Künstlerkolonie Schwaan und ihre Sonderausstellung 2021

Text und Fotos: Helga Schnehagen

 

Schwaan, Kunstmuseum in der ehemaligen Wassermühle

In der ehemaligen Wassermühle hat das Kunstmuseum seine Räumlichkeiten

Seit knapp zwanzig Jahren beherbergt die ehemalige um 1790 erbaute Wassermühle von Schwaan ein modern eingerichtetes Kunstmuseum. Im Schatten von Mecklenburg-Vorpommerns Staatlichen und Rostocks Städtischen Kunstsammlungen zieht das Städtische Kunstmuseum der 5000-Seelen-Gemeinde rund 20 Kilometer südlich von Rostock überregional eher selten die Aufmerksamkeit auf sich. Seine Dauerausstellung widmet sich in erster Linie den Malern der Schwaaner Künstlerkolonie, seine Sonder-Ausstellungen vor allem Landschaftsmalern aus ihrer Zeit.

Schwaan, Kunstmuseum, Dauerausstellung, Franz Bunke, Stadt Schwaan

Stadt Schwaan, Franz Bunke, Dauerausstellung Kunstmuseum Schwaan

Das sollte sich mit der Sonderausstellung „Alfred Heinsohn – Maler der Moderne“ (15. August bis 28. November 2021) ändern. Die Schau basiert auf einem ambitionierten Forschungs- und Kooperationsprojekt zwischen dem Kunstmuseum Schwaan und dem Staatlichen Museum Schwerin. Dabei gibt der dabei entstandene Katalog als Werkverzeichnis von 150 Gemälden und 150 Zeichnungen und Aquarallen erstmals einen Überblick über das Gesamtwerk des Künstlers.

Schwaan, Kunstmuseum, Blick in einen Teil der Dauerausstellung

Blick in einen Teil der Dauerausstellung im Kunstmuseum

Die Entstehung der Freilichtmalerei hatte die Sicht auf die Landschaft in ganz Europa verändert. Vom Hintergrund avancierte sie zum eigenen Sujet und fand ihren Ausdruck nicht nur im Naturalismus, sondern immer öfter auch im Impressionismus. Überall reisten die Maler aufs Land, um vor Ort ihre Motive zu finden. Bis heute bezaubern ihre Landschaftsgemälde. Gerade die Schwaaner Arbeiten regen unwillkürlich dazu an, Norddeutschland mit wacheren Augen wahrzunehmen. Viele Motive kann man in seinen Wiesen, Feldern und Wäldern wiederfinden und sich nicht zuletzt - wie die Maler von einst - in sie verlieben.

Schwaan, Kunstmuseum, Dauerausstellung, Richard Starcke, Bildnis Franz Bunke

Bildnis Franz Bunke, Richard Starcke

Begründer der vor rund 130 Jahren entstandenen und bis zum Ersten Weltkrieg blühenden Künstlerkolonie war der gebürtige Schwaaner Franz Bunke (1857-1939). Ab 1886 war er Lehrer für Landschaftsmalerei an der Großherzoglichen Kunstschule Weimar und brachte im Sommer regelmäßig Schüler mit in seine Heimatstadt. Unter ihnen war auch Alfred Heinsohn. 1875 in Hamburg geboren, ließ sich dieser in Schwaan sogar ein Haus an der Warnow bauen.

Die durch einen Aufruf jetzt neu entdeckten Arbeiten erlauben es, Heinsohns künstlerische Entwicklung von der regionalen Verwurzelung in Mecklenburg-Vorpommern in den europäischen Kontext erstmalig intensiv zu beleuchten: von der Gestaltung geschauter Natur zur Abstraktion, von der Darstellung des Raumes zur Fläche, von der malerischen Umsetzung zur zeichenhaften Formulierung. Denn wie bei keinem anderen Schwaaner Maler unterlag Heinsohns Schaffen im Umfeld von Expressionismus, Futurismus und Kubismus gravierenden Veränderungen.

Schwaan, Kunstmuseum, Sonderausstellung, Peter Paul Draewing, Porträt Alfred Heinsohn

Porträt Alfred Heinsohn, Peter Paul Draewing

„Hätten wir und die Schweriner uns nicht Heinsohn gewidmet, wäre er in zehn Jahren weg gewesen. Wir haben vieles vor der Mülltonne gerettet“, so Heiko Brunner, Leiter des Schwaaner Kunstmuseums. Mit der wissenschaftlichen Anerkennung als bedeutender Vertreter der Moderne dürfte nicht nur sein Bekanntheitsgrad, sondern auch sein Wert gestiegen sein.

Diese Wertschätzung war Heinsohn zu Lebzeiten nicht vergönnt. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er nach Hamburg zurück, wo er sich vereinsamt und verarmt am 12. November 1927 das Leben nahm. Immer noch künstlerisch ambitioniert, hatte er sich nach dem Ersten Weltkrieg den neusten Strömungen zugewandt und diese sehr persönlich interpretiert. Gerade seine um 1920 entstandenen Bilder dürften mit zum Wertvollsten seines Erbes zählen.

Schwaan, Kunstmuseum, Sonderausstellung, Alfred Heinsohn, rennender Wald

Brennender Wald, Alfred Heinsohn

Vor dem Hintergrund der weltweit großen Waldbrände von erschreckender Aktualität ist Heinsohns vor hundert Jahren entstandener „Brennender Wald“. Noch dem Spätimpressionismus verhaftet, zieht das farbenfrohe Ölgemälde, das seinen Weg aus Privatbesitz in die Ausstellung gefunden hat, den Betrachter sogartig in seinen Bann.

Schwaan, Kunstmuseum, Sonderausstellung, Alfred Heinsohn, Rinder und Schafe in Rückansicht

Rinder und Schafe in Rückansicht, Alfred Heinsohn

Ins Auge fallen auch die etwa gleichzeitig und in gleicher Größe (rund 70 mal 100 Zentimeter) geschaffenen Bilder „Kühe“ und „Rinder und Schafe in Rückansicht“ der Kunstsammlungen Schwerin. In ihrer expressionistischen Vereinfachung reizt Heinsohn die Abkehr von der Wirklichkeit weiter aus und macht damit einen Riesenschritt in die Moderne. In Verbindung mit den Motiven, hier Rindviecher, die sich tumb Auge in Auge gegenüberstehen, dort zwei Herden, die sich brav durch die Stadt treiben lassen, wird man über die Betrachtung hinaus – nicht ohne leichtes Schmunzeln – zu eigenen Interpretationen angeregt.

Schwaan, Kunstmuseum, Sonderausstellung, Alfred Heinsohn, Steinstraße in Hamburg

Steinstraße in Hamburg, Alfred Heinsohn

Zurück in Hamburg, widmet sich Heinsohn der Stadtlandschaft. Mit großem Interesse hält er den Wandel in seiner Heimatstadt mit dem Pinsel fest, die neuen Geschäftsstraßen und weiträumigen Plätze, den prosperierenden Hafen, aber auch die alten Gassen. Wenn sich dabei die Konturen der Gebäude in Licht auflösen, „markieren (diese Gemälde der 1920er Jahre) den Höhepunkt in der Malerei von Alfred Heinsohn im Sujet Stadtlandschaften“, so das Besucherheft.

Schwaan, Kunstmuseum, Sonderausstellung, Alfred Heinsohn, Mönckebergstraße

Mönckebergstraße, Alfred Heinsohn

Neu entdeckt wurden im Zuge der Ausstellung 21 Gemälde und 48 Aquarelle im Kleinstformat. Ölbilder und Aquarelle, deren kleinstes nur 5 x 4 Zentimeter misst: Skizzen von hoher Qualität und eigenem künstlerischem Reiz, „der bei Zeitgenossen von Heinsohn so nicht zu finden ist“, so das Besucherheft.

Die Orte, wo die Schwaaner Maler einst ihre Staffelei aufgestellt hatten, kann man noch heute entdecken und mit ihren Werken vergleichen. Dabei ist die Übereinstimmung auch nach hundert Jahren oft noch verblüffend. An manchen Plätzen scheint Schwaan in einen Dornröschenschlaf verfallen gewesen zu sein.

Schwaan, Künstlerpfad, Ansicht von Schwaan mit Warnowbrücke heute und Gemälde von Peter Paul Draewing

Ansicht von Schwaan mit Warnowbrücke heute und Gemälde von Peter Paul Draewing

Ein Faltblatt, das in der im Kunstmuseum untergebrachten Touristinformation kostenlos ausliegt, weist den Weg zu den Originalschauplätzen. Inzwischen kann man auch einen QR-Code einscannen: www.kunstmuseum-schwaan.de/kunstpfade-in-schwaan/.

Schwaan, Kunstmuseum, Dauerausstellung, Franz Bunke, Landschaft mit Friedhof

Landschaft mit Friedhof, Franz Bunke

Im Vergleich besonders verblüfft Franz Bunkes „Landschaft mit Friedhof“. Denn auf den ersten Blick hat sich die Anlage bis heute fast gar nicht verändert und das, obwohl es sich noch dazu um einen jüdischen Friedhof handelt, der allen Zerstörungen entgangen zu sein scheint. Dabei liegt der Gottesacker wie aus der Zeit gefallen immer noch idyllisch unter Bäumen trotz seiner Lage am Rand einer späteren Mietshaussiedlung. Man muss schon etwas suchen, um ihn zu finden – und dieses „Versteck“ hat ihn vielleicht bewahrt.

Schwaan, Künstlerpfad, Landschaft mit (jüdischem Friedhof) heute

Landschaft mit (jüdischem Friedhof) heute auf dem Künstlerpfad in Schwaan

 

Informationen

Alfred Heinsohn – Maler der Moderne
Ausstellung bis 28. November 2021
Kunstmuseum Schwaan
Mühlenstraße 12
18258 Schwaan
Di-So/Frei 11-17 Uhr.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Suchen bei schwarzaufweiss


Das könnte Sie auch interessieren


Reiseveranstalter Deutschland bei schwarzaufweiss

 

Reiseführer Berlin

Wer heute ein wenig Berliner Luft schnuppern möchte, den laden wir zu einer Reise an Spree und Havel ein. Eine prima Gelegenheit, sich wesentliche Teile der Stadt an einem Tag anzuschauen, ist die Fahrt mit den Bussen 100 und/oder 200. Ausgehend vom Alexanderplatz kommt man unterwegs am Berliner Dom und der Museumsinsel vorbei, am Deutschen Historischen Museum, der Neuen Wache, dem Brandenburger Tor und dem Reichstag, an der „Schwangeren Auster“ und am Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten.

Reiseführer Berlin

Mehr lesen ...

Bayerwald: Ein Baumwipfelpfad als Besuchermagnet

Nein, keine Angst, der Pfad schwankt nicht. Dennoch greifen viele Besucher des längsten Baumwipfelpfads der Welt unwillkürlich ans Geländer. Sie haben den Eindruck, der Holzweg, der an dieser Stelle auf 18 Metern Höhe unterhalb der Baumwipfel entlang führt, bewegt sich hin und her. Dabei ist es nur der wenige Zentimeter vom Geländer des Pfads entfernte Schubsbaum, den ein Baumwipfelpfad-Führer mit einer Hand zum Schwingen gebracht hat.

Bayerwald - Baumwipfelpfad

Mehr lesen ...



Auf zwei Rädern rund um Rügen

52 km lang und 41 km breit, darauf verteilt 926 Quadratkilometer Landschaft, das ist sie, Rügen, die größte Insel Deutschlands. Nicht wenige Touristen bezeichnen sie gleichzeitig auch als die schönste Insel des Landes. Ihre Vielfalt ist einmalig.

Rügen per Rad

Mehr lesen ...

Hotspot HafenCity. Hamburgs neuer Stadtteil

Direkt an der Elbe, mitten in Hamburg, nimmt seit 2003 das größte innerstädtische Bauprojekt Europas Gestalt an – die HafenCity. Mit 155 Hektar ist Hamburgs jüngster Stadtteil mit seinen zehn Quartieren fast 14 Mal so groß wie der Potsdamer Platz in Berlin. Voller Leben und Flair sind bereits Sandtorkai und Dahlmannkai im Westen der HafenCity – die östlichen Bereiche der HafenCity mit dem Überseequartier sollen sukzessive bis 2025 fertig gestellt werden.

Hamburg Hafencity

Mehr lesen ...