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Hamburg
MARKK


Benin. Geraubte Geschichte voraussichtlich bis Ende 2022

Die koloniale Besetzung des Königreichs Benin durch britische Truppen im Februar 1897 markierte das Ende eines der mächtigsten westafrikanischen Königreiche. Eine der Folgen war die weltweite Verstreuung von tausenden Kunstwerken aus Bronze, Elfenbein und Holz, die aus dem königlichen Palast geraubt wurden. In Anbetracht ihrer geplanten Restitution ist die Benin-Sammlung des MARKK nun in ihrer Gesamtheit mit mehr als 170 Artefakten in einer Ausstellung zu sehen. Die Schau vermittelt neben Informationen zum britischen Kolonialkrieg und zur aktuellen Restitutionsdebatte verschiedene Perspektiven auf die ursprüngliche Bedeutung der Objekte, ihre herausragende künstlerische Qualität und ihren Stellenwert in der afrikanischen Kunst- und Kulturgeschichte. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Provenienz der Sammlung und ihre Verflechtungsgeschichte mit den Hamburger Handelsnetzwerken gelegt. Neben der vollständigen Sammlung wird der Besucher auch mit audiovisuellen Medien zu bestimmten Themen wie „Zur Kunst“ eingeführt, die die Ausstellung strukturieren.

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Gedenkkopf eines Königs uhunmwun elao Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria, 19. Jh. Gelbguss, H 47,5 cm, D 32 cm Ankauf von J. F. Blech, 1898, MARKK C 2340 © MARKK

Über mehrere Monate ist die Ausstellung zu sehen. Dabei ist in der Tat auch eine Debatte zu führen, ob die Artefakte nach ihrer Rückführung nach Nigeria den konservatorischen Schutz erfahren, wie dies ihnen hier zuteil wurde. Angesichts der Konflikte im Westen Afrikas und in der sogenannten Sahel-Zone ist zu fragen, ob Kulturgüter dort eigentlich geschützt sind oder nicht vielmehr auch in Gefahr sind, beschädigt oder gar unwiederbringlich zerstört zu werden. Boko Haram und andere fundamentalistische Gruppierungen, die staatliche Autoritäten in Frage stellen und im Namen Allahs für Terror stehen, sind ja nicht gerade als Bewahrer jahrhundertealter Kultur bekannt. Es sei nur der Vandalismus und die Zerstörung erwähnt, die Dschihadisten im altehrwürdigen Weltkulturerbe Timbuktu angerichtet haben. Und auch ein Blick auf die Zerstörungen der riesigen aus dem Fels gehauenen Buddhafiguren in Afghanistan macht deutlich, welch Geistes Kind sogenannte Gotteskrieger sind.

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Kopf und Körperteil einer Schlangenskulptur Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria, 17./18. Jh. Gelbguss, Kopf: L 107 cm, B 40 cm, H 20 cm; Körperteil: B 22 cm, H 16 cm, T 50 cm Ankauf von Fritz Stahl, 1903, und Oskar Kaiser, 1904, MARKK C 3827, MARKK C 3951 © MARKK

Nun gut, man hat sich hierzulande für Rückgabe der Kulturgüter entschieden. Und das betrifft nicht nur die Benin-Sammlung aus Hamburg. Die Benin-Werke gelten als der Höhepunkt afrikanischer Kunst, wenn auch in der aktuellen Ausstellung eingeräumt wird, dass es in Edo keinen wirklichen Begriff von Kunst und Künstlern gibt, sondern der Begriff Kunst dem Begriff schön gleicht. Wovon ist daher zu sprechen, wenn man die aus dem kulturellen Kontext genommenen Objekte betrachtet? Von Kunsthandwerk, von Kultgegenständen, von Kunst, von Artefakten? Wie man beim Rundgang erfährt, sind einige Ausstellungsgegenstände in ihrer Bedeutung auch den heutigen Nachfahren derer, die im Königreich Benin gelebt haben, nicht bekannt.

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Gedenkkopf eines Chiefs Königreich Benin, Nigeria, 19. Jh. Holz mit Messingbeschlag: H 57,5 cm; B 30 cm; T 27 cm Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1899 MARKK C2432 © MARKK

Noch etwas scheint an dieser Stelle angezeigt. Wenn von Benin die Rede ist, ist von einem Teil Nigerias die Rede und nicht von dem selbstständigen afrikanischen Staat Benin, einst Teil des Königreichs Dahomey, dessen erhaltener Königspalast zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Benin und Benin-City, wohin die rückübertragenen Kulturgüter gehen werden, sind also nicht identisch mit dem bezeichneten Königreich Dahomey, sondern Teil der Bundesrepublik Nigeria.

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Holzschachtel in Form eines Welses Königreich Benin, Nigeria, 19. Jh. Holz: B 34 cm; H 7 cm; T 29 cm Ankauf von W. D. Webster, 1900, MARKK C2876 © MARKK

Übrigens, die in Europa vorhandenen 3000 bis 5000 Werke stammen vorwiegend aus einem Raubzug britischer Kolonialtruppen im Jahr 1897. Unter diesen sind 1200, die sich in den Sammlungen deutscher Museen befinden. Angesichts dieser Geschichte ist es naheliegend, dass die Ausstellung genau mit diesem Kapitel, dem Gemetzel britischer Kolonialtruppen, dem Raub von Kulturgütern und der Gefangennahme des Oberhauptes des Reiches Benin, Oba Ovonramven, beginnt. Seine Herrschaft dauert von 1888 bis 1897. In einem ersten Schwarz-Weiß-Foto sieht man die kolonialen Eroberer vor ihrer Beute, vor Elefantenzähnen aus Elfenbein und allerlei Kunstgegenständen, die sie stolz präsentieren. Abgelichtet wurden die Herren im Versammlungshof des Königspalastes von Benin. Gleich daneben wird der Besucher mit dem ersten Kunstobjekt konfrontiert. Aus zwei nicht zusammengehörigen Teilen wurde eine Schlangenskulptur rekonstruiert, die von einem der Gebäudedächer im Areal des Königspalastes stammt. Diese Riesenschlange mit einer Zahnleiste ähnlich wie die eines Hais oder eines Krokodils, kam 1910 in den Museumsbesitz und symbolisiert die Macht des Oba, wie es im wegen der kleinen Buchstabengröße schwer zu lesenden Begleittext erläutert wird.

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Altarfigur eines Hahns Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria, 17./18. Jh. Gelbguss, H 44 cm, B 44 cm Schenkung Wilhelm Anton Riedemann, 1902, MARKK C 3347 © MARKK

Wie wenig achtsam mit der Raubkunst verfahren wurde und wie wenig Respekt den Werken entgegengebracht wurde, unterstreicht die beschädigte Figur eines Hahns mit feinst ausgearbeitetem Federkleid. Dieser Hahn ist Teil einer Altargruppierung. Anzunehmen ist, dass dieses Objekt dem Kolonialfeldzug von 1897 zum Opfer gefallen ist. Es war ein Rachefeldzug, nachdem einige Kolonialbeamten durch Gefolgsleute des damaligen Herrschers getötet worden waren. Mehrere Zehntausende wurden Opfer des britischen Feldzugs. Die Gefangennahme des regierenden Herrschers jener Tage bedeutete das faktische Ende des Königreichs Benin, heute fast identisch mit Benin-City, auch wenn es noch heute einen Oba (König) von Benin gibt. 1914, so erfahren wir, bestieg der Sohn des Oba Ovonramven den Thron. Wie der Umgang des British Empire mit dem unterworfenen Königreich Benin war, spiegelt sich in einer Reliefplatte wieder, die Oba Akenzua II eingerahmt von zwei Kolonialbeamten zeigt.

Übrigens im Zuge des Imperialismus des 19. Jahrhunderts agierten europäische Mächte stets gleich: Man zwang den Herrschern in verschiedenen Teilen Afrikas einen sogenannten Schutzvertrag auf, so auch im Falle von Benin. Der Vertrag wurde 1892 zwischen Oba Ovonramven und dem britischen Vizekonsul James Phillips unterzeichnet. Festgehalten wurde die Vertragsratifizierung auch in einem Schwarz-Weiß-Foto.

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Ich bin Ogiso, der König vom Himmel Victor Ehikhamenor, 2017 Rosenkranzperlen, Faden auf Spitzentextil Leihgabe des Künstlers Foto: Paul Schimweg © MARKK

Bereits 1897 wurden in Lübeck Benin-Werke vorgestellt und Justus Brinckmann, damals Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, erwarb den Gedenkkopf, der nunmehr in der Ausstellung zu sehen ist. Zu sehen ist obendrein ein Köpfchen auf drei Beinen, vermutlich ein Behältnis für Medizin. Die drei Beine sollen auf den Todesgott Ogiuwu verweisen. Der weitere Kontext dazu wurde leider im Begleittext nicht näher erläutert. Ausgestellt ist auch der Altarstuhl eines Chiefs, der aus einem Holzblock herausgearbeitet wurde und zwei ineinander verschlungene Schlangen zeigt. Der Oba besaß ähnliche Stühle. Die waren allerdings aus Bronze. Dass nicht nur Museumsdirektoren Anteil an dem was man Raubkunst nennt hatten, sondern Ethnografika-Händler wie William D. Webster hebt die Ausstellung auch hervor. Webster ist auf einer Fotografie zu sehen, die ihn mit geschnitzten Elefantenstoßzähnen zeigt. Zwischen 1889 und 1901 war er der führende Händler für Kunstobjekte aus Benin.

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Rückgabe der geraubten Koralleninsignien an Oba Akenzua II. im Jahr 1938 Phil Omodamwen, Benin City, 2021 Messing Ankauf vom Künstler, 2021 Mit Unterstützung der Freunde des MARKK e. V. MARKK 2021.23:1 Foto: Paul Schimweg © MARKK

Durch die Loslösung aus dem kulturellen Kontext sind bestimmte ausgestellte Objekte nur schwer einzuordnen, Das gilt auch für den Osun-Stab mit figürlicher Darstellung. Bisweilen wurde dieser als Fetischstab tituliert. Er stammt von einem Osun-Schrein der Kräuterkundigen und befindet sich im Besitz des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. Welche Bedeutung der Gelbgusskopf mit Dornfortsatz auf dem Kopf hat, bleibt eher rätselhaft. Sehen wir da nicht Narben- Tätowierungen auf der Stirn des Dargestellten, der einen vorgeschobenen Kiefer und eine breite flache Nase besitzt? Er stammt aus dem Mahin-Reich, einem Vasall des Königs von Benin. Einen Küstenstreifen von Mahin hatte sich 1885 ein Hamburger Unternehmen, die Forma G. L. Gaiser, per Schutzvertrag übertragen lassen. Nach sechs Monaten beanspruchte allerdings das British Empire diesen Besitz für sich. Auch das ist eine Kolonialgeschichte mit Hamburger Beteiligung. Übrigens, die Nachkommen aus dem Mahin-Königreich hatten den Kopf noch nie zuvor gesehen und wissen auch nichts über dessen Bedeutung!

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Ausstellungsansicht "Benin. Geraubte Geschichte" im MARKK Foto: Paul Schimweg © MARKK

Zu den geraubten Kunstgütern gehört zudem ein Zeremonialschwert mit breitem Schwertblatt. Ebenso Teil der Ausstellung ist aktuelle Kunst von Victor Ehikhamenor, der aus Rosenkränzen das Bildnis eines Herrschers schuf und dabei auch Bezug auf den eigenen religiösen Hintergrund nimmt. Er verfolgt dabei eine Re-Totemisierung, wie im Begleittext nachzulesen ist und vermittelt visuell die Gedankenwelt der Kolonialisierung..

Zum Thema Alltag und Hierarchie findet man zum Beispiel Fächer und eine Dosen in Gestalt eines Leopardenkopfes. Darüber hinaus sehen wir eine Dose in Gestalt eines sich schlängelnden Welses. Diese dient, so die Überlieferung, der Aufbewahrung von Kolanüssen. 1899 wurde durch das Museum für Kunst und Gewerbe ein Gedenkkopf angekauft, der als Behältnis für natürliche Energie angesehen wurde. Zu sehen ist außerdem ein Trophäenkopf aus Gelbguss, der auf das 16./17. Jh. zu datieren ist. Zum Schluss sei noch auf ein Relief mit einer Schlachtdarstellung hingewiesen, Dieses ist als Dokument einer Schlacht anzusehen und zeigt unter anderem den von einem Pferd gezogenen Attah von Idah, einem weiteren Königreich in Westafrika.

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Reliefplatte: Szene des Idah-Krieges Meister der Schlachten, Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria, 16./17. Jh. Gelbguss, H 55 cm, B 39 cm Übernahme von Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg 2021, MARKK 2021.22:1 Foto: Paul Schimweg © MARKK

Es ist zu begrüßen, dass erstmals die Benin-Werke auch in Bezug auf ihre Herkunft einem breiten Publikum präsentiert werden. Wann die gesamte Sammlung nun nach Benin-City geht, muss abgewartet werden. Was die Sammlung nachhaltig unterstreicht, ist die handwerkliche Brillianz der gezeigten Arbeiten. Deutlich wird aber auch, dass die Werke, vereinzelt in Vitrinen präsentiert, eben nicht den kulturellen Kontext wiedergeben. Dieser ist durch den Raub der Güter weitgehend zerstört. Wenigstens kann man sich aufgrund von zwei Schwarz-Weiß-Fotos ein Bild über zwei Altarschreine machen, die rituelle Bedeutung von einzelnen Objekten erhellt dies jedoch in keiner Weise.

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://markk-hamburg.de

 

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