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Ausstellungsorte in Dortmund
Museum Ostwall /

Dortmund

Museum Ostwall im Dortmunder U / Ebene 4 und 5
Body & Soul. Denken, Fühlen, Zähneputzen
bis 16.10.2022

Körper und Seele werden mit zahlreichen Arbeiten auf zwei Ebenen des Dortmunder U präsentiert. In pastellem Lachston ist die 5. Ebene des Museums ausgeschlagen, im barocken Burgunderrot die 4. Ebene, die uns mit "Seelenbildern" konfrontiert. Vorab noch der Hinweis darauf, dass zwar die Beschriftung der Kunstwerke nichts für altersschwache Augen ist, es dafür aber für jeden Besucher eine Begleitbroschüre gibt, die Erläuterungen zu den Kunstwerken enthält und und gleichsam als Besucherleitfaden anzusehen ist.

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Ernst Ludwig Kirchner Staffelalp beim Mondschein 1919

Das Körperliche, vor allem der Akt, zumeist der weibliche Akt, durchzieht die Geschichte der Kunst. Hingestreckt ist die Frau mit überlanger Nase, hängenden Brüsten und klobigen Extremitäten, die Pablo Picasso der Nachwelt hinterlassen hat. Hat diese vom Meister des Kubismus gemalte Dame nicht sogar einen Pferdefuß? Ist das vielleicht eine Anspielung auf Pan, den Hirtengott der griechischen Mythologie, der auch für Ausschweifungen, auch sexuelle Ausschweifungen, steht?

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unbekannt: Bierbauch/Pro-Kopf-Bierproduktionen in Deutschland

Bierbäuche und der nackte Mensch

Was ist das denn? Drei Körperabgüsse dicker, teils behaarter Bäuche sind zu sehen, Symbole für die Bierproduktion in Deutschland, Hessen und Sachsen. „Bier formte diesen Köper“ liest man bisweilen auf T-Shirts, die Männer tragen, über die Bäuche spannend, über die sogenannten Mollenfriedhöfe, in denen so manches Helle verschwunden ist. Das ist wohl weniger Kunst, als vielmehr Erinnerung an eine vergangene Ausstellung im Dortmunder U namens „Neu Gold“.

Die skulptierte Gestalt der füllig-runden Pomona, von Aristide Maillol geschaffen, trifft in der neuen Sammlungspräsentation auf die eher kantig und asketisch wirkende Tänzerin Sent M'Ahesa von Bernhard Hoetger. Verhüllt durch einen weiten bodenlangen Schleier scheint der Köper der Tänzerin, die auch häufig nackt auftrat. Nacktheit spielte auch bei den Mitgliedern der Gruppe „Die Brücke“ eine ganz wesentliche Rolle, so auch bei Otto Mueller, der uns drei pubertierende badende Mädchen in einem Teich zeigt. Insbesondere die Bewegung der Lebensreform und der FKK propagierte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. das Nachtbaden, das Einswerden mit der Natur. So erscheint auch Muellers Arbeit als eine Verschmelzung von Mensch und Natur, auch wenn die drei Badenden nicht gänzlich im Nass des Teiches versinken, sondern nur ins Wasser hineinwaten. Im Duktus der Fauvisten erscheint „Badende mit Fransentuch“ von Oskar Moll, der diese Arbeit 1940 vollendet hat. Die Landschaft im Hintergrund mit einem Teich und einem badenden Paar, mit einem Feldsteinweg, einem roten Paravent (?) erscheint wie eine Collage, wie ein unruhiges Tapetendekor.

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Pablo Picasso: Femme nue couchée, 1965

Fraulichkeit mit runden Formen und präpubertäre jugendliche Entwicklung vereint Conrad Felixmüller in einem schmalen Hochformat. „Schönheit und Jugend“ lautet der Titel des Ölgemäldes, das eben nicht ein Paar in erotischer Aufladung zeigt, sondern einen schüchternen nackten Knaben und einen drallen Frauenakt in Rückenansicht. Flüchtig in Bleistift hingeworfen ist der sitzende weibliche Akt von Gerhard Marcks.

Völlig im Gegensatz zu diesen gegenständlichen, figurativen Arbeiten erweist sich Bill Seamans „Exchange Fields“. Kunst in der Interaktion ist das Credo des Künstlers. Der Besucher ist gefordert, um die Projektion des Tänzers in Bewegung zu bringen. Legt man Hände und Arme auf die möbelähnlichen Skulpturen vor den Leinwänden, dann provoziert dies Bildbewegungen. Das gilt auch, wenn man sich mit seinen Füßen in eine der kantigen Skulpturen stellt.

Kleider machen Leute

Machen Kleider Leute? Und wenn ja, in welcher Art und Weise? Das fragt man sich im Angesicht des Hallensers aus dem Regiment 218, einer Gouache von 1907, die Ernst Vollbehr zu verdanken ist. Das Thema Krieg taucht zudem in Milan Knižáks „Rote Berührung“ auf. Zu sehen ist ein Militärmantel, dessen rechter Arm in Rot, sprich in Blut, getaucht ist. Auf dem Mantel entdecken wir Inschriften wie „Red Touch“ und „Red Silence“ sowie „Red Course Of A Red Bullit“ in Versalien. Berührungen, die sonst sanft sind, sind im Krieg tödlich, so die Botschaft. Die Hülle des Körpers ist, abseits der Konnotation Krieg, auch Thema von Joseph Beuys, siehe den auf einen Bügel gehängten Filzanzug.

Ein Blickfang ist das von August Macke geschaffene Triptychon vom zoologischen Garten und seinen Besuchern. Teilweise sind es schematische in Schwarz gekleidete Typen, die sich vom blauen Elefanten und vom Kakadu angezogen fühlen. Nur die Dame mit langem weißen Kleid, die zwei Mädchen begleitet, fällt aus der Typisierung und Anonymisierung heraus. Ist sie die Nanny, die die Mädels in den Zoo begleitet und mit ihnen am Gatter für Rehwild haltmacht?

Karl Hofer ist nicht nur mit einem fragilen Knabenakt in der Schau präsent – dieser erinnert an ähnliche Arbeiten von George Minne, so an den sogenannten Folkwangbrunnen. Doch auch Tänzer in ihren Drehungen und ausladenden Schrittkombinationen hat Hofer mit feinem Strich auf dem Papier festgehalten. Der athletisch-gestählte Mann taucht in einem Akt von Arne Friedrich auf. Sind das nicht schon dezente Fingerzeige auf das völkisch überhöhte Ideal des Herrenmenschen, dem sich Arno Breker verschrieben hat?

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Karl Hofer: o.T. aus der Mappe Tanz 1922

In Bewegung

Der Körper in Bewegung, wenn auch für einen Moment eingefroren, bündlet sich in Ernesto de Fioris Boxer und in Renée Sintenis Fußballspieler, der den Ball mit dem vollen Spann tritt. Der Boxer de Fioris erinnert an die Darstellung von Max Schmeling aus der Sammlung der Berlinischen Galerie. Wie in de Fioris Skulptur sieht man den Boxer in der sogenannten Rechtsauslage stehen, den Angriff des Gegners erwartend. Di Fiori modellierte den kampfbereiten Boxer Jack Dempsey. Dieser trägt keine Boxerhosen, sondern ist gänzlich nackt und gleicht somit den Athleten der klassisch-antiken Olympischen Spielen.

Mit wenigen Tuschestrichen gelingt es Edith Hultzsch, das dynamische Spiel mit dem Puck, den Luftkampf mit dem Ball über dem Basketballkorb und das Spiel mit dem runden Leder gekonnt einzufangen. Dass auch Discjockeys Abend für Abend, Nacht für Nacht vor den Plattentellern in Bewegung sind, mal beim Scratching, mal auch nur beim Auflegen zeigt uns Barbara Hlali in ihren vier Lackstiftarbeiten auf PVC-Platten. Auch Fernand Léger widmet sich dem Thema „Bewegung“, und zwar in „La French Cancan“. Dabei helfen „Übermalungen“ dabei, die Tanzbewegungen einzufangen.

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Nam June Paik o.T.



Schlaf ist der Bruder des Todes“ …

… ist ein weiteres Unterthema, dem sich die aktuelle Schau widmet. Hingeworfen in Seitenlage liegt die Schlafende auf dem Boden. Bernhard Hoetger hat diese Skulptur erdacht, die eben nicht auf einen extra Sockel gehoben wurde, sondern bodennah ihren Platz gefunden hat. Die Bilddiagonale nutzte Alexej von Jawlensky für seine Schlafende mit den großen, dunklen Augen und der welligen Frisur, deren Strähnen teilweise ins Gesicht der Porträtierten gefallen sind. Einer gemalten Sanduhr, durch die Korn für Korn rinnt, gleicht Dieter Roths „Lebenslauf“.

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Andreas Langfeld o.T. 2016 aus der Serie Status 2013

Bananen, Karnikelköttel und ...

Traumhafte, beinahe psychodelische Welten schafft Pipilotti Rist in ihrer Rauminszenierung. Der manisch-depressive Künstler Dieter Roth verarbeitet organisches Material in seiner Kunst, ob Karnikelköttel und Stroh für eine Kaninchenfigur oder Bananen, die im Prozess der organischen Zersetzung sind. Da sie mit Glas abgedeckt sind, sieht man diesen Prozess nur, kann ihn aber nicht riechen. Vergänglichkeit abseits von Memento mori scheint uns der Künstler vermitteln zu wollen.

Das Ich steht bei Freya Hattenbergers Videowerk im Fokus: Die Künstlerin trinkt Cola und rülpst ohne Scheu. In der Nähe dieses Kunstwerks stoßen wir dann auch auf „Super Colgate“ von Thomas Bayrle. Es ist eine besondere Form der kinetischen Kunst: Auf Knopfdruck beginnen die Figuren, sich die Zähne zu putzen.

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Thomas Bayrle Super Colgate 1965

Benutze deinen Köper

Teil der Schau sind auch Glasfenster von Jan Thorn Prikker. Prikker war ein niederländischer Künstler, der sich zeitweilig dem Jugendstil verschrieben hat.. Die ausgestellten Fenster sind allerdings eher der konkreten und konstruktivistischen, abstrakten Kunst zuzurechnen. Seinen Körper muss man bei der Klanginstallation „Quintenzirkel“ (Winter&Hörbelt) einsetzen, um Orgelklänge erschallen zu lassen. Allerdings muss man dazu andere einladen, im Kreisrund der gläsernen Sitzbank Platz zunehmen. Nur so können Akkorde und Melodiefragmente entstehen.

Über den sogenannten Flux Inn, einen Kunstraum, in dem auch Erwin Wurm mit zwei Stoffschläuchen dazu animiert, sich zu verhüllen und zu performen – Motto „59 Positionen“ –, gelangen wir in die Gefühlswelt, sprich in den zweiten Ausstellungsteil unter der Überschrift „Soul“.

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Henri Laurens L'Adieu 1941

Gefühlte Farben

… waren es, die den deutschen Expressionismus vertreten durch Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und andere ausmachten. „Die Natur muss gefühlt werden“ war also nicht nur das Motto von Alexander von Humboldt. Getreu dieses Mottos entstand unter anderem „Vorfrühling“ von Schmidt-Rottluff: gelbe getünchte Putzfassade unter dem hohen feuerroten Dach, sonnengelber Weg, auf den die frühlingsgrünen Stämme der Alleebäume blaugrüne Schatten werfen. Ein explosives Farbgemisch bahnt sich den Weg, entfaltet sich und bricht aus dem naturalistischen und realistischen Farbkanon aus. Beinahe symbolistisch aufgeladen mutet A. v. Jawlenskys „Einsamkeit“ an: ein einsamer Strommast vor einer Bergkette, die in Blau und Karminrot eingetaucht ist. Farbmeeren gleichen die ausgestellten Arbeiten Emil Noldes. „Heißer Wind“ zeigt ein flächiges tiefes Rot mit braunen Farbschlierungen. Man könnte an den Sirocco denken, der aus der Sahara Sand übers Mittelmeer nach Europa trägt. „Herbstmeer I“ hingegen zeigt die aufgewühlte tiefblaue See, über der sich ein Himmel wölbt, der teilweise in schlierigem Sonnenblumengelb getaucht ist.

Verloren erscheint die hyperrealistische Figur des Sammlers, die von Roy Villevoye stammt. Mehrere Stahlhelme gehören zum Sammelgut des Mannes, der in der Mitte des Saals seinen Platz eingenommen hat. Welch ein Kontrast zu den anderen expressionistischen Arbeiten, die gezeigt werden, so auch Ernst Ludwig Kirchners „Stafelalp bei Mondschein“, das idyllische Motiv einer grünen Berglandschaft, aus der einige Bergspitzen herausragen, die in Rosa und Rot getaucht sind, während der Himmel in Zitronengelb gehüllt ist. Von Kirchner stammt auch „Dorf mit blauen Wegen“. Es ist eine Szenerie mit tiefroten Häusern, die so zusammengerückt sind, als handele es sich um ein Wehrdorf. Zwei Männer bestellen zwischen den blauen Wegen das Land. Doch was sie eigentlich anbauen, wird nicht recht deutlich. Gemüse für den Eigenbedarf vielleicht?

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Wilhelm Morgner Einzug in Jerusalem 1912

Wie auf einem Wagen, auf dem Tonwaren vor dem Weg in den Brennofen gestapelt sind, so erscheint Dieter Roths „Löwenselbst-Turm“. Nein, Löwen entdecken wir nicht, sondern ungezählte, aus Schokolade bestehende Hundefiguren. Der Prozess des Zerfalls ist kalkuliert. Soll damit auch der Zerfall des eigenen Selbst zum Ausdruck gebracht werden? Zumindest kommt, so die Begleitbroschüre, die multiple Persönlichkeit des Künstlers zum Ausdruck.

Lange Schatten wirft die Gottesanbeterin von Germain Richier auf die burgunderrote Saalwand. Was es eigentlich mit „Steter Tropfen höhlt den Stuhl“ auf sich hat, wird man auf dem weiteren Rundgang auch entdecken. Zusammengesunken ist der massige Körper einer Frau, die Henri Laurens skulptiert hat. „Abschied“ nannte er seine Arbeit, die den Kummer der Kauernden einfängt. Um wen sie trauert, wissen wir als Betrachter nicht.

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Wolf Vostell (Gregor Jabs) Umgraben 1970 (2012)

„Glaube und Hoffnung“ werden in der weiteren Ausstellung außerdem zum Thema gemacht, durchaus auch mit Sinn für Ironie. Nur so ist die „Donation Box“ von Michael Landy zu begreifen. Auf einer aufgestelzten gläsernen Vitrine ruht eine kitschige Heiligenfigur. Nam June Paik hat einen alten Fernseher umfunktioniert, sodass hinter dessen Mattscheibe eine Kerze flackert: „Vor dem Wort war das Licht und nach dem Wort wird Licht“, ein feinsinniger und ironisierender Werktitel. Zum Thema findet man zudem religiöse Motive, die von Karl Schmidt-Rottluff, Wilhelm Morgner und Georges Rouault bearbeitet wurden. Übrigens: Die Ausstellung ist kostenlos zu besuchen!!

text (c) fdp 2020 Die Copyrights für die Abb. liegen bei den Künstlern, deren Rechtenachfolgern. Fotos wurden vom MO Dortmund für die Berichterstattung übermittelt!

DORTMUNDER U Zentrum für Kunst und Kreativität / Museum Ostwall
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