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Düsseldorf
Kunstsammlungen NRW K 20

Mondrian Evolution 29.10.2022 — 12.2.2023

 

Mondrian Evolution

Anlässlich des 150. Geburtstags des Künstlers widmet die Fondation Beyeler dem niederländischen Maler Piet Mondrian eine umfassende Ausstellung. Als einer der bedeutendsten Künstler der Avantgarde-Bewegung hat er die Entwicklung der Malerei von der Figuration zur Abstraktion maßgebend geprägt. Mondrians frühes Werk wird von der niederländischen Landschaftsmalerei des späten 19. Jahrhunderts bestimmt, aber auch Symbolismus und Kubismus waren von großer Bedeutung für ihn. Erst ab Anfang der 1920er Jahre konzentriert sich der Künstler auf eine komplett gegenstandslose Bildsprache, die sich auf die rechtwinklige Anordnung von schwarzen Linien mit Flächen in Weiss und den drei Grundfarben Blau, Rot und Gelb beschränkt.

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Im Fokurs "Reihe von elf Pappeln in Rot, Gelb, Blau und Grün" , gemalt von Piet Mondrian 1908, © 2022 Mondrian/Holtzman Trust , foto (c) fdp2022

Während die Sammlung der Fondation Beyeler vor allem Gemälde aus den späteren Schaffensphasen Mondrians beinhaltet, liegt der Fokus dieser Ausstellung auf Werken, welche Mondrians künstlerische Entwicklung bis in die zwanziger Jahre und die stilistische Entstehung seines Spätwerks beleuchten. In einzelnen Kapiteln werden Motive wie Windmühlen, Dünen und das Meer, sich im Wasser spiegelnde Bauernhöfe und Pflanzen in verschiedenen Abstraktionsstufen behandelt. Ein Begleitheft dient dazu, dem Besucher das Werk Mondrians in seiner Diversität näherzubringen.

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PIET MONDRIAN, WALD BEI OELE, 1908 Öl auf Leinwand, 128 × 158 cm Kunstmuseum Den Haag, Niederlande, Vermächtnis Salomon B. Slijper © 2022 Mondrian/Holtzman Trust Foto: Kunstmuseum Den Haag


Mit dem Thema „Kontraste“ und der „konkreten“ Kunst Mondrians macht die Ausstellung auf. Zu sehen ist unter anderem „Komposition mit Schwarz und Weiss, mit Doppellinie“. Man kann mit viel Fantasie meinen, der Künstler habe einen Rietveld-Stuhl bzw. einen von Macintosh in seinem Bildformat verewigt, auch wenn letzterem einige Sprossen fehlen. Nun ja Abstraktion ist Abstraktion, oder? Zu sehen ist in der Einleitung der üppigen Schau auch ein Gemälde, das einen Wald mit Schirmkiefern in einer Vollmondnacht zeigt.

 

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Bauernhof bei Duivendrecht am Abend, um 1916 gemalt, im Blick einer Besucherin, © 2022 Mondrian/Holtzman Trust, foto (c) fdp2022


So eingestimmt geht es dann in den Saal mit den frühen Werken Mondrians, der vielfach mit seinen Feldern in Grundfarben und linearen Strukturen in Verbindung gebracht wird. Doch die frühen Werke verraten eine ganz andere Bildsprache. Zu diesen frühen Arbeiten gehören Ansichten von Polderlandschaften. Als Schattenriss erkennen wir eine Mühle am linken Bildrand. Dichte dunkle Wolken haben sich stellenweise über den Mond geschoben, so im Gemälde „Die Broekzijder Mühle am Gein“. Als hätte Mondrian den Schein eines lodernden Feuers hinter einer Reihe von Bäumen entlang des Geins festgehalten, erscheint „Bäume am Gein: Aufgehender Mond“. Ähnlich gestaltet, soweit es die in Reih und Glied gewachsenen Bäume angeht, ist auch das Gemälde “Reihe von Pappeln in Rot, Gelb, Blau und Grün“. Allerdings erscheint der Himmel hier in Blau und nicht in feuriges Rot getaucht. Die aufgehende Sonne setzt hinter der Baumreihe einen horizontalen gelb-rötlichen „Streifen“.

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PIET MONDRIAN, FRAU MIT SPINDEL, UM 1893–1896 Öl auf Leinwand, 36,8 × 29,8 cm Courtesy Pace Gallery © 2022 Mondrian/Holtzman Trust Foto: Kerry Ryan McFate


Gänzlich in gefühlte Farben getaucht – dies kennen wir von den Vertretern der Brücke – ist der „Kirchturm von Domburg“, Teil des Ausstellungskapitels „Vertikale Bildkomposition“. In lichtes Violett und Rosa ist die Fassade getaucht; hell- und tiefblau schimmern die Rundbogenfenster des Turms. Zwischen Smaragd- und Himmelblau changiert der Himmel. Auch der „Leuchtturm bei Westkapelle mit Wolken“ betont das Aufwärtsstreben, wird zum „Wolkenkratzer“. In abstrakter Form unterstreichen auch die wenigen vertikalen Linien der „Komposition mit Blau und Weiß“ das Vertikale.

 

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PIET MONDRIAN, KIRCHTURM IN DOMBURG, 1911 Öl auf Leinwand, 114 × 75 cm Kunstmuseum Den Haag, Niederlande, Vermächtnis Salomon B. Slijper
© 2022 Mondrian/Holtzman Trust Foto: Kunstmuseum Den Haag


Eher ins Symbolistische und mit Annäherungen an Arbeiten von Arnold Böcklin sind Arbeiten wie „Bauernhof bei Duivendrecht“ einzuordnen. Eingefangen wurde in gleich vier Ansichten des gleichen Gehöfts eine geheimnisvolle Szenerie. Dabei erscheinen die Bäume in den Gemälden, wie ein knorriges Geflecht oder auch wie ein Spinnengewebe. Die netzartigen Flächen in den Ansichten des Gehöfts finden sich dann in abstrakter Form in „Composition No II“ wieder.

 

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PIET MONDRIAN, KOMPOSITION MIT GELB UND BLAU, 1932 Öl auf Leinwand, 55,5 x 55,5 cm Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler; erworben mit einem Beitrag von Hartmann P. und Cécile Koechlin-Tanner, Riehen © Mondrian/Holtzman Trust Foto: Robert Bayer, Basel


Das Thema „Wachstum“ wird dem Besucher unter anderem durch drei Gemälde nahegebracht, das einen Baum mit ausladendem Geäst zeigt. Naturvorbild oder nicht – das ist nicht nur bei der Arbeit „Abend: der rote Baum“ die Frage. Sehr gut lässt sich an weiteren Arbeiten wie „Baum“ und „Blühender Apfelbaum“ nachvollziehen, dass Mondrian sich dem Naturalismus und Realismus verschließt und sich nur noch für Strukturen und Formen interessiert. Diese münden schließlich in figurativ-abstrakten Kompositionen wie „Composition No XVI“. Dieser Weg vom Figurativen zum Abstrakten teilt Mondrian übrigens mit Kandinsky, in dessen Werkkanon wir eine ähnliche Tendenz ausmachen können.

 

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PIET MONDRIAN, MÜHLE BEI SONNENSCHEIN, 1908 Öl auf Leinwand, 114,8 x 87 cm Kunstmuseum Den Haag, Niederlande, Vermächtnis Salomon B. Slijper; Restaurierung mithilfe finanzieller Unterstützung von American Express © 2022 Mondrian/Holtzman Trust Foto: Kunstmuseum Den Haag


In der Ausstellung ist außerdem ein Motiv zu finden, dass wir allgemein mit den Niederlanden in Verbindung bringen: die Windmühle. Dabei denke man auch, aber nicht nur an das Welterbe „Mühlen von Kinderdijk“. Alle Mühlen stehen auf einer Anhöhe. Unter anderem findet man eine Mühle, die mit expressivem Duktus gemalt wurde, und der Welt des Expressionismus entsprungen scheint: „Mühle, Mühle bei Sonnenschein“. Aber auch eine Abendstimmung mit Mühle gelang Mondrian. Man betrachte sein Werk „Mühle am Abend“. In der Gegenüberstellung mit abstrakten Kompositionen in Saal 6 wird jedoch deutlich, dass es keine lineare Verbindung zwischen den Mühlen-Gemälden und den Gitter- und Gerüst-Strukturen der Kompositionen wie „Composition No VII“ gibt. Die Ansätze sind grundverschiedenen. Mondrian hat in den Kompositionen keineswegs die Mühlen in den Formen auf das Wesentliche reduziert. Im Gegenteil seine Kompositionen erscheinen als völlig eigenständige Konstrukte, die in Parkettierungen münden.

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PIET MONDRIAN, KOMPOSITION NR. II, 1913 Komposition Nr. II, 1913 Öl auf Leinwand, 88 × 115 cm Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande © 2022 Mondrian/Holtzman Trust Foto: Rik Klein Gotnik


Sehenswert sind auch Mondrians Adaptationen von Dünenlandschaften, so in „Sommer, Düne in Zeeland“ oder „Düne IV“, die nicht etwa in Sandtönen gemalt wurde, sondern in Rosa und Orange! Doch Mondrian das ist eben vor allem die radikale Abstraktion, Mit dieser schließt die Ausstellung und zeigt die strengen „Feldstrukturen“ in Blau und Weiß mit und ohne Doppellinien. Auch „Rautenkomposition mit acht Linien und Rot“ gehört in den Kanon der Abstraktionen, die zu einem „Markenzeichen“ Mondrians geworden sind. Nur gut, dass die Baseler Schau auch den anderen Mondrian präsentiert, sodass das Gesamtwerk des niederländischen Künstlers gewürdigt werden kann. Mondrian ist eben nicht nur ein Mitglied von De Stijl, sondern eben auch anthroposophischen Ideen zugetan, was sich in einigen Landschaftsgemälden zeigt, die mystisch aufgeladen erscheinen. Er hat gewiss auch den Expressionismus für sich adaptiert, aber zugleich ist er eben auch im Bereich der konkreten Kunst anzusiedeln, so auch mit „Komposition mit Gelb“.

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PIET MONDRIAN, RAUTENKOMPOSITION MIT ACHT LINIEN UND ROT / PICTURE NO. III, 1938 Öl auf Leinwand, Diagonalen 141,5 cm, Seiten 100 x 100 cm Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler © Mondrian/Holtzman Trust
Foto: Robert Bayer, Basel

 

© ferdinand dupuis-panther

 

Infos
https://www.kunstsammlung.de/de/



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