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Warendorf
Westpreußisches Landesmuseum


Glanzlichter – Polnische Kunst aus dem Kunstmuseum Bochum
bis 19. Februar 2023

Vorgestellt werden Highlights der über 60-jährigen Sammeltätigkeit polnischer Kunst des Kunstmuseums Bochum. Dabei sind Arbeiten von 20 Künstlern zu sehen, die hierzulande eher unbekannt sind Bereits in den 1960er Jahren legte das Kunstmuseum einen Sammlungsschwerpunkt auf die Kunst der früheren sogenannten Ostblockstaaten – in Zeiten des „Kalten Krieges“ keine Selbstverständlichkeit. 1964 zeigte das Museum unter dem Titel „Polnische Kunst heute“ die erste umfassende Nachkriegsausstellung zeitgenössischer polnischer Plastik, Malerei und Grafik, gefolgt von zahlreichen weiteren Gruppen- und Einzelausstellungen polnischer und osteuropäischer Künstler. Heute befinden sich über einhundert Werke polnischer Künstler:innen im Bestand des Kunstmuseums. Seit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ sind sie Teil der allgemein internationalen Ausrichtung des Museums.

 

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Stanisław Fijałkowski (*1922 Zdołbunów/Wolhynien, lebt in Łódź) 17 I 74, 1974 Öl auf Leinwand 73 x 60 cm © Kunstmuseum Bochum

Die Begrenzung der Räumlichkeiten macht es dem Museum leider nicht möglich, die ausgewählten Arbeiten in einer lockeren Hängung zu präsentieren, sodass sich das Auge des Betrachters besser auf die Einzelwerke fokussieren kann. Bei einem ersten Blick fällt auf, dass das Ungegenständliche in den Sujets überwiegt. Das Skulpturale ist mit zwei Arbeiten präsent, ansonsten werden Gemälde gezeigt, die sich unter anderem im Umfeld von Suprematismus, Konstruktivismus und konkreter Kunst bewegen. Das wundert kaum, denn nach 1945 war in der Kunst das Figurative nicht angesagt. Der propagandistische Missbrauch figurativer Malerei im Sinne der NS-Ideologie und des sog. Sozialistischen Realismus in der UdSSR hatte diese Form der Malerei diskreditiert. Künstler setzten daher auf das Ungegenständliche, das Abstrakte, das sich eben im Gegensatz zum Figurativen nicht instrumentalisieren lässt. Und das war auch in der Künstlerszene in Polen der 1960er Jahre und später der Fall.

 

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Jerzy Grabowski (1933 Gutki – 2004 Warschau) Nachdenken über Zahlensymbolik, 1993 Präge- und Siebdruck 62 x 91 cm © Kunstmuseum Bochum


Großformatiges ist vereinzelt in der Schau zu finden, vor allem aber eher kleine Formate. Zu den Großformaten gehört Tadeusz Kantors „Object pictural“ (1964). Beim Betrachten der Arbeit fragt man sich, ob auf grünlich schimmerndem Grund und mit „reliefiertem Farbauftrag“ etwas Vegetabiles bzw. Florales in Abstraktion entstanden ist. Man könnte aber auch den Eindruck gewinnen, man betrachte angeschwemmtes Strandgut, das zu einem skulpturalen Gebilde vereint wurde. Auch an ein abstraktes Totemgebilde könnte man beim Betrachten der Arbeit denken. Dabei fallen die Durchwirkungen der Leinwand mit Sand- und Erdfarben durchzogen von Grün- sowie Blaunuancen auf. Eine ganz eigene Form eines Mandala präsentiert uns Janina Kraupe-Swiderska. Sie ist Mitglied der Grupa Krakovska und der Grupa Oneiron (Henryk Waniek, Urszula Broll-Urbanowicz, Andrzej Urbanowicz), deren Mitglieder ein Interesse an Buddhismus, fernöstlichen Kulturen und Zen teilen. So erklärt sich auch das ausgestellte Sujet, das allerdings von einem klassischen Mandala abweicht und uns einen Straßenplan von Krakau ebenso zeigt wie wir auch den Schriftzug Kazimierz ausmachen können. Dabei handelt sich um das sogenannte jüdische Krakau. Auch die Weichsel hat die Künstlerin in ihre Arbeit eingefügt. Auffallend ist, dass sie den Straßenplan Krakaus in eine „rundliche Flaschenform“ eingefügt hat, die einen grüne Randung aufweist. Das Wort Mandala bedeutet übrigens Kreis oder kreisförmig und enthält die symmetrischen Muster, die den heiligen Mittelpunkt umschließen.

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Henryk Berlewi (1894 Warschau - 1967 Paris) Mechano-Faktur-Konstruktion, 1924/1961 Farbsiebdruck 61 x 50 cm © Kunstmuseum Bochum


Und wenige Schritte weiter stoßen wir auf ein weiteres Mandala, das allerdings keine Kreisform aufweist. Zbigniew Makowski, der mit Arbeiten auch im MoMA New York vertreten ist, schuf „1 ½ Mandala“: Surreal und abstrakt zugleich erscheint das, was wir sehen, abseits von der Kreisform eines Mandalas. Eher fühlt man sich an Künstler der sogenannten Outsider Art erinnert, ist doch das Blatt nicht nur mit Quadraten und Kreisen sowie diversen Symbolen ausgefüllt, sondern auch von linearen Schriftzügen, die eher ornamental anmuten. Oder enthalten sie Botschaften? Das Symbol Hand sieht man ebenso wie ein Andreaskreuz. Irgendwo in einem der Quadrate entdeckt man den Schriftzug AMOR. Buchstaben und Zahlen wurden in das Werk eingefügt. Dieses erscheint bisweilen als ein Bilderrätsel und weniger als ein sakrales Ideengebäude, wie man dies von traditionellen Mandalas her kennt.

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Zbigniew Makowski (1930 Warschau – 2019 Warschau) 1 ½ Mandala, 1964 Tusche, Aquarell auf Papier 48 x 61 cm © Kunstmuseum Bochum


Das „Stillleben mit Klappern“, in blauen Nuancierungen gehalten, stammt von Kiejstut Bereźnicki. Es knüpft an barocke Vanitas-Darstellungen an. Von diesen übernimmt der Künstler den Totenschädel als Symbol der Vergänglichkeit, verzichtet aber auf Symbole wie eine erloschene Kerze. Im Gegensatz zu den üblichen Vanitasgemälden gestaltet Bereźnicki einen Abstellraum mit Gestühl und Regalen sowie Kinderklappern. Er setzt sich also von dem klassischen Vanitas-Stillleben ab, in dessen Mittelpunkt ein Tisch mit Sanduhr, erloschener Kerze und Totenschädel oder der Skulptur einer abgebrochenen Säule steht. Sieht man nicht neben den Klappern auch erloschene Petroleumleuchten? Und wofür stehen die Klappern? Für die Kindheit, die vergangen ist, und den verhallten Klang, also auch für das Vergängliche, so muss man unterstellen.

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Adam Myjak (*1947 Stary Sącz, lebt in Warschau) Kopf, um 1986 Bronze Höhe: 40 cm © Kunstmuseum Bochum


Zu den skulpturalen Arbeiten gehört ein aus Balken und Planken roh zusammengezimmerter Riesenroller. Ein entrindeter Ast dient bei diesem Gefährt als überdimensionierter Lenker. Jerzy Bereś ist dieses hölzerne „Ungetüm“ zu verdanken, das seine Gebrauchsfähigkeit allerdings nur vortäuscht. Mit einer Kopfskulptur mit fließenden Formen – der Köpf zerfließt gleichsam in das Schulter- und Brustfragment – ist Adam Myjak in der Schau vertreten. Der Kopf mit ausgeprägter Nase-Mund-Partie, aber ohne Augenhöhlen, gleicht einer zündelnden Flamme, die bei einem Luftzug flackert.


Jan Lebenstein erdachte 1961 die nunmehr ausgestellte „Figur No. 156“. Was sehen wir? Eine erdfarbene Stabschrecke? Einen Käfer mit Chitinpanzer? Oder ist die Figur nichts anderes als ein Geäst, das sich verzweigt? Materialarbeit und Skulpturales zugleich sehen wir in „Zwei Räume I“ von Aleksander Kobzdej. Zwischen zwei „Podest-Elementen“ sieht man eine Art aufgefaltete Kuhhaut oder Stoff. Dabei gleicht der Stoff einem schweren Vorhang mit Faltenwurf, der einen Raum verhüllt. Die in Recklinghausen lebende Danuta Karsten hat ihr Werk bestehend aus einem Raster von 529 Fenstern unbetitelt gelassen. Dabei sind in den Fenster fiktive Buchstaben zu sehen, die aus Fäden bestehen.


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Henryk Stażewski (1894 Warschau -1988 Warschau) Relief Nr. 26 / 68, 1968 Öl auf Hartfaser 60 x 80 cm © Kunstmuseum Bochum

An Ben Willikens Raumarbeiten muss man denken, steht man vor Zofia Artymowska (1923 Krakau - 2000 Warschau) „Multiplied Space IX“ von 1981. Ein gestaffelter tiefer Raum endet vor einer Öffnung, die mit einem filigranen Gerüst verstellt ist. Vor diesem sieht man einen „Schattenmenschen“. Und auch den Satz des Pythagoras können wir in der Ausstellung visualisiert erleben, dank an Henryk Stażewski und sein „Relief Nr. 26/1968“. Dabei zerfällt dieses Relief in farbige Dreiecke wie auch „fiktiv“ durch gedachte Linienführung zu konstruierende rechtwinklige Dreiecke in Schwarz. Der Suprematismus, wie er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland entstand und mit einem Namen wie Malevitch verknüpft ist, findet sich in Henryk Berlewis Siebdruck “Mechano-Faktur-Konstruktion“. Neben einem großen feuerroten Quadrat und einem ebenso farbigen Kreis sehen wir ein schwarzes „Balkendiagramm“ und stufig gesetzte schwarze Balken.

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Władysław Hasior (1928 Nowy Sącz - 1999 Zakopane) Troja-Überfall, 1971 Holz, Textil, Figuren, Fundstücke, elektrische Installation auf Spanplatte mit Goldrahmen 90 x 129 cm © Kunstmuseum Bochum


Der Geschichte von Troja widmet sich Władysław Hasior (1928 Nowy Sącz - 1999 Zakopane): Seine Darstellung nutzt Holz, Textil, Figuren, Fundstücke, eine elektrische Installation auf Spanplatte sowie einen Goldrahmen für seine Visualisierung des Überfalls von Troja. Das Pferd ist kein hölzernes Riesenpferd, in dem sich die Angreifer versteckt haben, sondern ein Spielzeugschimmel mit roter Schleife (?), der im Inneren beleuchtet wird. Zudem sehen wir vier Schafe längs trotten. Und was haben die mit Troja zu tun?


Fazit: Man wünscht sich angesichts der aktuellen Ausstellung mehr Begegnungen mit Kunst, die in Zeiten des Kalten Kriegs hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang entstand und dennoch Bezüge zu den Tendenzen der Kunst im Westen i.e. konkrete Kunst aufweist.


© ferdinand dupuis-panther


Informationen
http://westpreussisches-landesmuseum.de/de/museum/


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