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Düsseldorf
Kunstsammlungen NRW

K21

Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection
bis 25.9.2022

Wie spiegeln sich historische und kulturelle Transformationsprozesse im Medium der Fotografie? Mit mehr als 500 fotografischen Werken aus Afrika, seiner Diaspora und Europa zeichnet die Ausstellung "Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection" die Entwicklung der Fotografie als eine Geschichte transnationaler Parallelen und Widersprüche nach. Sie zeigt die Bezüge zwischen den Anfängen ethnografischer Dispositive während der Kolonialzeit, der selbstbestimmten Studiofotografie ab den 1940er Jahren und dem visuellen Aktivismus zeitgenössischer Künstler*innen. Systematisch decken die hier zusammengestellten Fotografien und Medienkunstwerke das ambivalente – und sich wandelnde – Verhältnis zwischen Bild und Selbstbild, Porträt und sozialer Identität, Darstellung und Inszenierung auf.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #15 Jo Ractliffe, Mined forest outside Menongue on the road to Cuito Cuanavale [Verminter Wald außerhalb von Menongue an der Straße nach Cuito Cunavale], 2009 © Die Künstlerin. Courtesy die Künstlerin, Stevenson, Kapstadt und Johannesburg und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Die Fülle der ausgestellten Arbeiten erfordert Disziplin auf Seiten des Betrachters oder eine bewusste Auswahl der fotografischen Arbeiten, denen man bei seinem Rundgang seine Aufmerksamkeit schenkt. Die thematische Gliederung in zehn Kapitel erleichtert den inhaltlichen Zugang und zugleich das selektive Sehen. Es gibt Kapitel wie Kolonisation und Repräsentation, Porträt und sozialer Wandel sowie Identität und Identifikation, die die Ausstellung strukturieren. Angesichts der schon vorhandenen Bilderfluten im Alltag bleibt wohl angesichts von 500 Werken nichts anderes übrig, als sich beim Ausstellungsbesuch zu beschränken. Dabei springt Großformatiges und Serielles eher ins Auge als die kleinformatigen historischen Fotografien, die den Blick der Kolonisatoren widerspiegeln. Das vorhandene Begleitheft zur Ausstellung geleitet den Besucher nicht durch die Bilderwelten Schritt für Schritt, sondern stellt vor allem die Fotografen und Fotokünstler vor, deren Arbeiten in Düsseldorf zu sehen sind. So ist diese Publikation als Nachbereitung der Ausstellung anzusehen, als eine Vertiefung zu dem Gesehenen.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #1 Nontsikelelo (Lolo) Veleko, Nonkululeko, 2003. © Die Künstlerin. Courtesy die Künstlerin, Goodman Gallery, Johannesburg und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Der erste Blick fällt auf Fotografien aus der Zeit zwischen 1850 und dem frühen 20. Jh., vor allem aus Süd- und Ostafrika. Teilweise sind diese Fotos auch als Postkarten verschickt worden. Die Porträts, die wir sehen, beziehen sich auf anonyme Personen, auf Mütter, Krieger, Jäger. Ein Teil dessen, was wir sehen, wurde William Moore und J. E. Middlebrook zugeschrieben, In einem Album mit 48 Drucken wurde die Historie der Eisenbahn in Uganda festgehalten. Unter anderem sehen wir eine Dampflok, die über eine Doppelstockbrücke fährt. Wir stehen einer Zulu-Mutter mit ihrem Kind im Tragetuch ebenso gegenüber wie drei Kriegern mit Lanzen und Schildern. Angesichts moderner Waffentechnik der Kolonialmächte wirkt die Bewaffnung doch sehr archaisch und aus der Zeit gefallen. Zu sehen sind schließlich auch Postkarten mit dem Porträt von König Khama aus der Zeit um 1920.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #5 Edson Chagas, Jean P. Mbayo, 2014 © Der Künstler. Courtesy der Künstler, Stevenson, Kapstadt und Johannesburg, Apalazzo Gallery, Brescia und The Walther Collection,
Neu-Ulm/New York.

An diese Fotografien aus der Kolonialzeit knüpft Edson Chages nur bedingt an. Er hat „Oikonomos“ derart inszeniert, dass er einen Mann in einem weißen Oberhemd fotografierte, der sein Gesicht mit einer blauen Einkaufstasche verhüllte. Es ist ein besonderes Selbstporträt, das den blinden Konsum auf die Schippe nimmt. Zudem sind vier Porträtierte zu sehen, deren Gesichter sich hinter traditionellen Masken verbergen. „Tipo Passe“ nannte der in Luanda/Angola lebende Fotograf seine Arbeit. Alle Porträtierten tragen schicke Anzüge nebst sorgsam gebundenen Krawatten, mal in Rot und mal in Blau. Wir erfahren zwar die Namen derer, die sich hinter Bantu-Masken verbergen, aber ihre eigentliche Identität wird verschleiert. Das Kulturell-Spirituelle steht im Fokus in Gestalt der Masken, die eine weiß mit bunten Punkten und auffallender Zahnreihe, die andere gehörnt, und auch lineare Narbentätowierungen sind auf einer Maske zu sehen.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #3 Seydou Keïta, Untitled, 1952–1955. Courtesy CAAC - The Pigozzi Collection, Geneva und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Samuel Fosso schlüpft in „African Spirits“ in fremde Rollen, zeigt sich als Angela Davis, Malcolm X, Patrice Lumumba und Leopold Senghor in prächtiger Galauniform. Und dank Fosso treffen wir auch auf Martin Luther King und Muhammad Ali, dessen Körper wie der hl. Sebastian von Pfeilen durchbohrt ist. Ali ein Märtyrer? „Ich möchte die Beziehungen schwarzer Menschen zu den Machtstrukturen, die sie unterdrücken, aufzeigen und meine Fotografien sollen einprägsame Spuren davon sein.“ Doch die oben genannten Personen sind doch Persönlichkeiten die heute Teil der Black Lives Matter-Bewegung wären und zu ihrer Zeit die Befreiung der Schwarzen von Unterdrückung forderten, in der einen oder anderen Weise. Dass dies vielen ein Dorn im Auge war, zeigen der Mord an Lumumba und an Martin Luther King.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #4 Sammy Baloji, Untitled 6, 2006. © Der Künstler. Courtesy der Künstler und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Besonders spannend ist die Konfrontation der Arbeiten von August Sander mit denen von Seydou Keita, der zwischen 1948 und 1962 in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche in Bamako (Mali) ein Fotostudio unterhielt. Die Porträtaufnahmen von Keita, in denen sich der Geist des Postkolonialismus widerspiegelt, trifft auf die Serie „Antlitz der Zeit“ von Sander, der vor allem im Westerwald Bauern, Handwerker, aber auch „Notable“ fotografiert hat. Frauen, in Schwarz gekleidet, mit streng gescheitelter Frisur sehen wir ebenso wie einen Mann in weißem Kittel. Es scheint ein Metzger oder ein Koch zu sein, der in einem Topf rührt. Ein Mann in Uniform und einem auffallenden gezwirbelten, lang gezogenen Schnauzbart sehen wir obendrein. Auch eine siebenköpfige Familie bekam Sander vor die Linse. Ist da nicht auch ein Kohlenträger mit einer Kiepe zu sehen? Der Dandy trifft in der fotografischen Dokumentation Sanders auf einen katholischen Kaplan. Dem gegenüber gesetzt wurden die Porträts, die Keita verantwortet. Vor ornamentale Stoffdrapierung stellte er seine „Modelle“. Darunter ist eine Frau mit auffällig gestreiftem langen Gewand und einer voluminösen Halskette. Auf einem Schachbrettbezug liegend sehen wir eine weitere Afrikanerin, die ein Kleid mit Blumenmustern trägt. Drei Afrikanerinnen posieren vor einem Oldtimer, derweil man den Besitzer nur angeschnitten sieht, sich dabei mit einer Hand auf den Kühler stützend. Es gibt auch ein Porträts eines Vaters mit Tochter. In der Hand hält der Mann, der einen Anzug trägt, einen Tropenhelm, eigentlich doch die Ausstattung der Kolonialherren.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #10 Mwangi Hutter, Static Drift, 2001 © Die Künstler*innen. Courtesy die Künstler*innen und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Yto Barrada porträtierte ein Mädchen in Tanger in Rückenansicht. Sie steht vor einer Wand mit Azulejos und trägt ein rotes Kleid. Irgendwie bleibt sie anonym. Ist sie eine der Gestrandeten, die nach Gibraltar übersetzen wollen, um in Europa ihr Glück zu versuchen? Wir wissen es nicht, vermuten es aber. Frauen, die sich für die Emanzipation einsetzten, ein Gesicht zu geben, steht bei Sue Williamson im Fokus. Unter anderem sehen wir Miriam Makeba und die Mitbegründerinnen der Federation of South African Women, darunter Lilian Ngoyi. Sie erhoben in den 1950er Jahren ihre Stimmen für die Gleichberechtigung aller Südafrikaner/innen.

In Unterwäsche zeigen sich drei Afrikanerinnen, die nicht Modelmaße haben, sondern eher als curvy durchgehen. In Haltung und Geste bringen sie ihr Selbstbewusstsein zum Ausdruck: „Hey, schaut her, wir sind mollig, aber finden uns sexy!“ Jodi Bieber sind diese Aufnahmen zu verdanken. Während uns gerade der Krieg in der Ukraine beschäftigt, weil er so hautnah stattfindet, geraten andere Konflikte dieser Welt in Vergessenheit, auch die kriegerischen, sezessionistischen Bestrebungen in der Demokratischen Republik Kongo. Guy Tillim erinnert uns mit seinen porträtierten Jungen an diesen Konflikt, an dem sogenannte Mai-Mai-Rebellen beteiligt sind. Tillim greift auch das Thema Kindersoldaten auf, denn keiner der Porträtierten ist volljährig. Bewaffnet sind die Jungen, Opfer und Täter zugleich, mit Holzknüppeln. Mit Zweigen und Laub im Haar haben sie sich getarnt. Uniformen tragen sie nicht. Einer hat zum Beispiel ein T-Shirt mit einem Frosch-Abbild an. Überzeugt scheint keiner der Porträtierten von dem, was bevorsteht. Es darf auch bezweifelt werden, dass die Jungen freiwillig in die Miliz eingetreten sind. Zwangsrekrutierungen sind in derartigen Konflikten die Regel.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #18 Guy Tillim, Grande Hotel, Beira, Mosambik, 2008 © Der Künstler. Courtesy der Künstler, Stevenson, Kapstadt und Johannesburg und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Unter dem Stichwort „Body Politics“ – eines der Kapitel der sehenswerten Ausstellung – stoßen wir auf zwei bemerkenswerte Arbeiten, in denen der menschliche Körper zur Projektionsfläche für politische Statements wird. Ingrid Mwangi und Robert Hutter haben auf Ingrid Mwangis Bauch die Umrisse der Bundesrepublik und Afrikas markiert. Dann begab sich Mwangi in die Sonne, sodass unterschiedliche Hautpigmentierungen entstanden. Zu lesen ist in dem Umriss Deutschlands „Ausgebranntes Land“ und in dem von Afrika „Heller dunkler Kontinent“, so man denn die englischen Inschriften übersetzt. In der Gegenüberstellung der beiden Arbeiten von „Static Drift“ – so der Titel – zeigt sich die Kluft zwischen dem Süden und dem Norden, zwischen Europa und Afrika, so ist im Begleitheft zu lesen.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #12 J.D. 'Okhai Ojeikere, Hairstyles, 1970–1979. Courtesy Galerie MAGNIN-A, Paris und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Auch das Thema Geschlechtlichkeit, geschlechtliche Rollenzuweisungen, non-Binär, Trans- oder Homosexualität spielt unter einigen afrikanischen Fotografen eine Rolle, wie man beim weiteren Ausstellungsrundgang feststellen kann. Da wäre zum Beispiel die Arbeit über eine Drag-Queen mit dem Titel „Miss Divine“. Urheber ist Zanele Muholi, der uns einen Mann in schwarzem Kleidchen und roten High Heels einerseits zeigt und dann den gleichen Mann im Grasland kauernd in traditioneller Kleidung. „Black Men Dress“ von Sabelo Mlangeni nimmt sich des gleichen Themas an und fotografierte auf der Pride Parade in Johannesburg. Mit seinen Fotos trägt Mlangeni dazu bei, dass diverses Leben nicht in der Abgeschiedenheit stattfindet, sondern öffentlich wahrnehmbar wird.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #2 Rotimi Fani-Kayode, Untitled, 1987–1988. Courtesy Autograph ABP, London und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Um Identitäten geht es auch Kay Hassan, der uns „Negatives 1-6“ zeigt, dabei transparente Rückseiten von Polaroids zu Collagen zusammenstellend. „Unsere Leben waren schon immer zerrissen, zusammengesetzt und wieder zerrissen – Menschen wurden schon immer umgestossen. …“ so ein Kommentar des Fotografen. Dass es kongolesische Rumba gibt und Tanzen eines der Vergnügen des urbanen Afrikas ist, greift Malick Sidibé in seinen Arbeiten auf. Junge Leute auf Partys, die Twist und Limbo tanzen, hielt der Fotograf in Schwarz-Weiß fest.

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Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection #7 Lebohang Kganye, Setupung sa Kwana Hae II, 2013 © Die Künstlerin. Courtesy die Künstlerin, AFRONOVA GALLERY, Johannesburg und The Walther Collection, Neu-Ulm/New York.

Europäischer und afrikanischer Blick treffen sich bei der Konfrontation und dem Dialog zwischen den Arbeiten von Bernd und Hilla Becher sowie J.D. Okhai Ojeikere. Formal gibt es wenig Bezüge, denn die Industriearchitektur, die die Bechers dokumentiert haben, hat so gar nichts mit den Frisuren afrikanischer Frauen zu tun. Und doch haben die einen wie der andere den Blick auf Formenreichtum gerichtet. Die Bechers schärfen den Blick für Wassertürme und Kugelgasbehälter, die durchaus einen gewissen Formenreichtum aufweisen. Zum anderen überrascht doch das Filigrane der gezeigten Frisuren, geflochten, verknotet, zu fragilen Gebilden in Quader- und Kranz-, aber auch „Flammen“form aufgetürmt. Über 1000 Negative von Frisuren sind Ojeikere zu verdanken. Sie zeigen auch die Vielfalt des Flechtens, Drehens und Wickelns der Haare von afrikanischen Frauen. „All diese Frisuren sind vergänglich, meine Fotos sollen eine bleibende Erinnerung an sie sein. … Kunst ist Leben. Ohne Kunst wäre das Leben eingefroren.“ Das mag ein guter Schlusssatz sein, um die Ausstellung in einer Aussage zu bündeln.

© ferdinand dupuis-panther

Annex

Künstler*innen: Martina Bacigalupo, Sammy Baloji, Oladélé Ajiboyé Bamgboyé, Yto Barrada, Bernd und Hilla Becher, Jodi Bieber, Edson Chagas, Mimi Cherono Ng'ok, Kudzanai Chiurai, Alfred Martin Duggan-Cronin, Theo Eshetu, Em'kal Eyongakpa, Rotimi Fani-Kayode, Samuel Fosso, François-Xavier Gbré, David Goldblatt, Kay Hassan, Délio Jasse, Seydou Keïta, Lebohang Kganye, Sabelo Mlangeni, Santu Mofokeng, S.J. Moodley, Zanele Muholi, MwangiHutter, Mame-Diarra Niang, Grace Ndiritu, J.D. 'Okhai Ojeikere, Dawit L. Petros, Jo Ractliffe, August Sander, Berni Searle, Malick Sidibé, Penny Siopis, Mikhael Subotzky, Guy Tillim, Hentie van der Merwe, Nontsikelelo Veleko, Sue Williamson und mit historischen Studioaufnahmen u. a. von Samuel Baylis Barnard, Kimberley Studio, W. Rausch und zahlreichen namentlich bekannten oder nicht identifizierten Fotograf*innen.

Informationen
https://www.kunstsammlung.de/de/visit/

 

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