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Bielefeld
Hermann Stenner Kunstforum

»Alexander Camaro: Die Welt des Scheins« bis 26.2.2023

Der Maler Alexander Camaro (Breslau 1901–1992 Berlin) galt bis in die 1980er Jahre als einer der bedeutendsten Nachkriegskünstler Deutschlands. Der ausgebildete Hochseilartist, Ausdruckstänzer und Musiker, der bei Otto Mueller in Breslau studiert und die NS-Zeit als Ballettmeister und bei Fronttheatern überlebt hatte, malt nach Kriegsende den 19-teiligen Gemäldezyklus »Das hölzerne Theater«. Seine Verarbeitung der Bühnenerfahrungen in dunkeltonigen Leinwänden macht ihn nach dessen Erstausstellung 1948 schlagartig bekannt. Unter kärglichsten Lebensbedingungen erschafft er ein Welttheater, in dem seine Akteur:innen als programmatische Figurinen eines melancholiegesättigten Erinnerungstheaters auftreten. Obwohl der Zyklus auf Camaros konkrete Erlebnisse in den 1930er Jahren am Gothaer Theater zurückgeht, ist sein Blick doch universalistisch: Die Welt als Theater – die Welt als Schein.

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Ausstellungsansicht im Kunstforum

„Alexander Camaros Leben überdauerte fast das gesamte 20. Jahrhundert und sein künstlerisches Gesamtwerk besteht aus den unterschiedlichsten Medien. Neben über 1.000 Gemälden gehören dazu Zeichnungen und Illustrationen, auch in Serien, druckgrafische Arbeiten, Papierschnitte und Materialbilder, Objekte sowie kunstgewerbliche Arbeiten wie Stoffentwürfe und Bildteppiche. Mit seiner Beteiligung an Bauprojekten entwarf Camaro zudem Glasfenster und Keramiken.“ So liest man es im Ausstellungskatalog. Dennoch ist der Künstler, der in Berlin nach dem Krieg auch eine Professur innehatte, weitgehend unbekannt.

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Alexander Camaro Florettfechter I, 1950-53 Öl auf Leinwand 115 × 95 cm Nachlass Alexander Camaro © Foto: Felix Broede © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Bei einer Schau in der Akademie der Künste im Jahr 1969 bemerkte der Künstler, der so gerne wie ein Artist im Rampenlicht stand: „Unmerklich, nicht zuletzt wohl durch intensives, näher gelegenes Zeitgeschehen, pflegen Dinge und Menschen zu verblassen und langsam in Vergessenheit zu geraten. […] Schließlich findet sich der Robustere schnell mit einem Lächeln oder Achselzucken damit ab. Eine gewisse Kategorie findet die Vergangenheit sogar lästig und zu wenig dem realistischen Geschehen anpaßbar. Und doch ist die Vergangenheit, der zurückgelegte Weg, gleichsam ein Teil unseres Weges. Wir könnten ihn nicht als nicht begangen betrachten oder als erinnerungswürdig verleugnen. Im Gegenteil! Oft ist ein Rückblick heilsam, denn er war ja einst ebenso real und gegenwärtig.“

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Alexander Camaro Eingang zur Orientschau (Titelzusatz: Nichte des Scharfrichters), 1974 Aquatec, Acryl, Kohle auf Leinwand 200 × 160 cm Nachlass Alexander Camaro © Foto: Eric Tschernow © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Eigentlich war Camaro Artist auf dem Hochseil, war in der Welt des Theaters zuhause, was sich in seinem künstlerischen Schaffen niederschlug. So malte er in wenigen Wochen im Jahr 1946 den 19-teiligen Zyklus „Das Hölzerne Theater“. Mit dieser Arbeit war er dann erstmals 1948 öffentlich zu sehen. Weitere Arbeiten konnte man 1955 und 1959 auf der documenta in Kassel in Augenschein nehmen. Damit hatte der Künstler wohl den künstlerischen Olymp im Nachkriegsdeutschland erklommen.

Neben der Tatsache, dass der Künstler sich im Milieu von Artisten durchaus wohlfühlte, ist noch ein Umstand von Wichtigkeit. So heißt es im Katalog: „Besondere Aufmerksamkeit wurde Camaro als Schüler des expressionistischen Malers und Brücke-Mitglieds Otto Mueller an der Kunstakademie Breslau zuteil. In den erdigen Farben sah er sich allerdings nur »vielleicht« durch seinen Lehrer vorgeprägt. Genauso gut können diese auch an der Landschaft Schlesiens gelegen haben, so der Künstler rückblickend.“

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Alexander Camaro Begegnung, 1987 Aquatec, Collage, Acryl auf Leinwand 200 × 245 cm Nachlass Alexander Camaro © Foto: Reinhard Friedrich (Andrea Bergmann) © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Nein, Badeszenen wie bei Camaros Lehrer Otto Müller finden sich in der Werkschau nicht, allerdings eine Vorliebe für gedeckte Farben, die eine eher melancholische Stimmung einfangen. Auch beim Anblick von „Unter Birken“ muss man an Herbst und Winter denken, an Regen- und Schneelast, an Winterruhe und Kaminfeuer. Es sind nicht Birken im Frühlingsgrün, die wir zu Gesicht bekommen, sondern ein Birkenwald mit der typisch schwarz-weiß gefleckten Rinde der Bäume, die eine junge Frau umgeben. Deren Kleid nimmt die fleckige Rindenfärbung auf, sodass die Figur beinahe in dem Dickicht des Birkenhains versinkt.

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Alexander Camaro Großer Harlekin, 1956 Öl auf Leinwand 200 × 160 cm Camaro Stiftung / Nachlass Alexander Camaro © Foto: Alexander und Renata Camaro Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Zu den Winterbildern, die in der Ausstellung zu sehen sind, gehört auch „Musikpavillon im Schnee“. Damit, aber auch mit dem Zauberer in schmuckem Frack, keckem Schnurrbart und ungekämmten Haaren macht die sehenswerte Ausstellung auf. Übrigens unter einem schwarzen Tuch ist das versteckt, was der Zauberer mit ausladender Geste und wahrscheinlich auch mit Simsalabim hervorzaubert. Die Welt des Zirkus und des Varieté ist obendrein im frühen Nachkriegswerk zu finden, dem sich die Ausstellung widmet. Ganz eigenwillig ist der Blick von unten und leicht in der Blickachse gekippt auf einen Artisten auf dem Hochseil. Ein Bein ist das Standbein auf dem Seil, das andere dient dazu die Balance zu halten. Gestaucht scheint aus der Perspektive des Betrachters der Körper des Artisten, der da in schwindelerregender Höhe auf dem Seil herumturnt. Auf den Jahrmarkt entführt uns Camaro mit „Schaubudenmädchen“ (1949). Mit der manierierten Geste einer Ballerina tritt die Dame dem Betrachter entgegen. Und wer ist der Herr mit der Fliege und dem Bowler an ihrer Seite? Ein Verehrer oder ein zufälliger Besucher des Jahrmarkts?

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Alexander Camaro Bildnis Liselore, o. J. Öl auf Leinwand 85 × 66 cm Nachlass Alexander Camaro © Foto: Alexander und Renata Camaro Stiftung
© VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Die Arena oder Manege als Ort des Geschehens findet sich in der Arbeit „Ausbrechender Stier“. Und wer ist die Blondhaarige am Bildrand, die da der Szenerie zuschaut? Wartet sie ab, ob dem Stier der Ausbruch gelingt? Mit dem armen Schaubudenbesitzer, hat der Künstler ein weiteres Mal das Thema Jahrmarkt künstlerisch umgesetzt.

Jahrzehnte vor den genannten Arbeiten entstand 1929 das Gemälde „Die Nonnen“, die gebeugt ihres Weges gehen, so als laste die Ordenszugehörigkeit und der Habit schwer auf ihnen. Im Hintergrund entdecken wir eine Frau, die mit einer Gehhilfe spazieren geht, und eine weitere, die sich auf einer Bank niedergelassen hat. Diese beiden sind nicht im Blickfeld der Nonnen, deren Schweifhauben den Blick einengen, im wahrsten Wortsinn! Selbstbildnis oder doch das Bildnis des Vaters, wie es der Bildtitel suggeriert, das ist die Frage bei „Mein Vater III“. Zu sehen ist ein Mann mit Palette und Pinsel in der Hand. Auf dem Kopf trägt er eine Baskenmütze. Es ist doch eher der Künstler selbst, der sich hier porträtierte. In einem anderen Porträt aus den 1920er Jahren sieht man eine bleichgesichtige Frau mit Kurzhaarfrisur, die ein schwarzes Kleid mit auffälliger Knopfleiste anhat.

Als Schattenwesen erscheint der Mann im Schnee, der zwischen dunklen Häuserfassaden seines Weges geht. Diese Szene scheint symbolistisch zu gewichten zu sein: ein Mensch verloren zwischen der bebauten Umgebung, allein, einsam, auf dem Weg, aber wohin?

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Alexander Camaro Kendo I (Titelzusatz: Der Weg des Samurai), 1987 Mischtechnik, Acryl auf Leinwand 200 × 250 cm Camaro Stiftung / Nachlass Alexander Camaro © Foto: Angelika Weidling © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Zu den szenischen Inszenierungen, wie man sie aus dem Theater kennt, gehört „Kendo. Der Weg des Samurai“. Nein, an die Verfilmung der sieben Samurai knüpft der Künstler nicht an, sondern zeigt uns eher eine Wildhatz, bei dem eine Wildsau von Hunden gestellt wird und mit einem Lanzenstich erlegt wird. Das hat wenig mit dem japanischen Stockkampf zu tun und mit Samurai auch nicht. Insoweit ist der Bildtitel eher irreführend. Die Bretter, die die Welt bedeuten, spielen bei Camaro auch eine gewichtige Rolle. So malte er das „Parkettvestibül“ ebenso wie die „Proszeniumloge“, flüchtig und skizzenhaft hingeworfene Architekturansichten, Räume, die menschenleer sind, tote Räume, so muss man anfügen. Ebenso ein Leerraum ist Camaros Ansicht einer Kegelbahn, auf der die Kegel fehlen und auch die Ergebnisse der Würfe nicht auf der schwarzen Tafel zu finden sind.

Ein gutes Bild trägt ein Geheimnis – es atmet
Ein Rezept? Vielleicht – Mittel einzusetzen wie ein Alchimist, im Lauf der Jahre erarbeitet. Was mich bewegt ist außergewöhnlich und muß auch mit außergewöhnlichen Mitteln, Techniken, das heißt auch Dosierungen, wie Beigaben von Öl in welchem Verhältnis vermengt – und auch differenzierende Nuancen von Empfindungen aufspürbare Regungen hineingemischt wie Haut zu behandeln empfindliche, nervöse Haut …“ A. Camaro

Auf der Suche nach Neuen schuf Camaro flächige Großformate, darunter „Festlich“ und „Morgen am Fluss“, zwei Arbeiten, die auch auf der Kasseler documenta zu sehen waren. Teilweise erinnern einige der Arbeiten, so „Festlich“ an das Gestische des Informel. Das eher Gestische findet sich auch in dem Gemälde „Vor rotem Himmel“ wieder. Zudem bestimmt die Farbe und nicht das Figurative diese Arbeit. Das gilt zudem für weitere Arbeiten, die in den 1960er Jahren entstanden sind und die man als Farbformbilder kennzeichnen kann. Beinahe an die kantigen Formen eines Holzschnitts erinnert die Arbeit „Vorfrühling“, ein Werk mit starker horizontaler Ausrichtung. Auch an sogenannte Cut Outs muss man beim Betrachten denken. An japanische Papierfaltarbeiten scheint sich „Einfall der Kraniche“ anzulehnen, auch wenn Camaro die „gefalteten Kraniche“ in Öl auf die Leinwand gebannt hat.

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Alexander Camaro Mädchen mit Kaleidoskop, 1946 Öl auf Holz 61 × 78 cm Nachlass Alexander Camaro © Foto: Angelika Weidling
© VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Ausführlich widmet sich die Ausstellung außerdem dem zeichnerischen Schaffen von Camaro. Darunter findet sich unter anderem das Porträt der letzten Lebensgefährtin des Künstlers, Unica Zürn, eine Schriftstellerin. Außerdem sehen wir beim weiteren Rundgang einen Zirkusreiter sowie einen Ballettdirektor mit zwei Tänzerinnen; beide Arbeiten sind in Pastell ausgeführt.


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Alexander Camaro Requisiten im gelben Zelt, 1975 Öl, Kohle auf Leinwand 160 × 220 cm Nachlass Alexander Camaro © Foto: Hermann Kiessling, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Auch in den späteren Phasen des Schaffens kam Camaro immer mal wieder auf Themen wie Jahrmarkt, Zirkus und Theater zurück, so mit „Aschermittwochblues“ und „Musikclowns“. Am Ende des Rundgangs sind es dann die späten Winterbilder, vor denen der Besucher verweilen kann. Dabei kehrt Camaro zu der Farbpalette zurück, die auch seine frühen Werke bestimmten: Grau und Weiß, schlicht gedämpfte Farben für gedämpfte Stimmungen.

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Alexander Camaro Aschermittwoch-Blues, 1973 Mischtechnik, Collage, Acryl auf Leinwand 160 × 200 cm Nachlass Alexander Camaro © Foto: Alexander und Renata Camaro Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Übrigens, im Katalog findet sich der Beitrag Die Welt des Scheins - ein Camaro - Alphabet von Christiane Heuwinkel. Die von A bis Z eine Werksinterpretation und zugleich einen Überblick über das Schaffen des Künstlers abliefert. Diese beinahe stichwortartige Übersicht ist besonders lesenswert für diejenigen, die sich einen raschen Überblick über den Künstler verschaffen wollen.

Katalog Alexander Camaro - Die Welt des Scheins. herausgegeben von Christiane Heuwinkel, Hirmer-Verlag, ISBN 978-3-7774-4016-3, www.hirmerverlag.de

© ferdinand dupuis-panther

Die Ausstellung wird vom 26. März bis 18. Juni 2023 im Angermuseum Erfurt zu sehen sein.

Informationen
Hermann Stenner Kunstforum
https://kunstforum-hermann-stenner.de
https://kunstforum-hermann-stenner.de/besuchen/

 

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