DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN


Remagen-Rolandseck
Arp Museum Bahnhof Rolandseck

Berlinde De Bruyckere – PEL / Becoming the figure
bis 8. Januar 2023


tierisch was los!
bis 26. März 2023

Unwesen und Treiben
Auf dem Weg zu einer Dauerausstellung für Arp und Taeuber-Arp
bis 23. April 2023

tierisch was los!

In der Kunstkammer Rau wird die Tierwelt entfesselt. 68 Exponate erzählen die spannungsreiche Beziehungsgeschichte zwischen Tieren und Menschen vom Altertum bis in die Gegenwart, von der ägyptischen Katzenmumie bis zur zeitgenössischen Fotografie. Die Werke der Sammlung Rau für UNICEF werden in der Ausstellung ergänzt durch eine Fülle musealer und privater Schätze.

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Ausstellungsansicht »Tierisch was los! Tiere und ihre Menschen« © Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF | Foto: David Ertl

Nein, wer die klassischen niederländischen Tier-Stillleben von Frans Snyders oder eine Darstellung von Francisco José Goya y Lucientes erwartet, wird sich mit einer Arbeit im Umfeld von Snyders und weniger bekannter niederländischer Malerei begnügen müssen. Auch Albrecht Dürers Hase ist im arp museum nicht zu sehen, dafür aber Dieter Roths „Köttelkarnickel“. Marc mit seinen blauen Pferdchen fehlt und macht dafür Platz für Johannes Brus’ zwei blaue Pferde. Slevogts und Liebermanns Zoobesuche mit entsprechenden Eindrücken von Löwen und Papageien sind aktuell nicht im Arp Museum präsent. Doch es müssen ja nicht die „großen Namen“ sein, um eine Ausstellung thematisch zu strukturieren und die Beziehung Mensch-Tier zu beleuchten.

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Odilon Redon | Der Wagen des Apollon | 1905–14 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF | Foto: Mick Vincenz

Und warum nun befasst sich das arp museum mit dem Thema Tierwelt? „Die Beziehung von Kunst und Natur ist zutiefst in die Geschichte unseres Hauses verwoben. Die transparente Architektur mit ihren spektakulären Aussichten ins Rheinpanorama zeigt uns eine Welt im Zustand stetiger Veränderung. Die Ausstellung nimmt mit einem historischen Blick auf dieses fragile Zusammenspiel Bezug.“, so vernehmen wir Dr. Julia Wallner, Direktorin des Arp Museums Bahnhof Rolandseck. Ergänzend fügt sie an: „Auch Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp haben in ihren Arbeiten die Natur und ihre Wachstums- und Schöpferkräfte reflektiert. Den Blick nun auf die Tiere in der Sammlung Rau zu lenken erweitert dieses Leitthema unseres Hauses in einer zeitgemäßen Perspektive.“ Und schließlich ist eine Ausstellung auch ganz pragmatisch einzuordnen: In der Sammlung Dr. Dr. Rau findet sich halt eine Vielzahl von Tiergemälden, von Haus- wie auch Nutztieren.


»Alle Geschöpfe der Erde lieben, leiden und sterben wie wir, also sind sie uns gleich – unsere Brüder.« Franz von Assisi (1181/82–1226)

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Melchior Hondecoeter | Hahnenkampf | um 1670–80 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF | Foto: Mick Vincenz


Die Ausstellung ist thematisch gegliedert und umfasst Themen wie „Mythische Tierwesen“, „Auf Hof und Wiese“, „Gejagt und angerichtet“ sowie „Freunde und Gefährten“. Akustisch begleitet wird die Schau von Hundegebell und Muhen – durchaus irritierend, zumal die Beschallung sich über alle Räume ausbreitet. Bevor wir die Ausstellung betreten, werden wir mit dem Selbstporträt des Fotografen Walter Schels konfrontiert, der seine Kamera vor dem Auge hat, um eine Maus abzulichten, die sich auf die Hinterbeine gestellt hat. Dies ist eine schon sehr bizarr anmutende Begegnung von Mensch und Tier. Mit Sinn für Ironie und Humor ausgestattet war Dieter Roth, dem wir das Selbstbildnis als Löwe verdanken. Die Skulptur, die eher an einen Cocker-Spaniel oder einen Setter mit gestauchtem Körper erinnert als an den König der Tiere, wurde aus Schokoladenguss hergestellt und ist somit vergänglich.

 

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Giuseppe Recco | Stillleben mit Fischen, Früchten und Blumen | 2. Hälfte 17. Jh. | Arp Museum Bf. Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF | Foto: Mick Vincenz


Beide Arbeiten sind dem ersten Kapitel der sehenswerten Schau vorangestellt. Dieses Kapitel lautet „Mythische Tierwesen“. Gezeigt wird unter anderem ein skulptierter Apoll, der von einem Adler begleitet wird. Dabei erscheint der Greif, als wäre er ein Hund, der seinem Meister auf Schritt und Tritt folgt. Urheber des Kunstwerk ist Simon Troger. Im Halbdunkel können wir einen Löwen erkennen, der da neben dem Heiligen Hieronymus zu sehen ist. Der Heilige liegt hingestreckt, halbnackt da und nimmt in seiner Gestalt die Bilddiagonale ein. Welche Bedeutung hat eigentlich der Schalltrichter einer Posaune, die oben rechts in das Gemälde ragt? Geschaffen hat diese Heiligendarstellung Matthias Stomer um 1640. Rind und Esel gehören genuin zu einer Szene der Geburt Jesu und auch eine solche aus dem 16. Jahrhundert wird im Arp Museum präsentiert. Die Legende von St. Georg, dem Drachentöter, kennen wir. Doch in dem Gemälde „Hl. Georg und die Prinzessin“ ist der Drache das Lieblingstier der Prinzessin, die die Echse an der Leine herumführt. So ist der Hl. Georg in voller Rüstung zur Untätigkeit verdammt, denn die Echse ist bereits auf andere Art besiegt worden.

Dass Tiere im Alten Ägypten eine wichtige Rolle spielten, zeigen vier Mumienmasken für Katzen sowie ein hölzerne sitzende Katzenfigur, in deren Sockel sich eine Mumie befindet. Frank Köster weist im seinem Katalogtext auf die besondere Bedeutung der Katze hin, gibt es doch Darstellungen des Sonnengottes in Gestalt des großen Katers und der Göttin Bastet, die Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit, der Freude, der Musik, des Tanzes und der Feste wurde zumeist in Frauengestalt mit Katzenkopf dargestellt.


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Ursula Böhmer | All Ladies. Kühe in Europa: Normandie, Frankreich | 2000 | Die Photographische Sammlung/SK-Stiftung Kultur/Dauerleihgabe der Gesellschaft zur Förderung der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur, Köln e. V. © und Foto: Ursula Böhmer, VG Bild-Kunst, Bonn 2022


Auf Hof und Wiese

Upps, sehen wir da etwa kopulierende Ziegen, die Saskia Neuhaus modelliert hat? Die kleinformatige Tiergruppe wurde aus Papierpulp und Holz geschaffen. Zwischen Naturalismus und Impressionismus changiert das Gemälde „Kühe auf der Weide“ von Georg Wolf. Dieser hat sein Gemälde im Stil der Haager Schule konzipiert, sprich mit Sinn für die gekonnte Lichtregie. Die schwarz-weiß gefleckten Rindviecher stehen im Fokus, insbesondere eine Kuh, die an der Tränke steht und säuft. Zudem finden wir auf dem weiteren Rundgang eine liegende Kuh in weißem Porzellan. Auf einem Bein stehend wurde ein Cyenne-Huhn in Bronze verewigt. Der Künstler dieser Arbeit ist François Pompon. Äußert beeindruckend ist das Gemälde eines Hahnenkampfs. Doch wir sehen keinen Hahnenkampf in einer Arena, in der zwei Rivalen aufeinander losgehen und gaffende Männer um das Rund auf den Sieger wetten. Statt dessen hat Melchior Hondecoeter den Triumpf eines Hahns über einen Nebenbuhler in einem Gemälde festgehalten. Zwei Hähne schauen sich den Hahnenkampf aus der Entfernung und auf einer „Steintribüne“ hockend an. Sie gleichen zwei Neugierigen, die eher Abstand zum Sieger halten. Am linken Bildrand bahnt sich das nächste Drama an, denn ein Küken hat sich in der Meute der Hähne verirrt und wird wohl im nächsten Moment Opfer der Hackordnung. Übrigens, Saskia Neuhaus, die mit einigen Arbeiten die Ausstellung bestückt, schuf aus einem Pinienzapfen und Papierpulp ihre besondere Truthenne, die man weder auf dem Hof noch auf der Wiese findet, sondern nur im Arp Museum.

 

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John Francis Rigaud | Porträt Willoughby Bertie, 4th Count of Abingdon mit seiner Familie | 1793 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF | Foto: Mick Vincenz


Gejagt und angerichtet

Manchmal braucht man unverhofftes Jagdglück, wie uns Franz Carl Spitzweg in einem schmalen Hochformat zeigt. Der Hase, der nahe eines Brunnens sitzt, ahnt nichts von der Gefahr, die da im Dunklen lauert. Gut für den Jäger, schlecht für den Gejagten. Zu sehen sind im Weiteren üppig gestaltete Stillleben mit Fasanen und Rebhühnern sowie Fischen und Früchten oder einer für den Verzehr auf einem Zinnteller angerichteten Languste. Warum allerdings Dieter Roths „Karnickelköttelkarnickel“ in diesem Teil der Ausstellung einen Platz gefunden hat, ist nicht so recht einsichtig.

 

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Johannes Brus | Zwei blaue Pferde | 2010 | © Johannes Brus, VG Bild-Kunst, Bonn 2022 | Foto: Mick Vincenz


Hyperrealistisch sind die Arbeiten von Ben Beyer, der schlicht ein rohes Fleischstück, mehr oder minder marmoriert in den Fokus des Betrachters rückt. Warum ihn rohes Fleisch fasziniert, nämlich wegen der Rot-Töne, erläutert der Künstler im Katalog, das ein Interview zwischen Chiara Padilla und Ben Beyer enthält. Initialzündung, sich mit dem Thema Fleisch zu befassen, war der Besuch des Musée d’Orsay und die Begegnung mit einem kleinformatigen Fleischstillleben von Monet.


Tiere sind die besten Freunde. Sie stellen keine Fragen und kritisieren nicht. Marc Twain


Freunde und Gefährten

Keinen Schimmel, keinen Rappen und keinen Fuchs sehen wir bei Johannes Brus, sondern zwei blaue Pferde. Auf den ersten Blick meint man, die beiden skulptierten Rösser seien in Yves-Klein-Blau getaucht. Unbetitelt ist die Kohlezeichnung eines Frauenaktes hinter dem ein riesiger schwarzer Kater steht. Umarmt der Stubentiger die Frau gar? Oder ist es nur ein furchterregender Schatten als Begleiter? Sehnig und in allen Muskeln angespannt, so erscheint der sich anschleichende, bronzene Panter von Rembrandt Bugatti. Hm, ein Panter als Freund und Gefährte? Kaum vorstellbar. Noch einmal begegnen wir Walter Schels während des Ausstellungsgangs, der nicht nur einen Dobermann, sondern auch andere Hunde vor die Linse bekommen hat. Hinzuweisen ist abschließend auf die Darstellung der Rückkehr des Vaters nebst Sohn von einer erfolgreichen Jagd, bei der Fasan, Rebhuhn und Hase erlegt wurden. Derweil zwei der daheim gebliebenen Kinder mit einem der Jagdhunde spielen, vergnügt sich eine ältere Tochter beim Harfespiel. Die übrigen weiblichen Familienangehörigen sind eher dem Schöngeistigen hingegeben und nehmen an der Jagdfreude des Gatten und Vaters wenig Anteil. Erzählt hat uns diese Familiengeschichte John Francis Rigaud.


Vertretene Künstler*innen in der Ausstellung

Ben Beyer, Cornelis Biltius, Ursula Böhmer, Johannes Brus, Rembrandt Bugatti, Mary Cassatt, Henri-Horace Roland de la Porte, Alexandre-François Desportes, Léonard Tsuguharu Foujita,Louis Gauffier, Melchior Hondecoeter, Benjamin Katz, Johann König, Jörg Lederer, Meiste rder Georgslegende, Saskia Niehaus, Balthasar Paul Ommeganck, François Pompon,Barthelemy Prieur, Giuseppe Recco, Odilon Redon, John Francis Rigaud, Dieter Roth, Walter Schels, Jan Silberechts, Frans Snyders, Antonio Solario, Franz Carl Spitzweg, Sebastian Stoskopff, Matthias Stomer, Friedrich Sustris, Simon Troger, Abraham Hendrickz van Beyeren,Jacob Fopsen van Es, Abraham van den Tempel, David van der Plaes, Georg Wolf, Johan Zoffany u.a.

Katalog: S. Blöcker/P. Spielmann (Hrsg): tierisch was los! Tiere und Menschen, Arp Museum Bahnhof Rolandseck, ISBN 978-3-933085-10-8

© ferdinand dupuis-panther

 

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Walter Schels | Hunde: Papillon | 1992 |
© und Foto: Walter Schels, VG Bild-Kunst, Bonn 2022


Unwesen und Treiben
Auf dem Weg zu einer Dauerausstellung für Arp und Taeuber-Arp

Neue Sichtweisen auf das Schaffen unserer zwei Hauspatron*innen Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp zu eröffnen ist von Beginn an das Ziel des Arp Museums Bahnhof Rolandseck. In den vergangenen 15 Jahren haben wir durch unsere Ausstellungen, in denen wir die bahnbrechenden Werke der beiden Künstler*innen zeigten, durch wissenschaftliche Forschung sowie umfassende Publikationen dieses Ziel verfolgt. Für das Jahr 2023 steht ein weiterer Schritt an: eine Dauerausstellung zu den beiden Künstler*innen soll entstehen. Die Frage ist dabei: Wie wird man den beiden gerecht? Wie stellt man ihre künstlerischen und persönlichen Eigenheiten heraus? Wie bringen wir unserem Publikum näher, welche Relevanz die beiden als Künstler*innen auch heute noch haben? Diese Fragen bilden die Grundlage für die aktuelle Schau, die als Vorbereitung der geplanten Dauerausstellung zu verstehen ist

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Sophie Taeuber-Arp | Quatre espaces à croix brisée | 1932 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck Foto: Mick Vincenz


Bisweilen wird für Ausstellungen das Prinzip White Cube verlassen. Dann werden die Ausstellungsräume farblich ausgeschlagen, dabei durchaus die Nuancierungen aufgreifend, die in den gezeigten Exponaten zu finden sind. Im vorliegenden Falle haben sich die Gestalter der Präsentation bewusst für Segmente und Fragmente aus Arbeiten von Jean Arp und Sophie Taeuber-Arp entschieden, für abgeknickte Kreuzformen, diagonal gesetzte Parallelogramme, die sich auch in den Vitrinen wiederfinden, für gemalte Sockel. Auch die Sitzmöbel nehmen Elemente der Arbeiten, vor allem von Taeuber-Arp, auf. Zugleich finden sich Zitate von Hans (Jean) Arp gleichsam als Kommentierungen zu den Werken an den Wänden der Ausstellungsräumlichkeiten. So entsteht eine sehr dynamische Ausstellungslandschaft, die den Blick auf die Details in den Arbeiten der beiden Künstler lenkt.

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Ausstellungsansicht »Unwesen und Treiben« © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck Foto: Helmut Reinelt


Wir lesen gleich zu Beginn: „ Ich wanderte durch viele Dinge, Geschöpfe, Welten und die Welt der Erscheinung begann zu gleiten….“. Zugleich stehen wir vor einer Ausstellungswand, auf der ein großes geknicktes grünes Kreuz ebenso wie ein schwarzes, aus der Achse geschobenes Kreuz zu sehen ist. Sie bilden die Projektionsflächen für die Exponate wie Arps Tuschearbeit „La Chute“, zu übersetzen mit Fenstersturz wie auch Sündenfall. Doch für den gemeinen Betrachter scheint es eher eine Variante des bekannten Rorschachtests oder um „Reißbilder“ zu gehen, die von Arp auch bekannt sind. Figurativ oder abstrakt – das ist die Frage bei der aus Lindenholz geschaffenen Arbeit „Figure Fleur Chute“. Bei intensiverer Betrachtung kann man schon Blüten ausmachen, vielleicht gar verwelkte Blüten. Neben einem grünen gemalten Sockel hängt eine der zahlreichen Konfigurationen, die wir Arp verdanken. Außerdem fällt unser Blick auf „Pflanzenringreihe“ mit knospigen Gebilden auf hellgrauem Grund.

 

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Sophie Taeuber-Arp | Plans et bandes | 1935 © Arp Museum Bahnhof Rolandseck | Foto: Mick Vincenz

Zu seinem Arbeitsprozess für einige Arbeiten sagte Jean Arp, wie in einem Wandtext nachzulesen: „Ich zerriß Zeichnungen und strich sorglos Kleister darüber, löste sich die Tinte und zerfloß, so war mir dies auch willkommen … Ich hatte das Vergehen, Verrinnen, die kurz bemessene Zeit, die Unbeständigkeit … meines Daseins angenommen … .“ Ist da auf einem diagonal gesetzten gelben Parallelogramm ein Vogelgebilde mit Augenpunkten zu sehen? Das ist eine Frage, die der Betrachter für sich beantworten muss.

Beim weiteren Rundgang stoßen wir auf die Arbeit „Quatre espaces à croix brisée“ von Taeuber-Arp. Und in der Nähe ist Arps „A la suite de l’UNESCO“ ausgestellt. Dabei meint man, dass die aus Holz geschaffene Arbeit sich in den zufälligen Formen nicht von den Reißbildern aus Papier unterscheidet, die Arp einfach auf den Boden fallen ließ, um sie dann als Fragmente zu „collagieren“. Und was sehen wir dort, einen auf zwei Rollen Tanzenden in Schwarz-Weiß? In einer diagonal als Raumteiler gesetzten schwarzen Vitrine sind die Porzellandesigns von Taeuber-Arp ausgestellt. Historistisches trifft dabei auf Anleihen an Art nouveau, oder?

 

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Hans Arp | Drei Knospen | 1957
© VG Bild-Kunst, Bonn 2022 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Foto: Mick Vincenz


Konfrontationen, Adaptationen, Interpretationen, Arp reloaded 2.0 oder was? Ein Raum zeigt ohne jedwede Angabe zum Titel oder dem Künstler Arbeiten von Arp und solche, die in dessen Nachfolge bzw. Geist entstanden sind. Manches erscheint flüchtig, skizziert, unvollendet, wie planlos auf den Boden geworfene amorphe Gipsformen. Tropfenförmiges trifft auf gleichsam Phallisches, Vegetabiles auf menschliche Torsos.

 

Eine Liste der ausstellenden Künstler finden wir in diesem Teil der Ausstellung wohl, aber keine Zuordnung zu den gezeigten Werken. So fragt man sich stets: Arp oder doch nicht? Das ist eine bewusste Entscheidung der Ausstellungsmacher, die wollen, dass sich der Blick der Besucher auf die Formen und Ansätze richtet. Es geht also gerade nicht um ein bewunderndes Oh und Ah für Arp im Gegensatz zu seinen Künstlerkollegen, die im Arpschem Duktus Werke schufen. Zugleich muss man sich nach dem fragen, was originär, originell, original, Kopie, Adaptation und Interpretation ist. Das gilt für den weiblichen stehenden Torso ebenso wie für die Figur mit tektonischer Oberfläche oder der „Zipfelform“ auf einem Sockel.


„Sophie liebte die Harmonie, das göttlich kugelförmige Wesen“ Hans (Jean) Arp

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Sophie Taeuber-Arp | Lignes perdues sur fond chaotique | 1939 © Arp Museum Bahnhof Rolandseck | Foto: Mick Vincenz


Was beim Rundgang durch die sehenswerte Präsentation auffällt ist die Tatsache, dass das Ehepaar Arp/Taeuber-Arp auf Augenhöhe miteinander umging. Da stand Sophie nicht im Schatten von Hans wie dies bei anderen Paaren der Kunstgeschichte der Fall war. Man denke da an Charlotte und Lovis Corinth, an Marianne von Werefkin und Jawlensky oder an Becker-Modersohn und Modersohn. Teilweise begaben sich die Künstlerinnen in eine traditionelle Frauenrolle, gaben gar ihre künstlerische Karriere auf oder standen stets im Schatten des berühmten Mannes. Bei den Arps jedoch merkt man die gegenseitige Hochachtung.

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Hans Arp | Ohne Titel | 1959 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck Foto: Mick Vincenz


Im Fortgang der Schau sehen wir eine Webarbeit aus „Augenringen“ mit weißem und schwarzem Außenrand und rot-grünem oder schwarz-rosa „Augenkern“. Das Design stammt von Sophie Taeuber- Arp und entstand 1919. Wie vom Meerwasser abgeschmirgelte Steine schauen vier Formen in Weiß auf schwarzem Grund aus. Ans Alterswerk von Matisse und dessen Scherenschnitte muss man denken, steht man vor „Jonglerie nocturne“ (1962), eine Arbeit von Hans Arp. Während Arp durchaus das Organische und Figurative bevorzugte, so war es seine Frau, die sich auf eher das Konkrete und Konstruktivistische verstand, so auch in ihrer Komposition in weißem Kreis. Dabei wird der weiße Kreis durch eine schwarze offene Form durchschnitten, sodass an den Rändern Kreissegmente in Weiß entstanden sind. Zudem sehen wir vier konkave Formen.


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Hans Arp | Ohne Titel | 1963 © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck Foto: Mick Vincenz

Ein gesonderter Raum ist den Plastiken von Arp vorbehalten. Sie stehen auf farbigen Sockeln unterschiedlicher Höhe und Farbnuancen wie hellem Gelb, Himmelblau, Mausgrau, Anthrazit, Lindgrün und Hellblau sowie Hellrosa, darunter auch drei flache metallisch glänzende „Drei Grazien“. Hier ein Knospengebilde und dort eine sich auf die Arme stützende gebeugte Figur, oder? Sieht man auch einen Fischkopf mit geöffnetem Maul? Titel der Arbeit ist „Cypriana“. Auch Arps „Drei Knospen“ ist zu sehen. Und davor hat eine Art Landmarke in Schwarz ihren Platz.

Übrigens am Ende der Ausstellung finden wir einen Textblock, in dem wir auch Arps Bezug zu DADA finden: “Bevor Dada da war, war Dada da.“ Zudem werden textlich kurz und knapp Themen wie „Die Befreiung des Gegenstands“ und „Zufall“ abgehandelt. Es geht in diesem Textteil der Schau eben nicht um Künstlerdaten, sondern es werden die Phasen der künstlerischen Entwicklung von Hans Arp und Sophie Taeuber- Arp betrachtet.


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Ausstellungsansicht »Unwesen und Treiben« mit Skulpturen von Hans Arp © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 | Arp Museum Bahnhof Rolandseck Foto: Helmut Reinelt

Schließen wir die Ausstellungsbeschreibung mit einem Zitat, das sich dem Arbeitsprozess von Arp widmet: „Die Arbeit an einer Plastik dauert Monate, Jahre. Ich arbeite an ihr, bis hinreichend von meinem Leben in diesen Körper geflossen ist.“ Mehr ist wohl zum Werk Hans Arps nicht zu sagen, oder?

© ferdinand dupuis-panther

 

Berlinde De Bruyckere – PEL / Becoming the figure

Berlinde De Bruyckere (*1964, lebt und arbeitet in Gent, Belgien) gehört zu den bedeutendsten internationalen Bildhauer*innen der Gegenwart. Faszinierend und zugleich aufwühlend sind die Skulpturen der Künstlerin. Sie gehen die Betrachter*innen sprichwörtlich »unter die Haut«. So kommt mit Berlinde De Bruyckere nicht nur eine einzigartige Künstlerin ins Arp Museum Bahnhof Rolandseck, sondern auch eine Ausstellung, die wie keine andere die empathische Auseinandersetzung mit der gezeigten Kunst fordert.

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Ausstellungsansicht »Berlinde De Bruyckere.
PEL / Becoming the figure« | © Foto: Helmut Reinelt

Bisweilen irritiert und provoziert Kunst. Das gilt auch für die der belgischen Künstlerin De Bruyckere. Lesen wir dazu einen O-Ton der kommissarischen Leiterin des Museums Petra Spielmann: „ Die Skulpturen Berlinde De Bruyckeres legen Zeugnis ab vom Leiden in der Welt. Die große ästhetische Kraft der Werke entsteht aus den Transformationsprozessen, die sie sehr detailliert abbildet.“ Und Jutta Mattern, die Ausstellungskuratorin, ist mit folgender Einschätzung zu hören: „Mit ihren Werken verwandelt Berlinde De Bruyckere die lichtdurchfluteten Räume Richard Meiers in eine Bühne, die uns eindrücklich vor Augen hält, was ›Leben‹ sein kann.“

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Ausstellungsansicht »Berlinde De Bruyckere.
PEL / Becoming the figure« | © Foto: Helmut Reinelt


Im Vorwort zum Katalog finden wir Bemerkungen zu Fragen von Verletzungen und Verletzlichkeit, von Schönheit und Vergänglichkeit. Was wir in der Ausstellung sehen, sind vergängliche Körper, ist die Transformation, ist das scheinbar Lebendige in den Pferdebälgen, die jedoch keine Nüstern, Augen und Mäuler haben. Es sind schlicht Felle, Leder, die Haut von Pferden, die mit naturalistischer Anmutung präsentiert werden, hängend von der Wand, aufgebockt in voller Größe. Die Künstlerin ergeht sich nicht in dramatisch aufgeladenen „Skulpturen“, sondern zeigt eher den Tod, das Ableben, das, was am Ende auf Zeit übrig bleibt, ehe auch das Organische zu Staub und Asche wird. Man möchte bei den Arbeiten in Teilen von textilen Formungen sprechen, auch wenn hier und da Figuratives zum Vorschein gebracht wird. Ob Jutta Matterns Statement im Katalog, dass wir uns bei den Arbeiten der Genter Künstlerin zwischen Abscheu und Anziehung, Schmerz und Lust, Verletzlichkeit und Schönheit, Brutalität und Würde bewegen, stimmig ist, muss der Betrachter der gezeigten Arbeiten für sich entscheiden. Ob diese Arbeiten Bezüge zum Thema Tierwohl und Tierquälerei herstellen, sei mal dahingestellt. Übrigens: „Ich brauche keine Köpfe oder Gesichter, weil sie Limitierungen sind. Ich möchte, dass die Skulptur zum Betrachter über die Bewegung oder ihre Haltung spricht.“ So äußert sich die Künstlerin, wie wir im zweisprachigen Katalog nachlesen können.

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Berlinde De Bruyckere | Foot, 2008 | © Berlinde De Bruyckere Private Collection, London | Foto: Mirjam Devriendt


De Bruyckere ist nicht Präparatorin, die für ein Naturkundemuseum arbeitet, sondern Bildhauerin, die ihre „Gestalten“ verfremdet, so auch in „Head“ und „Corps“. Dabei sehen wir keine ausgestopften Pferdekörper, sondern Lagen von Fellen, die zu einem Pferdekopf und einem Pferdeleib zusammengefügt sind. Wie schwere Stoffbahnen hängen teilweise verfärbte Pferdehäute von der Decke, so wie dies auch in Gerbereien der Fall ist. Allerdings werden diese eigentlich auf Gerüsten nach dem Gerben zum Trocknen gehängt oder aber auf Rahmen gespannt. Das Abhängen von Häuten von der Decke lässt eher daran denken, dass noch nicht entschieden ist, welcher Verwendung diese Häute zugeführt werden sollen. Abfall oder nicht – das ist die Frage, oder? Zugleich muss man bei dieser Figuration auch an Szenen aus Schlachthöfen denken. Dort wird geschlachtetes Vieh zur weiteren Verarbeitung aufgehängt und dann an Transportbändern zur nächsten Station gebracht. Figurativ oder nicht, das stellt sich als Frage bei „Met tere huid I“ und „Met tere huis II“. Der eine oder andere muss an ein Konglomerat von Klebefleisch denken, ein Dritter an ein Joch, in das Arbeitspferde eingespannt werden, um als Rücke- oder Brauereipferde eingesetzt zu werden.

 

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Berlinde De Bruyckere | Courtyard Tales, 2017 – 2018 © Berlinde De Bruyckere | Courtesy the artist and Hauser & Wirth | Foto: Mirjam Devriendt


Doch auch menschliche Formen und „Abgüsse“ finden wir im Werkkanon von De Bruyckere, so auch zwei Füße und ein Blumenkissen in einem alten Holzrahmen. Auf einem Holzbalken ruhen zwei Füße eines Torsos, wohl eines weiblichen, betrachtet man die zarten Füße und Unterschenkel. Der Körper ist mit Hautbahnen bedeckt. Über die Schulter scheint Wildbret geworfen zu sein. Kopf und Arme sehen wir nicht. Die Verhüllung scheint im Fokus zu stehen., Wie ein Schaustück aus einer anatomischen Sammlung mutet die Rückansicht einer Liegenden an. Diese befindet sich in einer Vitrine, die aus einer Naturwissenschaftlichen Sammlung des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu stammen scheint. Anschauungsobjekt in einer Vorlesung im Anatomium der medizinischen Fakultät oder doch eher eine Variante von Memento Mori?

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Das Werk »Herbeumont, 2017-2019« im Außenbereich | © Foto: Helmut Reinelt

Und vor den Ausstellungsräumen sehen wir im Freien einen grob gebrochenen Steinbrocken, auf dem erlegtes Wild abgelegt wurde. Zumindest deuten die Läufe und Hufe auf erlegte Hirsche oder Rehe hin, obgleich eine allzu deutliche naturalistische Ausformung vermieden wurde. Schließlich befasst sich die Ausstellung auch mit dem Bezug von Körper und Tanz, insbesondere der Kooperation zwischen De Bruyckere und dem Tänzer Romeu Runa.

Katalog: Jutta Mattern (Hrsg): Berlinde De Bruyvckere – Pel/Becoming the figures, Arp Museum / Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König

© ferdinand dupuis-panther

 

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Berlinde De Bruyckere | J.L., 2006 | © Berlinde De Bruyckere Courtesy the artist and Hauser & Wirth | Foto: Mirjam Devriendt


Info
Arp Museum Bahnhof Rolandseck

Hans-Arp-Allee 1
53424 Remagen
Tel. +49(0) 22 28 92 55-0 Fax. +49(0) 22 28 94 25 21
info@arpmuseum.org
www.arpmuseum.org



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