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Emden
Kunsthalle


Die Schönheit der Dinge. Stillleben von 1900 bis heute
bis 10. November 2024

Zwischen Schönheit und Vergänglichkeit, zwischen Prunk und Alltäglichem – Stillleben haben als eigenständiges Genre spätestens seit dem Barock Einzug in die Kunstgeschichte gehalten. Als künstlerisches Arrangement von leblosen bzw. unbeweglichen Objekten wie Blumen, Kelche, Früchte, oder Bücher, gibt die Gattung immer einen Widerhall in der Frage, was zur jeweiligen Zeit als bildwürdig betrachtet wurde. Im 20. Jahrhundert wird das Sujet durch künstlerische Neuerungen motivisch, formalästhetisch und konzeptuell aufgebrochen und weiterentwickelt. Stillleben finden nun nicht mehr nur als bloße illusionistische Abbildung auf der Leinwand statt, sondern werden mit Gegenständen als Relief oder Installation in den Raum gebracht. Inhaltlich rücken Objekte des profanen Alltags ins Zentrum. Mit rund 80 Objekten spannt die Ausstellung den Bogen von 1900 bis heute und verdeutlicht immer wieder den Bezug zu unserer Lebensrealität und unserem Umfeld. Denn: Das Stillleben fungiert, wie keine andere Bildgattung, als Spiegel der bürgerlichen Wirklichkeit.

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Arman Chupa Chups, 1999, ahlers collection (c) VG Bild-Kunst Bonn 2024

Aus dem Eingangstext wird deutlich, dass die Ausstellung nicht auf das Stillleben in der Barockzeit fokussiert. Es gibt also keine wunderbaren Blumengestecke aus dem Hause Brueghel zu sehen, auch nicht die Sonnenblumen von van Gogh oder die rotbäckigen Äpfel in der Obstschale von Cézanne. Auch das üppige Wildbret oder der schmackhafte Fisch auf der Tafel des Hauses ist nicht Gegenstand der aktuellen Schau. Doch die im Barock auftauchenden Vanitas-Stillleben findet man in veränderten Formen aktuell in der Kunsthalle Emden. Allerdings, wer an Arbeiten von Frans Snyders, Osias Beert, Jacob van Es und Jacob van Hulsdonck interessiert ist, der muss sich bei seinem Ausstellungsbesuch mit anderen Künstlern auseinandersetzen. Der Zeitrahmen der Ausstellung lautet ja "Stillleben von 1900 bis heute"!! Das bedeutet aber nun nicht, dass die Sujets der Barockzeit nicht auch aktuell vorhanden sind. Dabei denke man an Hans Platscheks Gemälde "Rote Fische", entstanden 1987. Gewiss, bei Snyders sind die auf der Tafel präsentierten Meerestiere durchaus üppiger.

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Maria Caspar Filser Stillleben mit Tulpen, Schwertlilien, Flieder, o.J., Kunsthalle Emden, (c) VG Bild-Kunst Bonn 2024

Übrigens, Stillleben bezeichnet in der Geschichte der europäischen Kunsttradition die Darstellung unbelebter bzw. regloser Gegenstände (Blumen, Früchte, tote Tiere, Gläser, Instrumente o. a.). „Zu einer eigenständigen Gattung der Malerei entwickelten sich diese Darstellungen am Anfang des 17. Jahrhunderts im Barock. Es wird unterschieden nach den dargestellten Gegenständen; es ergeben sich so die Unterarten Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte-, Frühstücks-, Jagd-, Küchen-, Markt-, Musikinstrumenten-, Vanitas- oder Waffenstillleben. Die Übergänge zu den Bildgattungen Interieur, Tierstück oder Genre sind zuweilen fließend.“ So erfährt man es bei dem Eintrag Stillleben in Wikipedia.

Angelegt ist diese Ausstellung weder chronologisch noch thematisch. Die Hängung ist eher als dialogisch und kontrovers zu begreifen. Gleich zu Beginn wird man mit zwei Arbeiten von Stephen Kent konfrontiert, der uns zwei „Wandkerzenhalter“ mit Stillleben präsentiert. Die Kerze brennt zwar nicht, aber sie ist vorhanden. Titel der Arbeit lautet „Image Burns – Brighter than the objects“ (2019). Es sind Arbeiten aus Keramik, unbemalt, grau. Beide führen Untertitel bezogen auf die Objekte, die zu sehen sind, so beispielsweise „Deodorant/Dorade“. Und so findet man tatsächlich einen Deoroller und eine Dorade nebeneinander in dieser Arbeit. In der Arbeit gegenüber bilden eine Flasche, ein bauchiger Kerzenhalter, eine Zitrone und wohl ein Stück gefalteter Stoff oder Papier das Stillleben.

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Kai Fischer After Brueghel II-The Flowers of Brussels, 2024, (c) K. Fischer, courtesy of the artist

An die Vanitas-Darstellungen der Barockzeit bzw. dem Memento Mori knüpft eine kleinformatiges Gemälde von Abraham Susenir an. Man sieht unter anderem eine aufgeschlagene Bibel. Doch wir können nicht dechiffrieren, welches Buch des Neuen bzw. Alten Testaments aufgeschlagen ist. Entstanden ist die Arbeit Mitte des 17. Jahrhundert, also in der Barockzeit. So weicht das Gemälde von der eigentlichen Zeitachse der sehr sehenswerten und sensibel gehängten Ausstellung ab! „Altmeisterlich“ kommt auch die siebenteilige Arbeit von Christoph Worringer daher. Zu sehen sind eine Pistole, Patronenhülsen, ein leeres Glas, eine erloschene Kerze, ein leerer Raum/Karton, ein Totenschädel, dessen Kalotte abgetrennt wurde. Betitelt sind die einzelnen kleinformatigen Arbeiten unter anderem mit Prolog und Epilog, aber auch mit Katastrophe. In gewisser Weise zeigt uns Worringer ein gemaltes Erzählstück der Vergänglichkeit.

Der belgische Künstler Hans Op de Beeck ist mit zwei Werken, die man auch als Environments kennzeichnen könnte, in der Kunsthalle vertreten. Ähnlich wie bei so manch einem barocken Stillleben mit exotischen Früchten und Insekten laden beide Arbeiten zum genauen Schauen und Entdecken ein. Da sieht man gar ein Handy, zwei volle Trauben, einen Kanarienvogel oder Spatz, einen Totenschädel, eine Zigarettenschachtel und einen Ascher, auf einem Ast thront ein Pfau. „Bäuchlings“ liegen aufgeschlagene Bücher auf dem Tisch. „Peacock Vanitas“ lesen wir als Bildtitel. Nicht minder mit Details beladen ist die zweite Arbeit: Zwei leuchtende Kerzen entdecken wir ebenso wie einen Schmetterling und einen Seeigel, diverse Muscheln, Brombeeren, einen Filzer und ein Tortenstück, das allerdings wenig verlockend ausschaut, um hineinbeißen zu wollen.

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Ori Gersht Pomegranade, 2006, (c) VG Bild-Kunst Bonn 2024, courtesy of the artist

Wie bereits Jahrhunderte zuvor, so taucht die flackernde bzw. erloschene Kerze in Stillleben auf, so auch bei einer Studie aus dem Jahr 1890. Verdunkelt ist die Szenerie, schwer auszumachen das leere Kristallglas neben der brennenden Kerze

Dem norddeutschen Maler Franz Radziwill ist gleich ein kompletter Raum mit Stillleben vorbehalten. Dabei wird im Saaltext auch auf die Vita des Künstlers eingegangen, der ja wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP als durchaus belastet gelten muss. In einer Biografie, die in der Kunsthalle Emden anlässlich einer Ausstellung angefertigt wurde, lesen wir dazu: „1933 trat er der NSDAP bei und neigte dabei dem ‚linken Flügel‘ zu. Er profitierte von den Entlassungen an den Kunstakademien und wurde 1933 als Professor für Malerei an die Düsseldorfer Akademie berufen. Bald darauf wurde er jedoch wegen seines expressionistischen Frühwerks denunziert und 1935 entlassen. Zeitweise erhielt er Ausstellungsverbote, einige Werke von ihm wurden zerstört und diffamiert. Dennoch konnte er ohne Unterbrechungen künstlerisch tätig bleiben, und schon 1946, kurz nach Kriegsende, konnte Radziwill in Oldenburg wieder ausstellen. 1949 wurde er im Entnazifizierungsverfahren als „entlastet“ kategorisiert.“

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Otto Gleichmann Kleines Stillleben, (c) Nchlass O. Gleichmann, Kunsthalle Emden, Schenkung Horst-Günther Sowa, Seelze

Zu sehen sind von Radziwill „Stillleben mit weißer Kanne und Blumen“, gerahmt von einem dunklen Eichenschrank und einem Vorhang. Auch ein aufgehängtes kariertes Handtuch vor einer rissigen Wand hat der Künstler auf Leinwand gebannt. Teilweise hat man bei den Arbeiten den Eindruck der Neusachlichkeit und zugleich des Banalen, betrachtet man unter anderem „Stillleben mit Einwegglas und Ei“, platziert vor rostbraunem Hintergrund. Zu sehen ist zudem ein Stillleben mit roten Schuhen – eigentlich High Heels. Hat der Künstler in „Stillleben mit elektrischer Lampe“ dem Produkt-Designer Wilhelm Wagenfeld gar ein „Denkmal“ gesetzt?

Die Aufsicht auf ein Blumenstillleben, das Hanns Ludwig Katz zu verdanken ist, besticht genau durch diese ungewöhnliche Perspektive. In Orange, Blau und Rot „erblühen“ die Blumen in einer bauchigen Vase. Auch der Nestor des deutschen Impressionismus, Christian Rohlfs, ist mit Stillleben in Emden präsent, darunter ist das Gemälde mit blauen Zinneranien. Und um welche Art handelt es sich bei den gelb blühenden Blumen im Gemälde nebenan? Sonnenblumen vielleicht? Gartenfreunde erkennen das wohl auf den ersten Blick.

Auch ein Blumenthema, aber der besonderen Art, hat Luzia Simons aufgegriffen, fotografisch und betitelt „Stockage 76 – AP2“. Nur noch eine Tulpe, die wir sehen, scheint frisch, die übrigen sind welk und vergangen. Darin kann man durchaus eine Neuintepretation der barocken Tulpendarstellung sehen. In unserer Zeit, in der Wegwerfgesellschaft, geht es nicht mehr um Bestand, sondern um das Kurzzeitige. Blumen aus den Auktionshallen von Aalsmere werden per Laster zu uns transportiert. Ihre Haltbarkeit ist überschaubar. Und das greift die Künstlerin mit ihrem Beitrag auf. Vanitas in ganz anderer Weise!

 

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Hans Op de Beeck Still Life (wall piece) 12, Studio Hans op de Beeck, (c) VG Bild-Kunst Bonn 2024

Otto Gleichmann und Josef Scharl sind mit Blumenstillleben in Emden vertreten, durchaus in der Darstellung expressionistisch zu nennen, teilweise flüchtig im Farbauftrag. Zwischen Kitsch und Pop-Art changieren die Werke von John McAllister, darunter auch ein mit Blumenstillleben bemalter Paravent.

Eine Vielzahl von fleischfressenden Pflanzen aus Keramik hat Gerrit Frohne-Brinkmann geschaffen. Diese sind in Raum 4 zu sehen. Hm, angesichts der Ausformung der „Kannenpflanzen“ muss man annehmen, dass diese Hunger haben, denn Beute sieht man in den „Fangtrichtern“ nicht. Beim Weitergehen stoßen wir erneut auf Franz Radziwill, der uns Fuchsien präsentiert, die in einer Zimmerecke stehen. Zudem öffnet sich das Stillleben nach außen, blickt man durch ein offenes Fenster auf eine bäuerliche, dörfliche Szenerie. Drinnen und draußen vereint zudem Georg Scholz in seiner „Kakteensammlung“ von 1925. Vier Kakteen sieht man im Inneren und den Sonnenuntergang über einer hügeligen Landschaft draußen. Auf dem Tisch liegt eine Frauenarmbanduhr und man sieht ein geschlossenes Tintenfass.

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Luzia Simons Stockage 76, 2009, Kunsthalle Emden, (c) VG Bild-Kunst Bonn 2024

Als Video konzipiert hat Ori Gersht eine Arbeit, bei der ein an einem Faden hängender Granatapfel von einer Patrone zerfetzt wird. Daneben entdeckt man den blutigen „Kopflosen Fasan“ von Jürgen Wenzel, im Duktus der Jungen Wilden gemalt. Zu den dreidimensionalen Arbeiten der Ausstellung zählt Olaf Menzels „Papierkorb“ (2017), für den Alu und Edelstahl verarbeitet wurde. Auch die sogenannten Abwaschskulpturen von Nicole Wermers sind ein Hingucker: Gemüseschale neben Sieb, Schneebesen verschiedener Machart, Wiegemesser, Frittiereinsatz, Fischteller, Sauciere, Tablett, Scherengitter, Pfanne und die völlig unbrauchbare Alessi-Zitruspresse – sind Teil von gleich drei Abwaschskulpturen. Lutscher am Stiel hat Arman in „Polyesterharz“ gefasst

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Georg Scholz Kakteen-Stilleben, 1925, (c) mpk, Foto: A. Kusch

Und dann, ja dann begegnen wir auch Familie Brueghel, aber anders als erwartet. Kai Fischer zeigt seine Arbeit „After Brueghel II“, einen Kassenbon über gekaufte Blümen bei Delhaize in Antwerpen. Und wer ein wenig Flämisch versteht, der kann dem Bon entnehmen, dass sich der Herr Brueghel über einen weiteren Einkauf freut. Eat Art oder was – das fragt man sich schließlich, wenn man Arbeiten von Daniel Spoerri zu Gesicht bekommt. Da wird schon mal ein Tablett nach dem Frühstück nicht abgeräumt, sondern als „Kunstobjekt“ vertikal an die Wand geklappt und angenagelt, mitsamt Kaffeetasse, Teller, Besteck, Teekanne, Streichholzschachtel und Brotkorb. Zuletzt sei noch auf das Werk „Broken Things“ von Livia Marin hingewiesen. Ähnlich wie die auslaufenden Uhren bei Dalí, die für die rinnende Zeit stehen, lässt Marin ihr zerbrochenes blau-weißes Geschirr gleichsam „auslaufen“.

Fazit: Eine sehr gelungene, mit viel Bedacht gehängte Ausstellung, die einen neuen Blick auf das Sujet des Stilllebens erlaubt. Es muss ja nicht immer Brueghel und Co sein.

Text © ferdinand dupuis-panther

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Daniel Spoerri ohne Titel, 1972, ahlers collection, (c) VG Bild-Kunst Bonn 2024

Vertretene Künstlerinnen und Künstler
Arman, Hans op de Beeck, Harun Farocki, Maria Caspar-Filser, Kai Fischer, Gerrit Frohne-Brinkmann,Inci Furni, Ori Gersht, Christoph Girardet, Otto Gleichmann, Nicola Hanke, Diango Hernández, Marta Hoepffner, Hanns Ludwig Katz, Stephen Kent, Matthias Langer, Roy Lichtenstein, August Macke, Maria Marc, Livia Marin, John McAllister, Mathieu Mercier, Olaf Metzel, Oskar Moll, Gabriele Münter, Emil Nolde, Hans Platschek, Franz Radziwill, Christian Rohlfs, Josef Scharl, Georg Scholz, Arthur Segal, Luzia Simons, Daniel Spoerri, Abraham Susenir, Cornelius Völker, Jürgen Wenzel, Nicole Wermers, Imant Oskarowitsch Wezosols, Christoph Worringer

Weitere Ausstellungen 2024

LOTTE WIERINGA. under warm wings, round eggs bis 18. August 2024

Die aktuelle Auswahl aus der Sammlung Was ist derzeit zu sehen?
bis Ende 2024


EXPRESSIONISMUS unverstanden, angegriffen, gefeiert

In den Ausstellungsräumen im Obergeschoss ist bis zum Ende des Jahres 2024 eine Auswahl von Highlights der Klassischen Moderne aus dem Bestand der Kunsthalle Emden unter dem Titel EXPRESSIONISMUS. unverstanden, angegegriffen, gefeiert zu sehen. Der Expressionismus gilt heute als Publikumsmagnet und nicht selten gehören die ausdrucksstarken und farbintensiven Werke zu den Lieblingen der Museumsbesucherinnen und -besucher. Doch dem war nicht immer so: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als erste expressionistische Tendenzen sichtbar wurden, wurden die Künstlerinnen und Künstler missverstanden und angefeindet.

KATHERINE BRADFORD 30. August 2024cbis 19. Januar 2025

LEIKO IKEMURA 23. November 2024 bis 11. Mai 2025

Info
https://kunsthalle-emden.de


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