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Hannover
Niedersächsisches Landesmuseum

Im Freien
bis 16.1.2022

Im Europa des 19. Jahrhunderts tritt ein neuer Künstlertypus auf den Plan: der Freilichtmaler. Seine Kunstwerke entstehen unter freiem Himmel, um realistische Farbwirkung und Lichtverhältnisse einzufangen. Lange waren die »Pleinairisten« Gegenstand der Karikatur und Kunstkritik – heute sind diese Künstler*innen ausgesprochen populär. Das Landesmuseum Hannover widmet sich mit der großen Ausstellung »Im Freien. Von Monet bis Corinth« der Freilichtmalerei.

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Lovis Corinth Bacchanale, 1896 Nieders. Landesmuseum

Wer sich intensiv mit dem Ausstellungsprogramm deutscher Kunstmuseen beschäftigt, muss konstatieren, dass sehr häufig der Fokus auf der klassischen Moderne liegt. Unterdessen jedoch scheint sich die Blickrichtung nun ein wenig verändert zu haben, denn auch die Impressionisten, nicht nur die französischen, erhalten mehr und mehr Aufmerksamkeit. Im Museum Barberini (Potsdam) werden die russischen Impressionisten vorgestellt, im Baseler Kunstmuseum Camille Pissarro und im Münsteraner Picasso-Museum stellt man erstmals in Deutschland in dieser Breite Arbeiten von Camoin, Marquet, Matisse sowie Mangain vor. Und in diesem Ausstellungsreigen ist dann auch "Im Freien" zu integrieren. Dabei schöpft das Niedersächsische Landesmuseum, das zurzeit an dem Konzept von "Kunstwelten" feilt, aus dem Vollen, gehören doch u. a. die bekannten drei deutschen Impressionisten Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt mit ihren wesentlichen Arbeiten zum Fundus des Hauses.

 

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Theodore Rousseau, Lichtung im Wald von Fontainebleau bei Sonnenuntergang, Öl auf Malpappe auf Holz © Landesmuseum Hannover

Wie bei vorherigen Ausstellungen im Landesmuseum dominiert die Farbigkeit, sind die Ausstellungsräume doch in Burgunderrot, Himmelblau, Eigelb und Frühlungsgrün getaucht. Der White Cube scheint ausgedient zu haben. Und noch etwas ist auffällig: der Beginn der Ausstellung. Nein, nicht der Nestor des deutschen Impressionismus, Max Liebermann, eröffnet den Ausstellungsparcours, sondern Wilhelm Busch. Dieser hat sich in einer Bildergeschichte recht launisch mit den Mühen der Freilichtmalerei befasst. "Der kleine Maler mit der großen Mappe" lautet der Titel der Karikaturen. Der Holzschnitt nimmt den passionierten Freilichtmaler auf die Schippe, der dem Unbill von Wind und Regen ausgesetzt ist, derweil er seiner künstlerischen Passion frönt. Die große Mappe wird von dem kleinen Maler in vielfältiger Weise eingesetzt: gegen den Rauch, gegen den Regen, gegen den Zug lästiger Ameisen.

 

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Andreas Achenbach, Ebbe, 1837, Öl auf Leinwand auf Hartfaserplatte, Dauerleihgabe der Stadt Hannover © Landesmuseum Hannove

 

So eingestimmt beginnt der Besucher seinen Rundgang, auf dem er auch erfährt, dass in dem Begriff Impressionismus anfänglich keine Wertschätzung eingebunden war. Nein, man verachtete diese Art der Malerei, die antiakademisch war, die das Malen unter freiem Himmel propagierte. Da wurde Max Liebermann schon mal als "Rinnsteinmaler" diskreditiert, und Slevogt erhielt den Beinamen "der Schreckliche". Statt eines langen Saaltextes zum Thema vertrauen die Macher auf Überblendtechnik, bei denen Themen angerissen werden, kurz und teilweise zu kurz, um dem Besucher Zeit zu geben, den Bild- und den Textinhalt aufzunehmen. Da kann man u. a. einen Blick auf Honoré Daumier und dessen Aussage. "Das Holz ist alle und die Kunst verkaufe ich nicht." erhaschen. Stichwortartig taucht die Schule von Barbizon auf. Und auch die Welt der Karikatur jenseits von Wilhelm Busch ist Teil dieser Einführung. So sieht man vor dem Gemälde eines Badeteiches einen Ausstellungsbesucher, der sich entkleidet, um im nächsten Moment in den gemalten Teich einzutauchen.

 

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Lovis Corinth, Paddel-Petermannchen, 1902, Öl auf Leinwand, Dauerleihgabe der Stadt Hannover © Landesmuseum Hannover

 

Doch ehe wir uns mit Monet, Signac, Liebermann und all den anderen Impressionisten befassen, gilt es, sich mit den Vorläufern dieser Stilrichtung auseinanderzusetzen, mit den romantischen Ateliermalern, so auch mit Caspar David Friedrich. Ihm verdanken wir einen vierteiligen Tageszeitenzyklus mit idealisierten Landschaftsmotiven. Morgendlicher Nebel ist ebenso zu sehen wie ein bewölkter Himmel, ein sandiger Weg, der durch eine Baumgruppe führt und schließlich abendliches Licht. Keine der Landschaftsausschnitte haben eine Entsprechung in der Wirklichkeit, sondern alle entspringen der Fantasie des Künstlers, der die Landschaften in seinem Atelier auf die Leinwand gebannt hat. Ganz anders scheint das bei der Ansicht aus dem Wald von Fontainebleau zu sein. Gemalt hat diese Ansicht ganz im Geiste der Romantik Virgilio Narcisso Díaz de la Peña. Auf einer kleinen Lichtung vor dem dichten Waldgürtel lagert eine Person. Ruht sie sich nur aus oder schläft sie? Besonders ins Auge springen die Lichtflecken auf den mächtigen Stämmen der Eichen, die im Wald bestens gedeihen. Théodore Pierre Etienne Rosseau zeigt uns auch die Ansicht des Waldes von Fontainebleau, aber diesmal bei Sonnenuntergang. Dieser Sonnenuntergang ist gleichsam in eine Medaillonform gefasst, dank der umstehenden Bäume, die die Szenerie rahmen.

 

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Christoph Giradet + Matthias Müller, BEACON ,, Videostill © Christoph Giradet & Matthias Müller, VG Bildkunst

 

Ans Meer entführt uns Andreas Achenbach in seinem üppigen marinen Gemälde „Ebbe“. Im Dünensand liegen einige von der Besatzung des an Land geschleppten Schiffes nebst Beiboot, das man einfach mal umgelegt hat. Wer ist eigentlich die Frau mit weißer Haube und langem braunen Umhang, die da mit einigen Männern redet?

Inszeniert wurde für die Ausstellung auch eine Szene mit all den Utensilien, die für Freilichtmalerei von Wichtigkeit waren: Palette, Pinsel, Leinwand, Farben zum Anrühren, ein Rucksack, eine Staffelei, ein Kittel. All dass mussten die Freilichtmalei aus dem Atelier in die Natur mitnehmen, um bei Wind und Wetter malen zu können, sommers wie winters. Und doch mehrte sich die Zahl derer, die am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts raus aus dem Atelier gingen. Und so wundert es nicht, dass auch dieses Thema in der sehenswerten Schau abgehandelt wird.

Die ersten von denen, die die Akademie hinter sich ließen und unter freiem Himmel Landschaftsgemälde mit eindrucksvollen Stimmungen malten waren die Gründer der Schule von Barbizon, darunter Camille Corot, und auch Jules Dupré. Sein Gemälde „Der Teich“ beinhaltet alles, was das Stimmungsvolle der Freilichtmalerei ausmacht: Licht und Schatten, Wolkenfluss, Lichtflecken im grauen Wolkenschleier, mächtige Baumriesen, eine Spiegelung im Teich und eine Frau, die auf einer Lichtung zu sehen ist, als Beigabe sozusagen.

 

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Karl Hagemeister, Die Woge, Öl auf Leinwand © Landesmuseum Hannover

 

Und auch einen Vertreter des norddeutschen Impressionismus finden wir in der Hannoveraner Ausstellung: Fritz Mackensen. Die Skizze zu „Gottesdienst im Freien“ ist ausgestellt. Dabei sehen wir eine Gruppe von Gläubigen, vor allem Frauen mit schwarzem Kopftuch, schwarzer Bluse und schwarzem Rock mit darüber gebundener roten Schürze. Im Vordergrund entdecken wir einen alten Mann mit schlohweißem Haar. Der Pfarrer hat eine erhöhte Position wie auf einer Kanzel eingenommen, um das Wort zu verkünden. Der aus dem bayerischen Schrobenhausen gebürtige Franz Seraph von Lenbach hingegen malte eine idyllische Landschaft mit einem einsamen Kapellchen, das sich in einem Laubgürtel „versteckt“. Gekonnt hat der Künstler die Tiefe des Raums im schmalen Querformat ausgelotet, in dem er den Laubgürtel leicht in die Bilddiagonale geschoben hat. Dass dieses Werk gänzlich im Freien vollendet wurde, legt das Kleinformat des Gemäldes nahe.

 

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Camille Pissarro, Landschaft (Dorf Melleraye, Dep. Mayenne), Öl auf Leinwand auf Hartfaserplatte, © Landesmuseum Hannover

 

Zu einem der wichtigen französischen Vertreter des Impressionismus zählt gewiss Camille Pissarro, der uns eine Landschaft präsentiert, die den Untertitel "Dorf Melleraye" trägt. Diese Arbeit vereint das Licht des Südens mit sandfarbenen und grünen Nuancen bei der Ausgestaltung der Natur und der Bauernhäuser, die ausschauen, als wären sie aus Lehm errichtet. Und wer ist der Herr mit Strohhut, der sich im Schatten eines hoch gewachsenen Baumes niedergelegt hat? Mit gestischem Duktus und mit wilden Pinsellinien hat Claude Monet den Bahnhof von St. Lazare gemalt. Hoch aufragend im Vordergrund sind zwei Signale zu sehen und zwischen ihnen wohl der Signalwärter, der sie bedient, oder? Sehr beeindruckend, wenn auch weniger gestisch, sondern eher flächig angelegt hat Alfred Sisley die Ansicht der walisischen Küste mit einer leicht an den Bildrand gerückten Abbruchkante der Steilküste. Der Blick fällt auf den weiten Strand, vor allem aber auf das Meer mit einem Dampfschiff, dass in der Ferne auszumachen ist, jedoch näher als die "Strandläufer" erscheint, die wir außerdem wahrnehmen. Noch etwas fällt auf: Das Meer scheint nahtlos in den Himmel überzugehen, sodass beide miteinander verschwimmen.

 

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Paul Signac, St. Maria della Salute in Venedig, Öl auf Leinwand, Dauerleihgabe der Stadt Hannover, © Landesmuseum Hannover

 

Teilweise fleckig-getupft wurde die Ansicht vom Hafen von Rotterdam, ein Werk von Maximilien Luce. Das erinnert mit dem Pinselschlag schon ein wenig an die Arbeiten von van Gogh, wenn auch längst nicht in gleicher Bewegtheit. Man betrachte mal das Dampfschiff im rechten Vordergrund, das eine mächtige Rauchwolke aussendet. Über dieser kreist am Himmel ein Schwarm von Vögeln. Sind da nicht vier Personen zu sehen, die ein breites Boot durch den Hafen rudern? Und an einem anderen Punkt des Hafens gleitet ein Segler dahin. Links im Bild versucht ein Mann mit aller Kraft das Segel seines Bootes in die richtige Position zu bringen. Insgesamt atmet das Gemälde Dynamik. Wie eine Addition von Momentaufnahmen erscheint das, was in dem Bild motivisch vereint wurde.

 

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Max Liebermann, Der Nutzgarten in Wannsee nach Nordosten, um 1929, Öl auf Leinwand, Leihgabe Museum Kunst der Westküste © Museum Kunst der Westküste, Föhr

 

Ein besonderes Gespür für das flirrende Licht hatte Paul Signac, der seine Gemälde gleichsam in Bildpunkte auflöste, die er aneinander setzte, so auch in seiner Venedig-Ansicht. In helles Blau und Grün ist das Meer vor Venedig getaucht. Einer Fata Morgana gleich, die plötzlich auftaucht, erscheint die Skyline der Lagunenstadt mit dem Markusdom im Hintergrund. Von links gleiten große Segelschiffe mit bunten Segeln ins Blickfeld des Betrachters.

Während wir heute flüchtige Momente mittels digitaler Kameras und Serienaufnahmen festhalten können, konnten die Maler des Impressionismus das nicht. Sie mussten schnell skizzieren, mussten ein Vorahnung von Licht- und Wetterveränderungen haben. Diesem Phänomen des Wandels geht in einem Zwischenraum des Ausstellungsparcours das 15-minütige Video von Christoph Giradet und Matthias Müller nach, das den Titel „Beacon“ trägt.

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Karl Hagemeister, Weißer Mohn, Öl auf Leinwand, Dauerleihgabe der Stadt Hannover © Landesmuseum Hannover

 

Nachfolgend begegnen wir einem der bedeutenden deutschen Impressionisten, nämlich Max Slevogt. Ähnlich wie das serielle Werk Monets zum Bahnhof von St. Lazare hat Slevogt einen „Zyklus“ mit Zoobesuchen geschaffen. Aber auch den Festumzug anlässlich der 25-jährigen Regentschaft Wilhelms II. Unter den Linden in Berlin wurde von Slevogt festgehalten, teilweise flüchtig, skizzenhaft und stellenweise unfertig, aber dennoch Preußens Gloria durchaus erfassend. Bekannt sind auch Slevogts Porträts des portugiesischen Baritons Francisco d’Andrade, umgangssprachlich als der weiße und der schwarze d’Andrade bekannt. Sie sind Bestandteil der Staatsgalerie Stuttgart und in Hannover nicht zu sehen. Auf den Bariton müssen die Besucher dennoch nicht verzichten, da man Slevogts „d’Andrade an der Rampe“ zu Gesicht bekommt. Übrigens zu den Zoobildern von Slevogt gehört unter anderem der „Papageienmann“ mit seinen farbenfrohen Aras auf dem Arm, der auf der sogenannten Papageienallee unterwegs ist.

 

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Maximilien Luce, Der Hafen von Rotterdam, Öl auf Papier auf Leinwand
© Landesmuseum Hannover


Eher unbekannt ist im Vergleich zu Slevogt Philipp Klein, der zur Münchner Künstlergruppe "Scholle" gehörte und der einen Blick ins Ankleidezimmer von drei Damen warf die sich für einen Kostümball in schwarze und weiße Seide werfen, durchaus dabei ein tiefes Dekolleté zeigend. Modisch chic sind die Damen, schaut man sich die Fransen der Oberteile, die Goldwirkfäden in dem schwarzen Kleid der einen Ballteilnehmerin und die aufgestellten Ärmel der Kleider an.

Der Nestor des deutschen Impressionismus ist gewiss Max Liebermann, der sich immer wieder für die Sommerfrische in die Niederlande begab und unter anderem aus seinem Amsterdamer Atelierfenster das Treiben in der Judengasse beobachtete und malte. Kinder, die Sandburgen bauen, hielt Liebermann in dem Werk „Strandszene in Noordwijk“ fest. Merkwürdig ist nur, dass niemand im Meer badet. Zu sehen ist außerdem die Studie Liebermanns „Alte Frau mit Ziegen“. Ein Werk um 1890 als Ölgemälde auf Pappe entstanden und eine eher düstere-graue Stimmung auf dem Polderland einfangend. Da sind die Gemälde von den Tennisspielern am Strand oder den Reitern am Strand von Noordwijk schon viel aufgehellter und von frischem Duktus durchzogen.

 

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Lovis Corinth, Garten in Urfeld am Walchensee,Öl auf Lindenholz Dauerleihgabe der Stadt Hannover © Landesmuseum Hannover


Zu den Themen, die die Ausstellung auch streift, gehören Hafenansichten unter der Überschrift „am hafen“. Diese Ansichten sind zumeist Schlechtwetter-Impressionen. Das fängt schon bei Leonard Sandrocks „Die Schute“ an, die das Thema Hafen gleichsam eröffnet. Ulrich Hübner fing für die Nachwelt den Hamburger Hafen ein. Dampfende Schlepper und Lastkähne durchflügen das bräunliche Hafenwasser. Strichweise scheint Regen niederzugehen. Wie man in Hamburg schlicht sagt: Schietwetter! Gibt es nicht von Camille Corot ein ähnliches Motiv wie Karl Hagemeisters „Die Woge“? Ja, es gibt es, nämlich „La Poesie“ von Corot. Mit Sinn für den Bildschnitt, für eine szenische Inszenierung gleichsam wie ein Bühnenbild und ein Auftritt in einem Akt gestaltete Lovis Corinth „Reiter mit Diener und Hund“. Während Letztere schon angekommen sind und anhalten, nähert sich der Reiter langsam von links.

 

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Fritz Overbeck, Strand auf Sylt, Öl auf Pappe, Leihgabe aus Privatbesitz
© Landesmuseum Hannove


Zum Schluss entführt uns die Schau in die Gärten von Künstlern wie Max Liebermann, aber nicht nur. Karl Hagemeister fokussiert sich in einem Großformat auf blühenden Mohn. Max Liebermann hingegen ließ bildlich Sonnenblumen in kräftigem Gelb auf der Leinwand sprießen. Mit ihm werfen wir zudem einen Blick in den Nutzgarten am Wannsee und durchstreifen die Birkenallee im Liebermannschen Garten, in dem wir im Hintergrund die Villa Liebermann erahnen können. Ein wildes Farbenspiel sind die Blumenstauden am Gartenhaus des Liebermannschen Anwesens. Beinahe reliefiert erscheint zum Schluss der Blühende Bauerngarten an der Ostsee. Urheber des bunten Gemäldes, bei dem die Farbtuben direkt auf die Leinwand ausgedrückt wurden, ist Martin Brandenburg. Mit ihm schließt sich die Exkursion im Freien.

© ferdinand dupuis-panther

 

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Martin Brandenburg, Blühender Bauerngarten,, Öl auf Leinwand
© Landesmuseum Hannover

 

Informationen

https://www.landesmuseum-hannover.de/ausstellungen/

 

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