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Höxter
Forum Jacob Pins

Jacob Pins: Typisch jüdisch?
bis 30.11.2021

Anknüpfend an die Thematik des 2021 stattfindenden Festjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", beschäftigt sich die Ausstellung im Forum mit der Sichtweise Jacob Pins' auf die jüdische Religion und Kultur. Zu sehen sind nicht religiöse Bilder im eigentlichen Sinne, vielmehr eröffnet die Ausstellung die Spannbreite des in Höxter aufgewachsenen und sozialisierten Künstlers, für den die jüdisch geprägte Gesellschaft in Palästina und Israel zur neuen Heimat wurde. Es sind die heiteren Momente des Purimfestes, jüdisches Leben in den Straßen Jerusalems, aber auch der kritische Blick auf die Religion und ihre offiziellen Vertreter, die diese Bilder prägen. Dabei erlangen auch Themen, die der Betrachter zunächst in ein christliches Umfeld verorten würde, eine jüdische Perspektive, die der Künstler jedoch häufig zu wandeln versteht.

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In einem ehemaligen Adelshof residiert in Höxter das Forum Jacob Pins, das sich u. a. dem Werk des expressionistischen, aus Höxter stammenden Grafikers und Malers Jacob (eigentlich Otto) Pins widmet. Insgesamt finden jährlich drei temporäre Ausstellungen in dem unter Denkmalschutz stehenden Fachwerkbau statt. Das Forum bzw. die Jacob Pins Gesellschaft verfügt über den Nachlass des Künstlers, der der Verfolgung und Ermordung während der Zeit des NS-Regimes durch Emigration nach Palästina entkam. Pins entstammte einer angesehenen jüdischen Familie, die in Höxter lebte. Seine Eltern wurden verschleppt und ermordet. Seinem jüngeren Bruder gelang es mit einem Kindertransport gen USA der Vernichtung zu entkommen.

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Etwa 1500 Werke sind im Bestand des Hauses, davon etwa 800 Holzschnitte, diverse andere Druckwerke und 90 Gemälde. Das grafische Werk ist insoweit bemerkenswert, als es sich bei den Holzschnitten um Handabzüge handelt. Dass Pins überhaupt eine künstlerische Laufbahn einschlug, nachdem er in Palästina sesshaft geworden war, verdankt er dem expressionistischen Künstler Jakob Steinhardt, der gemeinsam mit Ludwig Meidner und Richard Janthur, in Deutschland einst die Künstlergruppe „Die Pathetiker“ ins Leben gerufen hatte. In der Galerie von Herwardt Walden namens „Der Sturm“ stellten die Mitglieder dieser nur sehr kurz existierenden Vereinigung unter anderem im Jahr 1912 ihre Kunst zur Debatte. Jakob Steinhardt hatte an der Akademie der Künste in Berlin bei Lovis Corinth studiert. Nach seiner Flucht nach Palästina im Jahr 1933 übernahm er eine Lehrtätigkeit an der Bezalel-Schule für Kunst und Kunsthandwerk. An dieser studierte Jacob Pions, nachdem er das Kibbuz verlassen hatte, das ihm nach der Niederlassung in Palästina zeitweilig Heimstatt gewesen war.

prophetJacob Pins hinterließ der Nachwelt nicht nur brillante Holzschnitte, die durch eine beeindruckende Plastizität gegenüber denen der Künstlervereinigung „Die Brücke“ zu überzeugen verstehen, sondern er war auch ein Kenner und Sammler ostasiatischer Holzschnitte, die er sehr schätzte. Diese Sammlung ist nicht in Höxter, sondern in Jerusalem zu sehen.

Dass der Nachlass von Jacob Pins überhaupt in den Besitz der Stadt Höxter kam, hängt auch damit zusammen, dass sich in den späten 1980er Jahren private Beziehungen zwischen dem Künstler und Bürgern seiner Heimatstadt entwickelten. Ausgangspunkt dieser Beziehungen war eine Veranstaltung aus Anlass des 50. Jahrestages der sogenannten Reichspogromnacht. Treuhänderisch wird der Nachlass seit Jahren durch die Jacob Pins Gesellschaft betreut.

Auffällig ist im Kanon der Arbeiten von Jacob Pins, dass er durchaus religiöse Motive aufgreift, aber wendet, ironisiert, überhöht und verfremdet. Das unterscheidet Pins von Marc Chagall. Bei Pins stehen einige Bärtige nebst einem Rabbi staunend um eine Maus herum. „Anbetung der Maus“ nannte Pins diesen Holzschnitt. Nur einer der Anwesenden bricht in schallendes Lachen aus, der Schelm, der sich hinter dem Rücken des Rabbis versteckt. Alle andere sind andächtig. Greift da Pins nicht die Thematik der Götzenanbetung auf?

Ähnlich wie James Ensor befasst sich Pins auch mit der menschlichen Maskerade, so auch in dem Triptychon der Kreuzigung. Da sieht man eine Prozession von Maskierten, die spitze Hüte tragen und in den Händen Standarten mit gehörten Tierschädeln halten. In dieser dreiteiligen Arbeit entdecken wir auch eine Vogelscheuche in Kardinalsornat und eine Narrengesellschaft um den Gekreuzigten geschart, der ein Spielkartengewand trägt. In den Blick fällt aus der Prozessionsgruppe ein Mann mit roter Krone und orangefarbener Sonnenbrille. Rund um die Prozessionsgruppe liegt Konfetti auf dem Boden, so als wäre die Gruppe Teil eines Karnevalsumzugs. Und für wen steht eigentlich der Mann mit der Papiermütze auf dem Kopf, der auf einem Steckenpferd unterwegs ist?

totentanz

 

Es finden sich in der Ausstellung sowohl in Öl als auch als Holzschnitt motivisch Menschenzüge. Dabei sind die Menschen typisiert, ohne individuelle Mimik und Gestik eingefangen worden. Die Menschen scheinen austauschbar, scheinen anonymisiert worden zu sein. Und wohin ziehen sie?, fragt sich der Betrachter. Wem folgen Sie? Sind sie unterwegs in ein gelobtes Land? Pins lässt uns mit diesen Fragen allein, denn er hat in der Regel seine Arbeiten nie kommentiert.

Ähnlich wie Ludwig Meidner, der schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, apokalyptische Landschaften schuf, schuf Pins eine Holzschnittreihe zu eben jenem Thema der Apokalypse. Aber auch Bezüge zu Albrecht Dürer scheint es dabei thematisch zu geben. Das gilt auch für den 1945 entstandenen Totentanz. Dabei werden in einzelnen Bildern nicht nur der apokalyptische Reiter dargestellt, sondern auch der Henker, der Tänzer, der auf einem Totenschädel balanciert, der Bettler, der Engel des Todes und die Peitsche des Todes, um nur einige Sujets aufzuführen. Man sieht unter anderem einen Gevatter Tod, der auf dem hingestreckt Sterbenden tanzt. An den Haaren schleift der Tod sein nächstes Opfer dahin. Der Gehängte entgeht dem Tod ebenso wenig wie der bärtige Alte, den der Tod umarmt. Im Apokalypse-Zyklus stehen wir vor der Darstellung von Getöteten, über die die Geier herfallen, derweil das Pferd des Todes in den Wolken dahinfliegt. Zu sehen ist aber auch „Das Pferd der Pest“, das Feuer speit. In den Lüften gleitet ein Todesvogel dahin, der einen Stahlhelm auf dem Kopf trägt.

 

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Teilweise nimmt Pins in seiner Ikonografie auch die Klischees über die äußere Escheinung von Juden auf, wie sie vor allem im „Stürmer“ vermasst wurden und sich auch in Karikaturen in deutschen Tageszeitungen jüngeren Datums finden lassen. Das gilt auch für die Männer, die bei Pins den „Rat der Weisen“ bilden. Der eine trägt die Zipfelmütze eines verschlafenen deutschen Michels zum Richterornat. Ein anderer hat eine Papiermütze auf dem Kopf. Insbesondere die beiden Bärtigen kommen den Stereotypen sehr nahe, die bis heute über Juden verbreitet werden.

Doch Pins schuf obendrein aus einem Bügelbrett als Druckstock einen stehenden weiblichen Akt, der durch Dreidimensionalität und Volumen besticht – und das mit den Mitteln eines Holzschnitts! Außerdem verantwortet Pins auch Buchillustrationen, so für den israelischen Schriftsteller Amos Oz und seine zwei Novellen zu den Kreuzzügen und der späten Liebe.

 

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Wie bereits obe angedeutet, verfremdet Pins das Religiöse. Die Kreuzigungsszene zeigt in einem Ölgemälde nicht den Gemarteten, sondern einen Harlekin mit Spitzmütze, der an einem Kreuz hängt. Der Prophet von Pins ist eher ein Mahnender als denn eine biblische Figur. Auch beeindruckende Porträts wie „Der Rotschopf“ sind dem deutsch-israelischen Künstler zu verdanken. Dabei lässt er immer wieder auch das Material, sprich die Maserung des Holzstocks, in den Drucken durchscheinen. Man betrachte mal die toten Haare der Porträtierten. Neben einem in Öl geschaffenen Selbstbild – Rotwein genießend und als Bohemien erscheinend – sehen wir in der Ausstellung auch das Selbstbildnis des Künstlers beim Arbeiten. Sehr auffalend sind der feuerrote Pullover und die schwarzrandige Brille.

Abschließend sei noch auf die Werke hingewiesen, die auf das Purim-Fest anspielen, ob nun der liegende Harlekin, der zu tief ins Glas geschaut hat, oder das verkleidete Paar, das augenscheinlich dem Wein zu sehr zugesprochen hat.

Trotz der suboptimalen Raumsituation im ehemaligen Adelshof – man wünschte sich eigentlich einen White Cube ohne lästige Reflexionen auf den verglasten Arbeiten – besticht die Präsentation, die sich einem nahezu vergessenen Vertreter des Expressionismus widmet.

© ferdinand dupuis-panther

 

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Liste der Abbildungen 1) Triptychon "Heilige und Narren", Öl auf Leinwand, 1969 - 1971 2) "Gekreuzigter Clown", Öl auf Leinwand, 1961 3) "Prophet", Holzschnitt, 1961 4) "Totentanz", Holzschnitt/Holzstich, 1945 5) "Rotschopf", Farbholzschnitt, 1992 6) Anbetung der Maus, Holzschnitt 7) Selbstbildnis, Ölgemälde 8) Buchillustration Amos Oz: Unto Death Bildrechte ©Jacob Pins Gesellschaft Kunstverein Höxter e.V.

 

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Informationen
http://www.jacob-pins.de/

 

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