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Ausstellungsorte in Hamburg: Museum für Hamburgische Geschichte / Museum der Arbeit / Kunsthalle / Ernst-Barlach-Haus / MARKK

Hamburg
Ernst-Barlach-Haus

MARY WARBURG »Auf Augenblicke frei und glücklich«
Pastelle, Zeichnungen, Plastiken
bis 12. Juni 2022

Die Hamburgerin Mary Warburg, geb. Hertz (1866–1934), gehört bis heute zu den weitgehend unbekannten Künstlerinnen der Moderne. Bereits zu Lebzeiten stand sie im Schatten ihres Ehemanns, des Kunsthistorikers Aby Warburg (1866–1929), der durch seine Kulturwissenschaftliche Bibliothek und den epochalen Bilderatlas Mnemosyne Berühmtheit erlangte.Nun würdigt das Ernst Barlach Haus Mary Warburg mit einer Werkschau, die rund 50 Arbeiten aus fast ebenso vielen Jahren versammelt – Jahre, in denen sich Warburgs künstlerische Ambitionen immer wieder gegen gesellschaftliche Konventionen und familiäre Verpflichtungen behaupten mussten. Dabei teilt Mary Warburg das Schicksal anderer Künstlerinnen wie Marianne von Werefkin, Paula Modersohn-Becker, Elfriede Lohse-Wächtler oder Charlotte Corinth, die gleichfalls im Schatten ihrer Männer standen, aber doch ein wesentlich beeindruckenderes Werk hinterlassen haben als Mary Warburg. Und noch etwas fällt auf: In der Monografie, die aus Anlass der Ausstellung erschienen ist, sind mehr Werke verzeichnet, als aktuell gezeigt werden.

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Mary Warburg: Lesende junge Frau am Waldrand, um 1902, Pastell, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Foto: Andrea Völker

Würde man sich mit dem Werk von Mary Warburg befassen, hätte sie nicht Aby Warburg geehelicht? Diese Frage darf erlaubt sein, auch die Frage, ob das Anschauen ihrer Bilder glücklich macht. 1894 formulierte die Künstlerin: „Ich möchte mal ein solches Bild malen, das jeden, der es ansieht, auf Augenblicke frei und glücklich macht.“ Angesichts dessen was man in der Schau zu sehen bekommt, muss man daran zweifeln. Es sind keine expressiven sonnendurchfluteten italienischen Ansichten oder solche von der Elbe. Auch die Cornwall-Impression ist durch einen grauen, wolkenschweren Himmel belastet. Noch am ehesten erreicht Warburg wohl ihren Anspruch mit dem Gemälde von zwei Kindern die auf einem baumbestandenen Wall hocken. Da scheint der Sommer gegenwärtig, die pausbäckigen Kinder glücklich im Hier und Jetzt. Na ja, wenn das das Bild ist, was Warburg mit dem oben genannten Zitat meinte, dann hat sie ihren Anspruch erfüllt, oder?

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Mary Warburg: Junge Frau unter einem Baum, 1899, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Foto: Andrea Völker

Mary Warburg unterlag schon früh gesellschaftlichen Zwängen als Senatorentochter, die statt der an Parkinson erkrankten Mutter repräsentieren musste. Als Mutter von drei Kindern aus der Ehe mit Aby Warburg musste sie sich um die Familie kümmern. Zudem belastete sie die Sorge um den psychisch erkrankten Ehemann. So sah sie sich eingezwängt hinter Gittern, wie sie es formulierte: „Unsereiner, der ihr Pflichtenweg zwischen zwei Gittern so genau vorgezeichnet ist, würden einige Seitensprünge auf die schönen grünen Wiesen rechts und links schwer bekommen. So äußerte sie sich 1896. Avantgardistisches Neuland war ihr auch als Künstlerin fremd, ganz im Gegensatz zu Käthe Kollwitz und Anita Rée, mit denen sie bekannt war.

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Mary Warburg: Ewer am Elbstrand, 1886, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett Foto: Andrea Völker

Nicht nur Arbeiten in Bleistift und Aquarell sind ausgestellt, sondern auch in Pastell und Gouachen sowie reine Bleistiftzeichnungen. Neben Einzelblättern zeigt man obendrein Skizzenbücher, so auch solche, die in Bildtagebüchern von Reisen nach England, in die Schweiz und Südtirol erzählen. Doch auch die Elbe vor Altona und eine Impression des ligurischen Porte Venere – Teil einer Italienreise, die sie 1888 mit ihrem Vater unternahm – sind in der Ausstellung zu sehen.

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Mary Warburg: Gartenseite des Warburgschen Wohnhauses Heilwigstraße 114, 1922, John und Kay Prag

Das oben bereits erwähnte „Porträt“ von einem Geschwisterpaar erscheint flüchtig und skizzenhaft. Lichtdurchflutet ist die 1893 entstandene Szenerie. Eher an Studien und Skizzen erinnern die Bleistiftzeichnungen von Marietta Warburg. Neben der liegenden und sitzenden Marietta sind auf dem Blatt auch zwei Kopfstudien vorhanden. In einem weiteren Blatt sieht man zu den Bildnissen von Marietta auch das Kindermädchen Lucia, das dem Kind die Flasche gibt. Schaut man ins Gesicht des Kindermädchens, so erkennt man eine mürrisch dreinblickende Frau mit Null-Empathie.

Dass Mary Warburg auch plastische Werke schuf unterstreicht die Handstudie und die Figurine eines knienden, lesende Mädchens sowie eine Kopfbüste. Irgendwie lassen sich diese Arbeiten nicht so recht in den Werkskanon einordnen. Sind es Frühwerke, Studien und Vorarbeiten oder eigenständige Arbeiten?

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Mary Warburg: Gartenseite des Warburgschen Wohnhauses Heilwigstraße 114, 1922, John und Kay Prag

Im sogenannten großen Ausstellungssaal finden sich die „Reiseskizzen“ der Künstlerin. Düster steigen die Felsklippen von Cornwall aus dem Meer und recken sich dem grauen Himmel entgegen. Vor den Klippen kreisen Seevögel und nutzen die Thermik. Zwei Wasserfälle in einer anderen Arbeit stürtzen sich in die Tiefe. Sie gleichen einem weißen Tüllvorhang in der Landschaft, die von der Künstlerin nicht näher bezeichnet wurde. Wolkenverhangen ist auch die Bergwelt der Dolomiten, die Mary Warburg für die Nachwelt festgehalten hat. Dabei hat man den Eindruck, die Künstlerin stand inmitten der Bergkette, als sie malte. Auffallend sind die tief liegenden Wolken, aus denen die Gipfel emporragen. Insgesamt ist das Werk in bläulich-graue Nuancen getaucht.

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Mary Warburg: Auf der Wiese in Goßlers Park, Hamburg-Hoheluft, 1894, Privatbesitz, Hamburg Foto: Andrea Völker

Porto Venere scheint ein beschaulicher Fischerort, der sich an die felsige Küstenlandschaft klammert. Aus der Häusersilhouette ragt der Kuppelbau einer Kirche empor. Die Boote sind alle in einem kleinen Hafen vertaut worden. Warburgs Elbblick zeigt uns einen Ewer und zahlreiche Segler auf der Elbe. Einige Beiboote dümpeln im Flachwasser oder wurden an Land gezogen. Entstanden ist eine andere Elbe-Ansicht um 1895. Dabei handelt es sich um die Elbe bei Altona. Im Vordergrund dampft gerade ein Dampfboot vorbei. In der Ferne kann man die Großmaster ausmachen, die im Hafen festgemacht haben, ehe sie auf große Fahrt gehen. Auch das Abendlicht in der Heide hielt die Künstlerin skizzenhaft für die Nachwelt fest. Aufgeschlagene Skizzenbücher werden dem Besucher außerdem präsentiert. Darunter ist auch das grotesk wirkende Blatt mit einem Skelett als Dornenauszieher.

Durchaus Sinn für Naturalismus und Impressionismus, vor allem für Licht-Schatten-Insznierungen, bewies Warburg in „Kiefern am Hang“ und „Wald auf dem Kösterberg“. Doch bei all dem fehlt die Brillanz von Leistikows Ansichten der Grunewaldseen oder Corinths Impressionen vom Walchensee, oder?

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Mary Warburg: Wald auf dem Kösterberg, 1898, Erica Warburg

Leicht irritiert ist man, entdeckt man unter all den Arbeiten Warburgs eine Arbeit von Barlach, die eine sich bückende Frau in langem Kleid zeigt. Wo liegen die Verbindungslinien zu Warburg?, fragt man sich. Vielleicht ikonografisch zu dem Warburgschen Porträt der Frau in einem bodenlangen blauen Kleid, die sich im Spiegel betrachtet? Hinter dem Rücken der Porträtierten sieht man einen skulptierten Akt. Technisch versiert schuf Warburg außerdem einen Halbakt in Kohle. Doch war das wirklich ihre Welt? Es scheint eher., dass das Triptychon mit Aby Warburg am Schreibtisch, Mary und Aby Warburg im Wohnzimmer sowie das Ess- und Empfangszimmer der Warburg Mary Warburgs Lebenswelt widerspiegelt.

Der präsentierte Werksausschnitt scheint wenig überzeugend. Es fehlt vor allem die kunsthistorische Einbettung, schließlich malte Warburg zu einer Zeit, als die Freilichtmalerei en vogue war, vor allem auch die französischen Impressionisten und die Haager Schule, die es verstand das Licht des Nordens in ihren Werken zu bündeln. Eine solche prägnante Handschrift ist bei Mary Warburg m. E. nicht vorhanden.

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.barlach-haus.de/

 

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