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Hagen
Emil-Schumacher-Museum

KONKRET! HOMMAGE AN ULRICH SCHUMACHER
Die Sammlung des Josef Albers Museums Quadrat
bis 11. März 2022

Der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Dr. Ulrich Schumacher ist am 15. April 2021 verstorben. Bevor Ulrich Schumacher sich der Gründung der Emil Schumacher Stiftung in Hagen widmete, war er Direktor des Josef Albers Museums Quadrat, das den weltweit größten Bestand des aus Bottrop stammenden Künstlers Josef Albers beherbergt. Dort trug Schumacher bis 2003 eine umfangreiche Sammlung Konkreter und Kinetischer Kunst mit mehr als 200 Arbeiten zusammen. Darunter sind Werke bedeutender Künstler wie Norbert Kricke, Max Bill oder Donald Judd, die im Josef Albers Museum Quadrat sowie im umliegenden Bottroper Stadtgarten betrachtet werden können.

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Jesús Rafael Soto, Pénétrable BBL Bleu, Nr. 1/18, 1999, PVC und Stahl, AVILA / Atelier Soto, Paris

Vorab noch ein Wort zu dem Sohn des bekannten Vertreter des Informel. Als Stifter und Museumsgründer beschenkte Dr. Ulrich Schumacher seine Heimatstadt Hagen 2009 mit einer Sammlung, die als sorgsam kuratierter Nachlass seines Vaters das städtische Osthaus Museum nicht nur entscheidend ergänzt, sondern die Neuentstehung eines zeitgemäßen Museumsensembles erst möglich machte. Es handelt sich dabei zugleich um die umfangreichste Stiftung einer Privatperson in der Stadt Hagen seit ihrer Gründung vor 275 Jahren.

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KONKRET! HOMMAGE AN ULRICH SCHIMACHER – Blick in die Ausstellung mit Werken von Josef Albers und Andreu Alfaro, Emil Schumacher Museum, Hagen.

Nunmehr sind über 50 Arbeiten aus dem Josef Albers Museum zu sehen. Namensgeber dieses Museums in Bottrop war der Bauhaus-Meister Josef Albers, der vor allem aufgrund seiner Studien zum Quadrat bekannt geworden ist. Wie andere Bauhausvertreter auch musste Albers 1933 emigrieren. Ihn verschlug es mit seiner Frau nach North Carolina, um am Black Mountain College zu unterrichten, einer experimentellen Schule, in der die bildende Kunst im Mittelpunkt stand. Zu seinen Schülern gehört der Pop-Art-Künstler Robert Rauschenberg ebenso wie der Minimal-Art-Künstler Donald Judd.

 

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KONKRET! HOMMAGE AN ULRICH SCHIMACHER – Blick in die Ausstellung mit Werken von Carlos Cruz-Diez, Jesús Rafael Soto, Jesús Rafael Soto und Adolf Luther, Emil Schumacher Museum, Hagen

Gleich beim Betreten der sehr sehenswerten Schau stößt der Besucher auf eine der wenigen dreidimensionalen Werke, die in Hagen ausgestellt sind. Es handelt sich um eine Komposition von Marcello Morandini namens „Progetto“ (dt Plan, Entwurf). Man mag beim Betrachten an einen Nautilus denken oder aber auch einer Schnecke mit Zickzackbandornamentik. Das Objekt besteht jedenfalls aus schwarzen und weißen Scheiben, die teilweise ausgeschnitten wurden. Nur Schritte daneben präsentiert man von Horst Bartnig „114 Unterbrechungen in Schwarz Striche in Weiß 124 Unterbrechungen in Weiß und 124 Striche in Schwarz“. Der Werktitel erscheint ein wenig sperrig und man muss über ihn schon ein wenig sinnieren. Auf den ersten Blick meint man H-Elemente zu erkennen, zugleich aber auch einsprossige Leiterelemente, die miteinander verbunden sind. Tritt man der Arbeit aus der Distanz gegenüber so entdeckt man flache, horizontale Rhomben in Schwaz und zudem vertikal ausgerichtete Drachen in Weiß. Zudem kann man in der Nahsicht eine „verpixelte Bildfläche“ ausmachen, die unter anderem aus kleinen schwarzen und weißen Quadraten besteht.

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KONKRET! HOMMAGE AN ULRICH SCHIMACHER – Blick in die Ausstellung mit Werken von Piero Dorazio und Bridget Riley, Emil Schumacher Museum, Hagen.


Der in den späten 1980er Jahren verstorbene Schweizer Künstler Hans Hinterreiter konfrontiert uns in der Ausstellung mit seinem „Opus 54“. Zu sehen sind parkettierte Bildgestaltungen in Schwarz und Weiß. Die scheinbar endlos gestufte Bildstruktur erinnert ein wenig an die Arbeiten von Escher. Dabei zerfällt das Gemälde in kleine und große, schmale Parallelogramme. Reliefiert ist die Struktur einer weiteren Arbeit von Marondini namens „Struktur 209/1974“. Diese Arbeit scheint sich an Albers Studien zum Quadrat zu orientieren, auch wenn Morandini seine weißen Quadrate, die auf Schwarz gesetzt wurden, aus der Achse gerückt und gekippt hat. Durch das Verschieben und Kippen sowie der Schichtung der Elemente wird eine besondere Raumtiefe erzeugt. Das Zweidimensionale driftet ins Dreidimensionale.

Einem sogenannten Kippbild mit verschiedenen Auf- und Untersichten gleicht eine Komposition, die von Victor Vasarely stammt und den Titel „Gert-Féry“ trägt. Steht man vor dem in Rot- und Blaunuancen getauchten Bild, dann meint man Prismen zu entdecken, die im Licht funkeln. Durchfensterte Archiskulptur in Zweidimensionalität – so könnte man das Werk auch beschreiben. Zugleich muss man an ein Kulissenbild für eine Theateraufführung denken, oder? Der aus Helsinki stammende finnische Maler Matti Kuhasalo hat sein ausgestelltes Werk unbetitelt belassen, allerdings mit einem Untertitel namens „Malaus“ versehen. Zu identifizieren ist eine mehrschichtige Gitterstruktur in Grau auf schwarzem Grund.

 

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KONKRET! HOMMAGE AN ULRICH SCHIMACHER – Blick in die Ausstellung mit Werken von Günter Fruhtrunk und Josef Albers, Emil Schumacher Museum, Hagen.

Dass konkrete Kunst auch weiblich ist, unterstreicht die 1986 in Zürich verstorbene Verena Loewensberg mit einer unbetitelten Arbeit. Sie ist Vertreterin der Züricher Schule des Konkreten und zeigt uns eine geschichtete Form aus schwarz-roten Parallelogrammen. Diese hat sie in die Bilddiagonale gesetzt. Mit ein wenig Fantasie könnte man in diesem abstrakten Gebilde auch einen Short-Track-Eisschnellläufer sehen, der leicht nach vorne gebeugt seine Bahnen zieht. Zu sehen ist mit der ungarischen Künstlerin Dora Maurer eine weitere Künstlerin, die in der Formensprache der Avantgarde zuhause war. Sie gestaltete einen gefalteten „Papierflieger“ mit farbigen Kanten. Dem Dreidimensionalen hat sich Nelly Rudin (Schweiz) verschrieben, die zwei Acrylglasobjekte geschaffen hat, die so inszeniert wurden, dass sich Spiegelungen in beiden ergeben.

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KONKRET! HOMMAGE AN ULRICH SCHIMACHER – Blick in die Ausstellung mit Werken von Günter Fruhtrunk, Josef Albers, Andreu Alfaro und Günter Fruhtrunk, Emil Schumacher Museum, Hagen.

Faszinierend ist das „Strahlbild 'Der Edelstein'“ von Jacob Weder, der sich zu Lebzeiten der Farbforschung verschrieben hat, obgleich er eigentlich ausgebildeter Bildhauer war. Ausgehend von einem zentralen Lichtpunkt hat er dem Bildwerk feinlinige, den Lichtpunkt „einkreisende“ Quadrate gemalt, Grau in Grau. Gegen die Konvention schuf Hans Jörg Glattfelde „Herbe Triangulation“. Statt eines Rechtecks oder eines Kreises als Bildformat sehen wir bei ihm ein unregelmäßiges Eder mit Gitterrasterung, die so anleget ist, dass man den Eindruck gewinnt, das Eder sei oben nach hinten gefaltet und gebogen. Ein sich nach oben auflösendes Quadrat steht bei dem aus Caracas (Venezuela) stammenden Künstler Carlos Cruz Diez im Mittelpunkt. Das ist jedenfalls der Eindruck, wenn man zentral vor dem Werk steht. Verändert man den Blickwinkel und tritt zur Seite, dann sieht man eine tintenblaue „Fläche“ die von grünen Rändern begrenzt wird.

 

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KONKRET! HOMMAGE AN ULRICH SCHIMACHER – Blick in die Ausstellung mit Werken von Bridget Riley und Victor Vasarely, Emil Schumacher Museum, Hagen

Wie Loewensberg gehörte auch Camille Graeser bis zu seinem Tod 1980 zur Züricher Schule der Konkreten. Seine „Konstruktion“ ist großflächig strukturiert und greift auf die Farben Schwarz, Gelb, Weiß, Rot, Grün und Lila zurück, die rechteckige und quadratische Elemente ausfüllen. Ein graues Oval mit strichigen Auslösungen sind Adolf Fleischmann zu verdanken. Ein wenig an Lyonel Feininger erinnert Hermann Glöckner mit seinem Fragment einer Stadtlandschaft aus „prismatischem“ Giebel und Fenster.

Schließlich zeigt man auch einige Studien zum Quadrat von Josef Albers, so auch „9/113 Study for Hommage to the Square“ in gelben Farbnuancierungen. Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass zum Beispiel die seitlichen Ränder doppelt so breit sind wie die unteren. Oben hingegen verdreifacht sich die „Rahmung“ der Quadrate. Von Albers ist zudem „Transformation of a scheme no 24“ sehen. Und auch hier fokussiert er sich auf das Quadrat bzw. den Würfel. Offene Formen hingegen bevorzugte Günter Fruhtrunk so auch in „Suprematie“. Mit der britischen Künstlerin Bridget Riley stoßen wir schließlich erneut auf eine Künstlerin, die sich im Umfeld des Konkreten einen Namen gemacht hat.

© ferdinand dupuis-panther


Information

http://www.esmh.de/web/de/esmh/index.html

 


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