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Ausstellungsorte in Hamburg: Museum für Hamburgische Geschichte/ Museum der Arbeit / Kunsthalle / Barlach-Haus

Hamburg
Kunsthalle


TOYEN
bis 13.2. 2022

TOYEN ist einzigartig unter den starken Frauen, die im Herzen des Surrealismus arbeiteten. Sie wirkte hier als Pionierin und ist zudem die bedeutendste tschechische Künstlerin des 20. Jahrhunderts. Marie Čermínová (1902-1980) wählte früh ihr vom französischen »Citoyen« (Bürger*in) abgeleitetes Pseudonym und kündigte als lebenslange Grenzgängerin nicht nur Geschlechter-Zuordnungen auf. André Breton feierte die Surrealistin für ihr bewegendes malerisches und zeichnerisches Werk, das sie zwischen der »magischen Hauptstadt Europas« Prag und dem Exil in Paris unbeirrbar entwickelte.

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Die neue Welt der Liebenden, 1968, Öl und Collage auf Papier, 60 × 92 cm Privatsammlung, Paris © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Katrin Backes, Sylvain Tanquerel

Dalí, Magritte, Breton, Tanguy, Ernst … - das sind Namen von Künstlern, die mit dem Surrealismus in Verbindung zu bringen sind. Brennende Giraffen, Blattwälder, skulptierte Mondlandschaften, eine Pfeife, die keine Pfeife ist, kennt man als surreale Motive der oben Genannten. Doch wer ist Toyen? Hinter diesem Pseudonym, das sich von dem französischen Begriff für Bürger ableitet, verbirgt sich die aus Prag stammende und nach Paris übergesiedelte Marie Čermínová, die zu den Gründungsmitgliedern der surrealistischen Bewegung in ihrer Heimat zählte und sozusagen eine Exotin in der von Männern dominierten Kunstwelt des 20. Jahrhunderts war. Gewiss, in den 1980er Jahren wurde ein Teil ihres Werks in einer Gruppenausstellung in Deutschland gezeigt, doch eine monografische Ausstellung gab es bisher nicht.

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Porträt der Künstlerin Toyen (Marie Čermínová / 1902–1980), um 1919 Fotograf*in unbekannt Privatsammlung, Paris Repro-Foto: © Christoph Irrgang

Nunmehr sind rund 300 Exponate aus allen Schaffensphasen zusammengetragen worden, um das Lebenswerk dieser vergessenen Künstlerin zu würdigen: 100 Gemälde, 180 Zeichnungen, Collagen, Illustrationen, Druckgraphiken sowie illustrierte Bücher und Objekte, zudem eine Vielzahl von ebenfalls bislang unbekannten Dokumenten (u.a. Gemeinschaftswerke und Fotografien) geben tiefe Einblicke in Toyens außergewöhnliches Werk und Leben. Anhand dieser vielzähligen Medien werden auch ihre Grenzen verschiebenden Kombinationen von Ausdrucksmitteln deutlich, von Malerei und Collage, Poesie und Illustration. Es sei vorab gleich angemerkt, dass die Fülle der Exponate eine Herausforderung für den Besucher ist und daher selektives Sehen unbedingt angeraten wird.

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Toyen (1902–1980) Collage für / for Annie Le Brun's Buch / Book »Sur le champ / Auf der Stelle«, 1967 295 × 210 mm Privatsammlung, Paris © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Katrin Backes, Sylvain Tanquerel

Die Ausstellung ist chronologisch konzipiert, beginnend bei dem Frühwerk, das noch Züge der naiven Malerei eines Henri Rosseau aufweist, bis hin zu den Arbeiten aus den 1960 und 1970er Jahren. Trotz dieser „Zeitschiene“ ist es jedem Besucher freilich selbst überlassen ob er sich im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn durch die Ausstellung bewegt. Ist es nicht auch spannend, mit dem Spätwerk zu beginnen und es mit dem Frühwerk am Ende zu konfrontieren? Ohne Frage, das Lebenswerk der Künstlerin, die sechs Jahrzehnte ununterbrochen tätig war, ist sehr beeindruckend, zumal man in der aktuellen Ausstellung auch die Entwicklungsphasen dechiffrieren kann. Toyen fand, das ist anzufügen, ihre eigene Bildsprache des Surrealen. Nie hat man den Eindruck, sie habe sich an die Surrealisten ihrer Zeit kopierend angelehnt. Man kann dabei ihre Arbeiten unter der Begrifflichkeit „Poesie und Revolte“ subsumieren, oder?

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Toyen (1902−1980) Magnetová žena / Magnetische Frau / Magnetic Woman, 1934 Öl auf Leinwand, 100 x 73 cm Sammlung Géraldine Galateau, Paris © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Collection Géraldine Galateau, Paris

Wichtig war für Toyen die Begegnung mit Breton in den 1930er Jahren, aber auch ihr Pariser Exil seit 1947. In den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens geriet ihr Werk jedoch mehr und mehr in Vergessenheit. Neben der chronologischen Präsentation wurden in die aktuelle Ausstellung auch thematische Stränge eingearbeitet, die sich mit Analogien, Erotik, Revolte, Befragung der Wirklichkeit und Imagination befassen. Alle diese Begriffe werfen einen Blick auf das, was phasenweise in Toyens Arbeiten wesentlich war.

Beim Rundgang durch die Ausstellung entdecken wir die Masken, die Toyen für ein Theaterstück konzipierte, ob nun die gelbe Maske mit dem „Scherenblick“ oder eine andere mit Gesichtsschmuck in Form von Farnblättern. Darüber hinaus sehen wir eine lang gestreckte, grünlich schimmernde Katze, die auf einem breiten menschlichen Schatten liegt. Zudem sehen wir in dieser Arbeit auch eine Eule, die gleichfalls auf einem Schatten sitzt und Anstalten macht, auf Beutefang zu gehen, so hat man den Eindruck. „Wunder“ nannte die Künstlerin ihr Gemälde, in dem die Schattenrisse nicht die abgebildeten Tiere zeigen, sondern menschliche Formen. Auch im nächsten Werk bleiben wir in der Tierwelt, sehen eine blaugrünliche Riesenechse, deren Äußeres einem Rautenpanzer gleicht. In ihrem Maul hält sie einen kleinen Polarfuchs fest, den sie wohl verspeisen möchte. Echse und Polarfuchs? Wie geht das denn? Ja, es geht im surrealen Kontext. In diesem rücken die Tropen und die Arktis in ein gemeinsames Bildsujet zusammen.

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Toyen (1902–1980) Mýtus světla / Mythos des Lichts / The Myth of Light, 1946 Öl auf Leinwand, 160 x 75 cm Stockholm, Moderna Museet © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Moderna Museet/Stockholm

Stillleben oder was? Das fragt man sich beim Anblick eines „Fischtellers“ auf dem ein blutiges Messer liegt, derweil am Tellerrand ein bläulicher, noch lebender Fisch zu sehen ist. Wir erblicken nachfolgend eine ganz eigene Art Seestück, ein grünlich-gräuliches Meer, auf dem eine Origamiarbeit schwimmt.

Genauso wie die künstlerischen Arbeiten, die Analogien zwischen Mensch und Natur behandeln und das Rätselhafte zum Gestaltungsprinzip machen, ist auch das, was wir als Wandtextzitate in einzelnen Sälen finden, so auch dieses Zitat von Toyen: „Eine Leinwand …. im Kinosaal des Lebens betrachte ich die Leinwand meines Gehirns. … Ein Koffer …. schwer geworden von meinen nie unternommenen Reisen.“ Doch diese Reisen fanden ja in den Gemälden statt, Fantasieausflüge, Rätselbilder, surreale Welten, Traumwelten. Bisweilen muss man bei dem Anblick von Toyens Gemälden auch an Alpträume denken, so unter anderem, wenn man die scharfen Krallen eines Greifs in einer Felshöhle sieht, die ein Ei umklammern. Worin liegt der tiefere Sinn? Was war der Auslöser, um Derartiges auf die Leinwand zu bannen?

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Toyen (1902−1980) Po představení / Nach der Vorstellung / After the Performance, 1943 Öl auf Leinwand, 110 × 55 cm Südböhmische Galerie, Frauenberg an der Moldau © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Alšova jihočeská galerie, Hluboká nad Vltavou

Nächtliche Stunden mit all ihrer Irrungen und Wirrungen fing Toyen zum Beispiel in einer Arbeit ein, in der ein Fledermauskopf – vielleicht eine blutsaugende Vampirfledermaus – auf einem samt-roten Kissen zu sehen ist. Motten der Nacht sehen wir in einem anderen Gemälde. In diesem trifft ein männlicher Schatten auf eine weibliche Figur mit grünen langen Handschuhen. Diese weibliche Figur geht in einen Leoparden über. Sind da nicht auch Raubkatzenköpfe als Kleiderspangen zu sehen, die zum Gewand der Dame gehören? Und welchen Titel trägt wohl die Arbeit, die eine gewisse knisternde Erotik in sich birgt? „Der Paravent“ ist die schlichte Antwort.

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Toyen (1902−1980) Válka (Polní strašák) / Der Krieg (Die Vogelscheuche) / War (Field Scarecrow), 1945  Öl auf Leinwand, 193 × 110 cm 8smička Stiftungsfonds, Humpoletz © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Nadační fond 8SMIČKA

„Mittag – Mitternacht“ – so wird die Darstellung eines mit Edelsteinen besetzten Pokals bezeichnet. Doch statt exotischer Früchte enthält der Pokal blonde Haarteile. Dass sich Toyen auch auf Collagen verstand, erhellt eine Arbeit, in der man eine Figur ausmachen kann, die aus einem Kühlschrank, einer Waschmaschine mit „Staubsaugerarmen“ und einem Frauenkopf mit Trockenhaube besteht. An den „Hund von Baskerville“ und Nebelschwaden über Moorlandschaften muss man denken, betrachtet man „Nebel der Einsamkeit“. Angedeutet sind in diesem Werk gräulich-weiße Schattenwesen, die teilweise im „Rampenlicht stehen“. Wie ein grobes Gewebe aus Sisal erscheinen die Strukturen in „Morgendliches Haar“, das im Raum schwebt, so wie auch Magrittes Felsbrocken schwerelos im Raum schweben ließ.

Vegetabiles und einen roten Käfer entdeckt man in dem Gemälde „So fern, so alt“. Nichts Figürliches sieht man in „Die Wäscherinnen der Nacht“. Im Gegenteil, rote Felsbrocken scheinen ein Ziffernblatt zu formen und ein spitzes Dreieck den Zeiger. Zwei rote schwimmende Torsos mit einem im seichten Wasser stehenden Vogel im Vordergrund vereint Toyen zu einer Ansicht der Seine. Steingräber am Strand, auf denen aufgeklappte weiße Muschelschalen liegen, wurden bei Toyen zu „Vorfrühling“. 1945 war dann ihr Gemälde „Der Krieg (Vogelscheuche)“ zeitgemäß-aktuell: eine mit einer zerfetzten Uniform bekleidete Vogelscheuche mit bandagiertem Arm und einem Kopf, der einem Bienenschwarm gleicht, wenn er auch Vegetabiles zeigt.

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Toyen (1902−1980) Sen / Traum / Dream, 1937 Öl auf Leinwand, 81 × 99 cm Kunsthalle Prag © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Kunsthalle Praha

Blut rinnt aus den Safes, die in Reih und Glied in einem Tresorraum zu sehen sind. Ungeheuer in Schlangengestalt bahnen sich ihren Weg durch den Raum, der hermetisch abgeschlossen ist. Und was will uns die Künstlerin damit sagen? Zu sehen sind zudem skulptierte Landschaften, die aber nichts mit denen von Tanguy gemeinsam haben. Mit Eis umhüllte Felsblöcke bilden bei Toyen eine nördliche Landschaft. Auch den Comer See hat die tschechische Surrealistin für die Nachwelt auf die Leinwand gebannt. In die Welt von Geometrischem und der modernen Maschinen jenseits von Léger entführt uns das Werk „Der Taucher“. Und auch die Welt des Theaters und der Revue findet sich bei Toyen, so in der Darstellung von drei grazilen Tänzerinnen in durchscheinenden Gewändern.

versteckdichkrieg

Toyen (1902–1980) Schovej se, válko! / Verstecke dich, Krieg! / Hide, War!, 1944 Tusche auf Papier, 39 x 57 cm Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: © Privatsammlung

Fürwahr, das künstlerische Lebenswerk von Toyen ist beeindruckend, vor allem in der Vielfalt der Sujets und dem unterschiedlichen Duktus, mal naiv, mal expressiv, mal auch ein wenig DADA-Collage. Unabhängig von der aktuellen Gender-Debatte war eine derartige Ausstellung überfällig, um eine der vergessenen Künstlerinnen ins Spotlight zu rücken.

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.hamburger-kunsthalle.de

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