DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN



Emden
Kunsthalle
wild/schön - Tiere in der Kunst
bis 26.9.2021

Bilder von Tieren gibt es, seit die Vorfahren des Menschen begannen, an Höhlenwände zu zeichnen. Tieren werden menschliche Eigenschaften zugeschrieben, Hunde und Katzen sind Protagonisten in weisen Fabeln, Märchen und großer Literatur, in Filmen und Spielen. Geliebte Haustiere werden verwöhnt, während das weltweite Artensterben voranschreitet und verheerende Auswirkungen für den gesamten Globus hat. Immer mehr Menschen setzen sich gegen Massen- und für artgerechte Haltung ein, doch im Supermarkt regiert nach wie vor der Preis. Exotische Wildtiere sind begehrte Trophäen und Statussymbole. Doch die Namen der Insekten und Vögel im eigenen Garten kennen wir häufig nicht.

tiger

Gerrit Frohne-Brinkmann, White Tiger, 2021, versch. Materialien, 87 x 134 x 255 cm © der Künstler, 14a, Hamburg, Jürgen Becker Galerie Hamburg, Galerie Noah Klink, Berlin. Foto: Volker Renner

Nein, Dürers Hase wird nicht gezeigt, auch die üppigen Stillleben niederländischer Barockmalerei sind nicht Gegenstand der aktuellen Ausstellung. Porträts rassiger Rösser, wie man sie von der englischen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts u. a. von John Constable („Das springende Pferd“) kennt, sind in Emden nicht zu sehen. Das ist auch kein Wunder, beschränkt sich die aktuelle Ausstellung doch auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Ausstellung folgt einer thematischen Struktur, die jedoch nicht bei jedem Exponat stichhaltig ist. So beginnt die sehr sehenswerte Schau mit „tier/bilder“, geht über „domestizierung“, „bewegung“, „unterdrückung/ausbeutung“ und zu „animalität“ und endet schließlich mit „ross/reiter“. Welche Bedeutung die in der Ausstellung umgesetzte Kleinschreibung hat, ist nicht nachvollziehbar und ist wohl eher einem typografischen Konzept geschuldet.

warhol

Andy Warhol, Orangutan (aus der Serie: Endangered Species), 1983, Siebdruck, 96,5 x 95,5 cm © 2021 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York

Dass man in einem Haus, das sich der klassischen Moderne verpflichtet fühlt, auf die blauen Fohlen von Franz Marc trifft, konnte man erwarten. Anders verhält es sich mit zwei Tiergemälden von Andy Warhol, der ja für die serielle Produktion von Bildmotiven und der Präsentation des Banalen bekannt ist. Porträts von Mao und Marilyn Monroe kennen wir von Warhol, ebenso seine Suppendosen, doch farblich verfremdete Darstellungen eines Weißkopfseeadlers und eines Orang-Utans aus der Serie „Gefährdete Arten“ sind weniger bekannt. So nahe wie bei Warhol kommt man diesen beiden Tierarten in der freien Wildbahn gewiss nicht. Das Fabeltier von Franz Marc, 1912 entstanden, erinnert im Körperbau und aufgrund der Fellzeichnungen an einen Tasmanischen Tiger, der längst ausgerottet ist. Von Franz Marc zeigt die Kunsthalle obendrein das Gemälde von zwei Katzen, einer weißen und einer rostroten, deren äußere Gestalt ein wenig an einen Löwen denken lässt.

Dass Videoinstallationen auch zu der Ausstellungspräsentation gehören, wird spätestens bei der raumumfassenden Arbeit von Diana Thater namens „Delfine“ deutlich. Mehrere Projektoren werfen laufende Bilder auf die Wände und den Boden des Raums, lassen uns Tauchern ebenso nahe sein wie Delfinen. Geduld muss man aufbringen, ehe die ersten Delfine am Auge des Betrachters vorbeischwimmen. Ist diese Arbeit von Dana Thater nun ein Pro oder ein Kontra bezüglich Schwimmen mit Delfinen, ein sehr populäres Tourismusangebot zwischen den Bahamas und Westaustralien..

marc

Franz Marc, Die Blauen Fohlen, 1913, Öl auf Leinwand, 55,7 x 38,5 cm. Kunsthalle Emden

Unter dem Stichwort „domestizierung“ stehen wir einer Arbeit von Julia Schmid gegenüber, die aus der Serie „Tiere im Atelier“ stammt. Sind da nicht die Beine eines Weberknechts zu sehen? Ist da nicht auch eine Florfliege Gast im Atelier? Ein gewisser Ekel kommt beim Betrachter schon angesichts der abgebildeten Maden auf, oder? Die Aneignung von Natur, die Aufhebung von Distanz, zeigt uns Rolf Bier in „Tiere in meiner Hand“. Krabbe, Weinbergschnecke, Regenwurm und Muschel werden haptisch erfasst und in die Hand genommen. Riesig sind die Ameisen von Sönke Thaden, die vor einer Felskulisse zu sehen sind, auf der sich stufig orangefarbene, tiefrot, grüngelb und ockerfarben getünchte Häuser den terrassierten Hang emporranken. Hyperrealistisch und neusachlich zugleich ist die Darstellung eines Manns mit Pfeife und Schäferhund von J. Poppen ausgestaltet worden. Doch ist da nicht noch eine Dohle zu sehen, die aus dem Arm des Mannes hockt. Paula-Modersohn-Becker ist in der Ausstellung mit dem Porträt eines blonden Mädchens im roten Kleid vertreten. Das Kind steht dabei vor einem Ziegenstall, aus dem eine Ziege neugierig herausschaut. Eine ganz eigene Sicht auf den Narziss bringt Martin Eder in seinem großflächigen Gemälde zum Ausdruck: Nicht ein selbstverliebter, eitler Beau schaut sich sein Ebenbild im Wasser an, sondern ein Kätzchen. Gänzlich aus dem natürlichen Lebensraum, der afrikanischen Wüste und Steppe, herausgenommen, ist der trinkende, überdimensioniert erscheinende Löwe, den Simon Cantemir Hausí in eine tiefgrüne Regenwaldlandschaft platziert hat. Der Löwe an der Tränke wird von einem im Hintergrund Stehenden beobachtet. In der freien Wildbahn ein tödlich verlaufendes Unterfangen, denn der Mensch ist die Beute jeder Raubkatze.

wrede

Thomas Wrede, Die Vögel stehen in der Luft und schreien (Serie), Schwarzweißfotografie © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wenn wir auch auf die klassischen Pferdedarstellungen in der englischen Malerei verzichten müssen, so auf das Pferd als Sujet nicht gänzlich. Marino Marini hat mit „Cavallo“ eine sehr eigene Darstellung eines Pferdes in Bronze geschaffen. Dem Hengst fehlt zum Beispiel ein langer Schweif. Auch der gespreizte Stand des Pferdes ist eher befremdlich. Unbeholfen sieht das Ross aus, dessen Kopf seitlich und nach hinten verdreht ist. Scheut das Tier? Überaus beeindruckend und passend zum Thema „bewegung“ sind die fünf Arbeiten von Thomas Wrede, der die Bewegung eines Vogels, wahrscheinlich eine Taube, durchaus mit Unschärfe in Szene gesetzt hat. Gleitflug und Sturzflug, aber auch den Anflug für die Landung wurden von Wrede sehr gekonnt eingefangen.

Neben dem Holzschnitt von Franz Marc mit dem Titel „Tiger“ stoßen wir in einer Ausstellungsvitrine auf das jagende Fohlen von Renée Sintenis, im Galopp erfasst und eingefroren, und eine auf einem Podest hockende Katze mit gekrümmten Rücken, von der man annehmen kann, sie setzte gleich zum Beutesprung auf eine Feldmaus an. Einer der wichtigsten Tierbildhauer seiner Zeit, nämlich Georg August Gaul, ist diese beeindruckende Tierdarstellung zu verdanken. Der Lehrer von Joseph Beuys, Ewald Mataré ist außerdem in Emden mit drei Arbeiten vertreten, einem aufgeplusterten Huhn, einem liegenden Kälbchen und einer grasenden Kuh. Während bei dem Huhn noch das Naturalistische im Vordergrund steht, sind die beiden anderen Skulpturen formenvereinfacht, scheinen in geometrische Elemente zu zerfallen. Diese drei Arbeiten stammen aus einem Konvolut von ungefähr 600 Arbeiten, die während Matarés künstlerischen Schaffens entstanden. Warum allerdings ein Nashorn, das Stefan à Wenger in Kohle gezeichnet hat, mit „The Power of Love“ betitelt ist, weiß nur der Künstler zu beantworten.

katze

Martin Eder, I sold my devil to the soul, 2018, Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm, courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter, Berlin, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Schraffierungen in der Diagonale und auf Farbgrund gesetzt umgeben ein Zebra. Dabei lösen sich die strengen Linien in organische Fellzeichnungen auf. Ein wenig erinnert Victor Vasarelys Werk „Zebra No 3“ an ein Wackelbild, oder? Nichts für Veganer ist der Anblick von Regina Schmekens in Schwarz-Weiß getauchten Schlachthofszenen. Die Künstlerin hat dabei auf die Darstellung des Entweidens und des Zerlegens im Detail verzichtet. Auch die Entfärbung nimmt der Darstellung ein wenig die Brutalität, mit der industriell Fleisch billig produziert wird. Der Mensch, der ja den Prozess des Schlachtens in den Händen hält, erscheint angesichts der Rinderhälfte hier und da als Staffage. Massentierhaltung ist das Thema von Andreas Gurskys Foto, in dem Rindviecher eingezäunt sind und wohl auf den Weg zum Schlachthof warten. „Greeley“ entstand 2002 und zeigt Pferch an Pferch gefüllt mit Rindern verschiedener Rassen, die augenscheinlich noch nicht einmal ausreichend Futter erhalten.

wartendestier

Miriam Cahn, Wartendes Tier, 1996, Öl auf Leinwand, 86,2 x 66,4 cm. Sammlung Kunsthalle Emden © Miriam Cahn

In die Traumwelt, bisweilen auch die der Albträume, entführen uns Asger Jorn, Karel Appel und Pierre Alechinsky. Es ist die Welt von Trollen, von Fabelwesen und Geistern, die gerufen wurden und nicht wieder verschwinden. Im Sinne des Ausstellungsthemas geht es nicht genuin um Tiere in der Kunst, auch wenn in den Arbeiten der drei Künstler der Gruppe CoBrA durchaus anthropomorphe Wesen eine Rolle spielen, so auch bei Alechinskys „Trolle“, eine Arbeit von 1970. Auch Karel Appel vereint Mensch und Tier in einer Arbeit, reduziert den Menschen dabei zu einem Kopf mit schwarzem Auge und das Tier zu einem elefantenähnlichen Wesen. Eine sehr große Installation ist Yvonne Roeb zu verdanken, zu der auch sich vereinigende Schlangen, aber auch Tierskelettteile gehören. Es handelt sich dabei nicht um ein Bestiarium, sondern um ein „Artifiziarium“.

Mit einem Augenzwinkern und mit einem Schuss Ironie schuf Daniel Spoerri seine Assemblagen „Kümmerling unter Machos“ und „Der geile Biber“. Allerdings handelt es sich bei dem verarbeiteten Tierpräparat nicht um einen Biber, sondern um ein Nutria, das lüstern auf eine nackte Frauenfigur starrt, die auf einem Felsabsatz steht. Hat Dieter Roth mit seinem „Karnickelköttelkarnickel“ gar Dürers Zeichnung eines Hasen auf die Schippe genommen und karikiert? Nachdenklich macht Timm Ulrichs mit seinen „Zwei schwarzen Schafen“, einem weißen in der Herde schwarzer Schafe und einem schwarzen inmitten einer Herde weißer Schafe. Es ist immer der Kontext, so die Schlussfolgerung, ob etwas konform ist oder nicht, ob etwas der Konvention entsprich oder nicht. Dabei wird auch deutlich, dass alles austauschbar ist, auch das Gute und das Böse, das Angepasste und das Nicht-Angepasste.

longo

Robert Longo, Untitled (Portrait of Hubris), 2018, Kohle auf Papier
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Schlussakkord der Ausstellung findet sich in einem in Anthrazit ausgeschlagenen Raum. Hier sehen wir den Reiter von Joris Pfab. Sattellos und ohne Zaumzeug ist das Pferd dargestellt. Etwas steif sitzt der Reiter auf dem Rücken des Pferdes. Ob er sich wohl halten kann, wenn das Pferd in den Trab fällt. Übergroß ist von Mimmo Paladino „Cavallo con figura“ gestaltet worden. Das Pferd ist übersät mit kerbigen Narben. Ausdruck einer brutalen Dressur? Die Figur ist nur angedeutet und besteht aus einer Stange, die über dem Hals des Pferdes liegt, und einem stilisierten Kopf.

Fazit: Auch wenn mit Walton Fords „Bestiarium“, vor Jahren im Hamburger Bahnhof (Berlin) zu sehen, ein Aspekt der Tierdarstellung in der Kunst nicht zu sehen ist, überzeugt die Schau durchaus. Auch der Verzicht auf die deutschen Impressionisten und ihre Tierdarstellungen tut der Ausstellung keinen Abbruch. Nur gut, dass die Ausstellung bis in den Herbst verlängert wurde.

© ferdinand dupuis-panther

Informationen
https://kunsthalle-emden.de


zur Gesamtübersicht Ausstellungen