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Sindelfingen
Schauwerk


Anthony Gormley - Learning to be
bis 24.04.2022


LOVE STORIES. 10 Jahre SCHAUWERK
bis 24.04.2022

Anthony Gormley - Learning to be

Das SCHAUWERK Sindelfingen zeigt eine umfangreiche Einzelausstellung des britischen Bildhauers Antony Gormley (*1950 London). Ausgezeichnet mit dem Turner Prize und dem Praemium Imperiale zählt er zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart. Die Ausstellung im SCHAUWERK ist die bedeutendste Werkschau des Künstlers, die je in Deutschland gezeigt wurde. Sie bietet einen umfangreichen Überblick über Gormleys künstlerisches Schaffen mit rund 30 Werken aus dem Studio des Künstlers und der Sammlung Schaufler – darunter Arbeiten, die bisher nie öffentlich zu sehen waren.

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Ausstellungsansicht ANTONY GORMLEY. Learning to Be, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach © Antony Gormley

Aufgewachsen in den 1950er Jahren, schon früh geprägt durch den Besuch des British Museum und der römischen Ausgrabungen in Fishbourne, naheliegend dann ein Studium der Archäologie und Kunstgeschichte am Trinity College in Cambridge, Reisen unter anderem zu den Pyramiden von Gizeh. Besuch der damals noch intakten riesigen Buddhastatuen in Bamiyan, Besuch des UNESCO-Weltkulturerbes Sigiriya, Beschäftigung mit tibetischem Buddhismus, Studium an der Londoner Central School of Art und am Londoner Goldsmiths College, die erste Einzelausstellung 1981, Gruppenausstellung mit seinen „body cases“ in diversen Ausstellungen, Beteiligung an dem zweijährig stattfindenden Open-Art-Festival an der belgischen Küste, kurz Beaufort genannt, Entstehung des 10 Meter großen „Havman“ für den norwegischen Küstenort Mo i Rana, Auftragsarbeit für den Neuen Deutschen Bundestag 2001, Ausstellung der Rauminstallation „Horizon Field“ in den Hamburger Deichtorhallen und schließlich 2020 die Kreation der Außenskulptur „New York Clearing“ im Brooklyn Bridge Park (NY City) – das sind nur einige Stichworte zur Vita des britischen Künstlers.

 

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Ausstellungsansicht ANTONY GORMLEY. Learning to Be, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach © Antony Gormley

Nunmehr ist er mit der Schau „Learning To Be“ in Sindelfingen zu sehen. Dabei stehen Körper und Raum im Fokus. Der menschliche Körper, die Abformung von Gormleys Körper, ist dabei auch als Sinnbild für den vermessenen Menschen zu sehen, oder? Im Gegensatz zu dem fehlenden Volumen bei den Arbeiten von Giacometti zeigt Gormley in seinen Arbeiten „Fülle“, verzichtet dabei im Gegensatz zu Giacometti jedoch auf die Tektonik der Oberflächen. Gormleys Körper sind glatt, linear gezeichnet, so als wären sie mit Lasermarkierungen für einen Scan vorbereitet, jedenfalls einige der ausgestellten menschlichen Körper.

Die Köper haben stets Raumbezug, nicht nur in sich, sondern auch in Bezug zum Ausstellungsraum. Dabei schließt das wie bei dem an der Wand lehnenden, gerade gestreckten Körper auch einen Leerraum ein. Allerdings in ganz anderer Art, als wir das von Henry Moores plastischen Arbeiten her kennen.

 

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Antony Gormley CLOSE I, 1992, Blei, Fiberglas, Gips und Luft, 25 x 195,6 x 190 cm, Artist Collection Foto: Stephen White, London, © Antony Gormley

Statt Still Life werden die Besucher mit „Still Feeling“ konfrontiert. Dabei handelt es sich um einen an der Wand lehnenden Körper, der durchaus an einen mumifizierten Leichnam denken lässt. Ausgestreckt am Boden liegend ist ein weiterer Körper. Dabei muss man unwillkürlich an die Unterwerfungsgesten denken, denen sich Priesteranwärter bei ihrer Weihe unterwerfen, obgleich diese nicht ihre Arme und Beine seitlich abspreizen. „Close“ nannte der Künstler sein Werk. Wie die Flügel eines Segelfliegers nehmen sich die stark überlängten, seitlich ausgestreckten Arme einer weiteren Figur aus, die mit dem Titel „Field“ belegt ist. Der schmale Ausstellungsraum wird durch die Figur weitgehend versperrt. Ob jemals ein Besucher unter den ausgebreiteten Armen hindurchgetaucht ist, um sich Raum zu schaffen? Ist diese Figur zugleich eine Hommage an Otto Lilienthal und an den Schneider von Ulm? Kann man in dieser Figur nicht auch die menschliche Faszination für das Fliegen entdecken?

 

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Antony Gormley FEELING MATERIAL I, 2003, Stahl, 205 x 154 x 128 cm, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Stephen White, London, © Antony Gormley

Ganz in der Nähe entdecken wir einen Ruhenden, der sich auf die rechte Seite gedreht hat und gegen die Wand schaut: „Sill Feeling“ (Corner). Bezieht man sich auf einige biografische Stichworte zu Gormley, so könnte man meinen, er habe hier seine Eindrücke aus der Königskammer in Gizeh verarbeitet, habe gleichsam einen archäologischen Fund geborgen und schonend für weitere Untersuchungen abgelegt. Zugleich geht der Körper als organische Form eine Verbindung mit der Strenge der Architektur ein, wird mit den Flächen von Wand und Fußboden konfrontiert, die streng geometrisch angelegt sind.

 

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Antony Gormley FLAT TREE, 1978, Lärchenholz, 678 cm (Durchmesser), Artist Collection © Antony Gormley

Organisch ist auch das Material, das der Künstler in zwei Bodenskulpturen verarbeitet hat, zum einen mit Blei ummantelte Äpfel, die in der Größe variieren und ein „Band“ formen, und zum anderen eine Installation aus gerupft erscheinenden, angeknabberten Stücken von industriell gefertigtem Toast. „Bread Line“ ist der Titel des Werks. Ein Alltagsgegenstand, im Sinne von Marcel Duchamp verfremdet und zu Kunst erhöht, könnte man meinen. Nein, nicht Richard Long ist für die Spiralform aus dünnen Baumscheiben zuständig, sondern Gormley: „Flat Tree“ (1978). Dass wir eine Bodenskulptur bestehend aus 2000 acht mm starken Holzscheiben, aus einer Lärche geschnitten, sehen, ist dem hervorragend gemachten Begleitheftchen zur Ausstellung zu entnehmen. Die Auffächerung der Scheiben gleich einem Strudel, in dessen Bann wir als Betrachter gezogen werden. Der eine oder andere mag sich auch in die Jahresringe vertiefen, die das Alter der Lärche verraten. Wer beim Anblick des Bodenobjekts an eine architektonische Gartengestaltung denken mag, liegt auch nicht falsch, gleichen doch die ausgelegten Scheiben in gewisser Weise einer Ansammlung von Trittsteinen.

 

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Ausstellungsansicht ANTONY GORMLEY. Learning to Be, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach © Antony Gormley

Am Ort entstand im Geiste von Konzeptkunst und mit roter Kreide ausgeführt „Excercise between Blood & Earth“, wenn man so will eine Fläche mit unregelmäßig geformten Ringen. Warum ein Würfel, der entkernt wurde, nicht als solcher bezeichnet wurde, sondern mit „Murmur“ ("Gemurmel"), müsste Gormley gefragt werden. Ist das als Hommage an ein Quadrat von Josef Albers zu begreifen? Neben dem entkernten Würfel findet man nebenan den schwarzen Kern, in der Form der Kaaba gleichend. Nicht die Quadratur des Kreises, sondern des Quaders steht im Zentrum der Arbeit, die aus 16 „ineinandergeschobenen“ Profilkantrohren aus Stahl besteht. Man könnte auch in Bezug auf Architektur von einer Vorhängefassade sprechen, wenn man seiner Fantasie freien Lauf lässt. Dass man aus Formen, die sich an die von Pyrit anlehnen, durchaus etwas Figuratives schaffen kann, zeigt Gormleys Kauernder. Aus einem filigranen Netzwerk aus Hexagonen besteht „Flair II“ . In dem Netzgeflecht ist ein Körper mit ausgestreckten Armen eingebettet. Dieser Körper scheint sich zudem im freien Fall zu befinden. Dabei wird deutlich, dass der Fallende auf dem Gesäß aufprallen wird, wenn er denn den Boden erreicht.

 

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Ausstellungsansicht ANTONY GORMLEY. Learning to Be, SCHAUWERK Sindelfingen, Foto: Frank Kleinbach © Antony Gormley

Dass ein „Footpath“ nicht unbedingt aus Pflaster bestehen muss, unterstreicht der britische Künstler. Für dieses Werk hat er einfach Gummistiefel zerschnitten und daraus eine bandartige Spur gelegt. Wie ein Boxring erscheint „Room“. Zwischen vier Pfosten hat Gormley zerschnittene, 8mm breite Stoffstreifen aus der eigenen Kleidung gespannt. Innerhalb des Rings – man könnte beim Anblick auch von Pferch reden – entdeckt man Brandsohlen und Sohlen von Schuhen. Was soll uns das sagen? Menschliche Anwesenheit in Abwesenheit? Abschließend seien mit „Bare IV“ und “Insider V“ weitere Arbeiten Gormleys genannt, die die sehenswerte Ausstellung abrunden. Dank des Begleitheftchens wird auch der Tatsache genüge getan, dass man nur sieht, was man weiß!

© ferdinand dupuis-panther

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Antony Gormley EXERCISE BETWEEN BLOOD AND EARTH, 1979–81, Kreide, 1,84 m (Durchmesser), Foto: Stephen White, London, Artist Collection © Antony Gormley

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LOVE STORIES. 10 Jahre SCHAUWERK

Zehn Jahre nach Eröffnung des SCHAUWERK Sindelfingen im Juni 2010 zeigt das Museum unter dem Titel LOVE STORIES Highlights aus der Sammlung Schaufler, die in vergangenen Ausstellungen bereits zu sehen waren.

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Ausstellungsansicht LOVE STORIES. 10 Jahre SCHAUWERK, SCHAUWERK Sindelfingen, 2020 mit Werken von Sue Williams (hinten) und John M Armleder (vorne), Foto: Frank Kleinbach, © Williams, © Armleder

Wie man ein Jubiläum begeht, ist hier und da eine knifflige Frage, muss man doch einen schlichten Rückblick vermeiden und vergangene Ausstellungen aufgreifen. Zugleich muss man die einst gezeigten Kunstwerke der Sammlung in einen anderen Dialog, in eine andere Konfrontation platzieren als in den vergangenen thematischen Ausstellungen. So kam wohl die Präsentation von „Lieblingsstücken“ zustande, oder?

Auch für diese Ausstellung, die auch ein wenig als Retrospektive zu begreifen ist, kann der Besucher auf ein erläuterndes Begleitheft zurückgreifen, um mehr über die ausgestellten Werke und Künstler zu erfahren. Mit den gezeigten 30 Werken schaut man auf die Arbeiten von 23 Künstlern und auf zehn unterschiedliche Ausstellungen, die im Schauwerk zu sehen waren. Man findet also heuer ein Kondensat dessen vor, was die Sammlung des Ehepaars Schaufler ausmacht.

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Ausstellungsansicht LOVE STORIES. 10 Jahre SCHAUWERK, SCHAUWERK Sindelfingen, 2020 mit Werken von Andy Ouchi (links), Gotthard Graubner (Mitte), Helen Frankenthaler (rechts), Foto: Frank Kleinbach, © Ouchi, für die Werke von Graubner und Frankenthaler © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

 

Norbert Kricke hat in einer sehr minimalistischen Art und Weise eine Raumplastik geschaffen, die sich aus einer Grundfläche heraus entwickelt. Oder entsprechen die verarbeiteten, mattweiß lackierten Rohre nicht eher einem Zeitstrang? Will uns Kricke durch seine Arbeit auf die Verbindung von Raum und Zeit hinweisen? Man könnte es vermuten. Nur zwei nach oben gebogene weiß lackierte Rohre deuten den Raum an. „Schwarze Flutwellen“, in denen sich die Lichtquadrate der Oberlichter des Saals spiegeln, sind Jacob Hashimoto zu verdanken. „Eager“ lautet der Originaltitel der Arbeit, die einst die Ausstellung „Zero“ bereicherte. Lackiertes Polyurethan wurde als Werkstoff für die „Sturmflut“ genutzt - so die Übersetzung des Titels ins Deutsche! Irgendwie scheint die Arbeit bewegt, scheint das Rauschen des Meeres impliziert zu sein und zugleich hat dieses Werk auch etwas Künstliches, Fremdes.

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Ausstellungsansicht LOVE STORIES. 10 Jahre SCHAUWERK, SCHAUWERK Sindelfingen, 2020 mit Werken von Tony Cragg (vorne) und Russell Young (hinten), Foto: Frank Kleinbach, für das Werk von Cragg © VG Bild-Kunst, Bonn 2020, © Young

Imi Knoebel hat vier unterschiedlich große weiße Bretter übereinander an einer Wand installiert. Das erscheint flächig wie dreidimensional, gleichsam als ein modernes Relief. Dabei muss man beim Betrachten der Arbeit, die ursprünglich auf Leinwand entstand, auch an den Konstruktivismus eines Malevich denken. Form ohne Abbild das ist das Credo des Künstlers. Heißt das auch Form ohne Inhalt? Auf alle Fälle huldigt Knoebel dem Monochromen. Und das scheint auch bei Jason Martin und seinem Ölgemälde „Heroes & Villains“ der Fall zu sein, denkt man auf den ersten Blick. Doch wer genau hinschaut, wird Strukturen, gezogene Linien von Borstenpinsel, entdecken, wird auch Figürliches erkennen, Gesichter und Frisuren mit feinen Haarlinien. All das ist jedoch abhängig vom Lichteinfall und dem jeweiligen Betrachtungswinkel.

 

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Ausstellungsansicht LOVE STORIES. 10 Jahre SCHAUWERK, SCHAUWERK Sindelfingen, 2020 mit Werken von Jacob Hashimoto (vorne), Jonathan Meese (links), Yasumasa Morimura (rechts), Foto: Frank Kleinbach, © Hashimoto, © Morimura, für das Werk von Meese © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ist das nun Einstein, der berühmte Einstein mit langer weißer Haarpracht und herausgestreckter Zunge oder doch nur ein Doppelgänger? Yasumasa Morimura ist selbst in die Rolle des Porträtierten geschlüpft und hat sich dem Original angenähert, dank Perücke und aufgetragener Schminke. Um das zu dechiffrieren, muss man dem Porträtierten sehr nahe sein. Dann erkennt man, dass der Schnappschuss von Arthur Sasse aus dem Jahr 1951 ein anderer ist als der, dem wir nun gegenüberstehen.

Fluxus oder was? – das ist die Frage bei Nam June Paik und seinem „TV-Cello“. Paik vereint in seinem Werk drei TV-Geräte in Acrylgehäuse mit der Schnecke, dem Griffbrett und dem Stachel des akustischen Saiteninstruments. Zwei Welten treffen so aufeinander, hier die flirrenden Bilderwelten und dort die Momentaufnahmen von Charlotte Moorman, die als Cellistin über Jahre mit Paik zusammengearbeitet hat. Irgendwie hat diese Arbeit auch etwas von dem Vorgriff auf die dem schrecklich neuen Welten des digitalen Zeitalters! Changierende Farbwechsel erleben wir beim dreiteiligen Opus von David Simpson. „Flying High“, „Dragon Fly“ und Fire Fly“ sind die Titel der monochrom erscheinenden Arbeiten. Voller Dynamik kommt Tony Craggs „Runner“ daher. Aus den fließenden Formen, die wie geschichtete Felsformationen anmuten, kann man je nach Blickrichtung unterschiedliche Figuren „herausschälen“. Ist da nicht auch ein Mann mit Schiebermütze zu sehen?

 

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Gotthard Graubner Entretiens des Couleurs, 1999/2000, Acryl und Öl auf Leinwand über Synthetikwatte auf Leinwand, 4-teilig, je 363 x 85 x 14 cm, Foto: Frank Kleinbach, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Nein nicht Farbpigmente, aufgeschichtet wie sonst in Werken Anish Kapoors, wurden für „Mother as a ship (No 2) verwendet, sondern Fiberglas und Pigment. Daraus wurde eine Art rudimentärer Schiffskorpus geformt. Zugleich muss man beim Betrachten aber auch an eine Vulva denken, also an die Mutter als Gebärende, als Frau, als Hüterin des Lebens, oder? Gleichsam als überdimensionaler Stolperstein und Raumteiler fungiert die aus rotorangefarbenem Acrylglas hergestellte Skulptur von John M. Armleder. Aufgefaltet erscheint sie, als ein neues Konzept von Paravent. Lucio Fontana, sonst bekannt für sein Concetto spaziale - für die Illusion des Räumlichen sowie ein- und aufgeschnittene Leinwände, ist nunmehr mit einem andersgearteten, kleinformatigen Werk in der Schau vertreten. Für dieses hat er Stanniolpapier mit einem mittig gesetzten vertikalen Schnitt versehen.

 

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Gotthard Graubner Entretiens des Couleurs, 1999/2000, Acryl und Öl auf Leinwand über Synthetikwatte auf Leinwand, 4-teilig, je 363 x 85 x 14 cm, Foto: Frank Kleinbach, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Wer sich für Aspekte der bildenden Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts interessiert, dem sei die Ausstellung, die luftig gehängt und gesetzt ist, wärmstens empfohlen. Dank des Begleitheftes als nützlichem Ausstellungsbegleiter enträtseln sich auch die Bildinhalte – und das ist gut so.

© Ferdinand Dupuis-Panther


Informationen
https://www.schauwerk-sindelfingen.de


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