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Hamburg
Museum für Kunst und Gewerbe

DIE SPRACHE DER MODE bis 31. Oktober 2022

DIE SPRACHE DER MODE

Unter dem Titel Die Sprache der Mode präsentiert das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) seine jüngsten zeitgenössischen Neuerwerbungen für die Sammlung Mode und Textil zusammen mit weiteren herausragenden Objekten – darunter Entwürfe etablierter Designer*innen wie Walter Van Beirendonck, Coco Chanel, Jean-Charles de Castelbajac, Jean-Paul Gaultier, Tom Ford, Karl Lagerfeld oder Martin Margiela und aufstrebender Nachwuchsdesigner*innen wie Edda Gimnes und Flora Miranda Seierl. Die Ausstellung beleuchtet die Bedeutung von Text auf Modeerzeugnissen und widmet sich mit über 35 Exponaten aus dem 19. Jahrhundert bis heute dem spielerischen Umgang mit Sprache und der facettenreichen Gestaltung von Markennamen oder Logos, politischen Botschaften und Typografie im Modedesign.

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Ausstellungsansicht 2, v. l. n. r.: Cozette McCreery, Sid Bryan, Joe Bates/Sibling, Jean-Paul Gaultier (1952), Tom Ford (1961), Karl Lagerfeld (1933–2019)/Chanel, Gabrielle "Coco" Chanel (1883–1971), André Courrèges (1923–2016), Foto: Henning Rogge

Um es gleich voranzustellen, Alltagskleidung gibt es nicht zu sehen, sondern nur Designs namhafter Modeschöpfer, ob Coco Chanel, Tom Ford oder Walter van Beirendonck. Zugleich sind auch einige weitere Vertreter der Antwerpener Modeszene zu sehen, angeführt von dem bereits erwähnten van Beirendonck. Dieser präsentiert uns ein Outfit, dass an eine „Vogelscheuche“ erinnert. Auffallend ist die „T-Shirt-Brustplatte“, gleichsam ein Panzer, auf dem sich van Beirendonck dreimal porträtiert findet. „I hate Fashion Copycats“ ist der Titel der Arbeit. Zu dem Ensemble gehören auch mit Dornen bewährte klobige Schuhe. Bezüglich sprachlicher Botschaft als Teil der Arbeit ist darauf zu verweisen, dass man neben „Choose Life“ auch „WAR“ als Schriftzüge entziffern kann.

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Jean Charles de Castelbajac (*1949), Damenjacke, 1983, Baumwollgewebe, bedruckt, Polyester-Plüsch, MK&G, © Jean Charles de Castelbajac, Foto: MK&G

„WAR“ steht dabei für „Walter about Rights“. Der Titel für den Entwurf, „I hate Fashion Copycats“, bezieht sich auf die Trittbrettfahrer in der Mode, die Entwürfe kopieren, mit leichten Wandlungen vermarkten und sich dann als Urheber gerieren. Auffallend ist, dass es sich um eine Ganzkörperverhüllung handelt, die man so eher in Latex aus der SM-Szene kennt. Ob van Beirendoncks Idee wohl alltagstauglich ist? Oder soll die „Verhüllung“ überhaupt getragen werden oder ist das „gute Stück“ nicht eher als Kunstobjekt gedacht?

Projektionsfläche für Botschaften findet sich auf dem „Airnail Dress“, einem überdimensionierten, auseinandergefalteten Luftpostbrief gleichend. Ausgedacht hat sich das Ganze Hussein Chalayan. Schaut man sich die Arbeit genauer an, muss man auch an Schnittmuster denken, oder? Von Dolce & Gabbana stammt ein T-Shirt, graumeliert und mit dem Aufdruck „Fashion Victim“, versehen. 2003 wurde es auf den Markt gebracht. Van Beirendonck ist noch ein weiteres Mal in der Schau zugegen, dieses Mal mit einem von ihm entworfenen Mantel, Hemd und Hose. Der Mantel ist aus Jacquard-Gewebe. Als „Teil des Designs sehen wir zwei naiv gestaltete Leoparden, die auch von Henri Rousseau stammen könnten, sowie große „Augen“. Sind es Augen einer Katze? Steht da nicht auf dem 2/3 Top: „Warning Explicit Beauty“?

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Papierkleid „Time Magazine“ (1967), Vlies bedruckt, MK&G, Eigentum Campe’sche Historische Kunststiftung, Foto: MK&G


Ein Hemd und ein Jackett mit Backsteinmauerwerk-Muster war die Idee von Rossella Jardini. Und was lesen wir auf dem „Mauerwerk“? Hm, das sieht aus wie ein Tag. Von wem es stammt, ist ungewiss. Und welche Botschaft wird da eigentlich transportiert? Von Sprache kann jedenfalls nicht die Rede sein, denn es fehlt die Konvention der Verständigung über Form und Inhalt.

Für ein Papierkleid als Werbeträger entschied sich das Time-Magazin zum Valentinstag. Alle Abonnenten erhielten dieses Geschenk, das zugleich Werbezwecke erfüllte. Die Art der Gestaltung greift Momente der Op-Art auf. Erst auf den zweiten Blick kann man überhaupt den Schriftzug entdecken. Zuvor hat man eher den Eindruck einer strengen schwarz-weißen Musterung oder eines Rapports. Werbung in eigener Sache durch die Einbindung eines Logos machte André Courrèges, der zu seinem Design in Schwarz noch eine Umhängetasche in Rot hinzufügte. In der Gürtelschnalle und auf der Tasche findet sich das Logo des Designers.

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Ausstellungsansicht 4, v. l. n. r.: Devon Halfnight LeFlufy (1984), Raf Simons (1968)/Sterling Ruby (1972), Papierkleid Time Magazine (1967), Devon Halfnight LeFlufy (1984), Rosella Jardini (1952)/Moschino, Foto: Henning Rogge

Ein Pailletten-Kleid für Twiggy oder was? Das fragt man sich angesichts des Entwurfs von Tom Ford. Als Aufdruck auf dem Kleid findet sich nicht nur der Name des Designers, sondern auch das Wort Molly durchgestrichen und die Zahl 61. Impuls fürs Design gab Jay-Z mit seinem Rap-Song „Tom Ford“. Molly steht übrigens als Slangbegriff für Ecstasy! 61 bezieht sich auf das Geburtsjahr von Tom Ford. Ohne ein Begleitheft zur Schau wüsste der gemeine Besucher davon nichts. Diesmal ist das Begleitheft wahrlich kein Sammlerstück, sondern essentiell für das Verständnis der Ausstellung.

Der aus Viskose-Lurex-Bändern in Schwarz mit aufgedruckten Schriftzügen entworfene Overall, erdacht von Flora Miranda Seierl, zieht die Blicke des Besuchers auch an. Tragbar oder nicht – das ist die Frage. Die Botschaften lassen sich übrigens auf diesem Kleidungsstück nur schwerlich ausmachen. Quo vadis?

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aw collection 2020-2021, Walter Van Beirendonck (*1957), W.A.R. - Walter About Rights, 'I hate fashion copycats', MK&G, Eigentum der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen, Foto: Dan Lecca for Walter Van Beirendonck

Die Taube als Friedenssymbol, weiß auf blauem Grund und bisweilen mit einem Palmzweig im Schnabel, kennt man. Doch die Taube auf dem T-Shirt von Yossi Lemel kennen nur die, die in der Hamburger Ausstellung waren oder dem Designer in Jerusalem schon mal über den Weg gelaufen sind. Die Taube ist in Abschnitte eingeteilt und gegliedert, die Fingerzeige für das Tranchieren von Geflügel sind. Was lesen wir eigentlich auf dem T-Shirt? „Piece of Dove“ – ein Wortspiel mit Peace (Frieden) und Piece (Stück).

Und was fehlt? Wäre es nicht sinnvoll gewesen jenseits der von renommierten Designern entworfenen Kleidungsstücke, die Botschaften sprachlicher Art transportieren, auch solche der Alltagskultur zu zeigen, ob T-Shirts mit dem Aufdruck „Atomkraft – nein danke“, mit dem Konterfei von Che oder Gaymanns Hühnercartoons? Und auch die finnische Stadt Turku, schwedisch Abo, weiß mit „Aboriginals“ als T-Shirt-Aufdruck für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Brauerei Het Anker aus Belgien, dem Land der Biere, proklamiert auf schwarzen T-Shirts in Goldbuchstaben „STRONG BELGIAN (M) ALE“.


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Flora Miranda (*1990), Overall „Machine Learning Applied“, 2019, Gestrickte Bandagen aus Viskose und Lurexgarn; Body aus Polyamid-Tüll, MK&G, Eigentum der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen, © Flora Miranda, Foto: Laetitia Bica

Und es gibt auch T-Shirts, da bekennen die Träger „Ich bin stolz auf meine Gehirnzelle“. Oder wie wäre es mit „„Haltet Bochum sauber – esst mehr Tauben“. Das ist nun nichts für Veganer, woll. Oder wie wäre es mit dem Konterfei von Marx, Engels und Lenin mit der „Botschaft“: „Alle reden vom Wetter – Wir nicht.“? Zur Debatte wäre auch ein T-Shirt geeignet, auf dem es heißt: „Politik ist nicht die Lösung, sondern das Problem.“ Und schließlich auch das kann man auf T-Shirts lesen: „Chemiker haben für alles eine Lösung.“

Zu einer solchen Konzepterweiterung hätte man die Hamburger und Hamburgerinnen aufrufen können, ihre Kleiderschränke nach entsprechenden Kleidungsstücken zu durchsuchen und diese beim Museum vorbeizubringen. So hätte man auch eine Bindung zu diesem Hamburger Museum herstellen können, oder?

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.mkg-hamburg.de/de/

 

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