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Ausstellungsorte in Berlin: Deutsches Historisches Museum / DDR-Museum / Medizinhistorisches Museum / Museum der Dinge / Topographie des Terrors / Berlinische Galerie/ Brücke Museum

Berlin
Deutsches Historisches Museum
Ausstellungshalle von I.M. Pei


DIE LISTE DER "GOTTBEGNADETEN"
KÜNSTLER DES
NATIONALSOZIALISMUS IN DER
BUNDESREPUBLIK
bis 05.12.2021

Im August 1944 wurde auf Initiative von Joseph Goebbels die "Gottbegnadeten-Liste" zusammengestellt, auf der über eintausend Akteure aus dem Kulturbetrieb des "Dritten Reichs" verzeichnet waren. Die über 39 Seiten umfassende Auflistung, mit der die immense Bedeutung dieser, wie es im nationalsozialistischen Jargon hieß, Kulturschaffenden manifestiert wurde, ist grob in die Bereiche Literatur ("Schrifttum"), bildende Kunst, Musik, Theater, Film und Rundfunk unterteilt. KAPITELÜBERBLICK JAHRESCHRONIKEN Insgesamt 1041 Personen erhielten Anfang September 1944 ein offizielles Schreiben des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, dank diesem sie vom Frontdienst befreit wurden.

 

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Auszug aus der "Gottbegnadeten-Liste" Berlin, September 1944
© Bundesarchiv Berlin, R 55/20252a, Bl. 1

„Die Kunst ist unschuldig“ statt die „Liste der Gottbegnadeten“, so müsste die Ausstellung eigentlich heißen. Ja, gewiss der Titel der Ausstellung wurde anders gesetzt. Doch angesichts der Einlassungen von Arno Breker anlässlich einer 1981 unter Protesten und Polizeischutz eröffneten Ausstellung mit Werken des Haus- und Hofbildhauers von Adolf Hitler, sollte der Ausstellungstitel erweitert werden. Äußerungen von Breker in einem Filmdokument waren unreflektiert, wenn nicht gar dummdreist, stellte er sich doch auf eine Stufe mit den verfemten „entarteten Künstlern“. Bei einem Verbot seiner Ausstellung werde er an der Entfaltung seiner künstlerischen Freiheit gehindert. Er habe ja stets nur Kunst gemacht, so Breker in einem Nachsatz. Drei Wochen lang durfte er die Freiheit der Kunst in Berlin genießen, ehe er sich wieder nach Frankreich zurückzog.

Dass Breker wie Kaspar, Wamper, Bleeker und andere von Hitler und dem "SS-Staat" hofierte Bildhauer im wahrsten Sinne Kriegsgewinnler waren, die sich auf massive Unterstützung durch die neue herrschende Klasse und rückwärtsgewandte Politikkaste der 1950 und 1960er Jahre ebenso verlassen konnte wie auf Kreise der Wirtschaft, verdeutlicht die Ausstellung, indem sie den Netzwerken vor allem im Ruhrgebiet, aber auch in München nachging. Seilschaften aus der NS-Zeit dauerten über 1945 fort. Das ist das bittere Fazit, und das gilt ja für Justiz, Universitäten und Verwaltungen ebenso, ohne das Letztere im Fokus stehen.

 

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Das Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 von Richard Scheibe wird im Hof des Bendlerblocks in Berlin aufgestellt Berlin, 1953 © DHM/Fotografi n: Liselotte Orgel-Köhne

Die ideologischen Verstrickungen von Künstlern wie Hans Breker, Arno Breker, Willy Meller, Richard Scheibe, Hermann Kaspar und anderer wurden mit forscher Handbewegung weggewischt. Spruchkammer-Entscheidungen glichen der Weißwaschung der Täter. Nein, Breker und andere haben keine Homosexuellen, Juden oder Sinti und Roma ermordet, sie haben auch nicht wie Angehörige der Wehrmacht und der Waffen-SS Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, aber sie haben das System ideologisch durch Kunst – manche meinen „Nichtkunst“ – gestärkt und somit auch den Holocaust sowie die Massaker im Zuge der Eroberungsfeldzüge gegen Polen und die Sowjetunion zumindest auch ermöglicht, indem sie den Herrenmenschen künsterlisch und bildlich dargestellt.

 

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Richard Scheibe bei der Arbeit an dem Modell der Fortuna für das Schloss Charlottenburg in Berlin Berlin, 1955 © Georg Kolbe Museum, Fotograf: Fritz Eschen


Übrigens, auf der sogenannten Führerliste – so hieß die Liste der Gottbegnadeten erst – finden sich auch Namen wie der Schriftsteller Gerhart Hauptmann und Hans Carossa, der Komponist Carl Orff, die Pianistin Elly Ney, die Dirigenten Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler sowie Herbert von Karajan oder die Filmschauspielerin Paula Wessely, also keine bildenden Künstler, sondern Vertreter anderer musischer Genres. Und noch etwas ist auffallend. Die Liste enthält unter den bildenden Künstlern überproportional viele Bildhauer. Zufall? Wohl kaum. Sie konnte der "SS-Staat" bestens bei seinen gigantomanischen Bauvorhaben einsetzen, um Kunst am Bau im Sinne des Nationalsozialismus zu realisieren. Dieses Programm von Kunst am Bau wurde nach 1945 ohne Bruch übernommen. Auch dies eine Voraussetzung, dass die sogenannten Gottbegnadeten ihr Tun in der jungen Bundesrepublik kritiklos fortsetzen konnten. Unterstützt wurden sie dabei von Architekten und Amtsinhaber, die bereits 1933 bis 1945 in Lohn und Brot standen und das Liedchen der damals Herrschenden pfiffen. Nun pfiffen sie ein anderes, eines der nunmehr Herrschenden.

 

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Hermann Kaspar, Deckengemälde (1965) Hofbräuhaus München © DHM/Fotograf: Eric Tschernow, 2020

Da die Ausstellung notwendigerweise nicht auf Dokumente verzichtet, sie also durchaus als leselastig zu bezeichnen ist, ist der Kauf des Begleitbuchs zu empfehlen, um sich nicht nur in diverse Aufsätze, sondern auch in die Auflistungen der Werke zu vertiefen, die die oben Genannten und andere nach 1945 geschaffen haben. Teilweise sind diese Arbeiten nunmehr mit kommentierenden Texttafeln versehen worden, teilweise wie im Falle des Speerwerfers im Lietzenseepark (Berlin-Charlottenburg) fehlen diese bisher; ebenso wie Angaben zum Urheber : Bernhard Bleeker.

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Leporello zu einer Ausstellung von Josef Thorak im Mirabellgarten in Salzburg Salzburg, 1950 © Stadtarchiv Salzburg, Archiv nach 1945, Signatur 1604 © DHM/Fotograf: Sebastian Ahlers

Arbeiten sind im Essener Grugapark ebenso zu finden wie im Berliner Georg-Kolbe-Hain und im Berliner Zoologischen Garten. Hans Breker hat eine Spur auf dem Alten Friedhof in Duisburg hinterlassen, Arno Breker mit dem „Eisenhüttenmann“ bei Mannesmann in Duisburg. Auf der Essener Margarethenhöhe stößt man auf „Die Säerin“ von Joseph Enseling. In München steht ganz „unschuldig“ ein Reiher auf einer Brunnensäule, die von Ernst Andreas Rauch stammt. Die Kassettendecke in der Münchner Prinzregentenstraße 1 (Haus der Kunst) ist im Säulengang ein Werk von Hermann Kaspar. Bis heute ist dieser Gang mit mäandernden Hakenkreuzen geschmückt!! In allen Bundesländern dieser Republik trifft man auf „Führerzöglinge“ im öffentlichen Raum.

 

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Mitglieder der US-Armee bei der Aufstellung des Ehrenmals der Sturmartillerie von Hans Breker Karlstadt, 1958 © Archiv Garnisonsgeschichte Jüterborg e. V.

Symptomatisch ist eine Äußerung von Ludwig Erhard, der sich von Arno Breker hat porträtieren lassen: „… Wenn das künstlerische Werk Arno Brekers alle politische Gunst und Missgunst überdauert hat, so auch deshalb, weil sein Fundament unerschütterlich ist.“ Welche Lesart ist das über einen Mann, der mit seiner Bildhauerei den arischen Herrenmenschen in Form gegossen hat? Was ist das für ein Standpunkt, der ausblendet, dass Breker für die völkisch-antizionistische Kunst ab 1933 steht? Der Kontext wird dabei nicht nur durch den Blick in Alfred Rosenbergs Traktat „Revolution in der bildenden Kunst“ erhellt. Auch Richard Wagners Schrift „Judenthum in der Musik“ von 1869 spricht Bände. Dessen ungeachtet pilgern jedes Jahr Mitglieder des bundesdeutschen Establishment nach Bayreuth, wenn die Wagners zu den Festspielen rufen.

Dass der "SS-Staat" eine aktive Kulturpolitik betrieben hat, verdeutlicht auch der Bericht über die Eröffnung des Haus der deutschen Kunst durch den „Führer“. Nachzulesen ist dies im Völkischen Beobachter, der mit einem Ausschnitt in der Schau zu finden ist. Legendär ist der 1939 in München veranstaltete Festumzug, mit dem die deutsche Kultur gefeiert wurde. Als Souvenirs wurden Zinnfiguren geschaffen, so auch ein Fanfarentrompeter. Historische Filmaufnahmen bringen dem Besucher dieses Ereignis nahe. Im Festzug erkennt man Kaiser Barbarossa, Turnierritter und das germanische Schiff. Die Waffen-SS marschierte im Zug auch mit, ganz zu schweigen von Teilen der Wehrmacht.

Großbauten waren es, an denen man die ideologisch treuen Bildhauer beteiligte, ob beim Bau des Olympiastadions oder dem Reichssportfeld in Berlin. Hermann Kaspar zeichnete für die Mosaike in der Reichskanzlei verantwortlich. Ein Adlerkopffragment ist in der Berliner Schau übrigens zu sehen. Auch die NS-Ordensburg Vogelsang musste mit „arischer Kunst“ geschmückt werden. Willy Meller war gefragt und steuerte einen breitbeinig stehenden Fackelträger dazu bei.

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Enthüllung des Flammenengels von Adolf Wamper vor dem Rathaus in Düren Düren, 16. November 1962 © Stadt- und Kreisarchiv Düren

Auf Fotos kann man einen Blick ins Staatsatelier von Josef Thorak werfen. Unter anderem sieht man eine riesige Skulptur des Pferdelenkers. Dass er sich auch in Nürnberg auf dem Reichsparteitagsgelände verewigte, spielte nach 1945 keine Rolle. Monumental-Plastiken stammen auch von Josef Wackerle. Zu finden sind sie u. a. im Alten Botanischen Garten in München. Größenwahn verdichtete sich in der Kunst, nicht nur in Wackerles. Wackerle setzte seine „akademische Laufbahn“ nach dem Krieg fort, blieb Professor an der Akademie für Bildende Künste wie andere Künstler der „Führerliste“ auch. Dank guter Kontakte zum Architekten Hans Hertlein konnte Wackerle zum Beispiel den Bauschmuck für das Siemens-Verwaltungsgebäude in Erlangen gestalten. Vergessen war zu diesem Zeitpunk, dass Wackerle den Aufruf „Die deutsche Kunst ist in Gefahr!“, veröffentlicht im Völkischen Beobachter, unterzeichnet hatte. Also von Ferne zum NS-Regime kann keine Rede sein, im Gegenteil.

Einer der meistbeschäftigten Gestalter von 1933 bis 1945 war Hermann Kaspar. Doch hat das die Auftraggeber daran gehindert, ihn mit der Ausgestaltung der Meistersingerhalle in Nürnberg zu betrauen? Wir schrieben damals das Jahr 1965! Allerdings regte sich an der Akademie der Künste, an der er lehrte, Widerstand. Die Türen seines Ateliers wurden mit Hakenkreuzen verziert. Der ASTA veranstaltete 1968 eine Ausstellung zum Fall Kaspar. Ein Einzelfall?

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Richard Scheibe, Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 (1953) Berlin © DHM/Fotograf: Thomas Bruns, 2020

Rudolf Wamper und Joseph Enseling konnten nach 1945 im Ruhrgebiet ungehindert und unhinterfragt öffentliche Aufträge erhalten. Willy Meller verdiente seinen Lebensunterhalt zum Beispiel mit Aufträgen der Deutschen Bundespost in Bochum und Dortmund. Und wer schuf das Gelsenkirchner Denkmal für die Grubenopfer? Natürlich ein „Gottbegnadeter“. Geradezu zynisch mutet es an, dass für das Oberhausener NS-Dokumentationszentrum das Denkmal „Die Opfer“ geschaffen wurden, wobei nicht zwischen Tätern und Opfern unterschieden wurde. Verhungerte, Mutter mit Kind, ein junger Trommler, Gefangene und Soldaten wurden von Willy Meller auf eine Stufe gestellt. Die Rechtfertigung Mellers lautete, dass er nicht allzu viele Figuren schaffen konnte, aber alle Opfer einbeziehen wollte. Wie das dann aussah, kann der Ausstellungsbesucher einem entsprechenden Foto aus dem Jahr 1960 entnehmen. Gefeiert wurde Meller auch mit einer Retrospektive im Museum Folkwang aus Anlass seines 65-jährigen Geburtstags. Nichts mehr von der Schwülstigkeit und dem Monumentalen in der Bildhauerei ist in der gezeigten Arbeit „Dreigesicht“ zu sehen, beinahe kubistisch anmutend. Zum Vergleich schaue man sich mal das Foto von Meller neben der riesigen Frauenfigur „Herbst“ an!

Im Kontext von „Memento – Flammenengel“ in Düren, geschaffen von Josef Wamper, sei an dieser Stelle auf einen Beitrag von Bernd Groten verwiesen. Darin gibt es keine Frage nach der Schuld, den Schuldigen bzw. der Ursache für das Bombardement von Düren, sondern den Verweis auf zukünftige Generationen von Historikern, die das zu beurteilen haben. Und ein Kernsatz dieses Beitrags lautet: „Aber Sieger haben in einem Krieg immer Recht.“

In der überaus ambitionierten Ausstellung in Berlin finden wir außerdem Werner Peiners Friedensgöttin im goldenen Wagen mit Ochsengespann, nebst der Gerechtigkeit und Weisheit, ein Gemälde, das aus dem Fundus des Hattinger Stadtmuseums stammt. Peiners Arbeiten im NS-Staat waren im Übrigen von der damals herrschenden Blut-und-Boden-Ideologie geprägt. Eine ganz besonders janusköpfige Person ist Hans Breker, der zeitweilig als Hans van Breek in der DDR lebte und arbeitete und dessen gestalteter Marx-Kopf die Ausstellung ziert. Er schuf allerdings Jahre zuvor die beiden Fackelträger für das Essener Gau-Ehrenmal und auch das NS-Gauforum Weimar wurde von seinen Arbeiten geprägt. Das schien den Herrschenden in der DDR egal zu sein. So wechselte Hans Breker von einem geschlossenen System in das nächste auf deutschem Boden. Jedoch irgendwann folgte er in den 1950er Jahren seinem Bruder nach Düsseldorf, wo er für den Stadtlöwen vor dem Rathaus verantwortlich zeichnete. Zudem entwarf Breker das Ehrenmal für die Sturmartillerie in Karlstadt. Wie Fotos zeigen wurde es im Beisein hoher Ränge der us-amerikanischen Armee und der Bundeswehr sowie Wehrmachtsangehörigen (sic!) eingeweiht.

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Arno Breker, Pallas Athene (1957) Wuppertal © DHM/Fotograf: Thomas Bruns, 2020


Für wenig Protest sorgte nicht nur dieses Ehrenmal, sondern auch die von Arno Breker geschaffene Wuppertaler Pallas Athene mit Speer, riesig in den Ausmaßen. Augenscheinlich wohnte Breker der Drang nach Größe inne. Noch eine weitere Arbeit Brekers ist öffentlich zu ertragen: Vor der Weserberglandklinik in Höxter stößt man auf Brekers „Das ewige Leben“. Dass sich die junge Hochsprungolympiasiegerin Ulrike Meyfahrt von Hitlers Leibbildhauer porträtieren ließ, sei an dieser Stelle angemerkt. Zu sehen ist Frau Meyfahrt in einem entsprechenden Foto. Doch wenn sich ein Bundeskanzler von Breker porträtieren lässt, dann kann das doch eine Olympiasiegerin auch, oder? Und zum Schluss in Sachen Arno Breker: Wer, so fragt man sich, steht eigentlich hinter dem Breker-Museum und der Breker-Gesellschaft? Dazu schweigt man sich in der Schau leider aus.

Man muss sich schon die Augen reiben, wenn man liest, dass Richard Scheibe das Mahnmal im Bendlerblock gestaltet hat. Auch die Gedenkplatte für John F. Kennedy am Schöneberger Rathaus stammt von ihm, von dem die Reemtsma-Familie zahlreiche Werke erwarb. Gab es niemand anderen, um das Mahnmal für den Widerstand des 20. Juli zu entwerfen? Musste es einer aus der „Führerliste“ sein? Augenscheinlich.

Die Momente der Kontinuität und nicht der Stunde Null ziehen sich durch die gesamte Präsentation und sagen etwas über die Verfasstheit dieser Republik aus. So nimmt es nicht Wunder, dass ein AfD-Abgeordneter im Bundestag die Zeit des "SS-Staates" jüngst als „Vogelschiss der Geschichte“ abtun konnte. „Der Schoss ist fruchtbar noch aus dem das kroch …“.

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Modell für das Paracelsus-Denkmal von Josef Thorak Salzburg, 1935–1940 © Salzburg Museum: 1408-2020 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Nachsatz

Überfällig wäre nach einer solchen Ausstellung über die „Täter“ in der Kunst eine über die „Opfer“ wie Ludwig Meidner und andere, die vergessen wurden und bisweilen verarmt starben.

© ferdinand dupuis-panther

Historisches Museum
https://www.dhm.de/

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