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Ausstellungsorte in Krefeld: Kunstmuseen Krefeld

Potsdam
Museum Barberini


Impressionismus in Russland.
Aufbruch zur Avantgarde
bis 09.01.2022

Die Ausstellung im Museum Barberini widmet sich der bislang kaum erforschten Rezeption französischer Lichtmalerei in Russland und zeigt anhand von über 80 Werken – von Ilja Repin bis Kasimir Malewitsch – die Internationalität der Bildsprache um 1900.Das vom Impressionismus inspirierte Malen unter freiem Himmel veränderte die russische Kunst und machte das Thema Landschaft populär. Repin, Wassili Polenow und ihre Schüler Korowin und Serow erkundeten die Natur um Moskau und reisten in die Weiten des Nordens. Das Malen en plein air und ein skizzenhafter Stil führten die Künstler an Motive einer Lebensfreude heran, die sich von den existentiellen Themen der russischen Kunst lossagte. Die Künstler fingen das Unbeschwerte des modernen Freizeitvergnügens auch auf der Datscha in lichtdurchfluteten impressionistischen Interieurs ein.

ausstellungsansicht

Ausstellungsansicht

Der erste Blick, der erste Eindruck: „Im Sommer“ von Valentin Serov. Dieser hat seine Frau im Garten porträtiert. Während zwei ihrer Kinder ausgelassen in einer Blumenwiese herumtollen, hat sich Frau Serov in den Schatten zurückgezogen. Ein Sonnenhut mit blauem Tüllband schützt sie vor der Sonne, die das luftige weiße Kleid von Frau Serov – Ist es aus Seide? - mit Lichtflecken versehen hat. Zartgrün ist das Laub der Birken, die am Rande der Blumenwiese wachsen. Idylle einer Sommerfrische könnte man das Gemälde auch umschreiben. Flüchtig-skizzenhaft hat Igor Grabar 1904 das Werk „Unter Birken“ ausgeführt. Drei Frauen in langen weißen Kleider sieht man. Zwei stehen und eine sitzt. Zu deren Füßen ruht hingestreckt ein Hund. Frühlingshaftes Birkengrün ist zu sehen, aber vor allem das tanzende Sonnenlicht, das sich auf der Kleidung der drei Frauen spiegelt.

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Kasimir Malewitsch Sommer (oder Haus und Garten), 1906 Öl auf Karton, 19,2 x 31 cm Sammlung Vladimir Tsarenkov, London

Eher dem klassischen Porträt des Realismus anhängend, gestaltete Ilja Repin das Porträt der Schauspielerin Bella Gorskaya. Deren Blick ist nicht fokussiert, scheint eher schweifend. Ihrer großen Geste scheint sich die breithüftige Dame mit sehr schlanker Taille dennoch bewusst. Da wird der seidene Umhang geöffnet und links und rechts neben sich drapiert, trägt Bella den in Schwarzblau schimmernde Hut mit Sinn fürs Modische. Ein wenig muss man beim Anblick des Bildnisses an Renoirs Porträtierte denken, oder?

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Robert Falk Lisa in der Sonne, 1907 Öl auf Leinwand, 94,5 x 81,7 cm
Staatliches Museum der Bildenden Künste der Republik Tatarstan, Kasan
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Schon einmal von Konstantin Korovin gehört? Eher wohl nicht, es sei denn, man hat sich in die Kunstgeschichte Russlands vertieft. Doch beim Anblick von seiner Paris-Ansicht im Morgenlicht, kommt man wohl nicht umhin einen Vergleich mit Claude Monet zu ziehen, wenn auch Korovin auf Postimpressionistisches verzichtet. Tiefrot steht der Sonnenball am grau-dunstigen Himmel über der Stadt. Die wenigen, die in der Stadt unterwegs sind, gleichen Schatten, sind schwarze Wesen, die des Weges gehen. Ist gerade ein Herbstregen niedergegangen, fragt man sich, betrachtet man das aus einer Aufsicht entwickelte Gemälde einer Pariser Straßenschlucht intensiver. Sehr dynamisch ist der Duktus, mit dem Nicolas Tarkhoff einen Karnevalsumzug bei strahlendem Wetter gemalt hat. Himmelblau erscheint der wolkenlose Himmel. Die hellen Hausfassaden sind von der Sonne beschienen. Auf der Straße bebt es, zieht eine ausgelassene Schar von Menschen vorüber. Aus einzelnen Fenstern haben sich Zuschauer gelehnt, die die Szenerie lieber aus der Distanz in Augenschein nehmen. Auffallend ist, dass die Narren mehr Masse als Individuen sind. Die Gestalten, die mit schnellem "Pinselschlag" auf die Leinwand gebannt wurden, verschmelzen miteinander.

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Abram Archipow Besuch, 1914 Öl auf Leinwand, 97,7 x 150 cm
Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Die Lichter der Großstadt fing Konstantin Korovin brillant in seinem Gemälde „Paris, Café de la Paix“ ein. Es scheint, als habe der Künstler das funkelnde Gold der Kirchtürme seiner Heimat Moskau in das Licht der mondänen Großstadt Paris transponiert. Im Übrigen schuf Korovin mit den kahlen Bäumen, die ein Bogenfeld zu formen scheinen, einen Rahmen für das Pariser Lichtspiel. Paris schien russische Künstler im frühen 20. Jahrhundert magisch anzuziehen, so auch Nicolas Tarkhoff, der mit einem weiteren Paris-Gemälde in der Ausstellung zu überzeugen weiß. Dabei widmete er sich im Jahr 1901 dem Quartier St. Martin. Durch die eingesetzte sehr vertikal ausgerichtete Maltechnik in changierenden Blautönen, die von Rosa durchwirkt werden, unterstreicht er den Eindruck von strichweisem Regen. Diesem allerdings trotzen einige Pariser, auch die Händlerinnen, die einen Marktstand betreiben.

Wie bereits oben angedeutet, sind die ausgestellten Porträts eher von Biederkeit geprägt, sind dem Kanon des Realismus und Naturalismus verpflichtet, ob nun das Porträt des Malers Alexander Dmitrijevich Litovchenkom der eine erkaltetes Pfeifchen in der Hand hält, oder das der drallen, pausbäckigen Opernsängerin Tatiana Liubatovich. Auffallend ist bei den Porträts die wenig filigran und zudem physiognomisch korrekt gemalten Hände. Sie scheinen grobschlächtig ausgeführt, ganz im Gegensatz zur Kleidung und den Gesichtern mit starkem Ausdruck.

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Olga Rosanowa Winter. Dompfafen im Baum, 1907/08 Öl auf Leinwand auf Hartfaser, 63 x 51 cm Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

In der sehenswerten Schau wird auch die Thematik von Fauvismus und Postimpressonismus aufgegriffen. Zu diesem Thema zeigt man unter anderem das Doppelporträt eines Jungen und eines Mädchens von Alexej von Jawlensky. Nichts ist von den formreduzierten Gesichtern zu sehen, nichts von den schwarzen Konturlinien bei den verschiedenen Porträts. Entstanden ist diese Arbeit in Jawlenskys Münchner Studienzeit. Expressiv ist der Stil, Farbflecken werden zum Kragen des Mädchenkleides vereint. Das Gesicht des Mädchens ist gräulich-grünlich und folgt dem Prinzip der gefühlten Farben, oder? Nicolai Fechin verdanken wir das Bildnis eines Blondschopfes mit lockigen Haar. Auch hier ist der Einfluss des expressiven Farbauftrags nicht zu übersehen, wenn auch auf die besonders von den Mitgliedern der Vereinigung Die Brücke favorisierten gefühlten Farben verzichtet wird und auch keiner Farbexplosion das Wort geredet wird.

Dem sogenannten Luminismus scheint Nicolas Tarkhoff bei seinem Frühstücksgemälde zu frönen. Mutter und Tochter sitzen wohl vor einem grünen Spalierzaun im Freien. Äpfel, im Stil von Cézanne gemalt, liegen in einer Schüssel. In einer Vase sieht man knallrote Blumen. Sind es Dahlien? Während das Mädchen den Betrachter anschaut, ist der Blick der Mutter eher als skeptisch zu kennzeichnen. Warum und weswegen die Skepsis?


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Natalija Gontscharowa Eberesche. "Panino", bei Wjasma, 1907/08 Öl auf Leinwand, 99,4 x 69 cm Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wie auch die Künstler in Westeuropa suchten auch die in Osteuropa ländliche Orte auf, um unter freiem Himmel zu malen. Sie sind nur nicht so bekannt wie Tervuren und Laren in Belgien oder Barbizon in Frankreich. Vielmehr ging es den russischen Malern darum die Natur in der Umgebung von Moskau und St. Petersburg zu entdecken und unter freiem Himmel auf die Leinwand zu bannen. Plein-Air-Malerei war eben auch in Russland en vogue. Dabei wurden der Nachwelt Motive wie das des „Sonnenstrahls“ hinterlassen. Igor Grabar malte zu diesem Thema einen Baum vor einem Gebäude mit Säulenvorbau und Laternenaufsatz. Der Schatten eines Baumes im Vordergrund stehend findet sich auf der Hülle des Baus wieder, ebenso die Spuren des Sonnenlichts. Grell gelb ist der Rumpf eines Bootes im Sonnenlicht, den Konstantin Korovin gemalt hat. „Teich“ nannte er seine Skizze, bei der der Blick des Betrachters weniger auf die Wasserspiegelungen, sondern eben auf das Boot fällt, mit dem einige Sommerfrischler unterwegs sind.

Das Licht des Südens entdecken wir in Kasimir Malevichs „Haus auf dem Land“, verso „Häuser“. Als sich Malevich vom Suprematismus abgewandt hatte – warum eigentlich? - verschrieb er sich Motiven wie „Schwestern“ (1930). Ähnlichkeiten mit August Mackes Spaziergängerinnen mag der eine oder andere in Malevichs Werk entdecken. Es scheinen nicht nur Schwestern zu sein, sondern Zwillinge, tragen doch die beiden die gleiche Kleidung, haben den gleichen blauen Regenschirm. Ach, da ist ja noch ein verspieltes Hündchen am Rande der Szene mit den flanierenden Schwestern. Überhaupt scheint auch das Flanieren von Malevich in diesem Werk angesprochen zu werden, betrachtet man eine Dreiergruppe am linken Bildrand. Landleben pur stellt uns Abram Archipov unter anderem mit seinem Gemälde schwatzender Bäuerinnen in leuchtenden, teilweise roten Kleidern vor. Eine Neugierige lehnt sich sogar durch das geöffnete Fenster, um sich dem Kreis der palavernden Frauen anzuschließen.

Das Thema „Lichtspiele, Stillleben, Interieurs“ steht unter anderem bei dem Gemälde von Igor Grabar namens „Beim Samowar“ im Fokus. Neben Deckelgläsern mit verschiedenen Marmeladen sieht man den unter Feuer stehenden Samowar und zudem eine Frau, die eine Tasse in der Hand hält. Und was trinkt sie? Statt wie bei den Fauvisten den Blick von Innen nach Außen zur richten, richtete Olga Rosanova den Blick von außen auf die auf einer Fensterbank stehenden Topfpflanzen. Sind es blühende Malven, die wir da sehen? Gänzlich in Tiefblau getaucht ist das Innere. Das Sonnenlicht erhellt nur das Fenster, die Fensterbank und die Topfpflanzen!

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Nikolai Meschtscherin Mondnacht, 1905, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau.

Auch eher Banales als Motiv findet man unter den gezeigten Werken, so eine Eberesche mit Fruchtständen, die das Gemälde dominiert, das sich Natalja Goncharova erdacht hat. Von ihr stammt auch die Arbeit „Ruderer“, die in der formalen Gestaltung an Arbeiten von Gustave Callebotte denken lassen. Angeschnitten ragt ein Bootsbug ins Bild, in die Diagonale gesetzt wurde das schnittige Ruderboot durch Goncharova. Diese Künstlerin hinterließ zudem eine atemberaubende Arbeit mit prismatischem Blick – ähnlich wie Lyonel Feininger: „Wald“. Zum Schluss sei noch auf eine abstrakte Arbeit Malevichs hingewiesen, die ein wenig aus dem Rahmen der Ausstellung fällt, weil sie uns den Künstler als Konstruktivisten und Suprematisten zeigt: „Konstruktion in Auflösung“. Nun ja, auf das schwarze Quadrat müssen Besucher verzichten, aber das ist zu verschmerzen, zumal sich in der Vergangenheit einige Ausstellungen zwischen Düsseldorf und Hamburg dem Konstruktivismus gewidmet haben.

Schlusswort:

Die thematisch gegliederte Ausstellung geizt ein wenig mit ausführlichen Saaltexten. Bisweilen wird die künstlerische Entwicklung zum Beispiel von Kasimir Malevich oder Natalja Goncharova nur angerissen. Dabei hätte man gerne mehr in Erfahrung gebracht, zum Beispiel warum Malevich den Suprematismus aufgab und Goncharova sich folkloristischen Themen zuwendete; warum sich beide auch in einer Art Agit-Prop-Malerei und sozialistischem Realismus verfingen. Gewiss, der Arm Stalins war lang und konnte unbarmherzig zulangen. Wer nicht auf Kurs lag, der wurde bestenfalls nach Sibirien verbannt oder gleich liquidiert. Doch all das wurde in der Schau ausgeblendet. Es wurde auch nicht wirklich herausgearbeitet, was russische Künstler nach Paris zog. „Strandeten“ nicht einige auch in Berlin? Und warum?

Übrigens, wenn man schon Zeitfenster einrichtet, um Besucherströme zu lenken, warum kann man nicht auch die Zahl der Besucher im Blick haben? Nach meinem Eindruck herrschte Fülle und wenig Abstand! Zuletzt: Der hohe Eintrittspreis bedeutet eine starke Selektion der Besucher. Man fragt sich, womit ein solcher Preis zu rechtfertigen ist. Museen sind Bildungsstätten und haben m.E. einen entsprechenden Auftrag zu erfüllen. Wer eher einkommensschwächere Gruppen aufgrund des Eintrittspreises gleichsam vom Besuch aussperrt, der macht Kunstausstellungen zu einer reinen Veranstaltung für Elite. Und das scheint mir auf den ersten Blick beim Museum Barberini der Fall zu sein.

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://www.museum-barberini.de/de/

 

 

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