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Warendorf
Westpreußisches Landesmuseum


DIE SCHÖNSTEN WOCHEN DES JAHRES - REISE(N) EINST UND JETZT
bis 17. Oktober 2021

Reisen – der Deutschen liebstes Hobby. Jahrzehntelang war der Tourismus zudem ein stetig wachsender Wirtschaftszweig – allein 2019 unternahmen die Deutschen insgesamt 70,1 Millionen Urlaubsreisen – bis die Corona-Pandemie dieser Entwicklung 2020 und 2021 erst langsam, dann umfassend ein Ende bereitete. Aber das Reisen an sich war auch in vergangenen Zeiten durchaus schon ein Massenphänomen – wenn auch oft aus anderen Gründen als heute. Den historischen Strängen des Reisens, Pilgerreisen, Handelsreisen oder Litauerreisen nachzugehen, steht im Fokus der Ausstellung, die sich auf die Geschichte Westpreußens konzentriert und auch die sogenannten Heimatreisen nach 1945 nicht ausspart. Dabei werden nicht nur Lithographien, Bernsteinschmuck und Postkartenalben, sondern auch wenige Ölgemälde und Werbeplakate sowie Photographien des heutigen Danzig gezeigt.

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Ausstellungsplakat "Die schönsten Wochen des Jahres. Reise(n) einst und jetzt", Westpreußisches Landesmuseum 2021

 

Ohne Werbung kommt das moderne Reisen nicht aus. Konkurrierende Reiseziele müssen sich präsentieren, um Reisende anzulocken. Das ist jedenfalls beim modernen Reisen so. In der Vergangenheit war das anders. Man begab sich auf Wallfahrten oder Pilgerreisen, war auf Handelswegen unterwegs oder Teil eines Kreuzzuges, der nach dem Fall von Akkon sich auch über Jahrzehnte gegen die heidnischen Litauer richtete.

Aufgemacht wird mit einem Werbeplakat für Danzig und Zoppot. Der Slogan ist einfach: Dieses Jahr Danzig Zoppot. Statt eines Photos war ein Plakatmaler am Werk, um die Silhouette der Stadt einzufangen, den Blick auf die Lange Brücke und das Krantor. Einen Sprung in die Jetztzeit unternimmt der Ausstellungsbesucher, wenn er die zahlreichen bunten Broschüren entdeckt, die ausliegen. Sie machen auf Marienburg, Torun, Masuren und das Ermland sowie Danzig aufmerksam oder laden mit einem Radwegeatlas dazu ein, auf dem Drahtesel Polen zu erkunden.

Zum Reisen gehörten und gehören auch stets Mitbringsel. Das war bereits bei den Pilgerreisen nach Compostela so. Wer sie hinter sich gebracht hatte, der präsentierte daheim seine Kammmuschel. Ganz anders sind die heutigen Mitbringsel, wenn auch eine Schneekugel mit Danziger Stadtansicht fehlt. Stattdessen sieht man als Ausstellungsexponate Sammeltassen, Vasen, eine Kanne sowie ein filigran gearbeiteten Dreimaster mit wehenden Fahnen. Damit machen nicht nur klassische Urlaubsorte auf sich aufmerksam, sondern auch einst wenig bekannte Touristenziele wie das westpreußische Preußisch Stargard oder Riesenberg.

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Plakat "Dieses Jahr Danzig Zoppot". Farbdruck von Bruno Paetsch, Danzig o. J. (1930er Jahre).

 

Beim Rundgang entdeckt der Besucher auch einen Auszug aus Reiseerinnerungen, die Friedrich Wilhelm Carl Wisselinck zu Papier gebracht hat, der von Elbing in die Schweiz reiste und ein Loblied auf Westpreußen anstimmte. Den Reiz der Dünungen und Sandstrände der Ostseeküste zeigt uns Paul Emil Gabel in seinem mit expressivem Duktus geschaffenen Gemälde, das 1899 entstand. Nur Badende sieht man in der Küstenlandschaft nicht. Unberührt, scheinbar unberührt liegt sie da. War sie noch nicht touristisch erschlossen, als Gabel sein Gemälde malte?

Die kompakt strukturierte Ausstellungen behandelt im Weiteren Themen wie Pilgerreisen, Handelsreisen sowie Reisen im 18./19. Jh. und Reisen zwischen den Kriegen. Einführende Saaltexte erschließen das jeweilige Thema. Pilgerreisen dienten dem eigenen Seelenheil und führten nicht nur nach Rom oder Santiago de Compostela, sondern auch nach Aachen und Köln. Wer zu krank war, eine solche Reise zu unternehmen, der suchte sich einen Auftragspilger. Dieser unternahm die Reise dann, gegen einen Obolus selbstverständlich. Der eine oder andere machte daraus eine Haupterwerbsquelle! Einige wie der Danziger Krämer Jacob Lubbe pilgerten nach Köln und Aachen, auch um nebenbei einen finanziellen Auftrag in Erkelenz zu erledigen, wie historischen Quellen zu entnehmen ist. Für 1332, so erfahren wir, ist die älteste beurkundete Pilgerreise dokumentiert, als eine Bürgerin aus Torun nach Aachen aufbrach. Aber auch in Westpreußen boomte irgendwann das Pilgern, wurden Kulm und Lobau Wallfahrtsorte, die Menschen aus nah und fern anzogen. Im 19. Jahrhundert wurde das Kloster Maria Lonk in Neumark als Ziel von Pilgern entdeckt. Wer auf Pilgerreise war, der schickte auch Postkarten an die Familie. So sehen wir zum Beispiel Ansichtskarten aus Oliva mit der dortigen Erzkathedrale. Und als besonderes Mitbringsel aus Compostela kann eine schwarze Figurine des hl. Jakobus gelten, das nach einer erfolgreichen Reise erworben wurde.

 

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Zoppot/Sopot galt in den 1920er Jahren als das mondänste und weltoffenste Seebad an der Ostsee. Touristen aus halb Europa zog es an die "Riviera des Nordens". Postkarte, Ende 1920er Jahre.

Handelsreisen hingegen gab es schon in der Antike. Unter Kaiser Nero beispielsweise blühte der Handel mit baltischem Bernstein, das über das Schwarze Meer und das Mittelmeer auch nach Santorin und Mykonos gelangte, wie ein weiterer Sachtext in der Ausstellung darlegt. Selbstverständlich bekommt man auch Bernstein zu sehen, wenn man die Ausstellung besucht, nicht nur Bernsteinsplitter, sondern auch Ohrringe, eine Halskette und einen Ring. Das eine Handelsreise ein ernsthaftes Geschäft war, unterstreicht das Kontorbuch von Jakob Stöve, der Münsteraner Ratsherr war und aus Warendorf stammte. Er reiste nach Danzig und hielt in dem Kontorbuch unter anderem Gewichte, Maße und sogenannte Mautstrecken fest. Ob er auf seiner Reise bewaffnet war, wissen wir nicht. Jedoch sehen wir in einem Waffenkasten Steinschlosspistolen, die vor einem Überfall in unbekannten Gegenden schützen sollten.

Der Kampf des Deutschen Ordens gegen die Litauer wird in der Ausstellung mit „Litauerreisen“ bezeichnet. Es ist ja bekannt, dass nach dem Fall von Akkon Kreuzzüge angezettelt wurden, um jüdische Gettos zu überfallen und die dort Ansässigen niederzumetzeln, aber der Feldzug gegen die Litauer im Mittelalter ist wohl weniger ein Begriff. Diese sogenannten Litauerreisen fanden zwischen 1320 und1386 statt und endeten, als der Großfürst Wladyslaw II Jagiello den polnischen Thron bestieg. Angesichts blutiger Auseinandersetzungen und kriegerischer Handlungen von einer Reise zu reden, ist völlig abwegig, genauso abwegig wie bei dem Frankreichfeldzug im Ersten Weltkrieg von einer Frankreichreise zu reden. Der eine oder andere, der da in Hurrapatriotismus und gekleidet in Feldgrau nach Westen marschierte, mag das als Abenteuer angesehen haben, aber es war ein Abenteuer, das tödlich endete, jedenfalls tausendfach tödlich endete.

 

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Kahlberg/Krycina Morska ist heute der Hauptferienort auf der Frischen Nehrung. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zog es Urlauber und Ausflügler aus Elbing und Frauenburg hierher. Postkarte, 1928.

Gereist wurde im 18. und 19. Jahrhundert. Gemalte Werbeplakate oder Aquarelle von Reisezielen dienten dazu Urlauber anzulocken. Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg war, wie man erfährt, das Sammeln von Ansichtspostkarten sehr beliebt, zeigten die doch, wo man schon einmal gewesen war. Zudem professionalisierte sich das Reisen, gab es in Danzig erstmals eine Schule für Fremdenführer nebst einer Broschüre „Jeder Danziger ein Fremdenführer“. Mit der sogenannten „Heimatreise“ nach 1945 wird das Kapitel Reisen und Westpreußen abgerundet.

© ferdinand dupuis-panther

Weitere Ausstellungen

Ausblick - Natur in Farbe und Struktur. Malerei und Zeichnung von Friedrich Kreuzberg

8. Juli 2021 bis 30. September 2021

Das Kulturreferat für Westpreußen, Posener Land und Mittelpolen präsentiert in Zusammenarbeit mit dem Westpreußischen Landesmuseum aktuelle Werke des Warendorfer Künstlers Friedrich Kreuzberg.

Brigitte Kumpf. Textilkunst

7. Oktober 2021 bis 16. Januar 2022

Die Ausstellung präsentiert Arbeiten der Textilgestalterin Brigitte Kumpf. Die Warendorfer Künstlerin beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit textilen Materialien. Begonnen hat Brigitte Kumpf mit der Fertigung traditioneller Quilts – gesteppte Decken für Bett oder Wand – die sie nach vorgegebenen Mustern gearbeitet hat. Im Laufe der Zeit verlagerte sich ihr Interesse zunehmend auf die Gestaltung der Oberflächen, um so zu eigenen, künstlerischen Aussagen zu kommen.

Romantik in Preußen – zwischen Königsberg, Marienburg, Berlin und Köln. 28. Oktober 2021 bis Februar 2022

Preußen spielte für die Geschichte der Romantik eine bedeutende Rolle, insbesondere im Bereich der Literatur und Architektur, aber auch bei der Entwicklung einer romantischen Theoriebildung. In der Ausstellung werden die verschiedenen Facetten der Romantik in Preußen – zwischen Königsberg, Marienburg, Berlin und Köln – an ausgewählten Beispielen vorgestellt und erläutert.


Informationen
http://westpreussisches-landesmuseum.de/de/museum/


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