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Ausstellungsorte in Hamburg: Museum für Hamburgische Geschichte / Museum der Arbeit / Kunsthalle / Ernst-Barlach-Haus

Hamburg
Museum für Hamburgische Geschichte


Wehrmachtstaumel, Feuersturm, Neuanfang ...
- das 20. Jahrhundert in Hamburg
laufend

Der Fotograf Max Halberstadt "...eine künstlerisch begabte Persönlichkeit"
bis 3.1. 2022

Der Fotograf Max Halberstadt "...eine künstlerisch begabte Persönlichkeit"

Max Halberstadt (1882-1940) war in den 1920er Jahren einer der bekanntesten Porträtfotografen Hamburgs. Seine Popularität verdankte sich nicht zuletzt den ikonografischen Aufnahmen seines Schwiegervaters Sigmund Freud, die zu den einschlägigen und bis heute weltweit publizierten Porträts des Vaters der Psychoanalyse avancierten. Das Leben und Werk Max Halberstadts steht beispielhaft für die Zwangslage jüdischer Bürger im Nationalsozialismus, in ihrer Heimat nicht mehr leben zu können und sich nur durch die Emigration der Bedrohung und Verfolgung entziehen zu können. In der Ausstellung werden neben Porträts von Hamburger Künstlern und von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde berührende Kinderfotos, aber auch atmosphärische Einblicke in das Stadtleben Hamburgs der 1920er Jahre gezeigt. Zahlreiche Druckbelege dokumentieren den breiten Kontext, in dem die vielfältigen Aufnahmen von Max Halberstadt Verwendung fanden.

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Max Halberstadt Verladearbeiten am Zollkanal, undatiert,
Sammlung Rosenthal, USA

Unter der Überschrift „Aus den Augen, aus dem Sinn“ werden zahlreiche Druckwerke, auch Ausgaben vom Stern und Spiegel gezeigt, deren Titelblatt und Buchcover das Porträt von Halberstadts Schwiegervater Sigmund Freud zeigen. Doch der Urheber wird verschwiegen und damit auch die Vita dieses Hamburger Fotografen, der ja nicht freiwillig Hamburg verlassen hat. Die Frage stellt sich, ob nunmehr die entsprechenden Verlagshäuser daran denken, die Urheberrechte von Halberstadt und seiner Nachkommen anzuerkennen und entsprechende finanzielle Kompensation zu leisten. Doch in Zeiten des Internets ist eher wohl die Mentalität von Strauchdieben und Wegelagerern angesagt, sodass mit entsprechendem Lizenzerwerb nicht zu rechnen ist. So wird das Lebenswerk nochmals mit Füßen getreten, nachdem es schon von den nationalsozialistischen Machthabern missachtet wurde.

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Max Halberstadt, Werbeblatt des Fotografen, um 1925, Sammlung Weinke

Keine Frage, Halberstadt wurde gleich nach der sogenannten Machtergreifung aus der Reichskunstkammer ausgeschlossen. Doch die Mitgliedschaft war essentiell, um als Fotograf oder bildender Künstler überhaupt tätig sein zu können. Was blieb also? Der Verkauf des Ateliers, der Antrag auf Ausfuhr von Hab und Gut beim Landesfinanzamt. Das gelang im Gegensatz zu nachfolgenden Jahren, in denen Emigration stets Verarmung bedeutete, weil insbesondere die Finanzbehörden sich an der systematischen Ausplünderung jüdischen Besitzes beteiligten, von den Nachbarn der Betroffenen mal abgesehen. Der Historiker Dr. Götz Aly hat sich in einer lesenswerten Publikation mit dieser Form der Enteignung und Bereicherung sehr ausführlich befasst!

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Max Halberstadt, Die Kinder der Familie des Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach, 1934, Foto Privatbesitz

Erinnerungen Dritter an den Fotografen, so von Walter und Moshe Wolff, bringen uns das unbeschwerte Kinderleben dieses fast vergessenen Hamburger Chronisten nahe. In „Das eigene Leben erzählt“ lesen wir: „Max baute kleine Boote aus dem abgefallenen Wachs der Hawdalakerze, die wir in der Badewanne schwimmen ließen …“. Das scheinen Momente einer glücklichen Kindheit gewesen zu sein, fernab dessen, was da nach 1933 drohte. Elektrotechnik zu studieren, war ein Wunsch. Dies blieb ein Wunsch, weil sich das Studium nicht mit der Einhaltung des Sabbath vereinbaren ließ. So wurde Halberstadt Fotograf. Auf dessen Spuren kam man erst 1999, auch durch den Kontakt mit seiner Tochter Eva, die in Johannesburg lebte.

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Max Halberstadt, Gräber auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg-Altona, Denkmalschutzamt Hamburg

Bekannt wurde Halberstadt durch die Porträtaufnahmen seines Schwiegervaters Sigmund Freund. In erster Ehe war der Hamburger Fotograf nämlich mit Sophie Freud verheiratet. Neben den Porträtaufnahmen des bekannten Wiener Psychoanalytikers sehen wir aber auch Familienbilder der Familie des Hamburger Oberrabbiners Carlebach in der Ausstellung. Dass das Erbe Halberstadts, wenn auch dezimiert, überhaupt bis heute bewahrt wurde, ist der zweiten Frau des Fotografen, seiner Tochter Eva und seinen Enkeln zu verdanken, die in England und den USA heimisch geworden sind.

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Max Halberstadt, Blick über die Binnenalster und auf das Hotel Vier Jahreszeiten, undatiert, Sammlung Rosenthal, USA

In der Familie des Fotografen, so ist in der sehenswerten Ausstellung zu erfahren, gab es seit Generationen Schochets, koschere Schlächter und Fleischbeschauer. In eine solche Familie eines koscheren Schlachters wurde Max Halberstadt am 14.5.1882 hineingeboren. Er besuchte in Wandsbek das Realgymnasium und wurde nach dem Abschluss Fotograf. 1907 eröffnete er ein eigenes Atelier und heiratete 1913 Sophie Freud. Aus dieser Verbindungen gingen die Söhne Ernst Wolfgang und Heinz Rudolf hervor. 1923 wurde Tochter Eva geboren, die der Ehe mit Berta Halberstadt entstammt.

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Max Halberstadt, Wurststand auf dem Altonaer Fischmarkt, undatiert, Sammlung Rosenthal, USA

Teilweise als Großaufnahmen sieht man in der Ausstellungen den Jüdischen Friedhof in der Königstraße in Hamburg-Altona, so auch das Grab des Oberrabbiners Raphael Cohn und von Noah Chaim Zwi Berlin. Man sieht den Fotografen aber auch mit Plattenkamera, also als aktiven „Handwerker“. Dass es für die Berufsausübung einer Gewerbeanmeldung bedurfte, ist in der Ausstellung auch zu erfahren, wobei das Dokument als Faksimile in Großformat Teil der Schau ist.

Die Arbeit für jüdische Publikationen machte einen Teil der Erwerbsarbeit des Fotografen aus. So dokumentierte Halberstadt den Erweiterungsbau der Hamburger Neuen Dammtor-Synagoge. Und für das Gemeindeblatt der deutsch-israelitischen Gemeinde zu Hamburg fotografierte er den Chemieunterricht in der Töchterschule in der Karolinenstraße.

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Max Halberstadt, Sigmund Freud, undatiert, Sammlung Weinke

Beim Rundgang begegnen wir Halberstadts Tochter Eva, die er 1928 und 1935 mehrfach porträtiert hat, unter anderem im Schlafanzug sitzend und mit dem über die Schulter gelegten Pullover. Er selbst ist als Schüler auf einer Aufnahme des Wandsbeker Realgymnasiums zu sehen. Auch ein Familienfoto aus dem Jahr 1926, aufgenommen auf dem Balkon des Hauses in der Hansastraße bekommen wir zu Gesicht.

Ein wahrer Schatz sind die Glasnegative mit Venedig- und Hamburg-Aufnahmen, ob nun ein Hamburger Fleet oder die Seufzerbrücke. Zu den einschneidenden Ereignissen im Leben des Hamburger Fotografen mit jüdischen Wurzeln gehörte die Verlobung mit Sophie Freud im Juli 1912. Die entsprechende Anzeige im Hamburgischen Correspondent ist in der Ausstellung großformatig ausgestellt worden.

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Max Halberstadt, Nächtlicher Blick über die Binnenalster, undatiert, Sammlung Rosenthal, USA

Nach dem Tod von Sophie – sie starb jung an der Spanischen Grippe - und der Wiederheirat von Halberstadt schrieb Sigmund Freund an seinen Schwiegersohn folgende Zeilen, die auch in der stark biographisch konzipierten und strukturierten Schau zu finden sind: „Wir haben mit großer Befriedigung gehört, dass Du wieder verheiratet bist, eine Hausfrau und Lebensgefährtin und eine mütterliche Erzieherin für Ernst. Durch zehn Jahre warst Du unser Sohn und zwar ein zärtlicher Sohn, wie wir dir bestätigen …“. Freud unterzeichnete die Zeile vom 3.12.1923 mit „Papa“! Ergänzend zu diesen Zeilen sieht man ein Foto des Brautpaars Max und Berta Halberstadt.

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Max Halberstadt, Innenaufnahmen aus einer Villa in Hamburg-Winterhude, undatiert, Privatbesitz

Berta war es auch, die im April 1935, über Max Halberstadt schrieb: „Am Ende der 20erJahre beschäftigte sich mein Mann neben seiner Fähigkeit als Porträtfotograf mit Reklamefotografie und erzielte auf diesem Gebiet einen namhaften Erfolg.“ Gerade zu berührend ist das Geschenk einer Leica III a aus Anlass der Emigration. In der Kamerabox findet man im Übrigen eine Widmung seiner Freunde und Kollegen, u. a. des im Grindelviertel ansässigen Fotografen Kurt Schallenberg.

Blicken wir uns weiter um, so nimmt uns die Ausstellung in ein inszeniertes Atelier mit, zeigt uns Selbstporträts des Fotografen Halberstadt und lässt uns Passagen aus dem Photofreund lesen, in dem ein unbekannter Autor schrieb: „ Die Atmosphäre von einfacher Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit zieht unwillkürlich den Besucher in seinen Bann …“. So klingt die Zusammenfassung eines Atelierbesuch bei Max Halberstadt im November 1920.

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Max Halberstadt, Blick durch das Hauptportal des Hamburger Rathauses, undatiert, Sammlung Rosenthal, USA

Geht man weiter durch die Ausstellung steht man alsbald vor dem inszenierten Haus Neuer Wall 7, in dem Max Halberstadt residierte und neben einem Spielwarenladen sein Reklameschild und eine Vitrine präsentierte. Der Neue Wall war schon zuvor die Adresse des Halberstadt-Ateliers. Als Halberstadt nach drei Jahren Kriegsdienst wieder nach Hamburg zurückgekehrt war, annoncierte er die Eröffnung eines Ateliers am 11. Dezember 1918. In welchem Ambiente Halberstadt zu arbeiten pflegte, kann man einem Foto entnehmen, dass das biedermeierlich angehauchte Interieur zeigt, „kein Luxus, aber feingebildeter Geschmack“, wie man im Photofreund lesen konnte.

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Max Halberstadt, Auf dem Altonaer Fischmarkt, undatiert, Sammlung Rosenthal, USA

In Überblendungen kann man sich einen Eindruck von den brillanten Fotografien machen, die Halberstadt gelungen sind – und das ohne Photoshop !!! -: Ballindamm und Neuer Jungfernstieg, die fünf Hamburger Hauptkirchen bei Nacht, Hafenansichten und jüdischer Friedhof Königstraße, Segler auf der Außenalster, Luzern und die berühmte Kapellbrücke, Marktszenen am Hamburger Zippelhaus, Werbefotografien für Fischkonserven oder aber auch ein Stillleben mit Trauben und Bananen, Lastkähne auf der Elbe, Venedig-Ansichten mit und ohne Gondeln, Schlepper im Hamburger Hafen, Geflügelhändler und Bananenverkäufer auf dem Fischmarkt in Hamburg.

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Max Halberstadt, An den St.Pauli Landungsbrücken, undatiert, Sammlung Rosenthal, USA

Die ist Teil des Vermächtnisses von Halberstadt, dessen gesicherter Nachlass aus 97 Glasnegativen 160 Fotoabzügen und 27 Rollfilmen besteht. Bei dieser Aufstellung muss man wissen, dass am 1.4.1936 der Verkauf des Ateliers und des Plattenarchivs über die Bühne ging. Dies war die Voraussetzung, Hamburg über Rotterdam, Antwerpen und Dakar verlassen zu können. Johannesburg wurde die neue Heimat. Hier versuchte sich Halberstadt erneut als Fotograf zu etablieren, vor allem als Reklamefotograf Fuß zu fassen. Im November 1938 gelang es ihm sogar, ein eigenes Atelier zu eröffnen. Doch lange erfolgreiche Jahre waren ihm danach nicht vergönnt, da er 1940 verstarb.

Und nun mehr als 80 Jahre später erinnert man sich in der Hansestadt wieder an einen seiner Söhne, spät, sehr spät … Es ist zu hoffen, dass das Erbe dieses Hamburger Chronisten in irgendeiner Form auch Eingang in die Dauerpräsentation des Museums für Hamburgische Geschichte findet.

© ferdinand dupuis-panther

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Wehrmachtstaumel, Feuersturm, Neuanfang ... - das 20. Jahrhundert in Hamburg

Aus dem umfangreichen Kanon der Stadtgeschichte soll an dieser Stelle das 20. Jahrhundert herausgegriffen werden. Dabei spannt sich der Bogen der Geschichte Hamburgs von der Zeit des Ersten Weltkriegs, über die Lebensverhältnisse in der NS-Zeit und dem Flüchtlingselend zum Neuanfang im Mai 1945 sowie zum Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre und zum Millennium.

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Blick in Ausstellung 20. Jahrhundert
Foto Michael Zapf © hamburgmuseum

Beim Besuch der beiden Geschosse, auf denen sich die jüngere und jüngste Geschichte ausbreitet, haben die Besucher die Möglichkeit, verschiedene „Zeitfenster aufzumachen“. Leittexte bieten dabei jeweils eine erste Orientierung zum jeweiligen thematischen Schwerpunkt. Auch kindgerechte Texte in Augenhöhe der jüngeren Besucher sind in der Abteilung 20. Jahrhundert vorhanden.

Arbeitsalltag und Vernichtung
Bereits auf dem Weg ins Untergeschoss, das der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorbehalten ist, wird der Besucher mit Exponaten konfrontiert. Zum einen ist dies das von Charlotte Wilhelmine Niels stammende Gemälde „Auf dem Weg zur Arbeit“ (1911), zum anderen Arie Gorals Erinnerung an Verfolgung und Ausrottung in der Nazi-Zeit: „In Memoriam II Was geschah und niemand sah“ nannte er sein Kunstwerk, das 1966 entstand. Während Niels sich dem Thema Schichtwechsel und Arbeitswelt widmete, wirft Goral einen Blick auf ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte. Stacheldraht umgibt sein Gemälde. Ein Kreuz am linken Rahmenrand führt die Namen der Konzentrationslager auf, in denen nicht nur Menschen mosaischen Glaubens ermordet wurden.

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Foto: fdp

In einem kurzen Textüberblick erfährt der Besucher im eigentlichen Ausstellungsbereich, wesentliche Daten aus Hamburgs Stadtentwicklung des beginnenden 20. Jahrhunderts: 1906 wurde der Hauptbahnhof eröffnet, fünf Jahre danach der Elbtunnel. Zwischendrin schuf man durch Abriss von traditionellen Innenstadt-Quartieren die Mönckebergstraße und stiftete Carl Heinrich Laeisz die noch heute bespielte Musikhalle am Brahmsplatz.

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Inszenierter Luftschutzbunker © foto fdp / hamburgmuseum

Ein Hoch auf den Kaiser und das deutsche Vaterland
In einem ersten Zeitfenster werden wir mit dem Thema „Wehrmachtstaumel und Wahlrechtskämpfe“ konfrontiert, sehen eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme von Wilhelm II. mit dem Bürgermeister der Hansestadt. Doch neben Glanz und Gloria gab es auch Elend und harte Arbeit für wenig Brot. Unständig beschäftigte Hafenarbeiter warten – so in einem weiteren Fotodokument – vor der Arbeitsverwaltung, in der stillen Hoffnung, doch noch irgendwo im Hafen eingesetzt zu werden. Die Pickelhaube der Hamburger Polizei und der deutsche Stahlhelm sind Ausdruck des Zeitgeistes vor dem Ersten Weltkrieg. Eine Büste Wilhelm II. steht für den aufkeimenden Hurrapatriotismus, der im Ersten Weltkrieg mündete. Doch das Leben war nicht durch und durch militarisiert. Die Zivilgesellschaft lebte auch, vergnügte sich im 1901 eröffneten Knopfs Lichtspieltheater am Spielbudenplatz oder in Hagenbecks Tiergarten, der 1907 erstmals seine Pforten öffnete. Die einen besuchten den Alsterpavillon, andere die Männerschwimmhalle am Lübecker Tor. Von beidem zeugen in der Ausstellung historische Fotos. Orden aller Art, auch Eiserne Kreuze, und Trinkhumpen mit markigen Inschriften wie „Üb Aug' und Hand für's Vaterland“ stehen für den Ersten Weltkrieg ebenso wie ein Infanteriehelm mit Stoffüberzug. Dieser sollte verhindern, dass die glänzenden Helme zum Ziel feindlicher Angriffe wurden. Auch im Spielzeug der Kinder spiegelt sich der Zeitgeist der ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts wider: Soldaten zu Fuß und zu Pferd und Kanonen bereiteten schon die Jüngsten auf das Soldatensein vor. Erwin Piscator formulierte dies mit wenigen Zeilen so: „... Ist der Knab dann groß geworden/ Ist dann selbst Soldat geworden/ Stand dann draußen in dem Feld ... /Mußt nun weinen Mutter, wein ...“.

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Inszenierung der Themen Die mobile Großstadt sowie Welthafen und Wirtschaftsmetropole foto fdp © hamburgmuseum

Die mobile Stadt
Dass ein munteres und geschäftiges Treiben in Hamburg in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts herrschte, zeigt eine historische Aufnahme vom Großen Burstah. Hamburg kannte keinen Stillstand, betrachtet man den Abriss des Quartiers südlich der Steinstraße. Neue Kontore entstanden. In der Zinkhütte in Billstedt wurde auf Hochtouren gearbeitet. Rudolf Höckner hielt dies in einem Gemälde für die Nachwelt fest. 1912, so erfahren die Besucher, war Hamburg weltweit der drittwichtigste Hafen nach New York und London. Woermann- und Levante-Linie hatten einen Klang in der Welt der Seeschifffahrt. Zu einer mobilen Stadt gehörte auch die Eisenbahn und ein repräsentativer Hauptbahnhof. Aus Anlass der Bahnhofseinweihung schuf Ernst Barlach eine Erinnerungsmedaille, die auf dem Rundgang zu sehen ist.

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Emailleschild der Reichardt-Schokoladenfabrik, Anfang 20.Jh.
Diese Fabrik produzierte von 1898 bis 1928 in Wandsbek Schokolade
foto fdp
© hamburgmuseum

Bewegte Tage im November 1918
An der Elbestadt ging die revolutionäre Bewegung der Soldaten, Matrosen und Arbeiter nicht spurlos vorbei. Am 5. November 1918 erfolgte ein Solidaritätsstreik Hamburger Werftarbeiter mit den Kieler Matrosen. Am Tag darauf wurde gar der Generalstreik ausgerufen. 40000 Hamburger versammelten sich in jenen Tagen auf dem Heiligengeistfeld, um sich den aktuellen Bericht des Arbeiter- und Soldatenrats anzuhören. Von diesem Ereignis ist eine Schwarz-Weiß-Aufnahme erhalten. Am 9. November erfolgte die Abdankung des Kaisers. Mit der Bürgerschaftswahl im März 1919 gab der Arbeiter- und Soldatenrat die Macht ab.

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Milchladen 1930er Jahre Foto Michael Zapf © hamburgmuseum

Die Weimarer Republik
Dass die sogenannten Goldenen 20er Jahre gar nicht so goldig waren, wissen wir als Nachgeborene. Welche Probleme es gab, unterstreicht unter anderem eine Lichtkastenaufnahme von einer Frauendemo von 1928: „Hinweg mit dem Paragraf 218“ ist auf einem mitgeführten Banner zu lesen. Doch nicht die Politik allein bestimmte den Alltag: Am 27. Juli des gleichen Jahres trafen die Fußballer des HSV auf die Hertha aus Berlin. Es wurde um die deutsche Meisterschaft gekämpft. Säbelgerassel war dagegen die Begleitmusik eines Aufmarschs von Stahlhelm-Mitgliedern in Eilbek im Jahr 1930. Die Feinde der Demokratie waren auf dem Vormarsch. Die Aufnahme der Wahlkampfbeflaggung in der Brauerstraße zeigt die Hakenkreuzfahne neben dem roten Banner der KPD. Dass vom „roten Hamburg“ gar keine Rede sein kann, unterstreicht das Wahlergebnis von 1932: Jeder dritte Hamburger hatte für die NSDAP gestimmt, lediglich 16% für die KPD!

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Inszenierung "Demokraten und ihre Feinde"
foto: fdp
© hamburgmuseum

Für uns heute kaum vorstellbar, sind die Preisanstiege infolge der Wirtschaftskrise und Inflation zum Ende der 1920er Jahre. Selbst Dutzende von 10000- und 5000-Reichsmarkscheine bringen die ausgestellte Waagschale mit Kartoffeln und Brot nicht in die Balance zum aufgehäuften Geld.

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Mobile Stadt foto fdp

Eine Hafenstadt entwickelt sich
In den 1920er Jahren wuchs die Stadt, wurde die Hochbahn ausgebaut, gab es sogar einen Bahnanschluss bis nach Wohldorf. Pläne für einen größenwahnsinnigen Umbau des Elbufers waren bereits in den Köpfen der Planer. Doch Konstanty Gütschow veröffentlichte erst 1938 seine Vorstellung eines 250 Meter hohen Gauhochhauses an der Elbe. Doch neben all dieser Entwicklung ging der Alltag weiter, trafen sich die Menschen bei Petersens, um Eier und Butter zu kaufen. Dank der Inszenierung des Einzelhandelsladens Petersen aus der Zeit um 1930 können wir uns ein Bild von einer Welt machen, in der die Warenwelt des Supermarktes gänzlich unbekannt war. Kühlschränke wie heute gab es nicht. Gekühlt wurde mit Blockeis, das in einem gesonderten Schrankfach neben der gekühlte Ware aufbewahrt wurde. Da die Zeiten hart waren, gab es nicht jeden Tag Eier vom Kaufmann, von Butter und Fleisch ganz zu schweigen. So genannte Freitische, so erfahren wir zudem, versorgten in den frühen 1930er Jahren verarmte Arbeiter mit warmen Mittagessen.

Leben unter dem Hakenkreuz
In einer Reihe von Lichtkästen sieht man nicht nur die Aufnahme eines HJ-Aufmarschs, sondern auch das Verbrennen von Fahnen vor dem Gewerkschaftshaus. Eine historische Aufnahme von der ersten Sitzung der Bürgerschaft nach den Wahlen zeigt an der Stirnwand des Sitzungssaals die Hakenkreuzfahne. Ein Teil der Abgeordnetenbänke ist leer – stiller Protest gegen die braunen Herren, deren oberste Spitze, Hitler und Goebbels 1935 zu einem Opernbesuch nach Hamburg kamen. Auch dieses Ereignis ist fotografisch dokumentiert worden. Kinder schlüpften fortan in Uniformen der Pimpfe und spielten Wehrschach TAK-TIK und „Auf der Reichsautobahn Der Weg zum Ziel ein deutsches Spiel“. Über den Volksempfänger drang die NS-Propaganda in jede Stube der Volksgenossen. Die NSDAP war allgegenwärtig und machte sich zum Anwalt für Alltagssorgen.

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Inszenierierung "Kriegsende und Neuanfang",
foto fdp
© hamburgmuseum

Der totale Krieg und die Folgen
Harald Duwe hat Jahrzehnte nach den Ereignissen in seinem Gemälde „Hamburg brennt“ ebenso wie Otto Schirop in seinem Werk „Zerstörte Nikolaikirche“ festgehalten, worin die NS-Diktatur mündete: in Krieg und Zerstörung. Auf dem Weg zum inszenierten Luftschutzraum, vor dem ein Flakabwehrgeschütz seinen Platz hat, blicken wir in die Gesichter der Opfer des Regimes. Zu diesen gehörte die 12-jährige Jacqueline Morgenstern, die SS-Männer in der Schule am Bullenhuser Damm erhängten. Opfer gab es außerdem unter der Familiemitgliedern des Oberrabbiners Joseph Carlebach. Erinnert wird außerdem an Franz Jacob, der als KPD-Mitglied in der Hamburger Bürgerschaft saß und 1944 in Berlin hingerichtet wurde. Unter den Opfern war auch der KPD-Funktionär Etgar André. Während der Nazi-Herrschaft wurden in Hamburg insgesamt 400 Menschen durch das Handbeil oder die Guillotine hingerichtet, so ein entsprechender Saaltext. Wer nicht als Gegner der Nazis umkam, der überlebte unter Umständen das Bombardement der Stadt nicht. Zwischen Juli und August 1943 kamen 35000 Hamburger im Zuge des sogenannten Feuersturms über Hamburg ums Leben. Von einigen Häusern blieb, wie im Falle des Hauses Schleidenplatz 28, nur eine Kachel übrig.

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Wohnzimmer der 1950er Jahre Foto Michael Zapf © hamburgmuseum

Der Neubeginn
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Einmarschs der britischen Besatzungsarmee im Mai 1945 begann der Neuanfang, für den ein Name wie Max Brauer steht, der Oberbürgermeister in Altona und Bürgermeister von Hamburg wurde. Das bestehende Ausgehverbot wurde alsbald aufgehoben. Die Stadt begann zu pulsieren. Geheiratet wurde und die Zahlen der Eheschließungen übertrafen die Scheidung um ein Vielfaches. Aus der Not geboren wurden aus Kriegsmaterialien Dinge des alltäglichen Bedarfs geschaffen, so auch die sogenannte Kochhexe. Ein Stahlhelm verwandelte sich in ein Sieb. Aus Speichen wurden Häkelnadeln. Gespielt wurde zwischen den Trümmern im Hinterhof. Doch bereits 1953, nur acht Jahre nach dem Kriegsende, wurde mitten in der Stadt eine Internationale Gartenbauausstellung durchgeführt. Für dieses Event errichtete man den Philipsturm, der allerdings in Planten un Blomen nicht mehr existiert. Im gleichen Jahr wurde das Volksparkstadion fertiggestellt und sechs Jahre später der Uni-Campus mit Audi-Max. Man gönnte sich wieder etwas, fuhr wie der Schlosser Leopold Kostink mit einem roten Moped zur Arbeit zu Howaldt.

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Hochbetrieb am Elbtunnel (Fotografie Landesmedienzentrum) und Moped Typ Görike (1959) foto: fdp © hamburgmuseum

Das Wasser kommt
In bewegten Bildern kann der Besucher die Ereignisse am 16. und 17. Februar 1962 verfolgen. Bei der schweren Sturmflut kamen allein 317 Menschen ums Leben, waren 20% der Stadt überflutet. Es war ein einschneidendes Ereignis in der Hamburger Stadtgeschichte, das Erich Hartmann in seinem Gemälde „Die Flut“ verarbeitete. Die 1950er und 1960er Jahre sind die Jahre des Kofferradios von Grundig, der Jukebox und des Petticoats, des Philips-Trockenrasierers und des voll funktionsfähigen Badezimmers für die Puppenstube. „Rock around the clock“ und „Mack the knife“ oder „Wo meine Sonne scheint“ dudelten im Radion und aus der Musikbox. Louis Armstrong, Catharina Valente und Bill Haley hießen die Popidole jener Tage. Wie man sich eingerichtet hat, kann man hautnah in einem Wohnzimmer mit Nierentischmobilar und Musiktruhe erleben.

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Musikbox aus den 1950er Jahren und ein Teenager im rosa
Outfit foto fdp
© hamburgmuseum

Über den Bildschirm des Schrank-Fernsehers flimmert Werbung für Café Keese und den Ball Paradox sowie für Opal-Strümpfe. Jahrzehnte später war die WG angesagt und in eine WG können wir auf unserem Rundgang auch einen Blick werfen. Ché hängt ebenso an der Wand wie Frank Zappa, nicht zu vergessen der Abwasch-, Wegräum- und Putzplan. Ein Hochbett zum Schlafen und ausgediente Matratzen sowie Holzkisten machen die Einrichtung des WG-Zimmers aus. Im Kleiderschrank entdeckt man das Palästinensertuch, auf der Fensterbank Kräutertöpfchen.


1970er-Jahre- WG, Ausstellung Hamburg im 20. Jahrhundert,
Foto Michael Zapf © hamburgmuseum

Die letzten drei Jahrzehnte des Jahrhunderts
Wer alt genug ist, kann sich an die Gründung der Bunten Liste in Hamburg und an den Hamburger Kessel von 1986 erinnern, alle anderen betreten Neuland, wenn sie sich den entsprechenden Zeitdokumenten nähern. Legendär ist das Foto zur Eröffnung des Semesters am 9. November 1967: Studenten tragen ein Plakat mit der Aufschrift „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“ vor den Honoratioren der Uni in das Audimax. Erinnert wird in weiteren Bilddokumenten an die Anti-Springer-Demo von 1968 und an die Ölkrise von 1973. Der Aufruf zur Verteidigung der Hafenstraße ist ein Zeugnis der jüngeren Geschichte, zur der auch das Kulturleben auf St. Pauli gehört.

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Das Rotlichtmilieu auf St.Pauli Ausstellung Hamburg im 20. Jahrhundert,
foto: fdp
© hamburgmuseum

Günter Zint hat wie kein anderer Fotograf die Entwicklung links und rechts der Reeperbahn mit der Kamera begleitet, ob er nun einen Auftritt der Rattles im Star-Club fotografierte oder die Räumung des Flora-Parks 1991. Dass auf der sogenannten sündigen Meile, der Reeperbahn, auch richtig Geld verdient wurde, verrät ein Blick auf die Getränkekarte des „Salambos“: Eine Flasche Dom Perignon war dort für 400 DM zu haben.

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Udo Lindenbergs Hut foto fdp

Wie sich gerade in den letzten Jahrzehnten die Arbeitswelt gewandelt hat, vor allem unter den sogenannten Kreativen, beleuchtet das Museum mit einer entsprechenden Rauminszenierung: Leben und Arbeiten unter einem Dach zwischen Instant-Suppen und Scanner. Schließlich zeigt das Haus einige „Devotionalien“ der Jahrhundertwende, ob nun ein Riesenglas Nutella mit dem Aufdruck 2000 oder eine Schneekugel mit der Jahreszahl 2000.

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Auch Nutella feierte die Jahrtausendwende, Ausstellung Hamburg im 20. Jahrhundert, foto: fd
p © hamburgmuseum

hamburgmuseum
https://www.hamburgmuseum.de/

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