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Ausstellungsorte in Krefeld: Kunstmuseen Krefeld

Oberhausen
Peter Behrens Bau


Aufbruch in neue Zeiten Ausstellung -
Fotografie in der Weimarer Republik
bis 29. Mai 2022

Die Sonderausstellung "Fotografie in der Weimarer Republik" ist eine Übernahme aus dem LVR-LandesMuseum Bonn. In rund 350 Fotografien wirft die Ausstellung einen Blick auf diese turbulente Zeit. Originalfotografien, ergänzt durch Bücher, Zeitschriften, Zeitungen und Postkarten sind in der Ausstellung in zehn Themen-Räumen zu entdecken: Revolution und Republik / Tanz und Mode/ Das Ringen um die Republik/ Technik und Architektur/ Glanz und Elend / Neue Sachlichkeit und Neues Sehen/ Arbeiterfotografie und Fotografierte Arbeit / Bauhaus und Surrealismus Dada/ Sport / Porträt. Die Ausstellung ist als Rundgang aufgebaut. Begriffe, Ereignisse und Personen, die in den Ausstellungstexten mit einem Stern* gekennzeichnet sind, werden im Begleitheft, welches in der Ausstellung kostenlos zur Verfügung steht, ausführlicher erläutert.

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Martin Munkacsi Der kategorische Imperativ, um 1929 Sammlung F.C. Gundlach
© The Martin Munkacsi Estate

Die Ausstellung war zuvor im LVR-Museum in Bonn zu sehen. In deren Kontext entstand auch das Begleitheft zur Ausstellung, gleichsam ein Glossar als Ergänzung der üppigen Präsentation des visuellen Materials. Man kann dieses Begleitheft auch als „Lesebuch“ begreifen, in dem von A bis Z Spotlights auf die wohl in der deutschen Geschichte einmalige Zeit der Gegensätze geworfen werden. Was sind Armenküchen? Was verbirgt sich hinter AVUS? Welche Bedeutung hat das Deutsche Eck? Wer war Gerhard Fieseler? Welche Bedeutung hatte Kurt Eisner in der Weimarer Zeit? Was versteht man unter Neues Sehen? Welche Rolle spielte Karl Liebknecht nach dem I. WK? Was verbirgt sich hinter dem Kürzel USPD? Oder: Wer war Clara Zetkin? Das sind nur einige Themen, die im Begleitheft kurz erläutert werden und die Saaltexte und Bildbeschreibungen sinnreich ergänzen.

Thematisch strukturiert ist die sehr sehenswerte Ausstellung, die mit dem Thema „Revolution und Republik“ aufmacht und mit dem Thema „Sport“ endet. Vom Slowfox bis zum Grotesktanz, das Ringen um die Republik, Arbeiterfotografie, Bauhaus, Architektur und Technik sowie Glanz und Elend sind weitere Themen aus dem Kanon von 14 Themenblöcken, die durch farbliche Bänder im Sinne der Farblehre des Bauhausmeisters Josef Itten von einander getrennt präsentiert werden. Das Das Politische und das Gesellschaftliche mischen sich mit dem Privaten – vor allem im Abschnitt Porträt. Die neue Rolle der Frau wird ebenso beleuchtet wie auch der Alltag der Arbeiter, die in der Arbeiterfotografie ihr Medium fanden. Übrigens sind nicht nur Schwarz-Weiß-Fotografien, unter anderem aus dem Ullstein-Bildarchiv und der Sammlung F.C. Gundlach zu sehen, sondern auch zahlreiche Pressedokumente und Broschüren.

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Hugo Erfurth Otto Dix, 1929 LVR-LandesMuseum Bonn, Public Domain

Aufmacher ist die Aufnahme einer Fotografin, die mit einer riesigen Plattenkamera aus einem Schacht in einer Straße herausschaut. Mit diesem Foto wird schon angedeutet, was die Weimarer Republik auch war, nicht allein das Wagnis Demokratie, das Wagnis des Wiederaufbaus nach einem verlorenen Krieg, die Herausforderung, die sozialen Verwerfungen aufzufangen, sondern auch die Definition einer neuen Rolle der Fotografie, auch im Sinne von Propaganda. Fotografen wurden zu Chronisten des Alltags, nahmen Stellung zum politischen Geschehen und dokumentierten nicht nur den Kapp-Putsch und andere politische Ereignisse. Für Ende und Neuanfang steht m. E. das Bildnis eines heimkehrenden Soldaten mit Gepäck, aber auch das von Wilhelm II., seiner Gattin und dem Grafen von Bentinck in Amerongen. Wird auf diesem heimlich aufgenommenen Foto des abgedankten Monarchen die Depesche studiert, die die Abdankung besiegelt?

Für den Neuanfang stehen auch die Matrosen in Kiel und die Massen, die sich im November 1918 zu einer Kundgebung zusammengefunden haben. Ein Fotograf hat dies in Schwarz-Weiß für uns Nachgeborene festgehalten. Massen von Kriegsgefangenen im Westen, aus einer starken Aufsicht aufgenommen, ist eine andere Facette der Zeit nach dem verlorenen Krieg. Der durch seine Aufnahme von Pflanzenfragmenten bekannt gewordene Karl Otto Bloßfeldt hielt in einem fotografierten Aquarell die Ereignisse am 10.11.1918 in Wilhelmshaven fest. Ein gigantisches Feuerwerk ist auf dem Bildwerk zu sehen. Und auch die deutsche Flotte ließ ein Foto des Riesenfeuerwerks angesichts der Ausrufung der Republik veröffentlichen. Alfred und Eduard Frankl zeigen uns Gouverneur Gustav Noske bei seiner Ansprache vor U-Boot-Mannschaften. Noske, ein sehr konservativer Sozialdemokrat, ließ, so der Bildtext, den Januaraufstand 1919 blutig niederschlagen. In diesem Kontext geschah auch der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht! Letztere ist auf einem Foto zu finden, das ihn bei einer Rede in der Berliner Siegesallee zeigt. Entstanden ist diese Aufnahme am 7.12.1918. Regierungstreue, marschierende Marinesoldaten in der Berliner Wilhelmstraße finden wir auf einem weiteren Foto. Sie waren für den Schutz von Regierungsgebäuden vorgesehen.

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Else Seifert Trompe-l'oil, um 1930 © Else Seifert und Deutsche Fotothek Dresden

Das Porträt

Die Dame von Welt zeigt sich, modisch chic, mit schwarzem Hut und selbstbewusst in die Kamera schauend, vor stark retuschiertem Hintergrund. Suse Byk ist der Name der Fotografin, die die bulgarische Schauspielerin Manja Tzatschewa vor ihre Linse bekam. August Sander, der als fotografischer Chronist des bäuerlichen Lebens des 20. Jahrhunderts gilt, fotografierte eine bäuerliche Braut in den 1920er Jahren. Sommersprossen überziehen das Gesicht der Braut, die einen Blumenkranz im Haar trägt. Eine Dame mit Potthut und Reformkleid – Stangenkorsetts waren nach dem Aufkommen der Lebensreformbewegung verpönt – fotografierte um 1922 der Fotograf Martin Badekow. Lässig hat die Dame eine Hand in die Hüfte gelegt, die andere liegt auf dem Türgriff des Autos, vor dem sie posiert. Auch der avantgardistische Fotokünstler Man Ray ist in der Oberhausener Schau präsent. Er zeigt uns als gedrucktes Negativ ein körperbetontes Abendkleid. Entstanden ist die Aufnahme um 1936. Als Porträtfotograf hatte sich Fritz Eschen nicht nur in der Weimarer Zeit, sondern auch in späteren Jahren einen Namen gemacht. Er hielt Max Liebermann in seinem Atelier am Brandenburger Tor im Bild ebenso fest wie Joachim Ringelnatz vor seiner Porträtbüste, die Renée Sintenis geschaffen hat. Wir begegnen beim Rundgang außerdem den Schauspielerinnen Lotte Lenya und Tilla Durieux. Dabei sehen wir Fotografien aus den späten 1920er Jahren. Der Malerei der Neuen Sachlichkeit eines Christian Schad ähnelt August Sanders Aufnahme einer Sekretärin beim WDR Köln, eine modebewusste, sehr cool wirkende Frau mit eingefrorener Mimik.

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Yva (Else Neuländer-Simon) Strandmode, Berlin um 1932 © Stiftung F.C. Gundlach

Mit Tanz und Mode

beschäftigt sich ein nachfolgender Abschnitt der Ausstellung. Moderner Ausdruckstanz auch der Nackttanz von Josephine Baker stehen im Fokus bei diesem Kapitel. Aber auch das Üben von Charleston durch reife Damen und junge Mädchen ist im Bild zu sehen. Valeska Gert legt sich in einer Momentaufnahme lasziv über die Tasten eines Klaviers. Man Ray hielt den androgynen Sergej Lifar als Romeo in einem Kostüm von Max Ernst für die Nachwelt fest. Vera Mahlke trat in einem knappen Kostüm, einschließlich kurzem Röckchen, im Berliner Wintergarten auf, und Martin Munkasci war mit seiner Kamera zu gegen, um die Luftsprünge der Tänzerin zu fotografieren. Rosy Barsony ließ in ihren Grotesk-Tänzen die Beine fliegen, so als wäre sie eine Can-Can-Tänzerin. Doch das Outfit ließ viel Haut sehen. Das begeisterte die einen, führte zu Protesten bei anderen. „Ich will nicht hübsch und lieblich tanzen.“ - das war das Motto der Tänzerin Gret Palucca, die sich bewusst als Gegengewicht gegen die klassische Ballerina sah und deren „Schwungtanz“ mit den strengen Regeln des Balletts brach. Es ging Palucca um natürliche Bewegungen des Tanzes, fern eines einstudierten Tanzes auf der Fußspitze mit und ohne Drehungen. Charlotte Rudolph verdanken wir die Aufnahme der bekannten Ausdruckstänzerin der Weimarer Zeit, die in Dresden eine bis heute existierende Schule für modernen Tanz schuf.

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Karl Blossfeldt Hyoscyamus niger, vor 1928 © Stiftung F.C. Gundlach

Ringen um die Republik

In diesem Kontext widmet sich die Ausstellung der Besetzung des Ruhrgebiets und der Rheinlands durch französische Truppen in den frühen 1920er Jahren. Unter der Schlagzeile Französisches Heldentum sieht man ein Foto, das einen älteren Herren zeigt, auf den sich ein französischer Soldat mit einem Bajonett zubewegt, so hat es den Anschein. Doch wie endet diese Begegnung? Das verrät das Foto nicht. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte das Foto eines französischen Soldaten nach der oben angesprochenen Besetzung 1923. Unter anderem wurden Gelsenkirchen, Essen, Bochum und Dortmund von französischen und belgischen Einheiten okkupiert, um mittels der besetzten, für die Versorgung lebensnotwendigen Kohlenreviere auf die ausstehenden Reparationszahlungen zu drängen. Nicht nur bei diesem Ereignis waren Fotografen zugegen, sondern auch beim Abzug der Besatzer im Jahr 1929. Das zeigt uns ein Foto mit einer Schar Fotografen auf der Feste Ehrenbreitstein in Koblenz. Mit dem Rücken zum Betrachter stehend sieht man zwei französische Besatzer, die zum Deutschen Eck hinüberschauen.

Die späten 1920er Jahre sind auch die Jahre erbitterter Straßenschlachten zwischen Rotfrontkämpferbund und der Polizei, vor allem aber mit der SA. Und auch das spart die Ausstellung nicht aus. Zu den Nachwirkungen des I. Weltkriegs gehört auch das Denkmal von Ernst Barlach, das an der Hamburger Binnenalster steht und der gefallenen vierzigtausend Söhne der Stadt gedenkt. Doch Heldenverehrung wurde vor allem von deutsch-national und völkisch gesonnenen politischen Kräften gefordert. Derartige Denkmäler zeigten ja sonst nicht eine schlichte Stele, sondern martialisch marschierende Soldaten oder Eichenkranz und Stahlhelm sowie die Namen der Gefallenen, die, so meist der Zusatz, für Kaiser und Vaterland ihr Leben ließen.

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Hans Bresler Werbung für die Ausstellung der Arbeiterfotografen, Freital-Deuben 1929 © Hans Bresler / Deutsche Fotothek

Fotografie als Medium der Propaganda und als „Sprachrohr der Arbeiter“

Die Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ) veröffentlichte u. a. „Mein Krampf – Gesammelte Reklame-Reden eines Braunhäuslers“. Dabei zielte diese Satire auf die Propaganda der Nazis, vor allem auf die des Propagandaministers Josef Goebbels – bekannt für seine Rede im Berliner Sportpalast, in der er die Frage nach dem totalen Krieg stellte. „Achtung! Achtung! Sie hören jetzt Herrn Dr. Josef Goebbels, Reklamechef des Braunen Hauses, Deutscher Meister im Wellenschlagen. … Herr Dr. Goebbels bittet darum, daß sich die Schwarzhörer ausschalten, da er nur vor Blondhörern gewillt is zu reden …“. So lesen wir in „Mein Krampf“. Wie wichtig es war, gegen die braunen Herrenmenschen vorzugehen, um die Weimarer Republik zu retten, wurde durch die Tatsache unterstrichen, dass es eine Allianz zwischen NSDAP, Stahlhelm und DNVP gab, um den Young-Plan zu Fall zu bringen. Diese braun-schwarze Allianz versuchte einen Volksentscheid über diesen Plan zu blockieren. Volksentscheide waren essentieller Bestandteil der Weimarer Verfassung!

Technik auf dem Vormarsch

Die Zeit der Weimarer Republik war nicht nur die Zeit, in der das Bauhaus ein neues Bauen und ein neues Verständnis von Kunst und Kultur vorantrieb, sondern auch eine Zeit, die für technologischen Fortschritt steht. So wurde damals das Saturn-Einrad konzipiert, eine Alternative zum Auto und als Transportmittel von Lasten gedacht. Erste öffentliche Fernsehbilder wurde auf der Funkausstellung 1928 vorgestellt. Passend dazu gab es einige Zeit später den großen Telefunken-Fernsehschrank, den wir in einer Werbefotografie zu Gesicht bekommen. Der Zeppelin – vor der Berliner Siegessäule fotografiert, aus starker, verzerrter Untersicht – avancierte zum Transportmittel der Lüfte. Im Begleitheft erfährt man, dass Zeppeline im sog. III. Reich zu Propagandaflügen eingesetzt wurden. Fritz von Opel raste 1928 in einem Raketenauto über die Berliner Avus. Walter Girke war Augenzeuge und drückte auf den Auslöser. 1930 war einen Zeppelinschienenfahrzeug im Einsatz. Leider wird nicht ausgeführt, ob es bei Probefahrten blieb oder gar Strecken wie Hamburg-Berlin mit diesem Schienenfahrzeug bedient wurden. Eine Recherche im Netz zeigt, dass nur ein Fahrzeug jemals gebaut wurde, das 1939 verschrottet wurde.

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Der Torwart greift nach dem Ball, Berlin Ende 1920er Jahre Martin Munkacsi, Rosy Barsony, 1932 Sammlung F.C. Gundlach © The Martin Munkacsi Estate

Hingewiesen werden soll auch auf eine Reihe von Fotografien, die sich dem expressionistischen und dem sog. Neuen Bauen widmen, darunter ist auch eine Aufnahme des Kaufhauses Tietz in Oberhausen und des Badehauses in Kampen.

Die 1920er Jahre waren nicht die Goldenen 20er Jahre, wie es oftmals heißt, sondern auch die Jahre von Glanz und Elend. Da bietet mit einem umgehängten Schild ein arbeitsloser Akademiker seine Dienste als Stadtführer an, da stehen Menschen in einer langen Schlange vor einem Pfandhaus, andere sammeln sich vor einer Armenküche. Auf den Stufen eines Hauses hat sich eine Bettlerin niedergelassen. Schließlich bewerben sich arbeitssuchende Frauen bei der Haller-Revue. Übrigens, der Pächter des Theaters im Admiralspalast, Hermann Haller, ließ jährlich Revuen aufführen - die sogenannten Haller-Revuen. Die Musik der Revuen bis zu "Schön und Schick" im Jahre 1928 wurde komponiert von Walter Kollo, die Libretti stammten von Hermann Haller, Willi Wolff und Rideamus (Fritz Oliven). Abgeschlossen wird die Ausstellung in Oberhausen mit dem Thema Sport, einschließlich der wilden Radrennen im Berliner Sportpalast.

© ferdinand dupuis-panther

Vorschau

Masse und Klasse. Kunststoffgeschichte(n)

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Kunststoffe aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Untrennbar mit industrieller Massenproduktion verbunden, begleiten sie technische Entwicklungen und eröffnen Designer*innen ungekannte Freiheiten in der Gestaltung. Viele Kunststoffobjekte sind Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden und haben ihren Weg in Museen gefunden. Die Ausstellung widmet sich verschiedenen Aspekten dieses Werkstoffs: vom billigen Ersatzstoff und Massenprodukt bis zur Hightech Komponente, Designikone oder ökologischen Ärgernis.

25.10.2022-30.12.2023
Peter-Behrens-Bau, Oberhausen

Info
https://industriemuseum.lvr.de/de/die_museen/peter_behrens_bau/
peterbehrensbau_1.html

 

 

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