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Lüdinghausen
Burg Vischering

Hermann Nitsch – Schüttbilder
bis 26.9.2021

Mit dem österreichischen Maler und Aktionskünstler Hermann Nitsch präsentiert das Museum Burg Vischering im Rahmen des Münsterland-Festivals einen internationalen Ausnahmekünstler, dessen Werke in allen bedeutenden öffentlichen wie privaten Sammlungen auf der ganzen Welt vertreten sind. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die „Schüttbilder“, bei denen Nitsch die Farbe aus seinem Behältnis mittels Rinnens, Schüttens und Schmierens in impulsiven Bewegungen direkt auf den Bildträger gibt. Dabei folgt auch im hohen Alter sein ganzer Körper dem Rhythmus seiner Bewegungen, der Impulsivität von Gefühlseruptionen, wobei der Malprozess im Vordergrund steht, dem Zufall Tür und Tor geöffnet werden.

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Schüttbild 2012 Acryl auf Leinwand 200x300cm ©VG-Bildkunst,
Bonn 2021


Warum als Prolog zum diesjährigen Münsterland Festival die Wahl gerade auf den durchaus umstrittenen Hermann Nitsch gefallen ist, ist nicht nachvollziehbar. Nitsch war, lange ist es her, mit Günter Brus, Otto Muehl, und Rudolf Schwarzkogler ein Vertreter des Wiener Aktionismus, dessen Vertreter mit Happenings vor allem in den späten 1960er und in den 1970er Jahren für großes Aufsehen gesorgt haben. Blut und Tiergedärme waren die Materialien, mit denen Nitsch anfänglich arbeitete. Drei Gefängnisaufenthalte brachte dies Nitsch ein. Warum fiel die Wahl für eine Begleitausstellung zum Festival nicht auf Erwin Wurm oder Arnulf Rainer? Wollte man mit Nitsch gedanklich an die Aktion Kunst und Revolution vom 7. Juni 1968, kurz Uni-Ferkelei genannt, erinnern, und so Besucher anlocken?

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Schüttbild mit Malerhemd 2017 Acryl auf Leinwand 200x300cm
©VG-Bildkunst, Bonn 2021

Um es gleich vorweg zu nehmen, die sogenannten Schüttbilder beziehen sich nur im formalen Ausdruck auf das genannte und andere Happenings, in denen Tierblut floss. Orgiastische Formen hatten diese Aktionen wohl, provokativ sollten sie sein und Hinweis auf die neurotischen Verkrustungen der Gesellschaft geben, die es abzuschütteln galt. Entsprechend äußert sich Nitsch auch in einem Film, der während der Ausstellung zu sehen ist und im Kern eine weitgehend nicht hinterfragte Selbstdarstellung des Künstlers beinhaltet. Zudem fehlt es in den Saaltexten auch an einer kritischen Bewertung des sogenannten Wiener Aktionismus. Dazu hätte auch ein Blick auf den Zeitgeist der 1960er Jahre gehört. Welche Irrungen und Wirrungen diese Kunstform, wenn es denn eine war, auch beinhaltete, wird an der Person von Otto Muehl deutlich. Gewiss der wegen Kindesmissbrauch und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilte Gründer der sich auf Wilhelm Reich beziehenden Kommune AAO ist nicht unmittelbarer Gegenstand der Ausstellung. Er hätte aber im Kontext einer kritischen Beleuchtung des Wiener Aktionismus und der Arbeiten von Nitsch durchaus erwähnt werden müssen, hätte man wirklich ernsthaft eine Aufarbeitung von Nitschs Kunstbegriff und Happenings beabsichtigt. So geht die Ausstellung über dieses Kapitel der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts schlicht hinweg.

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Schüttbild 2015 Acryl auf Leinwand1 200x150cm ©VG-Bildkunst,
Bonn 2021

Auch Nitschs Bezugnahme auf Wagner und Kandinsky wird in der Schau nur in einem Halbsatz erwähnt, findet aber keine Vertiefung. Was ist das Faszinosum an Wagner für Nitsch? Dessen Germanenkult? Dessen Antisemitismus? Wenn man Nitsch in anderem Zusammenhang in einer ARTE-Aufzeichnung erlebt, kann man sich das nicht vorstellen. Und was bedeutet Kandinsky mit seiner figurativ-abstrakten Bildsprache für Nitsch? Auch dazu hätte man sich Antworten erhofft, mal abgesehen von den Querverbindungen zwischen dem Informel und Nitsch.

 

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Schüttbild 2020 Acryl auf Leinwand 200x300cm ©VG-Bildkunst,
Bonn 2021


Die aus dem Prinzip Zufall entstammenden sogenannten Schüttbilder haben nichts gemein mit den Arbeiten von Götz, Schumacher oder Tàpies, außer dem Gestischen. Während die Vertreter des Informel doch gezielt und bestimmt den Malgrund füllten, mal mit ausladendem Quast, mal mit beinahe reliefiertem Farbauftrag, kann Nitsch den Prozess der Schüttung nur bedingt steuern, indem er nachträglich mit seinen Fingern die triefenden und zerlaufenden Farbbahnen verschmiert und verdichtet. Wie die in einigen Werken zumeist roten, ädrigen Farbspuren verlaufen, ist eher dem Zufall überlassen. Und so fragt man sich, was uns Nitsch eigentlich mit seinen Gemälden sagen will. Geht es ihm nur um das Prozessuale, in das er hier und da eingreift, gleichsam wie ein Berserker die Farben verschmiert, in denen er im wahrsten Sinne des Wortes seine Finger im Spiel hat?

 

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Schüttbild 2020 Acryl auf Leinwand 200x150cm ©VG-Bildkunst,
Bonn 2021


Auf Schloss Prinzendorf in Niederösterreich entstanden die gezeigten Arbeiten. Diesen Ort des künstlerischen Schaffens hatte Nitsch in den 1970er Jahren erworben und danach restauriert. Nitsch, Sohn einer Kriegerwitwe und Jahrgang 1938, hat den Krieg und die Bombennächte als Kind erlebt, hat Todesängste ausgestanden, wie er in einem oben genannten Interview sagt. Surreal sei die Welt gewesen, sobald man aus den Luftschutzkellern kam. Ein Kriegstrauma habe er durchaus, aber auch einen unbändigen Willen zum Leben. Blut als Symbol des Lebens? Oder auch den Tod symbolisierend? Das sind Fragen, die sich auftun.


Der Blick des Besuchers fällt auf eine Lithografie in Rotschattierungen und fließenden Linien, die wie ein Blutbahngeäst erscheinen und Teil eines Mappenwerk zu einem Mysterien-Theater sind. Teilweise erinnert die Lithografie an die linearen Drippings von Jackson Pollock, oder? 2009 entstand das Schüttbild mit Malerhemd, das auf eine Art Bügel gespannt und an den linken Bildrand gerückt ist. „Blut“ verspritzt erscheinen die Achseln des Hemdes und dessen Seiten. Nein, Blut sehen wir nicht, es wurde durch rote Acrylfarbe ersetzt. Rote „Blutspritzer“ verteilen sich über die übrige Leinwand. Das Gemälde erscheint wie das Abbild eines Tatorts, bevor der Tatortreiniger ans Werk gegangen ist, oder? In Gelb-Orange getaucht ist eine weitere Arbeit, die jüngst entstanden ist. Das Gemälde gleicht einer Sonnenexplosion. Dicht aufgetragen wurde die Farbe.

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Schüttbild 2009 Acryl auf Leinwand 200x300cm ©VG-Bildkunst, Bonn 2021

Farbschläge in Tiefrot hingegen entdeckt man auf einem Schüttbild von 2017. Aufgerissen ist die Farbfläche durch einen zerfließenden gelben Farbfleck. Dieser erscheint wie der Blick in das verfremdete Auge eines Taifuns oder Malstroms. In Grün gegründet wurde eine weitere Arbeit, die vor sechs Jahren entstanden ist. Auch hier ist das Format umfassende Malgrün von einem fedrigen roten Farbauftrag durchbrochen. Doch mit diesem wie auch anderen zuvor genannten Gemälden wird ersichtlich, dass sich Nitsch nicht allein auf Blutrot als bevorzugte Malfarbe konzentriert. Das Schwelgen in Farben ist jedoch während des Rundgangs aufgrund der ausgestellten Arbeiten ins Auge springend. Aber was ist dort zu sehen? Ein Schüttbild in Schwarz! Dabei hat der Künstler auch in dieser Arbeit Bewegung und Gestik eingefangen. Dass Blut sich in Berührung mit Sauerstoff farblich ändert, ist Nitsch durchaus bewusst, so sehen wir außerdem Arbeiten, die in Brauntöne getaucht sind.

Wie bereits oben angerissen, bleiben angesichts der Art der Werkpräsentation Fragezeichen, die auch durch den Begleitfilm nicht gelöst werden. Wer eh in Lüdinghausen auf einer lohnenswerten Burgentour unterwegs ist, der sollte sich die Ausstellung anschauen, die dem Spätwerk des unterdessen über 80-jährigen Nitsch gewidmet ist.

© ferdinand dupuis-panther/a.panther


Informationen
https://burg-vischering.de/besucherinfos/


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