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VICTOR TUXHORN - Ein westfälischer Expressionist bis 19.02.2023

Victor Tuxhorn (1892–1964) gehört zur ersten Generation der Künstler:innen des "Westfälischen Expressionismus" und ist eine zentrale Figur der westfälischen Künstlerschaft. Beeinflusst von den Malereien von Vincent van Gogh und Paul Cézanne schuf Tuxhorn ein bedeutendes Werk mit lokalem Bezug zu Ostwestfalen. Er studierte an der Kunstgewerbeschule in Bielefeld bei Ludwig Godewols und gründete 1909 mit Peter August Böckstiegel, Heinz Lewerenz, Erich Lossie, Ernst Sagewka und Max Westhäuser die Künstlervereinigung Rote Erde. Die Künstler verband das Interesse an Darstellungen ihrer Heimat.Erstmalig stellt der Kreis Unna umfassend in einer Retrospektive das Werk Tuxhorns mit vielfältigen Leihgaben aus Privatbesitz aus. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt zusammen mit dem Kunstverein Herford im Daniel-Pöppelmann-Haus und dem Freundeskreis Victor Tuxhorn Bielefeld.

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Boote im Meer, 1953, 60,5 x 73,0 cm, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Es ist das vorletzte Kapitel der aktuellen Ausstellung, Titel „Victor Tuxhorn und die Zeit des Nationalsozialismus“, aber es soll in diesem Beitrag vorangestellt werden. Die Ausstellungsmacher stellen nicht nur Arbeiten Tuxhorns aus der Zeit nach 1933 vor, darunter Radierungen der Sparrenburg und der Oetker-Halle, sondern auch das großformatige Bildnis eines breitbeinig sitzenden Arbeitslosen, der im neusachlichen Stil von Tuxhorn auf die Leinwand gebannt wurde. Zugleich wird von den Ausstellungsmachern die Vita des Künstlers in der Zeit des NS-Staates aufgeblättert. Ja, einige Arbeiten Tuxhorns wurden als entartet eingestuft und aus dem Blick der Öffentlichkeit entfernt. Zugleich muss man aber auch konstatieren, dass der Künstler 1937 in die NSDAP eintrat. War er einfach Opportunist, wie viele Zeitgenossen von ihm? War er von der „Blut-und-Boden-Ideologie“ überzeugt? Hatte er Vorteile von der Parteimitgliedschaft? All dies wird wohl mitgespielt haben, auch die Frage von seiner Kunst leben zu können. In seinen Werken finden sich keine Hitlerporträts, keine Gemälde von Aufmärschen der SA oder SS, keine skulpturalen Arbeiten von arischen Herrenmenschen.

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Bildnis eines Arbeitslosen, 1931, Öl auf Leinwand, 150 × 119 cm, Sammlung Bunte

Und das unterscheidet Tuxhorn von Breker und anderen sogenannten Gottbegnadeten, die sich mit ihrer Kunst als willige Helfershelfer der „braunen Herren“ verdingten und auch nach 1945 nicht etwa in Ungnade fielen, sondern Karriere machten. Dem DHM in Berlin ist es zu verdanken, dass dieses Kapitel deutscher Kunstgeschichte unlängst aufgearbeitet wurde. „Die auf der Liste verzeichneten 114 Bildhauer und Maler galten als „unabkömmlich“ und blieben vom Front- und Arbeitseinsatz verschont. Nachkriegskarrieren „gottbegnadeter“ Künstler wie Willy Meller, Adolf Wamper, Richard Scheibe, Arno Breker, Hermann Kaspar, Werner Peiner, Rudolf Hermann Eisenmenger oder Paul Mathias Padua konterkarieren das Bild des kunstpolitischen Neuanfangs nach 1945. In der Ausstellung werden ihre Karrieren in der Bundesrepublik und in Österreich, ihre Netzwerke, die Wahl der Bildthemen und die Rezeption der Arbeiten gleichermaßen betrachtet.“ So liest man es zur Ausstellung. Insoweit ist Tuxhorn ja eher einer von vielen, die nicht Widerstand geleistet haben, sondern sich entweder angepasst oder wie Otto Dix in die sogenannte innere Migration gingen. Letzterer hat sich übrigens in altmeisterlich gemalte Landschaften geflüchtet.

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Die Sehnsucht (Erna), um 1920, Öl auf Leinwand, 105 x 67 cm, Privatbesitz

Angesichts von Aussagen Brekers, dass die Kunst unschuldig sei – eine Rechtfertigung für sein Handeln – sollte man über Tuxhorn wegen seiner Parteimitgliedschaft nicht den Stab brechen. Die Besucher der Ausstellungen sind aufgefordert sich zum Thema zu äußern und ihre niedergeschriebene Meinung in einer entsprechenden Box zu hinterlassen.

Doch nun zum Beginn der Ausstellung, deren elf Themenblöcke von kurzen Erläuterungen begleitet werden. Statt Saaltexte zu verwenden, hat man sich für eine Art „Handzettel“ entschieden, zweisprachig übrigens! Wer die sehr sehenswerte, dynamisch gestaltete Ausstellung in Kabinett ähnlichen Räumen besucht, wird feststellen, dass Tuxhorn vor allem Kleinformatiges hinterlassen hat, nicht nur Holz- und Linolschnitte, sondern auch Radierungen. Neben zahlreichen Ölgemälden sind wenige Aquarelle Bestandteil der Ausstellung.

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Eistänzer, 1919, Linolschnitt, 16 x 12,2 cm, Sammlung Bunte

Aufgemacht wird mit Holzschnitten, in denen der westfälische Künstler religiöse Motive, aber auch Tierdarstellungen eingefangen hat. Unter anderem steht der Besucher vor einem fauchenden dahinschleichenden Tiger, aber auch vor einem Elefanten, der auf der Stelle tritt. Zugleich sehen wir gegenüber den Tierdarstellungen drei Eistänzer, von denen einer Pirouetten dreht und gleichsam mit der Eisfläche verschmilzt. „Der Ruderer“ rudert allerdings nicht, sondern stakt seinen flachen Kahn übers Wasser. Beim Anblick des Kahns muss man an das Fischerstechen in Ulm denken, der mit solchen Kähnen ausgetragen wird. Schließlich stehen wir einem rauchenden Barbesucher gegenüber, der sich auf seinen Schirm stützt. Neben sich hat er ein Sektglas abgestellt. Ist Happy Hour?

Zu den religiösen Darstellung gehören nicht allein Porträts eines in sich gekehrten, gealterten Jesus, sondern auch die Szene mit dem 12-Jährigen im Tempel. Dozierend und mit erhobenem Zeigefinger steht Jesus inmitten einer Schar alter Männer, die ihm gebannt lauschen.

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Jungfrauen, 1920, Holzschnitt, 23,9 × 23,9 cm, Sammlung Bunte

Weiter geht es mit dem Frühwerk des westfälischen Expressionisten, darunter „Holzschlag im Bauernwald“: Der Hintergrund zeigt einen rosa-bläulich verfärbten Himmel, im expressiven Duktus gemalt. Zudem sehen wir das auf Aufladen eines Stammes auf einen Wagen. Die Bäume schillern in Gräulich-bläulich, aber auch in erdigem Braun. Nein, gefühlte schrille Farben wie bei Ernst Ludwig Kirchners Landschaften entdecken wir nicht. Dass Tuxhorn durchaus gleiche Motive in unterschiedlichen Techniken auszuführen verstand, sehen wir anhand von „Wagen auf der Welle“. Einmal ist es ein Farbholzschnitt, das andere Mal ein kolorierter Holzschnitt!

Zahlreich sind auch die Porträts in der Schau, ein Thema, dem außerdem ein eigener Raum gewidmet ist. Schon in sehr jungen Jahren porträtierte sich Tuxhorn als sehr viel älteren Mann, so mit gerade mal 20 Jahren, als „Junger Mann“ geschaffen wurde. Gezeigt wird zudem ein Selbstbildnis von 1910, in grau-grünlichem Jackett und mit Scheitelkreis. Man sieht aber auch Skizzenhaftes in Öl, so „Vier Frauen auf einer Wiese“ (1911).

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Erna am Klavier, um 1920, Öl auf Leinwand, 77 x 58 cm, Privatbesitz

Dass Tuxhorn auch in Linolschnitt Werke geschaffen hat, ist für einen Künstler des 20. Jahrhunderts eher eine Seltenheit. In diesem Kontext ist auf „Mühle in Altenhagen“ (1915) hinzuweisen. Auch das eine oder andere Stillleben kann der Besucher bei seinem Rundgang entdecken. Das „Apfelstillleben“ hat allerdings nichts von der Brillanz ähnlicher Stillleben Cézannes, auch wenn Tuxhorn sich mit Lichtflecken auf den Äpfeln um eine ausgereifte Darstellung bemüht hat. Bei Cézanne möchte man gleich in die Äpfel beißen, bei Tuxhorn eher weniger. Sie erscheinen doch skulptiert, leblos, trotz aller Farbigkeit und Lichtflecken

Zu den Arbeiten, die vor und während des Ersten Weltkriegs entstanden, gehört eine Ansicht von Colmar, aber auch eine Lithografie von „Badenden“. Übrigens, nicht allein die Mitglieder der Brücke genossen das Nacktbaden in den Moritzburger Seen. Allgemein war Nacktbaden angesagt, wie man dem Werk Tuxhorns entnehmen kann. Freikörperkultur schien das Gebot der Stunde. Eine Bleistiftzeichnung ist dem Berichterstatter aufgefallen: „Bielefelder Straßenszene mit Beflaggung“. Den Ersten Weltkrieg reflektierte Tuxhorn mit dem sehr kleinformatigen Holzschnitt „Handgranatenwerfer“. Drei Soldaten sind zu sehen, die die Granate in der Hand halten. Im Hintergrund sieht man die Explosionen der tödlichen Waffen und auch ein Opfer hat Tuxhorn in seine Arbeit integriert.

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Lüneburg (St. Johannis), um 1920, Öl auf Leinwand, 80 × 59,5 cm,
Sammlung Bunte

Tuxhorn gehörte mit anderen Künstlern, darunter auch Peter August Böckstiegel zur Gruppe „Rote Erde“, der in der Ausstellung ein eigenes Kapitel gewidmet ist: In feurigen Herbstfarben erstrahlt die „Kastanienallee in Höxter“, eine Arbeit von Ernst Sagewka. Gegenübergestellt wurden Porträts von Tuxhorn und Heinz Lewerenz, die einen alten Mann mit Kappe auf dem Haupt und langem Bart zeigen. Zu sehen ist „H. v. Behlendorff“, einmal als Gouache und einmal als Radierung. Sehr ausdruckstark ist der Holzschnitt „Klage de Frauen“ von Böckstiegel, entstanden 1919. Sind es die Kriegerwitwen, die da ihren Kummer zum Ausdruck bringen?

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Dornenhaus in Ahrenshoop, 1927, Öl auf Leinwand, 69 x 88 cm, Privatbesitz

Recht zahlreich sind die Arbeiten, die Tuxhorn von seiner Muse, seiner Geliebten und seinem Model Erna geschaffen hat, auch Momente, die sie am Klavier sitzend zeigen. Zugleich sehen wir einige Akte, so in Aquarell gemalt eine Liegende und ein liegendes nacktes Paar. Zu den „Expressionistischen Reisebildern“ gehören Ansichten aus Lüneburg mit St. Johannis. Das Ölgemälde von St. Johannis lässt wegen der Farbwahl an Heckel und Schmidt-Rottluff denken. Zugleich hat Tuxhorn auch einen Holzschnitt und eine Radierung dieses markanten Lüneburger Kirchenbaus angefertigt. Sehr dynamisch gestaltet sind die zwei Segelboote, deren Segel vom Wind aufgeblasen sind und die über die kabbeligen Wellen gleiten – und das alles in der Technik eines Holzschnitts.

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Stillleben mit Krügen und Äpfeln, 1922, 58,0 x 67,8 cm, Öl auf Leinwand, Privatsammlung

Bielefelder Ansichten sind obendrein zu sehen, aber auch norddeutsche Landschaften mit Bauernhäusern sowie eine Küstenlandschaft mit Kornstiegen, eine Arbeit, die bei einem Ostseeurlaub entstanden sein könnte. Besonders beeindruckend sind zwei Arbeiten in Öl, die das Dornenhaus in Ahrenshoop mit unterschiedlichen Stimmungen zeigen. Das lang gestreckte, mit Reet bedeckte Haus scheint sich in die Landschaft zu ducken. Über dem Reetdach lehnen die vom Wind gepeitschten Laubdächer knorrig-stämmiger Bäume, von denen der eine oder andere wie ein Korkenzieher gewunden ist. Es gibt eine sommerliche Ansicht bei Himmelsblau und mit goldgelbem Feld zu sehen. Zudem aber hat Tuxhorn auch eine Gewitterstimmung mit grau verhangenem Himmel eingefangen. Da scheint der Himmel die Landschaft zu küssen! Abgeschlossen wird die Ausstellung mit dem Spätwerk des Künstlers. Dabei ist unter anderem ein Selbstbildnis des gealterten Tuxhorn zu sehen.

© ferdinand dupuis-panther, 2022

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Stillleben mit Eichhörnchen, 1912, Öl auf Leinwand, 39,5 x 31,5 cm, Privatbesitz

Info
museum-haus-opherdicke.de

 

 

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