weltweite Rezeption seiner Theorien im 20. und 21. Jahrhundert und verdeutlicht, dass Marx’ ambivalentes Werk auch eine ambivalente Wirkungsgeschichte entfaltete. (Übernahme Pressetext DHM!)


Historisches Museum
https://www.dhm.de/

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