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Emden
Kunsthalle

Mythos Wald

Das Flüstern der Blätter
bis 31.10.2022

Diese existentielle Verbundenheit des Menschen schlägt sich auch in der Kunst nieder - ob geheimnisvoll und finster oder friedvoll und kraftspendend. Die Ausstellung schlägt die Brücke von Darstellungen um 1900 bis hin zu raumgreifenden zeitgenössischen Installationen und macht den Wald als einen Ort erfahrbar, der zugleich Mythos und Motiv, Projektionsfläche und Paradies ist. Den Ausgangspunkt der umfangreichen Themen-Ausstellung bildet erneut die breitgefächerte Sammlung der Kunsthalle Emden. Hier sind frühe Beispiele von Christian Rohlfs, Gabriele Münter oder Lovis Corinth zu finden, genauso wie Werke von Per Kirkeby, Jörg Immendorff und Gunter Damisch. Doch auch zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler der Sammlung wie Miriam Cahn und Daniel Gustav Cramer greifen Wald und Bäume in ihren Arbeiten auf. Hinzu kommt eine große Zahl an Leihgaben. Vertreten sind unter anderem David Claerbout, Peter Doig, Anna Gaskell, Katharina Grosse, Alex Katz, Fabian Knecht, Robert Longo, Paula Modersohn-Becker, Otto Mueller, Andreas Mühe, Mariele Neudecker, Hans op de Beek, Giuseppe Penone, Michael Sailstorfer, Oskar Schlemmer oder Brigitte Waldach.

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David Claerbout, Wildfire (meditation on fire), 2019–2020, (Still), 1-Kanal-Videoprojektion © Courtesy der Künstler und die Galerien Esther Schipper, Rüdiger Schöttle, Sean Kelly, Pedro Cera und Annet Gelink

Gewiss, es ist nicht die erste Ausstellung in einem deutschen Museum, die sich mit dem Thema Wald auseinandersetzt. Das Deutsche Historische Museum tat dies im Jahr 2011 mit der Ausstellung UNTER BÄUMEN: DIE DEUTSCHEN UND DER WALD. Der Ansatz war damals jedoch ein anderer als der aktuelle in Emden und beschränkte sich nicht allein auf Malerei, Video und Fotografie, sondern präsentierte auch einschlägige Heimatfilme und fokussierte sich unter anderem auf das Bild des röhrenden Hirschen als Bestandteil der Wohnkultur. Diesen Aspekt findet man in Emden keinesfalls. Statt dessen geht es bei der Emdener Schau um das Flüstern der Blättern, so der Untertitel der Ausstellung, sprich auch um bewegte Bilder. Ob man allerdings im Angesichts eines Waldes 24 Minuten meditieren möchte – so lange dauert das entsprechende Video – , muss jeder für sich entscheiden.

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Anna und Bernhard Blume, Kontakt mit Bäumen, aus der Serie: Im Wald, 1987–1990, 4-teilig © VG Bild-Kunst, Bonn, courtesy Nachlass Anna & Bernhard Blume und Buchmann Galerie, Berlin

Übrigens, um wenige Orte ranken sich so viele Mythen und Erzählungen wie um den Wald. Gerade in Deutschland ist der Wald ein aufgeladener Bedeutungsraum. Spätestens seit der Romantik wurde er zum deutschen Nationalmythos verklärt. Gleichzeitig ist der Wald ein zentrales biologisches und ökologisches System, dessen Verletzlichkeit sich seit dem großen Waldsterben in den 1980er Jahren ins Bewusstsein der Menschen eingebrannt hat. Heute wird der Wald durch Abholzungen zum Autobahnbau oder Braunkohleabbau bedroht und zum Schutz von zahlreichen Aktivistinnen und Aktivisten besetzt.

Doch nun zur Ausstellung: Auf einem blauen „Noppenwandbehang“ hat ein Holzschnitt von Karl Schmidt-Rottluff seinen Platz gefunden. Der lichte Wald mit seinen Bäumen erscheint dabei wie die Aufreihung von Masten mit gerafften Segeln. Warum der Künstler sein Werk mit „Russischer Wald“ betitelte, wird nicht erläutert. Sieht ein russischer Wald anders als ein deutscher Wald aus? Ori Gersht lässt uns in einen Wald eintauchen, in dem einzelne Baumstämme krachend niedersausen. Wir sind also Augenzeuge einer Baumfällung, sehen die Stämme im Fallen wippen und federn sowie teilweise splittern. Dass die Fotografie und der Film längst auch das Thema Wald erfasst haben, verdeutlicht die Arbeit von Dieter Appelt. Der Titel erscheint ein wenig gestelzt und irritierend. Hinter der „Partitur zur Abhörung des Waldrandes“ verbergen sich Silbergelatineabzüge auf Karton, sprich 5-teiliges Film-Tableau mit 540 Stills aufgeteilt auf zehn Paneele mit je 54 Aufnahmen. Dank dieser Stills in Schwarz-Weiß ziehen am Auge des Betrachters unterschiedliche Waldsäume vorbei. Hier und da meint man Dopplungen von Aufnahmen zu entdecken oder aber Teile einer Panoramaansicht. So kann man auch eine Art Fortsetzungsgeschichte in Bildern vom Wald entdecken. Das ist eine ganz besondere Art eines „Daumenkinos“, oder?

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Daniel Gustav Cramer, Untitled (Woodland #40), 2002-2005, Fotografie. Kunsthalle Emden © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Der dunkle Wald, der unheimliche Wald, der verzauberte Wald, der Nebelwald, der Rotkäppchenwald, der Wald von Hänsel und Gretel – all das bündelt sich in den dichten Aufnahmen eines Waldes durch Daniel Gustav Cramer. Beinahe undurchdringlich erscheint Cramers Wald. Nur das fahle Sonnenlicht bahnt sich seinen Weg, aber auch nur durch eine Waldschneise. Der Nestor des deutschen Impressionismus Christian Rohlfs hingegen schuf in einem Aquarell einen sehr beschwingten Wald mit "tanzendem Laub". Von Rohlfs zeigt man zudem das Gemälde eines Waldweges, der sich in der Ferne verliert. Menschen sind nicht zu sehen, dafür aber Fahrspuren auf dem Weg, der an einen Bohlenweg erinnert. Rostbraunes Laub liegt auf dem Weg und auch an den Bäumen sind noch verfärbte Blätter zu sehen.

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Gabriele Münter, Herbstbäume bei Tutzing, 1908, Öl auf Karton. Kunsthalle Emden © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Nein, Robert Longo ist kein Fotograf, auch wenn seine beinahe hyperrealistische Kohlezeichnung auf Papier einem fotografischen Abbild in Schwarzweiß gleicht. Es ist eine dreiteilige Arbeit, in der der Künstler brillante Lichtpunkte ebenso gesetzt hat wie das durch das Dickicht der Stämme dringende Sonnenlicht. Es ist ein eher lichter Wald, den Longo, u. a. Träger des Goslaer Kaiserrings, uns präsentiert. Unterholz ist nur spärlich vorhanden. Einem Säulenhain gleicht das Waldbildnis von David Schnell. „Echo“ nannte der Künstler seine Arbeit. Doch ein Echo gibt es im Wald nicht, auch wenn es die Redewendung gibt: Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus. Ist das der Bezug, den Schnell sieht? Oder meint er damit die „Spiegelung“, die man in seiner Arbeit in Aquatinta ausmachen kann?

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Robert Longo, Ohne Titel (hercynian), (Triptychon), 2011, Kohle auf Papier.Sammlung Stiftung Kunst und Natur, Bad Homburg. © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, courtesy Galerie Hans Mayer, Düsseldorf

Sehr gelungen ist die dialogische Hängung zwischen der Arbeit Longos und der Arbeit von Stepanek & Maslin. Es ist eine Arbeit in Öl, die unbetitelt ist. Was sehen wir? Ganz links einige Buchenstämme, ansonsten besteht der Wald aus Birken mit lichtem Blattgrün.

Zunächst glaubt man, man sehe einen Scherenschnitt, steht man vor Sven Drühls Werk, das in Lack auf Leinwand entstanden ist. Man sieht einen Stamm mit Ästen und Zweigen. Nur dank des grünen Deckenlichts glaubt man der schwarze Baumstamm sei auf eine grüne Leinwand gesetzt worden. Doch das täuscht. Auch die Leinwand ist schwarz grundiert. Welch ein Kontrast zur Rötel-Kreide-Zeichnung von Otto Modersohn, die wir ebenfalls sehen.

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Otto Mueller, Waldlandschaft (verso/recto: Otto Mueller, Zigeunerkind im Dorf, 1921), 1921, Leimfarbe auf Rupfen. Privatsammlung Süddeutschland

Und was hat „Structure of Thought #6“ von Doug & Mike Starn mit dem Thema Wald zu tun? Auszumachen sind ein Stamm und eine feine Verästelung ähnlich wie in Drühls Arbeit. Man könnte sich vorstellen, dass hier Haupt- und Nebengedanken materialisiert wurden und in eine Baumstruktur einflossen. Genauso könnte man an einen Gehirnscan denken, bei dem Neuriten und Dendriten sichtbar gemacht wurden. Schließlich ist im gleichen Ausstellungsraum auch eine fragile Bleistiftzeichnung zu sehen, eine Ansicht des Starnberger Sees von Lovis Corinth.

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David Nash, Multi-Cut Column, 1999, Ulmenholz. Kunsthalle Emden (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2022


Einer „gemalten Collage“ gleicht das Ölgemälde „Path“ von Alex Katz. Der Pfad ist mit Blättern bedeckt. Schwarze Schatten der Bäume liegen über dem sandfarbenen Weg, der bergan geht und dann scheinbar ins Nichts abfällt. Gerahmt von zwei Bäumen erscheint das Jagdschloss Grunewald (Berlin), so wie es Oskar Schlemmer sah. Im Vordergrund sieht man zwei im Wald Ruhende, die zum Schloss hinüberblicken. Wie in einem Negativ erscheint die Waldansicht, die uns Brigitte Waldach zeigt. Teilweise meint man, dass japanische Holzschnitte für die Arbeit Pate gestanden haben. Einen ganz anderen Wald zeigt uns Andreas Mühe mit „Hitlerjunge“. Mitten im Wald steht ein junger Mann in schwarzer Uniform mit Hakenkreuzbinde am Arm. Pinkelt dieser gerade in den Wald? Und warum lautet der Titel „Hitlerjunge“, obgleich die Uniform auf die SS verweist? In einer weiteren Waldansicht des gleichen Künstlers sehen wir einen nackten Mann, der dem Betrachter den Rücken zuwendet. FKK-Waldbaden oder was? Einer Dornenhecke gleicht Max Uhligs Waldansicht mit dem Titel „Sommerliches Waldstück“. Und Hans op de Beeck zeigt uns diesmal keine Kulisseninszenierung, für die er bekannt ist, sondern ein Aquarell mit einer Winterlandschaft.

Ausgestellt ist außerdem Alicja Kwades Bronze mit Spiegel, der jeweils eine Astgabelung spiegelt, einmal mit Patina und einmal ohne. Es sei zudem auf Paula Modersohn-Beckers kleinformatige Ansicht eines Birkenstamms vor Landschaft ebenso verwiesen wie auf Per Kirkebys Arbeit im Hochformat namens „Die Bäume“. Dabei werden Farbverläufe teilweise durch schwarze Konturlinien eingefasst, sodass der Eindruck von Baumstämmen entsteht.

Fazit: Die Ausstellung überzeugt nicht allein durch die luftige Hängung und die Kontraste zwischen Gegenwartskunst und klassischer Moderne, sondern sie öffnet auch den Blick für das Thema Wald und entschleiert den Mythos Wald.

© ferdinand dupuis-panther

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Mariele Neudecker, I don't know how I resisted the urge to run, 1998, mixed media. Privatsammlung Johannes Becker © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Nachsatz

Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung Darren Almond ∙ Dieter Appelt ∙ Armando ∙ Anna und Bernhard Blume ∙ Persijn Broersen & Margit Lukács ∙ Miriam Cahn ∙ David Claerbout ∙ Lovis Corinth ∙ Daniel Gustav Cramer ∙ Gunter Damisch ∙ Peter Doig ∙ Sven Drühl ∙ Anna Gaskell ∙ Ori Gersht ∙ Katharina Grosse ∙ Jörg Immendorff ∙ Alex Katz ∙ William Kentridge ∙ Per Kirkeby ∙ Julian Klein von Diepold ∙ Fabian Knecht ∙ Alicja Kwade ∙ André Lhote ∙ Giuseppe Licari ∙ Robert Longo ∙ Otto Modersohn ∙ Paula Modersohn-Becker ∙ Otto Mueller ∙ Andreas Mühe ∙ Gabriele Münter ∙ David Nash ∙ Mariele Neudecker ∙ Hans Op de Beeck ∙ Giuseppe Penone ∙ Bettina Pousttchi ∙ Jorma Puranen ∙ Christian Rohlfs ∙ Ernst Sagewka ∙ Michael Sailstorfer ∙ Oskar Schlemmer ∙ Karl Schmidt-Rottluff ∙ David Schnell ∙ Doug & Mike Starn ∙ Stepanek & Maslin ∙ Max Uhlig ∙ Mariana Vassileva ∙ Brigitte Waldach

Vorschau
Nolde / Rohlfs Zwei Künstlerleben 12.11.2022 bis 21.2.2023


Die beiden Norddeutschen Emil Nolde (1867–1956) und Christian Rohlfs (1849–1938) zählen zu den wichtigsten Vertretern des Expressionismus und das, obwohl sie bedeutend älter waren als die expressionistische Avantgarde mit ihren berühmten Gruppierungen des Blauen Reiters in München und der Brücke in Dresden. Als ausgesprochene Einzelgänger lässt sich anhand ihrer Viten ihre individuelle Werkentwicklung hin zu ihrer jeweils einzigartigen Ästhetik nachvollziehen und als Teil der größeren kunsthistorischen Umbrüche um die vorletzte Jahrhundertwende sehen. Darüber hinaus eröffnen die Biografien beider eine historisch-politische Perspektive. Denn während Rohlfs Zeit seines Lebens nicht explizit politisch agierte, war Nolde von der nationalsozialistischen Ideologie fasziniert und diente sich dem NS-Regime an. Die ambivalente Einschätzung des Expressionismus während des Dritten Reichs – zunächst als deutsche Kunst, d.h. als nordischer Expressionismus in Teilen anerkannt, dann als entartet verfemt – führt vor Augen, wie unabgeschlossen Bedeutungszuschreibungen sind und welche Verunsicherungen und Herausforderungen dadurch für unsere Rezeption entstehen.

Informationen
https://kunsthalle-emden.de


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