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Ausstellungsorte in Bielefeld: Kunsthalle / Hermann Stenner Kunstforum

Bielefeld
Hermann Stenner Kunstforum

WENZEL HABLIK: KRISTALLTRÄUME EXPRESSIONISMUS, ARCHITEKTUR, UTOPIE bis 6.3.2022

Kristalline Architekturentwürfe, intergalaktische »Luftkolonien«, mechanische Flugkörper, aber auch Sternenhimmel, Berglandschaften und Möbelentwürfe: Das Gesamtkunstwerk des Expressionisten Wenzel Hablik ist überbordend in seiner Vielfalt – und noch viel zu wenig entdeckt. Nunmehr hat man in Bielefeld die Gelegenheit, dem Maler, Gestalter und Architekturvisionär sowie seinem Gesamtkunstwerk auf die Spur zu kommen. Die aktuelle Retrospektive umfasst über 200 Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, Designobjekte, Fotografien und Dokumente.

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Wenzel Hablik Sternhimmel, 1913 Öl auf Leinwand 201 × 301 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzeho

Der aus Westböhmen stammende Hablik schaffte es nach mehreren Stationen einschließlich eines Studiums in Wien und Prag das internationale Kunstparkett zu betreten. 1908 sorgte er mit Gemälden und Arbeiten aus seinem Zyklus »Schaffende Kräfte« in einer Ausstellung der Berliner Secession für Aufsehen. Sie sind in der Bielefelder Ausstellung nun komplett zu sehen. Der führende Avantgarde-Galerist Herwarth Walden stellte 1912 in seiner Sturm-Galerie den gesamten Radierzyklus aus – neben Werken von Picasso, Kandinsky, Kokoschka und Gauguin.

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Wenzel Hablik Freitragende Kuppel, 1918/23/24 Öl auf Leinwand 166 × 191 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

1919 nahm Hablik auf Einladung von Walter Gropius an der »Ausstellung für unbekannte Architekten« des Arbeitsrats für Kunst teil. Schließlich wurde er Mitglieder der Vereinigung „Die Gläserne Kette“, zu der auch die bekannten Bauhausarchitekten Walter Gropius, Bruno Taut, Hans Scharoun, Hans und Wassili Luckhardt gehörten. Tollkühn und verwegen waren seine Architekturvisionen, die von frühen Science Fiction-Autoren, wie H. G. Wells, Paul Scheerbart und Jules Verne, inspiriert waren. Zur Realisierung kam keine der Visionen, zumal auch der frühe Tod von Hablik mit 52 Jahren eine unvergleichliche künstlerische Karriere jäh beendete.

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Wenzel Hablik Eine Wolke, 1910 Öl auf Leinwand 150 × 200 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

Bestrebt war Hablik, wie einem Briefwechsel zu entnehmen ist, das Gesamtkunstwerk zu realisieren. Dabei galt: »Muss ich schon an der Erde kleben, dann wenigstens nicht mit dem Hirn.«(Wenzel Hablik, 1907) Das Außerirdische, das Galaktische, der Sternenhimmel, die Planeten zogen Hablik magisch an und mündeten nicht nur in Gemälden des Sternenhimmels, sondern auch in ein Messinggefäß, das als Keksdose Verwendung fand, aber dem Saturn nachempfunden war. Entstanden war das Gefäß jedoch als zweckfreie Form. Die spätere Nutzung war zufällig und nicht intendiert, als das Gefäß entstand.

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Wenzel Hablik ohne Titel (Selbstporträt mit Virginia), 1927 Farbstift 26,3 × 20,8 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

Das Kristalline durchzieht viele der Werke Habliks, so auch das Gemälde „Gletscher“. Geschliffenes Eis, Eisplateaus und rinnendes Wasser vereinen sich in dieser Arbeit. Auch Zuckerhutformen in Grün und hellem Blau kann man beim Betrachten entdecken. Anregungen für die Gestaltung von Landschaften und Architekturen entnahm der Künstler der Natur. Kristalline Ausformungen von Mineralien wie Pyrit und Bergkristall sowie Muscheln und Schnecken hatten es Hablik angetan. Leidenschaftlich sammelte er diese und platzierte sie in Vitrinen, schuf also gleichsam eine ganz eigene Kunstkammer so, wie es einst Fürsten taten. Einen Einblick in die Sammelleidenschaft Habliks bekommen Besucher der Schau nicht nur gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs.

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Wenzel Hablik ohne Titel (Zentral-Hotel, Sitzreihe mit Pfeilern), 1922 Bleistift, Aquarell, Tempera auf Millimeterpapier, Karton 32,5 × 44,9 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzeho

Expressiv und gestisch gestaltete er eine Vielzahl von Gemälden, so auch „Föhr, Sonnenaufgang im Winter“. Dominierend sind die changierenden Farbspiele zwischen Marineblau und Smaragdgrün, die wir als Betrachter des genannten Werks sehen. Zudem sehen wir ein Bogenfeld mit Lichtexplosionen über dem Wasser. Sind da nicht auch drei Vögel im Lichtbogen auszumachen? Beeindruckend ist auch Habliks Ansicht des Mont Blanc. Hablik selbst war Bergsteiger, war also der Felslandschaft sehr nahe und bestieg auch den wohl mächtigsten Berg Europas. Wie Staffagen erscheinen in „Sonnenaufgang Mont Blanc“ die Bergsteiger. Der gewaltige Berg selbst liegt bei dieser Arbeit im Schatten. Wir sehen also gleichsam eine Gegenlichtaufnahme der Bergwelt. Auch dem Ätna hat Hablik eine Arbeit gewidmet. Neben den Gemälden jedoch war er auch stets kunstgewerblich interessiert, war Designer, so auch für eine sternenförmige Tischlampe aus Milchglas und Messing. Von Hablik stammen zudem der ausgestellte achteckige Spieltisch und die vier Stühle. Für deren Herstellung wurde Eiche, Ahorn, Birne und Ebenholz verwendet.

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Wenzel Hablik Tanzmaske, um 1928 Messingblech 48 × 54 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

Eine wahre Flammenexplosion wurde anlässlich des Stadtjubiläums von Itzehoe inszeniert, und Hablik hielt dies in einem beeindruckenden Gemälde mit Rot- und Gelbtönen fest. Dazu notierte er in seinem Tagebuch: „Ich begann, wie wenn ich ein Feuer draußen anmachen würde: Ich legte mit dem Spachtel die Äste auf die Leinwand. Schichtete sie so, dass ein guter Brand möglich war, und – steckte sie mit dunklem Gelb in Brand. Ich arbeitete wie wütend und hatte tatsächlich das Gefühl, dass ich das Feuer schüre.“ Und fürwahr, wer sich das Werk anschaut, verspürt gleichsam die Hitze der züngelnden Flammen, die auf dem Gemälde zu sehen sind.

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Wenzel Hablik Saturndose, 1922 Messing, Kupfer 31, 35,7 (Durchmesser) cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

Das Frühwerk Habliks ist nicht nur von einem Selbstbildnis mit Pfeife oder den Naturstudien eines Eichelhähers bestimmt, sondern auch von kristallinen Landschaften in Ocker, Blau, Tannengrün und Rosa wie im „Der Zug des Genius“. Nicht nur pyramidale Formen, sondern auch gotisch anmutende Baukunst ist auszumachen. Zudem sehen wir zahlreiche Figuren, auf einem Plateau stehend oder einen Fels erklimmend. Auch ein Kinderbilderbuch mit Anlehnungen an Geschichten aus dem mittelalterlichen Burgleben entstand in der Frühphase von Habliks Schaffen.

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Wenzel Hablik Große bunte utopische Bauten, 1922 Öl auf Leinwand 153,3 × 190 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

Felsschlösser zeichnet Hablik ab 1908 immer wieder. Bisweilen ragen sie aus einem Ring konischer Felsen empor und durchstoßen die Wolkendecke. Einsiedeleien konzipiert der Künstler als Sinnbild einer neuen Welt des zukünftigen Menschen. Und was ist mit dem Menschen als sozialem Wesen, das Gemeinschaft braucht? - Wir stehen bei unserem Ausstellungsbesuch auch vor der Arbeit „Im Rösselwald, Brüx“ (1906). Auf den Höhen sieht man Schnee. Die Bäume des Waldes sind knorrig. Im Duktus erinnert dieses Werk schon stark an Karl Hagemeisters Gemälde. „Heimkehr vom Fest“ lautet der Titel eines anderen Gemäldes, auf dem wir Mädchen in langen weißen Kleidern entdecken, die auf einer unbefestigten Landstraße einhergehen. Vom Wind zerzauste Bäume stehen schief am Wegesrand.

Hier deutet sich schon an, was Hablik auch bewegte, die Frage der Naturgewalten nämlich. Treibendes Eis erblickt man in „Eismeer“. Tiefblau ist das Wasser im Kontrast zu dem teilweise eher grünlich durchzogenen Himmel. Strichweiser Regen geht nieder, und dunkle Gewitterwolken sind auch auszumachen. Die Wolken gleichen sich aufbäumenden Wogen, wie sie nicht nur der oben genannte Karl Hagemeister, sondern auch Courbet meisterlich auf die Leinwand gebracht haben.

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Wenzel Hablik Grüne Türbe, Brussa, 1910 Öl auf Leinwand 121,5 × 121,5 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

Utopien blieben bei Hablik Utopien, vor allem Architekturutopien, die nie realisiert wurden, so auch „Siedlung im Schwarzwald oder Heide“ (1920), eine Tusche-Aquarellarbeit mit pilzförmigen, auch phallisch erscheinenden Wohnbauten. Zu sehen aber sind auch Ideen, aus Eisenbeton Skelettbauten zu erschaffen. Das Prinzip des Bauhauses war für Hablik durchaus ein Maßstab, vor allem aber die Entwürfe von Bruno Taut, wie wir beim Rundgang durch die Ausstellung erkennen können. „Kinder! Was für herrliches Zeug hat unsere Erde noch an Stoff für unsere Bauspiele. Denkt nur: Fels haben wir! Metall und Diamant!“ Dieses Zitat klingt nicht nach dieser Welt, sondern nach Hablikscher Traumwelt, oder?

Man sieht aber zudem Entwürfe, die den Kubus „feiern“ und auch solche Wohnkuben , die in den Tautschen Tuschkasten getaucht wurden. „Wo steht geschrieben, dass der Mensch ewig in Ziegelkästen zu wohnen hat.“ So äußert sich Hablik zu seinem Doppelwohnhaus und auch zu seinem 1919 entworfenen Vielfamilienhaus, die sich gegen den Klinker als Baustoff positionierten. Durchfenstert waren die Kuben, auf einer Anhöhe stehend und mit Blau, Orange und Rot abgesetzten Fassaden.

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Wenzel Hablik ohne Titel (Tanzkostüm), 1920/29 Bleistift, Tusche auf Pergamentpapier, Karton 31,9 × 23,8 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzeho

Unendliche Welten hoffte Hablik zu erobern. Fasziniert war er vom Kosmos, den er unter anderem in „Sternhimmel“ für die Nachwelt festhielt. Einer Farbexplosion gleicht „Eine Wolke“, die durchscheinender Vulkanlava gleichend, tropfenförmig in die Höhe schießt. Bei weiteren utopischen Architekturlandschaften bediente sich Hablik teilweise der Formensprache des Art déco. Auf dem Papier entstand die Idee zu einem turmähnlichen Ausstellungsgebäude, bei dessen Anblick man an Entwürfe Tatlins denken muss. Auch große Kuppelbauten hatten es dem Künstler angetan, der zwischen Symbolismus und Expressionismus seinen Weg suchte. In diesem Kontext sehe man das Gemälde „Der große Türbe“.

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Wenzel Hablik Gletscher, 1917 Öl auf Leinwand 130,5 × 95,5 cm Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-HablikStiftung, Itzehoe

Das Highlight der Bielefelder Ausstellung ist die Inszenierung des privaten Esszimmers der Familie Hablik. Dieses befand sich im 1917 erworbenen Hablik-Haus in Itzehoe, das 1931 umgestaltet wurde. Entstanden ist das Esszimmer mit seiner linearen Ausmalung im Sinne konkreter Kunst im Jahr 1923. Diese Innengestaltung verschwand rechtzeitig hinter Wand- und Deckenverkleidung, ehe die neuen Machthaber unter dem Hakenkreuz die Ausgestaltung als undeutsch und unarisch, sprich entartet, einstufen konnten. So aber überlebte die Ausgestaltung des Hauses, die nun in einer Inszenierung in Bielefeld zu bewundern ist. Abschließend sei noch auf die zahlreichen Textilarbeiten hinzuweisen, die der Ehefrau Habliks, der Handweberin Elisabeth Lindemann zu verdanken sind.

© ferdinand dupuis-panther

 

Informationen
Hermann Stenner Kunstforum
https://kunstforum-hermann-stenner.de
https://kunstforum-hermann-stenner.de/besuchen/

 

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