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Berlin
Museum Europäischer Kulturen (MEK) in Berlin-Dahlem

Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990.
Fotografien von Ergun Çağatay

08.07.2022 bis 07.02.2023

Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990.
Fotografien von Ergun Çağatay

Dem Istanbuler Fotografen Ergun Çağatay (1937–2018) ist die umfangreichste Bildreportage zur türkischen Einwanderung in Deutschland zu verdanken. Im Zeitraum März bis Mai 1990 besuchte er auf einer Fünf-Städte-Reise Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg und machte Tausende von Aufnahmen aus Arbeitswelt, Gemeinschafts- und Privatleben der ersten und zweiten Generation der sogenannten "Gastarbeiter*innen", von denen viele blieben und die deutsche Staatsbürgerschaft annahmen. Anlässlich des 60. Jahrestags des zwischen Bonn und Ankara geschlossenen Anwerbeabkommens (1961) zeigt das Museum für Hamburgische Geschichte die Ausstellung "Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çağatay" mit den 120 eindrucksvollsten Bildern aus Çağatays Reportage in teils großformatigen Abzügen.

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Ergun Çağatay, Zwei Bergleute kurz vor Schichtende,
Bergwerk Walsum, Duisburg, 1990

Aus einem Konvolut von beinahe 3500 fotografischen Aufnahmen wurden rund 120 ausgewählt. Sie werfen ein Spotlight auf das Leben von türkischen Migranten in Berlin, Werl, Köln, Duisburg und Hamburg. Anlässlich des 60. Jahrestages der Anwerbeabkommens zwischen Bonn und Ankara ist ein Teil der 1990 entstandenen, fotografischen Projektarbeit von Ergun Çağatay nunmehr in Hamburg und dann in Berlin zu sehen. Erstmals wurden die fotografischen Arbeiten 2016/17 ausgestellt, mehr als ein Viertel Jahrhundert, nachdem sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren. Zentral haften bleibt in diesem Kontext der Satz des schweizer Schriftstellers Max Frisch: „Man hatte Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“ Das ist eine ähnliche Situation wie aktuell bezogen auf die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, in denen einige Branchen Potentiale zur Rekrutierung von Arbeitskräften sehen und nicht Menschen, die durch das Erlebte schwer traumatisiert sind.

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Ergun Çağatay, Die Familie von Hasan Hüseyin Gül, Hamburg, 1990

Der Fotograf Ergun Çağatay hat sich zwischen Ende März und Anfang Mai 1990 in der Bundesrepublik aufgehalten. Dabei ging es ihm darum, das Leben der 1. und 2. Einwanderergeneration aus der Türkei im Bild festzuhalten, beim Arbeiten bei Ford, in einer Hamburger Werft und im Bergwerk Walsum. Zudem besuchte er Moscheen, war bei Hochzeiten dabei und bekam auch die Jungs einer Kreuzberger Jugendgang vor die Linse.

Dank einer kurzen Chronologie der Ereignises bekommt man einen guten Überblick über die Zeit zwischen dem Mauerbau am 13.8.1961 und dem Fall der Berliner Mauer. Eingebettet in eine Zeitschiene ist auch das Anwerbeabkommen vom Oktober 1961. Damals herrschte Arbeitskräftemangel auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt. Der Zufluss aus dem Osten Deutschland war mit dem Mauerbau zum Erliegen gekommen. Im Juli 1972 wurde auf dem Münchner Hauptbahnhof bereits der 500000ste Arbeitsmigrant aus der Türkei begrüßt. Nevcali Güven hatte sein Land verlassen, um in der Bundesrepublik zu arbeiten. Nur wenig später allerdings erfolgte ein Anwerbestopp. In die Zeit nach dem Mauerfall fallen die Anschläge auf ausländische Mitbürger in Mölln und Solingen und nach der Jahrtausendwende mordete der NSU. Opfer waren vorwiegend türkische Kleinstunternehmer.

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Ergun Çağatay, Gruppenbild mit neun Mitgliedern der ›36 Boys‹,
Berlin-Kreuzberg, 1990

Die Zeit in Hamburg verbrachte Çağatay damit, unter anderem die Werft Blohm & Voss zu besuchen bzw. über den Altonaer Flohmarkt zu streifen und den Auslöser seiner Kamera zu bestätigen. Auch eine Moschee in St. Georg stand auf seinem „Besuchsprogramm“. Doch auch die Demos gegen die Verschärfung des Ausländergesetzes hielt er mit der Kamera eindrücklich fest. Wir sehen einen Werftarbeiter vor einer riesigen Schiffsschraube im Dock. Zudem schauen wir einem Fräser bei der Arbeit zu. Hasan Hüsoyin Gül zeigt uns auf der Werft die in einem Bullauge gerahmte Fotografie des Schlachtkreuzers S.M.S. Goeben, die zu Beginn des I. WK unter türkischer Flagge fuhr und in Yavuz umgetauft wurde. Benannt wurde der Kreuzer nach Sultan Selim I. Yavuz. Der Kreuzer wurde im Schwarzen Meer gegen die Schwarzmeerflotte der russischen Marine und deren Häfen eingesetzt.

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Ergun Çağatay, Wartesaal in der Hamburger Ausländerbehörde im Bieber-Haus, Hamburg-St. Georg, 1990

Endloses Warten im Bieberhaus, Sitz der Ausländerbehörde, hielt der türkische Fotograf für die Nachwelt fest. Augenscheinlich durfte zur Zeit der Aufnahme noch geraucht werden. Manch Wartender nutzte die Zeit auch zu einem Nickerchen, wie wir auf einer weiteren Aufnahme sehen. In die Kamera blickt die stolze Besitzerfamilie eines Obst- und Gemüseladens. In der Auslage finden sich Zitrusfrüchte und Ananas sowie Wassermelonen, aufgeschnitten. Die Geschäftigkeit des Großmarkts erleben wir gleichfalls in einer Reihe von Aufnahmen.

„Volle Staatsbürgerrechte für ausländischer Arbeiter!“. Diese Forderung zeigt ein Plakat auf einer Demo gegn das Ausländergesetz im März 1990. Und weiter geht es beim Ausstellungsrundgang mit Çağatay nach Köln. Hier entstanden etwa 1400 Aufnahmen, also der Großteil der Fotodokumentation. Nicht nur die Arbeit bei Ford, sondern auch die berufliche Bildung türkischstämmiger Jugendlicher beschäftigten den Fotografen. Zudem war er beim Ramadan in der DITIB-Moschee in Köln-Ehrenfeld, ebenso wie in der Fatih-Moschee in Werl bei Dortmund, einem ersten modernen Sakralbau für Muslime in der Bundesrepublik. Doch auch der Alltag rund um einen Gemüseladen und der kurze Plausch zwischen Ladentür und Bürgersteig war Çağatay eine Aufnahme wert. Eine Ford-Arbeiterin beobachtete der Fotograf beim Entfernen von Schutzfolie von einer Wagentür. Wartungsarbeiten an Robotern im Kölner Ford-Werk hielt er gleichsam fotografisch fest. In die Kameralinse schaute der Ford-Mitarbeiter, der gerade bei Arbeiten im Kofferraum des Ford Fiesta III beschäftigt war.

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Ergun Çağatay, Vater mit Sohn und drei Töchtern vor seinem Mercedes, Duisburg-Walsum, 1990

Bei Ford schien die tradierte Rollenverteilung klar zu sein, so wundert es nicht, dass man eine Näherin in der Polsterei zu Gesicht bekommt. Dabei würdigt die Näherin den Fotografen keines Blicks. Vater und Sohn, die bei Ford arbeiten, sehen wir außerdem. Der Vater ist als Gabelstaplerfahrer beschäftigt, der Sohn als Ingenieur. Und Letzterer lässt sich vom Vater herumchauffieren. Inmitten der Fließbäder hat sich ein Arbeiter zum Gebet auf einem Gebetsteppich niedergelassen. Und auch das entging Çağatay nicht.

Doch auch bei einem türkischen Friseur schaute er vorbei. Dieser war bei der Aufnahme gerade dabei, einem Jungen einen neuen Haarschnitt zu verpassen. Und noch etwas fällt auf, von den Frauen, die fotografiert wurden, tragen nur wenige ein Kopftuch. Von Vollverschleierung oder Hijab keine Spur! Zwei junge Frauen in der Schneiderinnenausbildung sind zu sehen und einige Frauen in einem sozialpädagogischen Arbeitskreis, damit beschäftigt das Spiel „Durch den Dschungel von Verhütung und Sexualität“ auszuprobieren. Wäre das heute noch möglich?

Das Bergwerk Walsum nebst Bergwerksbahn wurde in frühmorgendlichem Licht eingefangen. Doch auch unter Tage wurde fotografiert. Wir besuchen eine Arbeitersiedlung in Duisburg-Hamborn. Vor der Toranlage der Siedlung steht ein Mercedes. Und wo ist der Ford Transit, der über Jahrzehnte schlicht für türkische Mitbürger stand, die damit ihren Heimatbesuch bewerkstelligten? Drei Frauen stehen im Innenhof der Wohnsiedlung zusammen. Auf den beiden Sesseln im Torbogen hat sich niemand niedergelassen.

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Ergun Çağatay, Porträt der Inhaber des Obst- und Gemüsegeschäfts Mevsim, Weidengasse, Köln-Eigelstein, 1990

Schließlich unternehmen wir beim Ausstellungsbesuch noch eine Reise nach Berlin im April und Mai 1990: Onkel Yusufs Männercafé wurde wie dem Türkische Basar ein Kurzbesuch abgestattet. Und die Kamera war immer dabei. . Und auch in den Leuschnerdamm geht es. Dort ist eine Mauer mit Graffitis verziert: „ACT UP NOW“ und „Culture Attack“ lesen wird. Das scheint die Kopftuch tragende Frauen, die ihres Weges gehen, nicht zu interessieren. Legendäre Hochzeiten mit einer auf dem Tisch tanzenden Bauchtänzerin und ein Autokorso ließen den Fotografen seine Kamera hervorholen und auf den Auslöser drücken.

Dass türkischstämmige Berliner längst auch als Unternehmer erfolgreich sind, unterstreicht die Gießerei Metas auf dem Borsig-Gelände in Berlin-Tegel. Doch auch die vorhandene Marginalisierung gibt es. Insbesondere männliche Jugendliche und Jungerwachsene organisierten sich in Gangs wie 36 Boys in Berlin-Kreuzberg. Und was machen die Herren, die sich vor der Kamera in Pose stellten, heute? Kreuzberg, das steht für soziale Verwerfungen, für Kriminalität, für Konfliktpotential mit Nazis, für Drogensucht. Einiges davon spiegelt sich auch in dem Gebäuderiegel Adalbertstraße wider. Dort hat jemand „Scheisse NAZI!“ auf die Häuserwand gesprüht. Eine Leuchtreklame weist auf eine Pizzeria und ein Steakhouse hin. Für wen? Zu den Erfolgsgeschichten türkischstämmiger Berliner gehört schließlich das Unternehmen Fruta, das nach dem Mauerfall sehr schnell den Osten als Absatzmarkt entdeckte.

Zur Ausstellung gehören auch acht Video-Interviews, u. a. mit der Soziologin Necla Kelek und dem Sternekoch Ali Güngörmüs. Übrigens, zur Hamburger Ausstellung gibt es ein Magazin, in dem lesenswerte Beiträge wie „Kennt Deutschland auch uns“, „Welches Gepäck schleppst du mit dir herum?“ und „Der Türke in mir: Die Hüdaverdis und der Mercedes-Benz“ zu finden sind.

© Ferdinand Dupuis-Panther

https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/museum-europaeischer-kulturen/home/

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