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Ausstellungsorte in Bielefeld: Kunsthalle / Hermann Stenner Kunstforum

Bielefeld
Hermann Stenner Kunstforum

Hans Purrmann: Ein Leben in Farbe
bis 15.8.2021


Der Maler Hans Purrmann (1880–1966) zählt mit seinen farbkräftigen Werken zu denLaufe eines etappenreichen Lebens zwischen seiner pfälzischen Heimat Speyer, München, Berlin, Paris, Rom und der Schweiz (Tessin) entwickelte er sich zu einem Maler von herausragendem Format mit weitreichenden Verbindungen. Seine Teilnahme an der legendären Sonderbund-Ausstellung 1912 in Köln bis hin zur »documenta I« 1955 in Kassel markiert den weitgespannten Bogen der Wirkung Purrmanns. Mit 112 Gemälden dokumentiert das Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld nun das lange Schaffen des Künstlers.

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Hans Purrmann Liegender Akt, 1940 Öl auf Leinwand 95 × 120 cm Privatbesitz Süddeutschland © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Die luftige Hängung der Exponate besticht ebenso wie die thematische Strukturierung, die es jedem Besucher ermöglicht, sich individuell dem künstlerischen Schaffen Purrmanns zu nähern, ob nun die Interessen auf Porträts, Akte, Ansichten vom Tessin, von Florenz oder dem Bodensee liegen. Purrmanns Nähe zu Henri Matisse ist insbesondere bei den gemalten Interieurs deutlich erkennbar. Wie bei Matisse, der dem Fauvismus zuzurechnen ist, sind die Innenräume zumeist ornamental dekoriert. Selten findet man monochrom ausgeschlagene Räume zum Beispiel für die zahlreichen weiblichen Akte, die Purrmann der Nachwelt hinterlassen hat, darunter auch insgesamt vier liegende Akte, von denen zwei in der Schau zu sehen. Der eine oder andere Besucher mag beim Anblick der schlanken, auf einem mit bunten Stoffen bezogenen Sofa Liegenden auch an Akte von Amedeo Clemente Modigliani denken, der allerdings auf eher dralle Frauen als Modelle setzte und sehr flächig und ohne „gefühlte Farben“ malte. Und das ist der Gegensatz zu der expressiven Farbigkeit von Hans Purrmann.

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Hans Purrmann Stehender Atelierakt, nach rechts, 1907 Öl auf Leinwand 65 × 54,5 cm Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Übrigens, beim „Sitzenden Akt“ von 1905, meint man, bei Purrmann die Handschrift von Lovis Corinth und Max Liebermann durchscheinen zu sehen. Zu den weiblichen Akten – männliche findet man in der Ausstellung nicht – gehört auch ein gleichsam skulptural konzipierter Akt, stehend auf einer Plinthe sowie sich an einen hohen Hocker lehnend. Das Modell scheint eine Frau wie du und ich, also kein superschlankes und auch kein kurviges Modell. Eher scheint der Körper der Frau von Alter gezeichnet. Sie ist dickbäuchig und der Körper scheint verbraucht.

Die Landschaft mit und ohne Cézanne

Für Purrmann, so ein O-Ton, galt: „Ich glaube an Gott und Cézanne“. Dies ist ganz deutlich in zahlreichen Landschaftsgemälden zu sehen, die die Grünstufen und Sand- sowie Rottöne von Cézanne aufgreifen. Landschaften beschäftigten den aus Speyer stammenden Hans Purrmann zeit seines Lebens, vor allem während seiner Reisen nach Südfrankreich, nach Italien und an den Bodensee. Mediterranes Licht fing der Künstler gekonnt in seinen Gemälden ein, bisweilen findet man auch eine sehr strukturierte Lichtregie, die an das Licht-und-Schattenspiel in einigen Gemälden des Nestors des deutschen Impressionismus, Max Liebermann, erinnert. Übrigens, auf einer seiner Reisen ans Mittelmeer war Purrmann in Begleitung seines Lehrmeisters Henri Matisse.

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Hans Purrmann Barockbrunnen und Parkbank im Hof der Villa Le Lagore, 1965 Öl auf Leinwand 64 × 78 cm Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Auf den Mittelmeerreisen entstand u.a. das Gemälde „Meereslandschaft bei Cassis“. Grünnuancen durchziehen das Gemälde, das zudem durch die bläuliche Hügellandschaft im Hintergrund auffällt. Der Himmel nimmt nur ein Drittel des Gemäldes ein; dominierend ist der Ausschnitt der Landschaft. Rötliche und violette Lichtflecken durchziehen das Werk „Weg zwischen Olivenbäumen“, die ein Dach aus Geäst und Laub bilden.

Der Maler und seine Modelle

Porträtaufträge nahm Purrmann nicht an, wollte er doch Debatten um die Ähnlichkeit zwischen Porträt und Porträtiertem vermeiden. So beschränkte er sich darauf, seine Modelle aus dem engen Umfeld zu „rekrutieren“. Unter anderem ist das „Mädchen mit Lockenhaar“ zu sehen, durchaus mit neusachlichen Anmutungen. Starr ist der Blick der Porträtierten, die vor einem reich dekorierten Hintergrund gemalt wurde. In Seitenansicht zu sehen ist das 1940 entstandene „Mädchenbildnis“ , Der Hintergrund ist mit floralen Mustern dekoriert. Grau hingegen ist der Hintergrund in der Arbeit „Damenbildnis“. Die Besucher begegnen der sitzenden und mit verschränkten Armen dargestellten Dame, die einen blaugrauen Hut trägt und deren Wangen mit Rouge hervorgehoben sind. Der Blick der Porträtierten scheint streng und entrückt. Zu den Porträtierten gehört zudem Purrmanns Tochter Christine, die in einem Zimmer mit blauem Teppich in Karomustern zu sehen ist. Das Kind versinkt in einem schweren Sessel, der mit einem bunten Stoff bezogen ist.

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Hans Purrmann Das Hesse-Zimmer in der Casa Camuzzi, 1950 Öl auf Leinwand 46 × 56 cm Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Die Natur ist stark und geheimnisvoll

Auf Einladung von Eugen von Kahler weilte Purrmann in der Nähe von Prag, als er den „Park von Svinar“ in Öl für die Nachwelt festhielt. Nicht nur diese Parklandschaft gelang Purrmann stimmungsvoll, sondern auch „Straße im Winter“, „Landschaft am Bodensee“ und „Am Meer von Cassis“. Im letzten Gemälde fing Purrmann das Licht des Südens ein, tauchte die Landschaft stellenweise in wässriges Lila, malte gestisch und verlieh der Landschaft so etwas Dynamisches. Statt des Stils des Pointilimus, der das Sujet in Bildpunkte gliedert, wählte Purrmann für seine Bodenseelandschaft kurze Pinselstriche und „Farbschlingen“, um das Motiv auf die Leinwand zu bannen. So gelang es ihm, uns glauben zu machen, Wind streife durch das Laub der Bäume und diese würden sich diesem im Wind wiegen. Skizzenhaft erscheint hingegen die „Straße im Winter“, die mit wenigen Strichen entstand. Eine bläuliche Schneedecke bedeckt Dächer und Straßen in „Schnee in Berlin-Grunewald“. Hoch aufragend ist die rechts ins Bild gesetzte Schirmkiefer, die nicht in Schneelast gehüllt ist. Der Himmel schimmert in Blau, Violett, Grün und Lila – flüchtig in gebrochenen Flächen auf die Leinwand gesetzt.

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Hans Purrmann Pinien auf Ischia, 1957 Öl auf Leinwand 46 × 38 cm Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Purrmanns zeitweiliger Wohnsitz im Tessin, die Casa Camuzzi, die zeitweilig auch von Hermann Hesse bewohnt wurde. Das sogenannte Hesse-Zimmer malte der Künstler 1950. Dies ist eines von zehn Gemälden des besagten Hesse-Zimmers. Ähnlich wie die Fauvisten lässt auch Purrmann den Innenraum sich in die Landschaft öffnen. Dazu dient der Blick durch das geöffnete Fenster ebenso wie der große Spiegel über dem Kamin. So wird die Bergwelt in die heimische Umgebung eingebunden. Das „Spiel“ von Innenraum und Umgebung findet sich außerdem in „Interieur mit zwei Frauen“. Die eine liegt in einem Sonnenliegestuhl, wohl lesend oder vielleicht nur dösend, die andere schaut aus dem geöffneten Fenster. Auch in diesem Werk findet sich ein „Matisse-Element“: der überaus dekorative, in Rosa gehaltene Paravent am rechten Bildrand.

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Hans Purrmann Atelierecke mit offenem Fenster, 1924 Öl auf Leinwand 55,5 × 46 cm Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Sehnsuchtsorte“

Das Forum Romanum in Rom mit der Tempelruine und die toskanische Landschaft sind Motive bei Purrmann, der zwischen 1922 und 1927 in Rom weilte und Teile von Italien wie Neapel, Florenz und Sorrent erkundete. Der Blick aus dem Atelier am Monte Pincio (Rom) auf eine gestaffelte Landschaft entstand während Purrmanns Italienzeit. Es entstand aber auch eine Hafenansicht mit zwei im Wasser dümpelnden Booten und einer ausladenden Palme im Vordergrund. Dabei erscheint die Arbeit in Öl wie eine Kreidemalerei, transparent und nicht in Ölfarbe erstickend.

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Hans Purrmann Selbstbildnis, 1961 Öl auf Leinwand 59 × 53,5 cm Privatbesitz Süddeutschland © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Zu sehen ist außerdem eine Küstenlandschaft mit hohen Felsklippen, die in Rottönen gehalten sind. Im Kontrast dazu steht die Baumgruppe in Tannengrün im Vordergrund des Werks. Purrmanns Blick über Florenz könnte auch von Cézanne stammen, berücksichtigt man den Duktus und die Farbharmonien. „Grafisch“ konzipiert und einer dynamischen Farblithografie nicht unähnlich ist Purrmanns „Bodenseeufer“: Zu sehen sind Farbflächen, die durch dynamische Schraffuren aufgelockert sind. Gestisch gestaltet ist der Himmel, der von „Farbkrikelkrakel“ bestimmt wird. Flirrendes Licht wurde in „Bodenseelandschaft (Unterdorf)“ eingefangen. Schließlich und das sei hier nur kurz erwähnt, gehören auch Stillleben mit Blumen und Früchten zum Gesamtwerk Purrmanns. Und diese werden dem Ausstellungsbesucher auch vorgestellt.

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Hans Purrmann Anemonen und Farn in Barockvase, 1954 Öl auf Leinwand 73 × 65 cm Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2020/21

Fazit: eine sehr gut strukturierte Ausstellung mit Farbigkeit, bisweilen auch mit fulminanten Farbexplosionen, die es lohnt, gesehen zu werden!

© ferdinand dupuis-panther

Informationen
Hermann Stenner Kunstforum
https://kunstforum-hermann-stenner.de
https://kunstforum-hermann-stenner.de/besuchen/

 

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