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Hagen
Osthaus Museum


Sylvester Stallone Retrospektive zum 75. Geburtstag
bis 20. Februar 2022

Nach Museumsausstellungen im Staatlichen Russischen Museum, St. Petersburg (2013) und dem Musée d'Art Moderne et d'Art Contemporain, Nizza (2015) zeigt das Osthaus Museum Hagen, anlässlich des 75. Geburtstags von Sylvester Stallone, eine Retrospektive seiner Werke. Beleuchtet wird das Gesamtwerk von den späten sechziger Jahren bis heute sowie die verschiedenen künstlerischen Phasen des Actionstars. Zu sehen sind ca. 50 Bilder, darunter Selbstporträts und noch nie zuvor gezeigte frühe Arbeiten. Stallones Bilder sind einerseits "action-geladen" und ausdrucksstark wie seine Filme und andererseits feinnervig und vielschichtig in ihren Aussagen. Der kunstaffine Hollywoodstar nutzt kenntnisreich verschiedene Kunstformen wie Surrealismus, Expressionismus und Abstraktion als Ausdrucksformen. Die Malerei ist seit 55 Jahren ein enger und konstanter Bestandteil der kreativen Ausdrucksformen von Sylvester Stallone, wobei sein künstlerisches Schaffen sein filmisches Schaffen befruchtet und umgekehrt.

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Sylvester Stallone: Civil Impact, 2020, Courtesy Galerie Gmurzynska/ Artwork: Sylvester Stallone

Wer den Namen Sylvester Stallone hört, verbindet ihn mit filmischen Blockbuster wie "Rambo III" und "Rocky". Beides sind nicht gerade Sternstunden der Filmkunst, aber kommerziell sehr erfolgreich. Nunmehr wird der muskelbepackte Schauspieler als „Malender Hollywoodstar“ feiert, so im Magazin „monopol“. Bei der Ausstellungseröffnung versammelten sich vor dem Osthaus-Museum zahlreiche Rocky-Fans und eine große Schar Neugieriger und Sammler von Rocky-Devotionalien. Ausführliche berichtete die Westfalenpost über den Hype um den auch künstlerisch aktiven Leinwandhelden.

Sylvester Stallone äußert sich wie folgt zu seiner Malerei: "Das ist es, was ich an der Malerei liebe, sie ist die einzig wahre Kommunikation, die man haben kann. Schreiben kann man manipulieren, Malen ist der schnellste und reinste Übersetzer des Unterbewusstseins. Wenn etwas in einem vorgeht und man auf die Leinwand trifft, ist es schwer, es zu fälschen. Der Künstler auf der Leinwand ist für mich die Nummer eins, wenn es darum geht, seine Gefühle zu vermitteln." (Zitat aus fineArt.cc)

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Sylvester Stallone: Jo Poe, 1966, Öl auf Leinwand mit Rahmen des Künstlers, 76,2 x 61 cm, Courtesy Galerie Gmurzynska/ Artwork: Sylvester Stallone

Gewiss, dem Osthaus-Museum dürfte mit dieser aktuellen Ausstellung ein PR-Coup gelungen sein und Menschen ansprechen, die ansonsten nichts mit Kunst und einem Museumsbesuch am Hut haben. So drängten sich an den ersten Tage zahlreiche Besucher vor den expressiven Arbeiten, die auch Momente des Informels ebenso aufnehmen wie die Malerei der Jungen Wilden. In diesem Kontext fallen dann zudem Namen wie Jean-Michel Basquiat oder auch A.R. Penck als etwaige Referenzen, mal von den Mitgliedern der Vereinigung CoBrA abgesehen. Der Museumschef des Osthaus-Museums ist voll des Lobes für die zumeist figurative Malerei, die auch das Gestische nicht ausspart: "Diese Kraft der Malerei zeigt einen Vollblutmaler, so wie er in seinen Filmen auch als Vollblutschauspieler auftritt. .. Man kann aber einen guten Namen durch schlechte Bilder kaputt machen", ....(zit. n. Monopol/dpa 4.12.2021)

Nun ja, über derartige Beurteilungen lässt sich gewiss streiten. Keine Frage, schaut man sich die Werke an, dann ist gewiss kein Nichtskönner am Werk gewesen, sondern ein Künstler, der durchaus Gespür für eine eigene Bildsprache besitzt und eher ungewöhnliche Bildformate entwickelt hat. Man denke bei Letzteren auch an die Formate, die an ausgebreitete Hemden mit Kurzarm erinnern, dank der gläsernen Rahmung an der Oberkante der Formate. Sie scheinen dabei in gewisser Weise auch formal an Epitaphe anzuknüpfen, oder?

Wilde Farbschläge gibt es ebenso zu sehen wie verlaufende fadenförmige Drippings und Spiralformen, so in „UGoGirl“ von 2014. Vielfach entdeckt man auch die Werkstitel als Inschriften in den Gemälden Stallones. Und noch etwas springt ins Auge: eine stilisierte Uhr, nichts weiter als ein Kreis mit zwei Zeigern, die über die Kreisscheibe hinausragen. Auf schwarzem Grund erscheint eine mit weißer Linie gefasste Figur in „Soloartist“. Ähnlich wie bei Jawlensky scheint die Kontur die Farbfläche zu fassen. Schablonenhaft erscheint das Gesicht, auch in anderen Werken ein wiederkehrendes Bildelement. So entdecken wir es silbrig-farben in „John looking through you“. Ähnlich wie im Informel arbeitete Stallone unter anderem in diesem Werk mit gestischen Farbverläufen in Schwarz, Gelb und Rot. In „Civil Impact“ erscheint erneut symbolisch eine Uhrscheibe. Gibt sie die Zeit vor, zeigt sie uns die Richtung? Ist es wirklich 5 vor 12? Und welche Bedeutung hat dies?

 

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Sylvester Stallone: Hercules O' Clock, 1991, Mixed Media mit Rahmen des Künstlers, 238,2 x 177,7 x 7,5 cm, Courtesy Galerie Gmurzynska/ Artwork: Sylvester Stallone


Zu sehen ist aber auch ein Selbstporträt mit schwarzem Hut. Die Augenhöhlen sind mit naiver Augenzeichnung übermalt. Auch dem Thema „Totentanz“ hat sich Stallone gewidmet, so in dem in schwarzen Farbnuancierungen gehaltenen Werk „Danse macabre“. Zu erahnen ist ein schwarzes tanzendes Schattenwesen mit erhobenem Arm. Das ist dann wahrlich eine ganz eigenwillige Auffassung des Totentanzes ohne Gevatter Tod mit Sense und faltigem Umhang um den skelettierten Körper. Wen hatte Stallone eigentlich vor Augen, als er „Assasins 1988-1989“ malte? Ist es eine Erinnerung an den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1985 unter der Regie von Richard Donner und unter Beteiligung von Antonio Banderas, Julianne Moore und Sylvester Stallone? In der Ausstellung findet man jedenfalls keinen Fingerzeig auf etwaige inhaltliche Bezüge. Im Gemälde ist im Übrigen ein Mann in einem Anzug zu sehen, der eine Pistole in der Hand hält. Filmstill in gemalter Form?

 

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Sylvester Stallone: Untitles (Michael Jackson), 2010, Mischtechnik, Rahmen des Künstlers und Besuchering

In einer weiteren Arbeit beschäftigt sich der Hollywoodstar mit der Frage von Religion, von Christentum vs. Heidentum. Zu sehen ist eine sitzende Figur mit Heiligenschein, die mahnend einen Finger hebt. In der linken Bildhälfte erkennt man ein maskenhaftes Porträt, das ikonografisch ein wenig an die Porträts von Jawlensky erinnert. Surreales präsentiert der Künstler in „Joe Poe“ (1966). Am rechten oberen Bildrand tanzt ein gehörnter Gevatter Tod. Zu sehen ist aber auch ein Bergkegel mit tanzenden Flammen. Am unteren linken Bildrand steht ein knorriger Baum, aus dem anstatt eines Astes eine Hand herausragt. Und da ist ja wohl auch das Porträt des weißhaarigen Joe Poe zu sehen, vor dem ein aufgeschlagenes grün-eingebundes Buch liegt. Doch wer ist der Mann mit der Afrofrisur? Wer also ist Joe Poe?

 

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Sylvester Stallone: Finding Rocky, 1975, Mixed Media mit Rahmen des Künstlers, 92 x 82 x 6,5 cm, Courtesy Galerie Gmurzynska/ Artwork: Sylvester Stallone

Der Welt des Surrealismus ist auch die Arbeit „Death of a friend“ zuzuordnen. Eine skulptiert erscheinende Figur mit ausgeschnittenem Herzen ist zu sehen. Sie legt ein Herz in einer flachen Schale auf eine feuerrote Fläche. Ist „Jimy“ etwa dem mit 27 Jahren viel zu früh verstorbenen Gitarristen Hendrix gewidmet? Nein, das kann nicht sein, da der Vorname des Musikers Jimi lautet. Wer also ist der ominöse Jimy? Übersät ist die Arbeit mit Inschriften, Grafittis der eigenen Art. So lesen wir unter anderem „Don't open your heart before your damn eyes, fool“ und „Inferno 1957“. Einem anderen Musiker hat Stallone tatsächlich ein Gemälde gewidmet, dem femininen Musiker Michael Jackson, der sich als Afroamerikaner zahlreichen Schönheitsoperationen und Hautbleichungen unterzog. Dies findet sich auch in dem Porträt wieder, das Stallone uns vorstellt. Übrigens, sieht man hinter Jackson, der Blumen im Haar trägt und dessen Oberkörper entblösst ist, einen Schatten. Was hat das wohl zu bedeuten? Das zweite Ich des ehemaligen Mitglieds der Jackson 5?

 

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Sylvester Stallone: Wild Horses, 2018, Courtesy Galerie Gmurzynska/ Artwork: Sylvester Stallone

An die berühmte Filmfigur Tarzan erinnert ein anderes Gemälde mit dem Titel „Jungle Fever“ (2014). Schließlich sei noch auf das gestische Gemälde „Sex“ verwiesen. Nein, im Gegensatz zu dem Pop-Art-Künstler Jeff Koons hat Stallone keine Sexszene auf die Leinwand gebannt. Stattdessen verlaufen reliefiert erscheinende rote Farbschlieren über den Malgrund.

Es ist schon beeindruckend, welche Ikonografie uns Stallone präsentiert und welchen wuchtigen Farbgestus er in seiner Malerei gebündelt hat. Würde man die Arbeiten neben die von Penck, Immendorf oder den Jungen Wilden ausstellen, man müsste sich vor der hohen Qualität von Stallones Arbeiten verneigen und ihn auf eine Stufe mit den Benannten stellen, oder?

© ferdinand dupuis-panther


Information
http://www.von-der-heydt-museum.de/

 


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