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Ausstellungsorte in Hamburg: Museum für Hamburgische Geschichte / Museum der Arbeit / Kunsthalle / Ernst-Barlach-Haus

Hamburg
Ernst-Barlach-Haus

VON DIX BIS PICASSO - Die Sammlung Ernst-Joachim Sorst
bis 30.1.2022

Figur, Porträt, Landschaft: Das thematische Spektrum der Sammlung Sorst ist rasch umrissen. Doch jenseits der Pauschalbegriffe eröffnen die sechzig Werke, die der Hannoveraner Unternehmer Ernst-Joachim Sorst (1931–2012) zusammentrug, ein Kaleidoskop druckgrafischer Stile, Motive und Techniken in der Kunst der 1910er bis 1960er Jahre. Die Natursehnsucht der Brücke-Expressionisten Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff trifft auf Biblisches und Erotisches der französischen Modernen Marc Chagall und Pablo Picasso, und Bildsatiren der Neuen Sachlichkeit von Otto Dix, Rudolf Schlichter oder Jeanne Mammen begegnen den farbstarken Abstraktionen von HAP Grieshaber.

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/ HAP Grieshaber: Katze und Vogel, 1960; Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Werner Herling

Im Gegensatz zu anderen Häusern zeigt das Barlach-Haus auch immer die wesentlichen bildhauerischen Arbeiten von Ernst Barlach. Dies ist auch aktuell der Fall. Zudem sind unter den grafischen Arbeiten, die zu sehen sind, auch solche, die die Handschrift Barlachs tragen. Die Themen der grafischen Arbeiten sind weit gefächert. Erotisches ist ebenso zu sehen wie Arbeiten zu Krieg und Verzweiflung, Ansichten vom Bordell, aber auch Akte und Porträts. Horst Janssen verdanken wir beispielsweise einen liegenden Akt, über den sich eine riesige Katze beugt. Die Liegende hat ihre Arme erhoben, so als wolle sie den Stubenkater packen und zur Seiten werfen. Beinahe ins Naive abgleitend sind Radierungen von Pablo Picasso, die wir sehen und aus dem Zyklus „La Celestina“ stammen. Eine ganz eigene Art biblischer Themengestaltung sehen wir in „Adam und Eva“ von Ernst Barlach: Derweil sich die Schlange, um den Baum der Versuchung windet und sich Eva davon abwendet, sitzt der rundliche, beinahe Bacchus gleichende Adam daneben auf dem Boden und scheint ein Nickerchen machen zu wollen. Sein Mund ist weit geöffnet, während er gähnt. Noch genießt er wohl paradiesische Stunden.

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Otto Dix: Verächter des Todes (aus der Mappe »Zirkus«), 1922 Radierung und Kaltnadel auf Kupferdruckpapier Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Vor einer durchaus füllig zu nennenden, grobschlächtig gezeichneten Sitzenden steht ein Mann mit erigiertem Penis, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und wartend. Nur worauf wartet der Mann in Picassos „Frau und Mann“? Auf den Vollzug des sexuellen Aktes? Auf weibliche Avancen? Die zudem gezeigte Arbeit „Verführung“ ist im Übrigen Teil der sehr bekannten Suite Vollard. Ein Mann beugt sich über die Nackte, die schläft und lupft die Decke, mit der sich die Schlafende teilweise eingehüllt hat. Beinahe in eine Karikatur gleitet die Darstellung der „Gewinnerin“ von Ernst Barlach ab: In dieser Kohlezeichnung stürmt die Gattin erzürnt aus dem Zimmer und lässt ihren Gatten zurück, der wie ein begossener Pudel dreinschaut. Welches Ehedrama hat sich da zuvor abgespielt?

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Marc Chagall: Eva wird von Gott verdammt (aus »Illustrationen für die Bibel II«), 1960 Farblithografie, mit Tusche überarbeitet Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Der Beziehung Mann-Frau nimmt sich auch A. Paul Weber in der Arbeit „Der Eheschach“ an. Ängstlich schaut der am Boden Liegende seine Gattin an. Um ihn herum sind Schachfiguren auf dem Boden verteilt. Das Schachbrett ist außerdem auf dem Boden zu sehen. Gebrochen scheint der Mann, während die Frau sich als Furie gibt. Und was war der Anlass dazu? Als eine Verneigung vor seinem Künstlerkollegen Reinhard Drenkhahn kann man die grafische Arbeit von Horst Janssen verstehen, die den Titel „Dies ist Reini Drenkhahn“ trägt, entstanden 1958: Eine Nonne schiebt den besagten Reini Drenkhahn durch den Flur, beobachtet durch einen Kaplan, der durch ein Fenster hineinschaut. Und wo ist diese Szene angesiedelt? In einem Krankenhaus? Einer Anstalt?

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Otto Dix: Contessa, 1962 Farblithografie Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Mit Rudolf Schlichter besuchen wir beim Ausstellungsrundgang ein Bordell. Mit angewinkelten Beinen sitzt die mit Negligee und Schnürstiefeln bekleidete Hure vor dem Freier, dem sie ins Gemächt greift. Dieser zeigt sich nicht lüstern, sondern eher desinteressiert. Sind sich die beiden noch nicht handelseinig geworden? Bleibt es beim Vorspiel? Das mag der Betrachter für sich entscheiden und die Geschichte zu Ende spinnen, die Schlichter nur szenisch angedeutet hat. Auf der Bühne eines Cabarets tanzen zwei Barbusige, beäugt von zwei stiernackigen, glatzköpfigen Herren. Auch eine gestreng scheinende Dame mit Potthut ist Teil des voyeuristischen Publikums. Urheberin dieser Arbeit ist Jeanne Mammen, eine Künstlerin, die als Chronistin der 1920er Jahre das Nachtleben von Berlin festgehalten hat und eher zu den vergessenen Künstlerinnen gehört.

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Gerhard Marcks: Laufende Strauße, 1956 Holzschnitt Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Rot und ausladend ist der Federkopfschmuck der „Contessa“, ein Werk von Otto Dix. Neben dem Kopfputz fallen die blau gefärbten Haare der adligen Dame ins Auge. Auch Oskar Kokoschka ist in der luftig gehängten Ausstellung mit einem Porträt vertreten. Zu sehen ist die Theater- und Kinoschauspielerin russisch-jüdischer Herkunft namens Maria Orska. Unter anderem begeisterte diese Schauspielerin, die tablettenabhängig war, das Berliner Publikum in der Rolle der Lulu in einem Theaterstück von Frank Wedekind. Doch welche Beziehung hatte Kokoschka, der durchaus den Ruf eines „Frauenhelden“ hatte, zu dieser Dame?

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Pablo Picasso: Homme dévoilant une femme (aus der »Suite Vollard«), 1931 Kaltnadelradierung Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Horst Janssen hat hingegen mit einer gewissen Anlehnung an eine Karikatur die Schriftsteller Franz Kafka und Honoré Balzac zeichnerisch für die Nachwelt erhalten. Auch der aus Hamburg stammende, aber nach Norwegen ausgewanderte und dort auch als Künstler gefeierte Rolf Nesch ist mit einer Arbeit in der sehenswerten Ausstellung vertreten. Er porträtierte einen Jungen mit schwarzen Haaren im Matrosenanzug. Auffallend ist der starre, in die Ferne gerichtete Blick des Knaben. Befremdlich wirkt Erich Heckels Werk „Geschwister“ (1913). Zu sehen sind zwei Erwachsene, der eine in Weiß und der andere in Schwarz gekleidet und Letzterer kleiner als der in Weiß Gekleidete. Dabei sind es zwei Brüder, die sich innig umarmen. Die Darstellung ähnelt fast einer klassischen Pietà.

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Rolf Nesch: Junge im Matrosenanzug, 1929 Kaltnadelradierung mit tonaler Intagliotechnik und Blindprägung Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Südliches Flair mag nicht so recht aufkommen, blickt man auf den Lago Maggiore, wie ihn Karl Schmidt-Rottluff in einem Holzschnitt präsentiert. Bedrohlich ragen die Berge über dem See auf, in Schwarz getaucht. Zu sehen ist vom gleichen Brücke-Künstler außerdem eine Dorfansicht umgeben von hohen Bergen. Die Häuser kleben gleichsam an den Bergflanken und kesseln die Kirche in der Dorfmitte ein. Skulptiert erscheint die Berglandschaft mit Serpentine, die ebenfalls von Schmidt-Rottluff stammt. Beim Anblick der prismatisch und kristallin geformten Bergwelt muss man an entsprechende Arbeiten von Lyonel Feininger denken. Sehr üppig in den Formen hat Schmidt-Rottluff seine „Frau mit aufgelösten Haaren“ angelegt.

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Otto Dix: Römerin, 1963 Farblithografie Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Im Gang zwischen den Ausstellungsräumen finden sich unter anderem Arbeiten von Gerhard Marcks, wie Ernst Barlach auch Bildhauer. In der Zeichnung „Zebras und Löwe“ entkommen drei Zebras im fliegenden Galopp dem tödlichen Biss des Löwen, der allerdings ein viertes Zebra am Hals gepackt hat. Da scheint es kein Entrinnen zu geben, und den Todeskampf muss sich der Betrachter dazu denken. Zu sehen sind aber auch Strauße beim Äsen. Im Hintergrund sind zudem Bäume mit „Laubrasterungen“ zu sehen.

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Gerhard Marcks: Junges Paar, 1967 Bronze Sammlung Ernst-Joachim Sorst, Hannover © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Foto: Werner Herling

Eine der wenigen Farblithografien in der Ausstellung stammt von HAP Grieshaber, der uns eine Katze zeigt, die einen Vogel gefangen hat. Vom gleichen Künstler stammen auch Arbeiten zur Orffschen Oper „Carmina Burana“. Nicht nur die bildhauerische Arbeit des Moses mit Gesetzestafel ist aktuell im Barlach-Haus zu sehen, sondern auch ein Holzschnitt Barlachs mit dem Thema „Moses auf dem Berg Sinai“ . Eine weitere biblische Thematik ist zudem bei Otto Dix zu entdecken, der sich des Kindermordes von Bethlehem angenommen hat

Hervorzuheben ist der Dialog zwischen Grafik und Skulptur im Kontext von Marcks’ Arbeit „Junges Paar“, einer Lithografie, die neben den kleinfigürlichen Arbeiten „Stehendes Mädchen“ und „Junges Paar“ zu sehen ist. Nachfolgend trifft Barlachs Grafik „Empörung“ auf Marcks’ „Der Fluch“. Hinzuweisen ist abschließend auf das Thema Krieg und Tod, dem sich nicht nur Marcks mit „Rustem“, sondern auch Barlach mit „Kniende Frau mit sterbendem Kind“ angenommen hat.

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.barlach-haus.de/

 

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