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Hamm
Gustav Lübcke Museum

Faszination Papier 14.8.2022 bis 15.1.2023

In der Kunst dient Papier seit Jahrhunderten als Träger für Zeichnungen, Skizzen oder Druckgrafiken. In diesen Fällen genießt es bei weitem nicht den Stellenwert wie die darauf zu sehenden Darstellungen. Wenn Papier hingegen aus seiner gebräuchlichen Flächigkeit gestalterisch in eine dreidimensionale Form gebracht wird, kann es eine erstaunliche Präsenz erlangen. Wie unendlich wandelbar und facettenreich Kunst aus Papier ist, beweisen die hier gezeigten Werke. Einunddreißig Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland beteiligen sich an der Ausstellung. Zu sehen sind Collagen, Skulpturen und Objekte, darunter präzise Faltstücke, Papierschnitte, Pappmachés, Geschnitztes aus Pappe und Mixed Medias.

 

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Thomas & Renée Rapedius O.048, 2009/2012 Papier, Sprühfarbe © Foto Thomas Rapedius

 

Bereits aus dem Vorspann geht hervor, dass es nicht um Kunst auf Papier, sondern aus Papier geht. Wir sehen also keine Radierungen, Rötel- oder Bleistiftzeichnungen, keine Gouachen, keine Holzschnitte, keine Lithografien. Dafür überzeugt die Ausstellung mit überraschenden Installationen, mit Dreidimensionalem, auch aus Klopapierrollen, auch mit Scherenschnitten.

Bereits im Eingangsbereich des Museums hängt eine vielschichtige Papierarbeit, die wie ein dreidimensionales Landschaftsprofil im Modell ausschaut. Man könnte auch die Vorstellung einer papierenen Eishöhle haben, die man erblickt. Geschaffen hat dieses Werk namens „Terforation 031 “Angela Glajcar. (Siehe hier!)

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Über mehere Stockwerke hängend: "Terforation 031 “ von Angela Glajcar,
foto (c) fdp2022

Diese Künstlerin ist noch mit einer weiteren Terforationen, also einem „Reißpapierbild“ in der sehr sehenswerten Schau vertreten. Terforation ist kein Schreibfehler. Es soll eben nicht Perforation heißen, geht es doch nicht um Durchlöcherung von Materialien. Übrigens, die Künstlerin ist mit ihren dreidimensionalen Papierarbeiten im Museum Bochum, dem Museum Wiesbaden und im Museum in Washington vertreten, nun also auch in Hamm.

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Michael Velliquette Hypnotic Serpent Series, 1-4, 2014, Papier, Acryl, Tinte
© Foto Jim Escalante


Welch Können des Faltens muss man an den Tag legen, um aus Klopapierrollen so verschiedene Gesichtszüge zu schaffen wie dies Junior Fritz Jacquet gelungen ist. Da sehen wir Gesichter mit Langnasen und heruntergezogener Mundpartie, aber auch mit Knubbelnase und eingedelltem Hut. „Les Masques“ ist der Titel der Arbeit, die schon aufgrund des „Werkstoffs“ überrascht. Einige der Masken erinnert an Masken aus der Südsee, insbesondere aus Neu-Britannien, oder?

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Isabelle de Borchgrave Turquise Delphos dress Fortuny collection, 2006, Papier, bemalt © Foto Jean-Pierre Gabriel

 

In zwei "hängenden Schaukästen" können wir weitere Papierfaltarbeiten betrachten, darunter auch einen Fuchs, der im Ansprung ist, um eine Maus zu erlegen. Wir erblicken den König der Tiere, einen Papierlöwen und auch ein schwarzköpfiges Schaf sowie ein störrisch erscheinendes Pferd. Diese Faltarbeiten stammen von Junior Fritz Jacquet, von Hoang Tien Quyet und Beth Johnson (Pferd, Schaf, Fuchs mit Maus!). Pappmaché-Zeichnungen sind es, die Miriam Londoño geschaffen hat. Sie erscheinen dabei wie Scherenschnitte. Es ist ein Zug von Flüchtenden mit und ohne Kopftücher, mit Lasten, die auf dem Kopf getragen werden und auch mit einem auf den Rücken geschnallten riesigen Bündel. Manche sind allerdings ohne Hab und Gut unterwegs. Es ist ein langer Zug, von dem man nicht weiß, wohin er führen wird. Die Flüchtenden, nur in ihren Konturen erfasst, scheinen wie Schatten, die dahinziehen. Tragen einige gar FFP2-Masken? Dann wäre ja auch die aktuelle Pandemie in dieses Werk eingeflossen. Von Londoño zeigt man in der Ausstellung ein "rostiges Schmiedegitter", das aus Linsenformen zusammengesetzt ist. Doch das "Gate of Hell" ist trotz des Anscheins eine Papierarbeit, sehr filigran und Schatten werfend.

 

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Darja Eßer, Leichtes Gepäck, Papier © Foto Darja Eßer

 

Überlebensgroß gestaltet ist die sitzende Schwangere, die ihren abgeschlagenen Kopf unter dem Arm hält und ihren nackten, stark gewölbten Bauch zeigt. Blut strömt aus dem Hals und aus dem abgeschlagenen Kopf. Es handelt sich um "Ignosi", einer Arbeit von Manuela Granziol. Sie stellt die Halbgöttin namens Ignosi dar, die mit Zwillingen schwanger ist und die wegen Ungehorsams gegenüber den Göttern zum Tode verurteilt wurde. Ihr umfassendes Wissen, das sie nicht an die Menschen weitergeben durfte, gab sie statt dessen an ihre ungeborenen Töchter weiter, so diese mythologische Geschichte, die nun skulptural eine Entsprechung gefunden hat. Beim Anblick der Skulptur sehen wir wohl verarbeitete Illustrierten und Zeitungen, die neben Draht und Holz Material für den Aufbau der Halbgöttin Ignosi waren. Nachfolgend stehen wir einer Collage aus Papierschnipseln gegenüber. Marianne Lammersen ist die Urheberin von "Vital Colours". Vor Wolkenkratzern haben zwei Personen Platz gefunden, von deren Ohren turmartige, geschichtete Ohrringe hängen, bodenlang überdies. Die Ohrringe erinnern dabei an Korallenketten, oder? "Heavy Jewellery" nannte Lammersen dieses Werk, das aus Fotodruck und Papierschnitt besteht.

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Hoang Tien Quyet Löwe, 2022, Papier, gefaltet © Foto Hoang Tien Quyet

 

„Crushed i“ und „Crushed II“ zweimal das gleiche Motiv, eine Art Hängekleidchen eines Mädchens, in unterschiedlichen Farbsetzungen. Wer genau hinschaut, sieht, dass auch diese Arbeit nicht flächig, sondern dreidimensional angelegt ist, sich also mehrere Schichtungen von Papier übereinander befinden. Andi LaVine Arnovitz verdanken wir diese Art der Papierkunst. Einer der absoluten Hingucker in der Ausstellung ist die Installation, das Environment, von Azade Köker, die sich der zerstörten Stadt angenommen hat: „Relikte der Stadt“. Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der damit einhergehenden Bilder von zerbombten Häusern, eine Arbeit von sehr großer Aktualität. Die Häuser sind teilweise nur noch Gerippe mit Fensterhöhlen. Es stehen nur noch Fragmente, bisweilen auch nur eine Brandmauer mit Gesims. Und zu dieser Arbeit kommen noch einige Schaukästen, darunter einer, in dem wir einen B52-Bomber im Sturzflug erblicken. An ihn klammert sich ein Kind, das einem Putto ähnelt.

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Besucherin von Martin Sprenglers "Vierzylinder" und "Vierzylinder/Sollbruchstelle", Foto (c) fdp2022


Bildhauerisch bearbeite Passfotos zeigt uns Goekhan Erdogan. Und auch zwei Steine, die wie aus Granit geformt scheinen, entdecken wir. Diese „Sitzkissen“ sind aber auch gänzlich aus Papier geformt worden. Ein wenig banal muten dagegen die Alltagsgegenstände aus Papier an, die wir auch in der Schau zu Gesicht bekommen, so die blaue Bluse, der rosa Rucksack, das Basecap und die rötlich gefärbten Schuhe aus Papier, die sich Darja Eßer ausgedacht hat. Diese Arbeit ist insoweit banal, vergleicht man sie mit den Faltungen eines papierenen Treppenhauses mit gegenläufigen Treppenaufgängen, die uns Simon Schubert präsentiert. Übrigens auch das Parkett bzw. die Dielen sind aus gefaltetem Papier. An Industriearchitektur, wie es das Ehepaar Becher jahrelang fotografierte, erinnert „Indra“ von Tilmann Zahn. Man muss an einen Hochspannungsmast mit schrägen Versteifungen oder an klassische Ölförderanlagen oder Schrägaufzüge einer Hochofenanlage denken, steht man vor diesem Werk, das gewaltige Ausmaße besitzt und doch allein aus Papier besteht.

 

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Simon Schubert Ohen Titel (Treppe mit Schatten), 2021, Papier, gefaltet
© Foto Simon Schubert

An das Hotel Four Seasons in Kuala Lumpur muss man denken, steht man vor Martin Sprenglers „Vierzylinder“ und „Vierzylinder/Sollbruchstelle“. In der Tat, bei erdbebensicherem Bauen beschäftigen sich Statiker und Architekten mit Tragwerkkonstruktionen und Sollbruchstellen. So ist das, was wir sehen nicht weithergeholt. Die zusammengefügten Zylinder des Hochhauses sind in der Dreidimensionalität und den Details sehr beeindruckend. Es mag ja sein, dass inzwischen solche Arbeit per 3D-Drucker realisiert werden können. Doch im vorliegenden Fall wurde Wellpappe verwendet.

Wie Balge, von Federvieh aus Papier erstellt, mutet Birgit Knoechls „Out of Control – Revisited The Autonomy of Growth IV“ an, eine Raumecke mit fedrigen Strukturen völlig ausfüllend. Ähnlich beeindruckend ist auch die Windserie von Bianca Severijns. In Schwarz-Weiß-Graustufungen sehen wir „Breezes/Wind Flow/Gust/Whirlwind/Storm“. Wie Wandteppiche aus Papier erscheint die Serie. Dabei sind die Papiersegmente so gesetzt, dass man wirklich Luftverwirbelungen und einen Orkan darin erkennen kann. Es ist eine Dynamik, die ja auch Uecker mit seinen Nagelbildern zustande bringt. Es ist also nicht eine Frage des Materials, sondern der Anordnung von Papierstreifen, -federn und -schuppen, die zu einem Windbild beitragen.


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Birgit Knoechls „Out of Control – Revisited The Autonomy of Growth IV
(c) foto fdp2022

Künstlerliste
Andi LaVine Arnovitz, Lore Bert, Su Blackwell, Isabelle de Borchgrave, Nathalie Boutté, Marc Bühren, Lauren Collin, Sandra del Pilar, Goekhan Erdogan, Darja Eßer, Angela Glajcar, Manuela Granziol, Junior Fritz Jacquet, Beth Johnson, Birgit Knoechl, Azade Köker, Corinna Krebber, Marianne Lammersen, Miriam Londoño, Hoang Tien Quyet, Thomas & Renée Rapedius, Fiene Scharp, Annette Schröter, Simon Schubert, Bianca Severijns, Martin Spengler, Ewa Stawiarska-Zygalska, Jessica Toliver, Michael Velliquette, Tilmann Zahn

© ferdinand dupuis-panther

 

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Bianca Severijns Wirbelwind (windseries), 2022, Papier, bemalt © Sigal Kolton

 

Informationen
https://www.museum-hamm.de

 

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