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Herford
marta

Benjamin Katz – Entdeckungen
bis 3. Okt. 2021

Diese Ausstellung im Museum Marta Herford ist die Neuentdeckung eines Fotografen. Mit weltweit berühmten Schwarzweiß-Portraits von Künstlern wie Georg Baselitz, Gerhard Richter, Joseph Beuys, Cindy Sherman oder Marisa Merz hat sich Benjamin Katz auf seine stille, aber höchst präsente Art einen festen Platz in der Geschichte der Künstlerfotografie erarbeitet. Doch hier steht nun ein anderer Teil seines sehr umfangreichen fotografischen Schaffens im Zentrum: Rund 200 ausgewählte Bilder aus dem fast eine halbe Million Negative umfassenden Archiv des Künstlers sind zu sehen. Benjamin Katz steht in der Tradition klassischer analoger Fotografie. Er blickt in diesem Kontext auf zu Fotografen wie Brassaï, Henri Cartier-Bresson oder André Kertész.

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Benjamin Katz, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, 1982, Silbergelatine auf Barytpapier, 18 x 24 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Im Zusammenhang mit der Ausstellungspräsentation wird auf die Biographie von Katz verwiesen, der 1939 in Antwerpen das Licht der Welt erblickte. Seine Eltern waren aus Nazi-Deutschland nach Belgien geflohen, da sie aufgrund der sogenannten Nürnberger Gesetze verfolgt wurden. Doch den Häschern des Regimes entging der Vater von Benjamin Katz nicht. Er wurde aus Belgien ins Lager Gurs (Frankreich) verschleppt, wo er 1941 ums Leben kam. In den 1950er Jahre gingen Mutter Katz und Sohn nach Berlin, wo die jüdische Familie einst ansässig war. In Berlin nahm Katz auch sein Kunststudium auf, das er allerdings wegen einer schweren Erkrankung abbrechen musste. Nach seiner Genesung wandte er sich der Tätigkeit als Galerist zu. Aus jener Zeit stammt auch die Freundschaft mit Georg Baselitz. Katz gründete nicht nur eigene Galerien, sondern war auch Kurator in Galerien Dritter. Zu nennen ist die Galerie, die Katz gemeinsam mit Josef Kleinhues betrieb, aber auch die Galerie Diogenes. Erst nach der Übersiedlung nach Köln, wo Katz bis heute ansässig ist, wandte er sich intensiv der Fotografie zu.

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Benjamin Katz, Dinard, 1977, Silbergelatine auf Barytpapier, 24 x 18 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wer denn meint, beim Besuch der Ausstellung die Lebenswege von Katz vor und nach 1945 in den ausgewählten Fotografien wiederzufinden, muss sich eines Besseren belehren lassen. Es gibt keine Hinweise zu den Fotografien, sondern nur kurze Orts- und Jahresangaben. Und dennoch verspricht die Ausstellung Entdeckungen! Brüsseler Straßen wie Rue de Petits Carmes mögen mit der Zeit im Brüsseler Exil zu tun haben. Dechiffriert wird das in der Ausstellung nicht. Das Enträtseln der Aufnahmen wird noch dadurch erschwert, dass die Ausstellung keinen chronologischen Faden aufweist, sondern Motivgruppen zusammenstellt, durchaus in sehr dynamischer Hängung und in einer Rhythmik von Hoch- und Querformaten, die mal in Gruppen, mal einzeln platziert sind. Auf den White Cube wurde verzichtet. Teilweise ist der Galerieraum für die Ausstellung in einem Taubenblau ausgeschlagen worden. So kommen die Schwarzweiß-Aufnahmen auch besser zur Geltung als in einem rein weißen Raum.

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enjamin Katz, Kreta, 2014 © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Benjamin Katz betont, dass die meisten Arbeiten im Urlaub, vor allem in der Normandie, entstanden sind. Nur wenige aus Brüssel scheinen auf Orte zu verweisen, an denen Mutter und Sohn Katz sich versteckt hielten, um nicht deportiert zu werden. Teilweise muss man Katz als Chronisten seiner Zeit ansehen, man denke an die ersten kleinformatigen Fotos, die das Luftbrückendenkmal und die Gebäude des Flughafens Berlin-Tempelhof zeigen. Entstanden sind sie, weil Katz sich von seinem Taschengeld seine erste Kamera gekauft hatte. Dabei nutzte er eine Boy-Bakelit-Kastenkamera, wie er auf Nachfrage zu den beiden Aufnahmen aus den 1950er Jahren erzählte. Und auch später suchte er in zeitlichen Abständen immer wieder bestimmte Orte auf, vor allem in Dinard, wo er seine Urlaube verbrachte. Bei solchen Aufenthalten hat er auch den Abbruch eines Gebäudes, einem Lebensmittelgeschäft in Dinard, in drei Aufnahmen festgehalten: Dinard (Entrée Libre), 1980. Den Verfall eines Tors, das nach und nach verwitterte, hat er auch in Dinard entdeckt und zwischen 1977 und 2006 immer wieder fotografiert.

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Benjamin Katz, Oostduinkerke, 2003, Silbergelatine auf
Barytpapier, 18 x 24 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn
2021

Katz hält mit seiner Kamera den Moment fest. Der Bildausschnitt ist keiner, der nachträglich im Labor bei den Abzügen entsteht. Es ist der Blick des Fotografen, der über das Motiv entscheidet. Serien im klassischen Sinne werden, so die Erläuterung auf Nachfragen, nicht angelegt. Dabei ginge ja der Reiz des Moments verloren, so sinngemäß Katz. Anhand einer großformatigen Aufnahme mit Blick auf die Nordsee aus einem Hotelfenster heraus, wird das deutlich. Der Auslöser wurde genau in dem Moment betätigt, als ein Dampfer bildmittig durch die Wellen ritt. Auf den Fenstern kleben Sandkörner, die vom Strand verweht wurden.

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Benjamin Katz, Dinard, 1990, Silbergelatine auf Barytpapier, 24 x 18 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

In der Schau finden sich Pariser Impressionen jenseits der Erwarteten, wenn Aufnahmen von Kellnern zu sehen sind, die in adretten weißen Jacken mit und ohne Fliege ihre Gäste bedienen, eine Flasche Wein öffnen und das Geschirr auf einem Tablett abräumen. Es findet sich aber auch eine nächtliche Straßenszene unter den Ausstellungswerken. Palais Royale lautet die Leuchtschrift, die das Dunkel der Nacht durchdringt. Auf die Staffage mit Personen, leichten Damen und Zuhältern sowie Gangstern wie in Brassaïs Pariser Nachtaufnahmen hat Katz bewusst verzichtet. Arrangierte Szenen sind nicht seine Welt. Neben solchen Straßenszenen sind die Blumenstillleben ein wahrer Kontrast. Dabei greift Katz ein Thema auf, dass sich durch die Geschichte der bildenden Kunst zieht, man denke nur an derartige Stillleben in der niederländischen Barockmalerei, aber auch im Werk von Paul Klee.

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Benjamin Katz, Paris, (Rambuteau), 1979, Silbergelatine auf Barytpapier, 75 x 110 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Bisweilen wird der Betrachter auch mit Banalem konfrontiert, so mit Treppenhäusern, die Katz im Bild festgehalten hat. Alltagsarchitektur jenseits von Brillanz ist es, die Katz auch interessiert, man denke an das schmucklose Wartehäuschen auf dem Bahnhof Hamm. Gewiss ist Katz ein gewisser Humor nicht abzusprechen, betrachtet man das Trafohäuschen auf einem Friedhof mit dem Hinweis auf die Todesgefahr: Île de Ré, 1991.

Greift man Katz’ Statement auf, dass er zwar ständig mit der Kamera unterwegs ist, aber das vor allem im Urlaub, dann überraschen Aufnahmen in einem Zug der Belgischen Eisenbahnen nicht. Wir blicken in ein Abteil, plüschig ausgeschlagen und mit einer Häkelspitzenarbeit versehen, die das Logo der Eisenbahn trägt. Zudem schauen wir mit Katz im Speisewagen vorbei, in dem ein Gast wohl ein Nickerchen macht. Brüssel, das ist für Katz nicht nur ein Geschäft für Süßmäuler, sondern auch eine Kellnerin in schwarzem Kleid und weißer Schürze, die Katz 1977 mit der Kamera im Bild festgehalten hat. Wer ist die Dame? In welchem Café arbeitet sie? Cirio, Falstaff oder einem der zahlreichen Cafés am Grote Markt? Nein, die Galeries St. Hubert hat Katz wohl nicht fotografisch festgehalten, aber eine andere. Doch welche? Die Passage in der Rue de Neuve vielleicht? Fürwahr diese Ausnahmen regen an, die belgische Hauptstadt zu besuchen und auf Entdeckungstour auf den Spuren von Benjamin Katz zu gehen, oder?

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Benjamin Katz, Paris, 2011, Silbergelatine auf Barytpapier, 24 x 18 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Ein schlafender Clochard auf einer Bahnhofsbank gehört ebenso zu den Sujets, die Katz zeigt, wie auch die in den Fels gehauenen Treppenstufen, die in Dinard zu einer kleinen sandigen Badebucht führen. Badende sucht man allerdings vergebens. Einer Bildergeschichte gleicht eine Reihe von Aufnahmen, die gleichfalls in Dinard, auch Nizza des Nordens genannt, entstanden sind und Sommerfrischler dabei zeigen, wie sie mit Sonnenschirm und Klappstühlen ausgerüstet, den Strand für sich erobern.

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Benjamin Katz, Weimar, Atelier Held, 1990, Silbergelatine auf Barytpapier, 24 x 18 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Und auch ein wenig Ready Mades und Marcel Duchamp findet sich in der sehr sehenswerten Präsentation. Katz hat nicht nur eine Armatur fotografiert, über die ein Lappen ausgebreitet wurde, sondern auch eine Koksschütte und ein Pissoir, auch eine Art von Stillleben. Übrigens in der Armatur kann man ein Gesicht mit langer gekrümmter Nase – Wasserhahn – und einer wilden Frisur – der Lappen – heraussehen, oder?

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Benjamin Katz, Paris, 1979, Silbergelatine auf Barytpapier, 24 x 18 cm © der Künstler, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Sehr beeindruckend sind die im Querformat gehaltenen Seestücke – auch ein beliebtes Motiv in der bildenden Kunst, nicht nur von Gustave Courbet. Es sind nicht nur Meeresblicke in der Normandie mit einer scharfen Trennlinie zwischen Meer und Himmel, sondern auch die Ansicht von Strandkabinen am Strand von Oostduinkerke aan Zee. In der Struktur und in der Ansicht der Fluchtlinie dieser Kabinen meint man, eine Nähe zu den Gemälden des Symbolisten Leon Spillaert zu erkennen, dessen Strandbilder in ihrer geometriesierten Form an Architektur erinnern.

Übrigens: Aus seiner Zeit als Galerist haben sich zahlreiche Freundschaften zu Künstlern erhalten, die dann in eine Reihe von Künstlerporträts einflossen. Diese sind als Teil der Sammlung des Marta im Foyer des Museums zu finden.

Zum Schluss: Die Ausstellung findet anlässlich der Feierlichkeiten zu „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ statt, ohne dass sich in den ausgestellten Arbeiten ein unmittelbarer Zusammenhang dazu ergibt. Es gibt in Herford u.a. keine Aufnahmen einer jüdischen Hochzeit, des Laubhüttenfestes oder einer Bar Mizwa zu sehen. Auch Architekturaufnahmen von Synagogen in Deutschland sind nicht zu finden. Ob sie zum Werkkanon von Katz gehören oder nicht, ist dem Berichterstatter nicht bekannt. Aus der Homepage des Fotografen ist dies nicht ersichtlich.

© ferdinand dupuis-panther

Informationen
https://marta-herford.ticketfritz.de/

ttps://kunstarztpraxis.de/benjamin-katz-im-marta-herford/

https://www.benjaminkatz.de/photographie/

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