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Tecklenburg
Otto Modersohn Museum

"Die Natur ist stets kostbar". Mit Modersohn durch die Jahreszeiten.

bis 24.2.2023

Die stete Auseinandersetzung mit dem Thema "Landschaft" veranlasste Otto Modersohn, die Natur in all ihren Erscheinungsformen, zu jeder Tages- und Nachtzeit und zu allen Jahreszeiten, künstlerisch festzuhalten. Sein gesamtes Leben strebte er, der technisch sehr Versierte, die Zwänge des akademischen Kanons der Düsseldorfer Kunstakademie hinter sich lassend, nach poetischer Empfindsamkeit und Einfühlung in das Wesen der Natur. Er erkannte in jedem botanischen Detail etwas Kostbares, spürte auch in windzerzausten Bäumen und dämmerigen winterlichen Impressionen der ihnen eigenen Ästhetik nach.

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Otto Modersohn, Landschaftsstudie mit Birken und Haus, 1898 © Dr. Nöth kunsthandel + galerie

Otto Modersohn ist der Maler der norddeutschen Landschaft, so der Eindruck beim Besuch der Ausstellung. Nur eine Berglandschaft befindet sich unter den Exponaten. Einige Stillleben wurden den Landschaften obendrein beigeben. Doch genau diese Landschaften stehen bei der aktuellen Ausstellung im Fokus. Sie gleichen einer „Wanderung durch Norddeutschland durch die Jahreszeiten“. Stürmisch geht es in der Arbeit „Unwetter über der Surheide“ zu. Eine graue Gewitterfront zieht über den Himmel und verdunkelt die Szenerie. Einzelne Wacholder ragen empor, so als seien sie skulptiert worden. Flächen in Pistazien- und Gelbgrün vermischen sich mit erdig-sandigen „Farbfeldern“. Im Dialog zu diesem Werk wurde „Moorlandschaft nach dem Regen“ platziert: Der strichweise Regen ist noch vorhanden und gleicht einem fädigen Wasservorhang, Hier und da ist der Himmel allerdings aufgelockert. Eine schmale lang gezogene gräuliche Wolke ist zu sehen. Und neben dem Kanal wurde Torf aufgeschichtet.

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Otto Modersohn, Sommer am Moorkanal, 1896 ©Kunsthalle Bremen.Der Kunstverein in Bremen. Foto Lars Lohrisch

Mit „Blick über die Tauber über die Eisenbahnbrücke“ verlassen wir das norddeutsche Flachland zwischen Wümme und Hamme, zwischen Fischerhude und Worpswede, den Orten, an denen Modersohn hauptsächlich künstlerisch tätig war. In den Farbsetzungen hat man den Eindruck, Cézanne habe bei diesem Gemälde Pate gestanden, betrachtet man die Grünnuancierungen und die Sandfarben für die Stadtlandschaft. Ein ins Bild von rechts hineinragender Ast am oberen Bildrand gibt der Arbeit einen gewissen Rahmen und lenkt den Blick auf den Fluss, die Brücke und die im Hintergrund aufragende Stadt.8

Nein, Badeszenen am Meer gibt es nicht zu sehen. Dafür eine Badeszene am Moorkanal mit Nacktbadenden. Einer von diesen steht schon im Wasser, ein anderer krabbelt vorsichtig über die Böschung und schaut erst einmal, ob er denn wirklich ins Nass eintauchen möchte. Es ist Sommer, doch keiner de Badenden taucht wirklich in den Kanal ab. Warum bloß nicht? Einige Birken zeigen ihr vollgrünes Laub und auf dem Feld stehen goldgelbe Ähren, die auf die Ernte warten. Wenige Wölkchen bevölkern den blauen Himmel. Es ist ein wunderbarer Tag in Norddeutschland.

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Otto Modersohn,, Frühlingslandschaft in Quelkhorn bei Fischerhude, 1927, © Dr. Nöth kunsthandel + galerie

Von Bäumen mit dichtem Laub beschattet ist der Lauf der Wümme, den Modersohn in Öl gemalt hat. Mit einem Staken stößt sich ein Kahnfahrer vom Ufer ab. Wäsche weht auf einer „Bleichwiese“ im Wind. Man findet unter den Gemälden aber auch durchaus eine mit Sinn für das südliche Licht bzw. für Lichtregie im Sinne der Haager Schule gestaltete Heidelandschaft. Blühendes Heidekraut ist nicht zu sehen, aber einige im Licht schimmernde Bäume, deren Stämme rötlich-braun erscheinen, obgleich doch Birken ein typisches Schwarz-Weiß aufweisen. Doch es ist der Sonnenstand, der die Stämme in rötliches Licht taucht. Und immer wieder ist es ein Moorkanal, der im Mittelpunkt der Landschaftsmalerei steht. So entdecken wir auch ein Motiv, bei dem auf einer Anhöhe ein mit Reet gedecktes Haus steht. Davor befindet sich ein Gemüsegarten, der von jungen Birken umstanden ist. Spiegelglatt ist die Wasseroberfläche des Kanals an einem Herbstmorgen, an dem die Ansicht entstanden ist. Übrigens, eine Bäuerin in dunklem langen Rock und mit roter Bluse steht am Randes Kanals und schaut in die Ferne. Erwartet sie jemanden?


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Otto Modersohn,Wintertag in Worpswede, 1915-16,
©Sammlung Dr. Andreas Gerritzen

Sommerlich scheint die Ansicht vom Weyeberg, auf den ein Birkenweg führt. Der auf eine Anhöhe führende Weg ist sandig, hellsandig. Schlanke Birken gedeihen am Hang. Erst waren wir noch bei Sommerwetter zwischen Worpswede und Fischerhude unterwegs, dann nimmt uns Modersohn mit in eine „Stürmische Wümmelandschaft“. Das Stürmische spiegelt sich im gestischen Duktus der Malerei wieder. Wild erscheinen die Farbschläge auf der Leinwand, mit breitem Pinsel ausgeführt. Der Wind hat das Kronendach der Bäume, die wir sehen, zerzaust. Sind es Schirmkiefern, die da der stürmischen Natur ausgesetzt waren?

Winterbilder sind aktuell auch zu sehen. Dabei erinnern sie ein wenig an entsprechende Arbeiten niederländischer Maler, die vor allem Schlittschuhläufer und Schlittenfahrer auf den zugefrorenen Grachten und Seen für die Nachwelt festgehalten haben. Auch Modersohn verdanken wir ein entsprechendes Gemälde mit Schlittschuhläufern. Tief verschneit ist auch der Friedhof, den der Künstler gemalt hat. Nur ein einziges Fenster in einem Haus am Friedhof ist erleuchtet. Winterruhe ist eingekehrt, denn niemand legt Grabschmuck auf einem der Gräber aus. Der Friedhof ist verwaist unter weißer Schneedecke. „Winter in Fischerhude“ ist ein weiteres Winterbild, das aktuell gezeigt wird.

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Otto Modersohn, Stillleben mit Obstschale, 1930
, © Sammlung Dr. Andreas Gerritzen

Banal scheinen die Birkenstämme, die in zwei Hochformaten im ersten Obergeschoss des Museums zu sehen sind, aufgestellt auf Staffeleien, so als habe Modersohn die Werke gerade vollendet und begutachte sie nun. Und auch einige Stillleben sind in diesem Teil der Ausstellung zu sehen. Sie vermittelt einen sehr guten Überblick über Modersohns Schaffen. Dieses orientierte sich durchaus an der französischen Freilichtmalerei. Modersohn war Mitbegründer der Künstlerkolonie Worpswede, die im Zuge einer Ausstellung in der Bremer Kunsthalle im Jahr 1895 als „Apostel des Hässlichen“ beschimpft wurden. Position ergriff Modersohn als einziger Maler aus der Künstlerkolonie Worpswede im Hinblick auf deutsche Künstler, die sich 1911 gegen den Ankauf eines Werks von van Gogh wandte. Seine Worte zum sogenannten „Bremer Künstlerstreit“ waren die folgenden: „Die Nationalität spielt bei der Kunst überhaupt keine Rolle, es kommt lediglich auf die Qualität der Kunst an. […] Wenn sich die Kunst bei uns in den letzten Jahren gehoben hat, so verdanken wir das in erster Linie der bei uns immer bekannter gewordenen guten französischen Kunst.“ Das war eine klare Position!

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://ommt.de

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