DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN


Hamm
Gustav Lübcke Museum

Treffpunkt Kneipe – Hammer Lokalgeschichten
bis 20.3.2022

Die Geschichte des Bierbrauens und der Kneipe wird in der mit historischen Postkarten, Fotos und anderen Exponaten abwechslungsreich gestalteten Ausstellung lebendig. Dazu trragen auch die szenischen Inszenierungen auf diversen Ausstellungsinseln bei, die sich mit den Anfängen des Brauens ebenso befassen wie mit der Kneipe als Treffpunkte von politischen Parteien und von Sportvereinen, ob nun Boxverein – erinnert wird dabei auch an die legendären boxenden Brüder Johannpeters - oder Kunstradsportverein. Das Thema Kneipe im III. Reich wird ebenso wenig ausgeblendet wie das Kapitel „Rotlichtmilieu“.

maenner

"Umme Ecke vonne Bude" Kneipenersatz leicht gemacht Foto, um 1972 Sammlung Heinz Hilse, Hamm

 

„Der Begriff „Kneipe“ stammt aus der Studentensprache des 18. Jahrhunderts und bedeutete eine einfache, enge Schenkwirtschaft; heute aber bezieht er sich praktisch auf alle Lokale, die alkoholische und nicht-alkoholische Getränke und Speisen ausgeben, abgesehen vielleicht von gehobenen Restaurants.“ So erfährt man es in einem begleitenden Pressetext.

Brauen fand ursprünglich im eigenen Haushalt statt. Bäcker verstanden sich auch auf das Herstellen von sog. Flüssigem Brot. Selbstverständlich entdeckten auch Klosterbrüder das Brauen. Biergenuss war während der Fastenzeit erlaubt. Anfänglich wurde sogenanntes Hammsches Keut hergestellt. Überschüssiges wurde auch an Gäste abgegeben. Der Ausschank fand in der Küche oder auf einer schlichten Bank vor der Tür des Hauses statt. Neben Leinwand, so ist beim Ausstellungsrundgang zu erfahren, war Bier lange Zeit der Exportartikel der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt Hamm, die mit der Ausfuhr dieses Produkts sogar in der Hansevereinigung aktiv war.

bleiglasfenster

Die Wirtin reicht den Keut, Bleifensterglas, Hamm 17. H., Gustav-Lübcke-Museum

In einer ersten szenischen Inszenierung sieht man einen Mönch an einem Braukessel, sieht aber neben der Braustube auch eine hölzerne Wasserleitung. Wasser war essenziell fürs Brauen. Nein, ein Davidstern ist da neben dem Klosterbrauer nicht zu sehen, sondern zwei übereinandergelegte Dreiecke, die eine Sternform bilden. Dies war das Zunftzeichen der Brauer im Mittelalter! Das die Mönche auch Zecher waren, zeigt eine entsprechende Darstellung eines Mönchs mit einer Brauerschürze über der Kutte, neben dem ein Humpen steht. Genussfreudigkeit strahlt das Gemälde von Eberhard von Grützner aus, das in einer Reproduktion in der Ausstellung zu sehen ist.

brauen

Inszenierung Brauen im Kloster, foto fdp2021

 

Nur Schritte von dieser Inszenierung des „bierseligen Klosterlebens“ entfernt lädt die Weinwirtschaft Gerdes zum Verweilen ein. Die Bank vor der Wirtschaft ist zwar verlassen, aber auf einem Beistelltisch sieht man zwei leere Weingläser. Die Weinwirtschaft stand ehemals Gästen am Hammer Marktplatz offen. Im April 1741, so wird berichtet, kehrte ein Richter hier ein, der mit anderen zu „refraichieren“ pflegte. Während dem Wein zugesprochen wurde, brannte die nahe Kirche lichterloh. Am Marktplatz hatten sich noch weitere Wirte mit ihren Gasthäusern niedergelassen, wie man im Weiteren erfährt.

isenbecker
Ich trinke Isenbeker, Brauerei-Werbung, Westfälischer Anzeiger 14.3.1914

 

Am Markt befand sich zum Beispiel das Hotel und Café-Restaurant Zum Grafen von der Mark. Nicht nur ein Handelsreisender, sondern auch ein Porträtmaler stieg hier ab, wie man aus Anzeigen des 19. Jahrhunderts entnehmen kann. In diesen boten die entsprechenden Herren ihre Dienste an. Auch ein Zahnoperateur machte in dem besagten Hotel halt und ließ das potentielle Patienten per Anzeige wissen. Unter den Wirtschaften ist zum Beispiel die von Carl Oberg zu nennen, der zudem auch eine Kornbranntwein-Brennerei betrieb. Ein historisches Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Wirtsleute vor dem Eingang ihrer Wirtschaft in der Oststraße 52. Hier gab es bereits 1704 eine Gaststätte. In dieser betrieb dann besagter Carl Oberg seine Korn-Brennerei. Die Geschicke der Schankwirtschaft lag, so ist zu lesen, lange Zeit in den Händen von Wirtinnen. Heute wird an dieser Stelle eine Pizzeria betrieben. Zu erwähnen ist auch die Marktschänke, die in einem Foto um 1980 in der Schau zu sehen ist. Zeitweilig wurde das Gebäude auch als Amtsgericht und um 1925 als Post genutzt.

innen

Blick in den Gastraum Weststraße 9, 1930
Quelle Inneneinrichtung Original Archiv Foto

 

Dass so manche Kneipe die Wirren der Zeit nicht überlebte, wird an der Wirtschaft Nordstraße 13 deutlich. Die dortige Kneipe wurde unter anderem von Wirten der Familie Asbeck betrieben. 1995 erhob sich Protest gegen die Schließung der Kneipe, wie einem entsprechenden Foto von Markus Meinold zu entnehmen ist.

In einer nächsten Inszenierung treten wir in ein Wirtshaus ein, sehen ein Regal mit aufgereihten kupfernen Kannen, zwei Bierfässchen und einen gedeckten Tisch mit zwei Bierkrügen. Die Wirtshauswand ziert eine Wirtshausszene im Stil der sogenannten Genremalerei. Neben den Zechern fällt der Blick auf tanzendes Paar.

bier

Wirtschaft Sigmund Braun, Hamm Scherzkarte Sammlung Heinz Hilse, Hamm

 

Auch das Thema „Ausflugslokale“ wird in der Ausstellung gestreift. Kolorierte Postkarten sieht man, unter anderem auch eine vom Kaiser-Wilhelm-Garten. Auch die Schützen hatten in der Stadt ihre Treffpunkte und luden regelmäßig zum Schützenfest ein, auch mittels öffentlicher Anzeigen. Die Wirtschaft W. Korte in Uentrop war übrigens nicht nur Wirtschaft, sondern auch Postagentur und Fahrkartenausgabe. Auch von dieser Wirtschaft existiert eine Ansichtskarte. Auf dieser sieht man nicht nur Ausflügler an Tischen vor der Wirtschaft sitzen, sondern auch einige Radler, deren Tour nach Uentrop geführt hatte. Und bei Boeckers wurde sonntags zum Tanz aufgespielt. Am 7. März 1836 wurde dies durch H. Boecker per Anzeige für alle Tanzlustigen angekündigt. Und auch die Nutzung des Fluss-Bades wurde von Heinrich Boecker angepriesen. Die Badefreunde konnten auch ein Abbonnements-Billet erwerben, um im Fluss zu schwimmen. In Boeckers Saal fand am 4.9.1852 das erste „westphälische Musikfest“ statt.

radler

Arbeiter-Radfahrverein Solidarität Herringen übte im Saal der Gastwirtschaft Milk Foto um 1925 Sammlung Heinz Hilse, Hamm

 

Auch die Schützen waren in der Stadt aktiv und hatten gar ihre eigenen Steinkrüge, die auch in der Schau ausgestellt sind. Sie stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und gehören zum Museumsinventar. Wirtshäuser waren stets bestrebt, Besucher anzulocken, so auch die Restauration Carl Gorges in der Kleinen Weststraße. Dort traten die zusammengewachsenen Zwillinge Johann und Jacob Tocci auf. Angepriesen wurden sie als das größte Weltwunder. Die Zwillinge besaßen nur zwei Beine und einen Unterkörper, jedoch jeweils zwei Oberkörper, Köpfe und vier Arme sowie Hände. Und bei der Witwe Juckenack in der Großen Weststraße gab es eine Mumie zu bestaunen, die aus den Königsgräbern bei Theben stammte.

oberg

Inszenierung : Oberg Reithalle, foto fdp2021

 

In der Ausstellung geht es aber nicht nur um Bier und Brauereien wie die der Familie Pröpsting (Klosterbrauerei) und die Isenbeck-Brauerei, sondern auch um die Mineralwasseranstalt Schürmann, die Selters in grünglasigen Reliefflaschen verkaufte. Vertrieben wurde Mineralwasser auch in den öffentlichen Kiosken in der Stadt, eine Konkurrenz zum Vertrieb in Gaststätten, die von der Firma Schürmann beliefert wurden.

Im 19. Jahrhundert entstanden viele unterschiedliche Kneipen, für Schützengesellschaften, für Gesangsvereine, für politische Parteien, für Ausflügler ins Grüne. Postkutschenreisende kehrten etwa bei Brand im Grünewald ein, Bahnreisende im Hammer Empfangsgebäude, in Ermelinghof oder auch im Bahnhof Hamm-Süd. So überrascht die Inszenierung einer Lokalität mit Gastraum und Bühne nicht. „Bühne frei in Obergs Reithalle“ hieß es einst. Übrigens hier war nach einer Verordnung von 1886 das Rauchen verboten. Turnvereine wurden in Kneipen gegründet. Kneipensäle dienten als Turnhallen, so im Deutschen Eck in Berge oder in der Gastwirtschaft Sütau. Diese waren die Voraussetzung für die regelmäßigen Übungsstunden, auch vom TV Kaiserkrone Berge.

 

kruege

Krüge des Schützenverteins in Hamm, foto fdp2021

 

Gepflegte Biere und gute bürgerliche Küche pries die Gaststätte zum Osttor an, als Hakenkreuzfahnen das Straßenbild ebenso bestimmten wie „Braun- und Schwarzröcke“. Heinrich Erlemanns Pinte wurde beispielsweise zum Trupplokal der SA Hamm-Norden. Beim Eintopfsonntag bei Koch am Markt waren am 9.3.1936 Parteigänger der NSDAP unter sich, wie ein entsprechendes Foto unterstreicht. Und auch nach 1945 waren Kneipen Orte der Versammlung politischer Parteien, wie die Schau unterstreicht.

bierkruege

Bierkrüge aus Steingut, foto fdp2021

 

Interessant ist auch ein Unterkapitel der Schau, das sich mit übermäßigem Bierkonsum und Alkoholsucht befasst. „Bier macht dick, dumm und faul. Der Bierphilister ist der Feind des Fortschritts. … Arbeiter. Hütet Euch vor den Bierphilistern unter Euch!“ So verkündete es der Arbeiter-Abstinenten-Bund um 1920. Auf einem Plakat ist ein Arbeiter zu sehen, der mit einem Hammer eine Kornbranntweinflasche zerschlägt. Auch eine Form auf das Problem aufmerksam zu machen. Und Korn gab es nicht nur im Münsterland reichlich, so auch von der Brennerei Westhoff aus Ermelinghoff. Slogan des Unternehmens war: „Daß Westhoffs Korn, was Gutes ist, / Das weiß der Heide, Jud und Christ.!“ Und wie man Korn brennt, wird selbstverständlich auch in einer inszenierten Szene gezeigt.

schankraum

Schankraum der Gaststätte Lohsträte, Ansichtskarte, Sammlung Heinz Hilse, Hamm

 

Schließlich wird auch auf die Tradition der Hammer Brauereien eingegangen, die längst nicht mehr existieren, so wie die Brauerei W. Isenbeck & Co. Wie riesig die Anlagen des Unternehmens waren, zeigt ein entsprechender Stich und auf einem Foto aus jüngerer Zeit sieht man dann auch den Abriss der Brauerei, deren Bier nun in Warstein gebraut wird. Auch die 1790 gegründete Klosterbrauerei mit Bieren wie Kloster-Export und-Pilsener ist nur noch eine Fußnote der Geschichte. Zum Schluss: Was fehlt in der Ausstellung? Der Gerstensaft, zumindest ein Probiergläschen, oder?

bierdeckel

Bierdeckel mit politischem Bezug, foto fdp2021

 

Hinweis Zur Ausstellung ist der Katalog „Treffpunkt Kneipe – Hammer Lokalgeschichten“erschienen und bietet auf 269 Seiten einen umfassenden und mit ca. 350 Fotos bebilderten Einblick in die Kneipengeschichte in Hamm.

Text ferdinand dupuis-panther

Informationen

 

zur Gesamtübersicht Ausstellungen