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Büren - Wewelsburg

Germanenmythos und Kriegspropaganda. Der Illustrator Wilhelm Petersen (1900–1987)
bis 26.9.2021

National-konservativ geprägt, orientierte sich Wilhelm Petersen bereits in den 1920er Jahren an völkischen Ideologien. 1933 trat er in die NSDAP ein. Durch Alfred Rosenberg massiv gefördert, wurden seine Werke in Ausstellungen, als Illustrationen und Kunstdrucke vermarktet und von führenden Nationalsozialisten erworben. Seine Bildmotive prägten die Vorstellung von vor- und frühgeschichtlichen Germanen und "nordischen Idealfiguren". 1938 verlieh ihm Adolf Hitler den Professorentitel. Als Kriegszeichner der Waffen-SS trugen Petersens Zeichnungen dazu bei, den Mythos der Waffen-SS als kämpferische Elite zu verbreiten. Nach dem Krieg wurde er als einer der Zeichner der Igelfigur "Mecki" für die Zeitschrift "Hör Zu!" bekannt. Bis zu seinem Tod 1987 distanzierte sich Wilhelm Petersen nicht von seiner Rolle als NS-Künstler, sondern blieb im Netzwerk ehemaliger Nationalsozialisten und Mitglieder der Waffen-SS fest verwurzelt.

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Wer sich vergegenwärtigt, dass erst mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des II. Weltkriegs und des SS-Staates (Eugen Kogon) ein weiteres Kapitel aufgeschlagen wird, das sich mit der jüngeren deutschen Vergangenheit befasst, dann wirkt das gewiss befremdlich. Angesichts des Erstarkens von nationalistisch und nationalsozialistisch ausgerichteten Parteien und Gruppierungen und der Charakterisierung der Zeit des sogenannten III. Reiches als „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ (A. Gauland, MdB AfD!) ist die aktuelle Ausstellungen über einen Illustrator der scheinbar unverfänglichen Bildgeschichten von „Mecki“ längst überfällig. Bis zu seinem letzten Atemzug blieb Petersen der nationalsozialistischen Ideologie treu, verstand sich als Teil des untergegangenen Regimes, dem er nachtrauerte. Diese ideologische Verbohrtheit spiegeln die genannten Bildgeschichten nicht wider, doch von rassistischen Klischees sind sie schon durchzogen. Unterscheidet sich das von den Bildgeschichten „Tim und Struppi“ des belgischen Zeichners Hergé? Sind nicht auch die fiktiven Erzählungen von Karl May vom Geist eines edlen Wilden beseelt, typisch für den Rassismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Dieser war im Übrigen eng mit dem Kolonialismus in Afrika und anderswo verbunden.

Der Illustrator Wilhelm Petersen (1900–1987) war ein williges Werkzeug im Kontext der Kriegspropaganda, ehe er völlig unbehelligt nach dem Krieg für die „Hör Zu“ arbeitete. Petersen, Professor von Hitlers Gnade und ohne Hochschulstudium, konnte während des Bestehens des SS-Staates u. a. auf die Förderung von Alfred Rosenberg und andere Regime-Prominenz vertrauen.

 

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„In unserer Ausstellung wird der NS-Künstler in seinen zeitlichen Kontext gestellt und seine Rolle als SS-Kriegszeichner und einem Treiber der SS-Kriegspropaganda aufgearbeitet“, unterstreicht Museumsleiterin Kirsten John-Stucke. Dass sich das Kreismuseum mit der Person und gerade mit dem Wirken Petersens befasst, hängt auch damit zusammen, dass Teile des Nachlasses in den Besitz des Museums gelangt sind, Zeichnungen, Skizzen, Belegexemplare von Büchern und Zeichnungen, aber auch Orden und Uniformteile.

Angesichts der Tatsache, dass Petersen für den noch heute existierenden Ullstein-Verlag tätig war, stellt sich doch die Frage, ob sich dieses Verlagshaus mit der Aufarbeitung der eigenen Verlagsgeschichte und dem Wirken von Petersen nachhaltig auseinandergesetzt hat. Gewiss, Petersen ist nicht so bekannt wie der Bildhauer Arno Breker, der in seinen bildhauerischen Arbeiten ein Hohelied auf die arische Herrenrasse gesungen hat, aber Propaganda haben beide Künstler auf ihre jeweils eigene Art für den NS-Staat betrieben.

Die aktuelle Ausstellung ist in thematischen Kapiteln gegliedert, die sich an den grundlegenden Lebensphasen Petersens orientieren. Das erste Kapitel wirft einen Blick auf die Zeit vor 1933 und auf Petersens Engagement im völkisch-antisemitischen Freikorps „Marine-Brigade Ehrhardt“. Mit diesem Freikorps beteiligte sich der verhinderte Kriegsteilnehmer Petersen im November 1919 an der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes in Berlin. Im März 1920 nahm er am sogenannten „Kapp-Lüttwitz-Putsch“ gegen die Weimarer Republik teil. Dem Völkischen fühlte sich Petersen auch bei seiner Arbeit für den „Deutschen Bund Heimatschutz“ verbunden.

 

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Das nächste Kapitel umfasst die Zeit der sogenannten Machtergreifung bis zum September 1939: In diesen Jahren feierte Petersen, protegiert durch NSDAP-Bonzen, erste künstlerische Erfolge. Es folgte der Beitritt als Untersturmführer in die Allgemeine SS. Fortan war er der Förderung durch den „Persönlichen Stab Reichsführer-SS“ gewiss und konnte seinen Germanenpathos in seinen Arbeiten umsetzen. Mit insgesamt acht Werken war Wilhelm Petersen auf den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ in München vertreten, die seit 1937 jährlich in dem neu erbauten „Haus der Deutschen Kunst“ veranstaltet wurden. Sowohl Adolf Hitler, Hermann Göring und Alfred Rosenberg als auch Martin Bormann erwarben Werke von Petersen.

Die Zeit des Zweiten Weltkriegs wird in einem weiteren Kapitel beleuchtet. Mit dem Überfall auf Polen konnte Petersen als Soldat am Krieg teilnehmen. Unmittelbar nach dem Polenfeldzug wurde er zur Waffen-SS beordert. Die heroisierenden und ideologisierten Zeichnungen vom Krieg im Westen und im Osten bekamen in Ausstellungen eine große Bühne.

Nach dem Ende des letzten Weltkriegs wurde Petersen kurzzeitig interniert und entnazifiziert, ohne nachteilige Folgen für einen der sicher nicht unwichtigen Propagandisten des SS-Staats. Wieso ihm 1975 der Friedrich-Hebbel-Preis für sein Lebenswerk verliehen wurde, erscheint skandalös, ist aber aus der systematischen Reinwaschung von Mitläufern und Tätern während der Adenauer-Ära und danach zu begreifen. Justiz, Verwaltung und Polizei waren durchsetzt von Anhängern des alten Regimes. Geläutert war auch Petersen nicht, sondern er war fest im Netzwerk ehemaliger SS-Mitglieder verankert. Als Mitglied der NPD und aktives Mitglied der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Mitglieder der Waffen-SS“ (HIAG) pflegte er enge Verbindungen in ein „braunes Milieu“. Neben seiner Bekanntheit als Mecki-Zeichner prägten Veröffentlichungen aus dem rechtsextremen Umfeld bis in die 1990er Jahre die Rezeption seiner Werke. Das betrifft auch Motive handgranatenwerfender SS-Männer, die auf T-Shirts bis vor einigen Jahren vertrieben wurden. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (B. Brecht in „Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“) scheint im Kern heute stets aktuell. Wilhelmn Petersen scheint kein Einzelfalll in der deutschen jungeren Geschichte zu sein, oder?

(c) ferdinand dupuis-panther Ausstellungsansichten (c) Kreismuseum Büren/Wewelsburg

Informationen
https://www.wewelsburg.de/de/

 

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