Der Dangaster Kunstpfad

Kunst am Meerbusen

Text und Fotos: Beate Schümann

 

In Jadegrün, der Farbe des Meeres, trotzt die Frauenfigur überlebensgroß und üppig proportioniert auf einem Duckdalben seit mehr als vierzig Jahren Nordsee, Eisgang und Stürmen. Ein Holzsteg verlockt Strandgäste, der nackten Nixe „Jade 2“ aus Eisen und Polyester in die übergroßen Fischaugen zu schauen. Augen, wie sie sonst nur Wesen aus der Tiefsee haben. Der Kopf ist oval wie ein Rugbyball und auf den Jadebusen gerichtet. Schöpfer Anatol Herzfeld stellte die Skulptur 1975 als Wächterin des Meeres und Gruß an die Fischer auf, als es Fischer noch gab.

Dangaster Kunstpfad - "Die Jade - 2. Versuch" von Anatol (Herzfeld, 1931-2019)

"Die Jade - 2. Versuch" von Anatol (Herzfeld, 1931-2019)

Halb im Watt, halb am Strand erinnert in Dangast ein skurriler Skulpturenpark an die Kunst-Happenings der 1970er Jahre und die von Joseph Beuys begründete „Freie Akademie Oldenburg“. Außer der Anatol-Plastik stehen da noch viele andere wie etwa der „Kaiserstuhl“ von Aktionskünstler Butjatha, ein Klettersitz und perfekter Fotospot, oder Eckart Grenzers drei Meter hoher „Granit-Phallus“ von 1984, den manch Badegast seither als Rückenlehne nutzt.

Granit-Phallus von Eckart Grenzer (1943-2017), 1984 an der Flutkante aufgestellt. Dangaster Kunstpfad, Jadebusen, Niedersachsen

Granit-Phallus von Eckart Grenzer (1943-2017), 1984 an der Flutkante aufgestellt

Dangast ist ein Nordseebad auf einem Geestrücken an der Südseite des Jadebusens, einer von der Nordsee und der Unterweser schön geformte Meeresbucht zwischen Wilhelmshaven und der Halbinsel Butjadingen. Ein Landstrich, den am Himmel galoppierende Wolken, der Rhythmus von Ebbe und Flut, Deiche und Schafe, windschiefe Bäume, das Löwenzahngelb in den Wiesen und ständig wechselndes Licht prägen. Maler möchten bei dem Anblick sofort zum Pinsel greifen.

Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976): Vorfrühling, 1911, Malposition am Minigolfplatz. Dangaster Kunstpfad, Jadebusen, Niedersachsen

Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976): Vorfrühling, 1911, Malposition am Minigolfplatz

So war es auch um die gründerzeitliche Jahrhundertwende, als Dangast zur Wiege des Brücke-Stils wurde. In den Jahren 1907 bis 1912 experimentierten Sommergäste wie Erich Heckel, Karl Schmitt-Rottluff, Max Pechstein und Emma Ritter in die Abgeschiedenheit der einsamen Künstenregion mit Licht und Farbe. Alle hatten sich zur Künstlergruppe „Brücke“ zusammengeschlossen.

Max Pechstein (1881-1955): Dangaster Landschaft, 1910, Malposition vor dem Alten Kurhaus, Dangaster Kunstpfad, Jadebusen, Niedersachsen

Max Pechstein (1881-1955): Dangaster Landschaft, 1910, Malposition vor dem Alten Kurhaus

Dass der 550-Seelen-Kurort früher einmal zum Künstler-Treff ähnlich wie Worpswede oder Ahrenshoop wurde, lässt sich zwischen dem großen neuen Kurhaus, den weitläufigen Camping- und Parkplätzen und Ferienhausbungalows heute kaum vermuten. Der einst idyllische Fischerort und sein Ruf als Künstlerkolonie sind in Vergessenheit geraten.

Doch es gibt noch diesen am Ufer entlang verlaufenen Kunstpfad, der die Erinnerung wachhält. An neunzehn Malpositionen erfahren die Besucher, woher die Inspirationen der Expressionisten kamen. Bildtafeln erklären Werk und Arbeitsplatz der Künstler und deren Kurzbiographie. Eine Reproduktion des Werkes ist in jener Perspektive platziert, die der Maler selber eingenommen hatte.

An dieser Stelle malte Franz Radziwill (1895-1983) den "Strand von Dangast". Dangaster Kunstpfad, Jadebusen, Niedersachsen

An dieser Stelle malte Franz Radziwill (1895-1983) den "Strand von Dangast mit Flugboot"

Der Kunstpfad beginnt am legendären Alten Kurhaus, wo Karl Schmitt-Rottluff im Sommer 1910 seinen „Gutshof in Dangast“ im leuchtenden Farbklang von Rot-Blau malte. Nicht weit von ihm entfernt nahm Max Pechstein unterhalb der Café-Terrasse die Palette in die Hand, um der „Dangaster Landschaft“ in der völlig neuen ausdrucksstarken, farbkräftigen Brücke-Malweise auf der Leinwand Form zu geben. Von der Mole aus interpretierte Franz Radziwill 1929 auf seine magisch-realistische Sichtweise: „Strand von Dangast mit Flugboot“. Schmitt-Rottluff erlebte sechs produktive Sommer in Dangast. Wo heute Wald und der Minigolfplatz stehen, brachte er 1910 das berühmte „Das weiße Haus“ auf die Leinwand. Mit Emma Ritter, eng befreundet mit Schmitt-Rottluff, endet der Rundgang. Ihre „Überschwemmung“, ein Holzschnitt von 1911, hat sie in sicherem Abstand auf dem Deich vorgezeichnet.

Emma Ritter (1878-1972): Überschwemmung, 1911, Holzschnitt. Malposition oberhalb des Campingplatzes, Dangaster Kunstpfad, Jadebusen, Niedersachsen

Emma Ritter (1878-1972): Überschwemmung, 1911, Holzschnitt. Malposition oberhalb des Campingplatzes

Franz Radziwill war von Dangast so angetan, dass er sich 1923 eine reetgedeckte Kate in der Sielstraße kaufte. Liebevoll restauriert, ist das Wohnhaus zum Andenken an den Maler in ein Museum umfunktioniert. Im Turm richtete er sein Atelier ein, der Radziwill einen unbebauten Blick zum Horizont bot. Staffelei, Pinsel und Palette stehen griffbereit, als würde der Künstler gleich zurückkehren. Bis zu seinem Tod 1983 entstanden hier 848 Gemälde in der „Neuen Sachlichkeit“ und dem „Magischen Realismus“, deren Mitbegründer er war.

Wer die berühmten Brücke-Maler und ihre Dangaster Werke im Original sehen will, fährt ins Landesmuseum Oldenburg. Am Schlossplatz, wo einst Herzöge und Großherzöge wohnten, zog 1923 das Landesmuseum in das fürstliche Gebäude ein. Das Prinzenpalais beherbergt die Galerie der Neuer Meister, wo die in Dangast entstandenen Werke an den Wänden hängen.

 

Informationen

Essen & Trinken

Das „Alte Kurhaus“ serviert Frühstück, Mittag und nachmittags Torten, auch den legendären Rhabarberkuchen, www.kurhausdangast.de

Im „Edo Dangast“ kreiert Chefkoch Christoph Brinkmann kreiert raffinierte moderne Gerichte, www.edo-dangast.de.

Schlafen

Strand-Hotel mit 3-Sterne-Komfort und Meerblick, www.strandhotel-dangast.de.

„Zum alten Krug“, ein historisches Landhotel mit friesischem Charme, www.zum-alten-krug.de.

Sehenswert

60 Jahre Künstlerleben in Dangast: das Radziwill-Museum, Sielstraße 3, Tel. 04451-2777, www.radziwill.de.

Landesmuseum Oldenburg, www.landesmuseum-ol.de.

Auskunft

Tourismus-Service Nordseebad Dangast, www.dangast.de.

 

Website der Autorin: www.beate-schuemann.de

 

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