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Duisburg
Lehmbruckmuseum

Lehmbruck – Beuys. Alles ist Skulptur
bis 1. November 2021

Ist Joseph Beuys ein Romantiker, ist er ein Schamane, ein Heiler, ein Weltverbesserer, ein selbst ernannter Messias der Moderne und politischer Aktivist, der nicht nur die Kunst, sondern die Gesellschaft als Ganzes verändert hat? Eine Skulptur von Wilhelm Lehmbruck, die er als junger Mann sieht, wird zu einem Schlüsselerlebnis. Beide Künstler, Lehmbruck und Beuys, sind überzeugt, dass Kunst die Kraft hat, nicht nur die Welt zu erklären, sondern sie zum Besseren zu verändern. Unter dem Leitspruch „Alles ist Skulptur” widmet sich die Ausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum der besonderen Beziehung zweier der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Dem Werk beider Künstler, die am Niederrhein geboren sind und an der Kunstakademie in Düsseldorf Bildhauerei studiert haben, ist eine tragische Komponente eigen: Die Kriegserfahrung hat deutliche Spuren im Werk beider Künstler hinterlassen.

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Joseph Beuys, Wirtschaftswert Ankerplast, 1977, Museum Wiesbaden, Sammlung Axel Hinrich Murken © Joseph Beuys Estate I VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto Ed Restle

Beuys, das war ein Mann, der sich nicht als Künstler bezeichnete, aber als ein solcher durchaus spröde und unverständlich für Viele agierte. Er war ein Mann, der aneckte, ein Mann der spontanen Aktion, in deren Mittelpunkt er sich setzte. Beuys war aktiv in der Hitlerjugend und beteiligte sich freiwillig an den Feldzügen im Zweiten Weltkrieg. Er schuf um sich eine Geschichte von Filz und Fett, erfand die wundersame Rettung nach einem Flugzeugabsturz durch Tataren, die ihn mit Filz und Fett das Leben retteten. Dass er sich von seinen Verletzungen in einem Feldlazarett erholte, ist jedoch die wahre Geschichte. Beuys wusste sich zu inszenieren, durchaus mit besten Absichten, denkt man an die Pflanzaktion von 7000 Eichen während einer Documenta in Kassel. Bis heute im Gedächtnis geblieben ist sein Satz: „Ich bin gar kein Künstler. Es sei denn unter der Voraussetzung, dass wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich dabei. Sonst nicht.“

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394363-Wilhelm Lehmbruck, Weiblicher Torso, 1918, Steinguss, Lehmbruck Museum, Duisburg, Foto Dejan Saric

Das Lehmbruck-Museum ist eine von 20 Kultureinrichtungen, die sich angesichts des 100. Geburtstags von Joseph Beuys von verschiedenen Blickwinkeln dem Werk dieses Künstlers nähern. Nicht beleuchtet wir dabei die Beziehung von Mataré und Beuys, von Lehrer und Schüler. Wenn auch Beuys in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Wilhelm-Lehmbruck-Preises im Jahr 1986 von Lehmbruck als seinem Lehrer sprach, so meinte er das wohl im übertragenen Sinne. In ihren künstlerischen Ausdrucksformen waren sich beide, das unterstreicht die Duisburger Ausstellung, doch sehr fern. Nur in den Zeichnungen und wenigen plastischen Arbeiten scheint es „Seelenverwandtschaften“ zu geben. Eines ist aber beiden gemein: Kunst war für beide Künstler Ausdruck seelischer Zustände in einer äußeren Bildhaftigkeit.

Es ging vor allem Lehmbruck um die innere Erlebniswelt, die sich in seinen Arbeiten materialisierte. Dies spiegelt sich unter anderem in der Bronze „Große Sinnende“ wider. Lehmbruck war in gewisser Weise ein Künstler, der teilweise noch in der Formensprache des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu verorten ist, man denke an Maillol oder Rodin. Beuys hingegen ist da wesentlich radikaler betrachtet man zum Beispiel „Ofen mit Torso“, ein Werkstück aus Holz, Karton, Glas und Beton. Die Arbeit gleicht eher einer Archiskulptur mit einem aufgesetzten Torso, der in der Form einem Oberschenkelknochen gleicht. Dieser Arbeit zur Seite gegeben ist ein Torso von Lehmbruck mit tektonischer Oberflächenstruktur. In seiner beinahe vegetabilen Ausformung erscheint Beuys Bronze einer Tierfrau den organischen Formen von Lehmbruck sehr nahe.

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394356-Joseph Beuys, Hirsch, 1958-1982, Galerie Thaddeus Ropac, London · Paris · Salzburg © Joseph Beuys Estate I VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto Charles Duprat

Provokant erscheint „Bett“, eine Arbeit von Beuys, bei der eine Figurine in einen Schraubstock gespannt ist. Das erinnert mehr an Streckbank und Folter als Ruhestätte für den nächtlichen Schlaf. Eine weitere Frauendarstellung von Beuys, diesmal einer Liegenden, gleicht von Weitem einer riesigen Echse. Dass auch Beuys durchaus die Natur beinahe naturalistisch einzufangen verstand, zeigt er mit roten Wasserfarben auf Papier bei dem Werk „Hirsch“ (1956).

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Wilhelm Lehmbruck, Artillerist, 1916, Feder, Tusche und Bleistift, laviert auf Papier, Lehmbruck Museum, Duisburg, Foto Jürgen Diemer

Ins Auge springt das „Feldbett“, das in Filz eingehüllt ist und zudem durch einen Akkumulator beheizbar ist. Doch das Bett ist leer und so erscheint diese Installation wie andere auch abweisend und wenig einladend. Das gilt auch für ein großes Ensemble von Beuys-Arbeiten, die die Hälfte des ersten Ausstellungssaals einnehmen. Die im Raum platzierten Objekte aus Rohren, Holzblöcken, einem Bügelbrett und anderen Ready Mades erscheinen wie zufällig auf eine Lichtung hingeworfen, wie Artefakte des 20. Jahrhunderts, die von Forschern Jahrhunderte später ausgegraben und geborgen wurden. Da sieht man die Darstellung eines Hirschs und einer Ziege, ohne dass diese von den Formen dem Betrachter als solche ins Auge springen. Man sieht aber auch in Ton gehüllte Werkzeuge, die wie Zufall hingeworfen erscheinen. Was haben eine Handkarre und ein Pickel mit einer Ziege gemein? Was verbindet zwei Ebenholzblöcke und ein flaschenförmiges Brett mit einem Hirsch?

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Wilhelm Lehmbruck, Kopf eines Denkers, 1918, Bronze, Lehmbruck Museum, Duisburg, Foto Dejan Saric

Sehr gelungen ist die Gegenüberstellung von Zeichnungen aus der Hand von Beuys und Lehmbruck. Dabei steht bei beiden Künstlern der Mensch im Fokus, auch als Torso. Flüchtig hingeworfen scheinen einige Arbeiten von Beuys, so auch die drei Tanzenden, die völlig selbstvergessen erscheinen. Selten sind männliche Akte, doch Lehmbruck schuf einen „Sinnenden Jüngling“ mit Sepia auf Papier.

„Brustwarze“ nannte Beuys eine Art Assemblage, für die er ein Holzstück in Spatelform und einen Holzknopf verwendete. Beuys ist zudem ein Kabinett gewidmet, in dem seine elf Schafköpfe zu sehen sind. Dabei handelt es sich um aufgerissene schwarze Malflächen, sodass ein weißer „Kopfumriss“ erkennbar ist. Wer sich die Rede von Beuys anlässlich der Verleihung des Lehmbruck-Preises in voller Länge anhören will, hat dazu anschließend die Gelegenheit.

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Joseph Beuys, Ohne Titel, 1971, Holz und Bronze, Kolumba, Köln © Joseph Beuys Estate I VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto Kolumba, Köln

Lehmbruck war in seinem Schaffen konsequent. Seine Zeichnungen und seine Plastiken spiegeln die Verwerfungen wider, die durch den Ersten Weltkrieg hervorgerufen wurden. Man denke dabei an den hinsinkenden Frauenakt, in Pastell gezeichnet, und die Skulptur „Der Gestürzte“, der bereits in den ersten Jahren des mörderischen und brutalen Kriegs 1915/16 entstand. Auch die gezeichneten verwundeten Krieger reflektieren die Kriegserfahrungen von Lehmbruck, der zwar nicht wie andere an der Front kämpfen musste und dabei ums Leben kam, aber in einem Lazarett das Elend der Verwundeten erlebte. Die Desillusionierung über den Krieg, der mit Hurra-Patriotismus begann, drückt sich in der Sepiazeichnung „Müder Krieger“ aus. Bei Beuys scheint die Kriegserfahrung eher subtil, wenn nicht gar verdrängt zu sein: Eine alte Munitionskiste und eine entastete darüber liegende Fichte mit einer abgebrochenen Lanzenspitze dekoriert, ist das einzige Zeugnis von Beuys, das mit Kriegserfahrungen in Verbindung zu bringen ist. Und worauf beziehen sich die beiden Lederstützen? Sie gleichen einem Korsett, das jemand tragen muss, der schwere Rückenverletzungen erlitten hat. Sind diese beiden Arbeiten Fingerzeige auf den Absturz, den Beuys überlebt hat?

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Wilhelm Lehmbruck, Pietà, 1915-1916, Öl und Tempera auf Leinwand, Lehmbruck Museum, Duisburg, Foto Bernd Kirtz

Verzweiflung bündelt sich in der Haltung des „Sitzenden Jünglings“. Er scheint am Ende zu sein, so vermittelt es uns wohl Lehmbruck. Genauso nachträglich bleibt der „Geneigte Frauenkopf“ von Lehmbruck im Gedächtnis. Beuys hingegen hat eine Vorliebe für arme Materialien und für Ready Mades gehabt. Man betrachte das Buch über Rückenschmerzen der Frau nebst Kamm und Plastilinmasse in einem Frischhaltebeutel. Ohne Fettecken und Filz kommt die bronzene Badewanne aus, die Beuys zwischen 1961 und 1965 schuf. Sie gleicht eher einer Grablege, einer mobilen Grablege, da die Badewanne eine Deichsel hat. Eingerollt in Filz hat Beuys eine abgebrochene Samuraischwertklinge. Und was sagt uns das? Ein Holzkästlein mit Bleistiftlinien und der Inschrift „Intuition“ ist ebenso zu sehen und gehört zu dem Werkkanon von Beuys. An Marcel Duchamps Kunstkonzept erinnert die grüne Violine unter Plexiglas. „Musik als Grün grüne Geige“ (1974).

Dass Kunst für Beuys auch immer Happening und Aktion war, unterstreicht die Arbeit „Ja Ja Ja Ja Ja, Ne Ne Ne Ne Ne “ (1969), an der auch Johannes Stüttgen und Henning Christiansen beteiligt waren. Lagen von Filz, quadratisch zugeschnitten, und ein laufendes Tonband ist alles, was für dieses Kunstwerk gebraucht wurde. Und worauf verweist der signierte und gestempelte Basaltpflasterstein, mit dem die sehenswerte Schau endet?

© ferdinand dupuis-panther


Informationen
https://lehmbruckmuseum.de/de/

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