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Hannover
Wilhelm-Busch-Museum

Peter Gaymann - Von Hühnern und Menschen bis 19.06.2022

Die Retrospektive des deutschen Großmeisters der komischen Kunst im Museum Wilhelm Busch wurde von Peter Gaymann selbst gestaltet und von Dr. Reinhard G. Wittmann kuratiert. Sie vermittelt ein ganzes Leben im Zeichen des Humors und bildet die Entwicklungslinien des Künstlers nach, der mit seinen Hühnern zu einer Marke des deutschen Cartoons geworden ist.

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Unser Hochzeitstag fällt in diesem Jahr_

Gaymanns »Huhniversum« erinnert dabei an die Genremalerei, die ebenso wie die Karikaturen von Gaymann oder die Gemälde von Carl Spitzweg dem Betrachter einen Spiegel vorhalten. So spiegeln die Hühner Gaymans Menschliches in allen Facetten wider. Nun kennt man Gaymann vor allem aufgrund seiner Hühnergeschichtchen und vergisst dabei, dass er über drei Jahrzehnte für die Zeitschrift BRIGITTE auch die Paarprobleme im Blick hatte. Das sich die Ausstellung auch der ersten Zeichenversuche Gaymanns annimmt, aber auch „Lämpeleien“ betrachtet sowie das Thema Tennischampions aufgreift, sei an dieser Stelle erwähnt. Ansonsten gliedert sich die Ausstellung nicht nur in thematische Segmente, sondern auch in zeitliche. Da widmet sich die Schau den Jahren in Freiburg von 1980 bis 1986 ebenso wie den Jahren in Rom 1986 bis 1991 und schließlich der Zeit in Bayern seit 2017.

lebenschoen

Das Leben ist schön ...

Reiseskizzen bekommt der Besucher ebenso zur Ansicht wie auch das Blaue Huhn. Yoga-Hühner beleben die Schau. Und auch was es mit den Huhnstagen, ja richtig gelesen Huhns- und nicht Hundstagen, auf sich hat, bleibt beim Besuch kein Buch mit sieben Siegeln. Aiwaiwai grüsst Ei GayGay und außerdem geht es um „Frei nach Picasso“. Dass man die Postkarten Gaymanns in die Ausstellung integriert hat, ist naheliegend, denn mittels dieser Karten wurde das Werk Gaymanns unter die Leute gebracht - und wird es immer noch, wie man im Museumsshop sehen kann.

Der Buntstiftzeichnung von Peter Gaymann zum Muttertag werden wohl nur wenige Beachtung schenken, die die Ausstellung besuchen. Sie gehört aber zur Biographie des Zeichners und markiert den Anfang der zeichnerischen Karriere, wenn man so will. Auch Peter Gaymanns Schönschreibheft wie auch die Bleistiftzeichnung eines lesenden Mädchens beleuchten gleichfalls die Kindheitsjahre Gaymanns in Freiburg. In den Tagen von Freiburg wurde Sitztennis ebenso auf die Schippe genommen wie mit einem demolierten Holztennisschläger die Wutausbrüche des einen oder anderen auf dem Center Court. Das man Sitztennis nur spielen kann, wenn man einen Spezialschläger mit „Scherengittergriff“ benutzt, verdeutlicht Gaymann in seinem Werk nachhaltig. Warum sich auch eine Zeichnung von Tomi Ungerer in der frühen Biographie Gaymanns findet, irritiert, oder?

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Peter-Gaymann, Foto Claudia Reiter

Dass der päd-extra-verlag einst die „Lämpeleien“ von Gaymann verlegt hat, wissen die wenigstens. So aber gibt es einen direkten Bezug zu Wilhelm Busch, dem Namensgeber des Museums in einem fürstlichen Palais am Rande des Georgengartens in Hannover befindlich. Man sieht den verschrobenen Lehrer Lämpel, der an einem Brunnen mit einen Brunnenrohr so hantiert, dass Wasser in den Nacken einer auf dem Brunnenrand sitzenden Frau spritzt. Beinahe verliert die aufgeschreckte Dame noch ihr Eis, an dem sie gerade schleckt. Ein anderer Cartoon: Halbnackt steht der Lehrer herum und hält eine Leine, auf der seine Hose trocknet. Nicht nur die Wäsche tropft, sondern auch der Pimmel von Lehrer Lämpel. Prostataprobleme bei Lehrer Lämpel?

Auf der Postkartenwand gibt es ein Konvolut von Cartoons zu sehen, u. a. einen Vogel, der einer auf einem Felsvorsprung sitzenden Katze um die Nase fliegt und „Arschloch! Archloch! Arschloch! ruft. Zwei Hühner unterhalten sich mittels verknotetem Schnurtelefon: Motto „Meld dich mal!“ Zwei Alt-68er schieben einen Einkaufswagen mit Hochprozentigem vor sich her. Der eine sagt zum anderen: „Mein Lieblingsbeatle war und bleibt Keith Richards.“ Der andere daraufhin: „Einen besseren Drummer hat’s nie gegeben.“ Ja, Irrungen und Wirrungen sind es, die Gaymann gerne aufgreift und in eine eigene Bildsprache auch jenseits von Hühnergeschichtchen umsetzt. Ein Spanferkel à la Christo sehen wir ebenso wie zwei keifende Hühner. Und was sagt die eine zur anderen? „Du blöde Ziege.“ Und auch der Nanas hat sich Gaymann angenommen, wie man einer Postkarte entnehmen kann. Bitter ist der Humor in dem Cartoon, in dem zwei Ärzte die Welt untersuchen: „Krank?“ - „Nee, tot!“.

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Ich kann nicht einschlafen ...

Kommen wir nun zu den Freiburger Jahren in den 1980ern: Treffen sich zwei Hühner: „Du sein Deutsch?“ - „Yes!“. Und dann kommentieren zwei Hühner den Balanceakt eines Elefanten, der auf einem Baumast hockt, mit den „weisen Worten“: „Ich denke, es ist nur eine Frage der Atemtechnik.“. Ja, es gibt außerdem noch die Veröffentlichung „Huhnstage“, darin auch ein Huhn vor einem Spiegelei. Dass ihm der Kamm schwillt, scheint nicht verwunderlich, oder? Gerupfte Hühner warten in einer anderen Zeichnung auf den „Wienerwald-Grillpieß“. Und wir „hören“ die Worte: „Ich zähle bis 3 und dann ab durch die Mitte.“ - „Optimist.“. „Mache ich nun eine Therapie oder trinke ich noch ne Tasse Kaffee?“ - das fragt sich so mancher Erdenbürger, aber in diesem Falle fragt sich das ein Gaymann-Huhn

Im weiteren begegnen wir Hühnern, die einen Toskana-Malkurs besuchen und andere, die sich fragen, was eigentlich Pollo arosto ist. An Dekadenz nicht zu übertreffen, ist ein Pärchen, das nach dem Sex einen Tisch bestellt und den Restaurantbesitzer mit so wichtigen Infos wie „Wir sind 29 bzw. 39, freiberuflich, wählen Grün , tragen Armani-Jacken zu Jeanshosen …“ volltextet sowie schließlich das Telefonat mit den Worten beendet: „ Ich denke, Sie werden uns was Schönes zusammenstellen.“.

laempel

Wäscheleinenlämpelchen

Aus Gaymanns Kölner Zeit stammt unter anderem die Zeichnung von zwei Hühnern, die sich eine Domplatte bestellen wollen. Und auch der Blick auf die Kunst der Gegenwart und den überhitzten Kunstmarkt beschäftigt Gaymann, der ein Paar in einer Galerie aufs Korn nimmt. Sie stehen vor einer abstrakten Plastik. Sie zu ihm: „Los kauf schnell. Die Russen kommen.“. Wir sehen außerdem einige keramische Arbeiten Gaymanns, frei nach Picasso. Corona und Maskenpflicht greift Gaymann obendrein in einer Arbeit von 2020 auf. Sie zeigt, wie schwierig die Kontaktaufnahme von Mann und Frau in diesen Zeiten war. Als Dialog lesen wir: „Wir haben uns doch letztes Jahr kennengelernt auf dem Geburtstag von Marion.“ - „Ich kann mir Gesichter so schlecht merken.“.

Abgeschlossen wird die Schau mit den Jahren 2017 folgenden und dem Leben in Bayern. Motto unter anderem: „Der Islam gehört zu Bayern.“ - „Ok. Und der Franke?“. Damit schließt sich dann eine unterhaltsame Schau, in der es Gelegenheit gibt, herzhaft zu lachen – und das ist gut so.

© ferdinand dupuis-panther / für die Abb. Peter Gaymann

Infos
https://www.karikatur-museum.de/besuch/


 

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