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Weil am Rhein
Vitra Campus
Vitra Schaudepot

Spot On. Designerinnen in der Sammlung
bis 08.05.2022

Sammlung Schaudepot
dauerhaft

Das Vitra Schaudepot bietet seit seiner Eröffnung 2016 eine Bühne für rund 400 Hauptwerke aus der Sammlung des Vitra Design Museums. Zum fünften Geburtstag erhält das Schaudepot nun ein neues Präsentationskonzept: Dabei schaffen jährliche Themenschwerpunkte ergänzend zur Dauerausstellung mehr Raum für aktuelle Diskurse und wechselnde Inhalte. Das erste Jahresthema lautet »Spot On. Designerinnen in der Sammlung«. Der aktuelle Ansatz der Sonderschau fokussiert sich auf die Rolle von Frauen im Möbeldesign. Dabei wird auch der Blick des Vitra Design Museums auf die eigene Sammlungspraxis kritisch hinterfragt. Gezeigt werden neben Neuerwerbungen von Designerinnen wie Inga Sempé, Reiko Tanabe, Matali Crasset oder Gunjan Gupta auch historische Archivbestände, etwa zu der legendären Zusammenarbeit von Ray und Charles Eames.

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Reiko Tanabe in der Zeitschrift »Geijutsu Shincho«, August 1967 © SHINCHOSHA

Der Ansatz der Sonderschau ist durchdacht, auch wenn die Designs auf den Inseln von der Vielzahl derer in den Hochregalen beinahe erdrückt werden und der Besucher mit seinem Blick ein wenig abgelenkt wird und sich stets entscheiden muss, welchen Designs er Priorität einräumt.

Die irische Designerin Eileen Gray ist nicht eine der jungen Wilden, sondern ist eine Designerin, die in den 1930er Jahren mit dem sogenannten Folding Lounger aus lackiertem Eisen und Holz ebenso für Furore sorgte wie mit dem Ankleideschrank für die Villa Tempe a Pailla. Man beachte u. a. die Flexibilität der herausstellbaren Schubladen und den im Inneren verborgenen Spiegel des „faltbaren Möbels“. Dieser Schrank diente auch als Raumteiler zwischen Schlaf- und Ankleidebereich im sogenannten Hauptschlafzimmer und war zudem Teil von Grays Haus im französischen Roquebrune-Cap-Martin.

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Inga Sempé, Ruché, 2010 © Ligne Roset

Zur jungen Generation von Designerinnen gehört hingegen Matali Crasset, die seit 1998 ein eigenes Designstudio betreibt. Mag der Stuhl, den sie entworfen hat noch konventionell erscheinen, zumindest auf den ersten Blick. Doch auf den zweiten Blick ist das Sitzmöbel aus der Art geschlagen. Das hängt auch mit den Armlehnen zusammen, die sich tropfenförmig erweitern. Bankähnliche Sitzmöbel mit eingesteckten Lehnenfragmenten sind Gitta Gschwendtner zu verdanken. Man denkt bei deren Anblick an Alternativen zu den üblichen Bänken in Wartebereichen, unter anderem in Wartesälen von Bahnhöfen. Die versetzt eingefügten Lehnen erlauben dabei ein sehr kommunikatives Miteinander, oder? Plüschig in Rosa, noppig in der Oberfläche und fast genauso kitschig wie die Designs von Memphis kommt ein Sofaentwurf von Inge Sempé daher. „Ruché“ wird übrigens bei dem sonst wenig auf Kitsch ausgerichteten Unternehmen ligne roset vertrieben.

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Reiko Tanabe, Murai Hocker, 1961
© Yosuke Suzuki

An die formale Schlichtheit des Schmetterlingsflügelhockers (Entwurf Sori Yanagi) und an den Minimalismus von Max Bill erinnert uns der von Reiko Tanabe konzipierte, eigentlich dreiteilige Hocker namens “Murai“, der auch als Beistelltischchen nutzbar erscheint. Schlicht ist die Form. Understatement ist die Aussage des Designs. Dieser Stuhl hat es unter anderem in die Sammlung des Museum of Modern Art gebracht! Im Übrigen kann man mehrere dieser Stühle auch zu einem Turm stapeln und wie eine Skulptur im Raum platzieren. Brancusi lässt grüßen, oder?

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Lisa Ertel, Dune, 2017 Foto: Michelle Mantel

Auf Zaha Hadids organisch geformten Tisch sind wir bereits oben eingegangen. Die einzelnen Elemente des Tisches changieren zwischen Blatt-, Flügel- und Tropfenformen. Maija-Liisa Komulainen, die am Institut für Handwerk und Design in Helsinki ihre Ausbildung absolvierte und zwischen 1950 und 1967 in Helsinki arbeitete, ist in der Schau mit einem Sessel präsent. Auffallend ist der aus schwarz lackiertem Stahl bestehende Unterbau des Sessels mit „freischwingender“ Sitz- und Rückenfläche, die keine unmittelbare Verbindung miteinander haben und gleichsam gespiegelt zueinander gesetzt wurden.

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Lisa Ertel, Anne-Sophie Oberkrome, Neil, Prototyp, 2018
Foto: Jannis Zell und Marcel Strauß

Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrone haben mit „Neil“ eine Kombination aus Sitzmöbel mit integrierter Arbeitsfläche geschaffen. Einen ausladenden Schreibtisch wollten die beiden Designerinnen gewiss nicht ersetzen, sondern eher dem Prinzip „Small is beautiful“ folgen, sprich ein formenreduziertes Möbel für begrenzten Wohn-Arbeitsraum schaffen. Schließlich ist noch auf den „Old Bori Throne“ zu verweisen, eine Arbeit von Gunjan Gupta. Auf weitere Intervention darf man angesichts der gezeigten gespannt sein.

© Ferdinand Dupuis-Panther

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SAMMLUNG SCHAUDEPOT

Im Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron präsentiert das Vitra Design Museum Schlüsselobjekte seiner umfangreichen Sammlung und schafft damit eine der weltweit größten Dauerausstellungen und Forschungsstätten zum modernen Möbeldesign. Die Sammlung des Vitra Design Museums umfasst circa 20. 000 Objekte, darunter etwa 7.000 Möbel, über 1000 Leuchten, zahlreiche Archive sowie die Sammlung des Eames Office, oder die Nachlässe von Verner Panton und Alexander Girard. Das Vitra Schaudepot entstand mit dem Ziel, die stetig wachsende Sammlung öffentlich zugänglich zu machen, denn obschon das Hauptgebäude des Museums von Frank Gehry 1989 ursprünglich als Sammlungsbau konzipiert war, präsentiert das Museum darin heute große Wechselausstellungen.

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Außenansicht Vitra Schaudepot © Vitra Design Museum,
Foto: Julien Lanoo

Von Thonet bis …

-Wie eine ausladende Zehntscheune in modernem Terrakottagewand mutet das Schaudepot von außen an. Herzog & de Meuron ist der Entwurf des Gebäudes zu verdanken, das nicht mit den Schaustücken um Aufmerksamkeit buhlt wie so manch modernistischer Bau eines Kunstmuseums. Das Vitra Schaudepot bietet seit seiner Eröffnung 2016 eine Bühne für rund 400 Hauptwerke aus der Sammlung des Vitra Design Museums. Zum fünften Geburtstag erhält das Schaudepot nun ein neues Präsentationskonzept: Dabei schaffen jährliche Themenschwerpunkte ergänzend zur Dauerausstellung mehr Raum für aktuelle Diskurse und wechselnde Inhalte.

Doch bleiben wir zuerst bei der Vorstellung der Ikonen des Designs von Sitzmöbeln der letzten Jahrhunderte, die in Hochregalen präsentiert werden. Ob sie komfortabel sind oder eher als Kunstobjekte anzusehen sind, bleibt den Betrachtern überlassen, der den Sitzkomfort von einem Thonet-Stuhl ebenso wenig ausprobieren kann wie den Adjustable Chair von George Wilson aus der Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs im 19. Jahrhundert. Mit dem Betrachten muss sich der gemeine Besucher begnügen.

Kitsch oder Kunst – das darf man sich beim Anblick des mit Fransen versehenen Sitzmöbels von Carlo Bugatti fragen. Wer den Namen Charles Rennie Mackintosh liest, der wird in Oh und Ah „vergehen“, gilt dieser Designer doch als Ikone des Designs des späten 19. Jahrhunderts. Ein Einzelstück der Ausstattung des Argyle Street Tea Room hat den Weg nach Weil am Rhein gefunden. Aus dem mittelrheinischen Boppard stammt ursprünglich der Möbelentwerfer Michael Thonet, der seine Stühle aus unter Wasserdampf gebogenem Bugholz formte, so auch den ausgestellten Stuhl Nr 14 mit seiner organischen Erscheinung. In ähnlicher Formensprache kommt der Schaukelstuhl der Gebrüder Thonet aus der Zeit 1860-62 daher. Ach, könnte man doch nur einmal eine Runde schaukeln, oder?

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Innenansicht Vitra Schaudepot © Vitra Design Museum, Foto: Mark Niedermann

Gusseiserne Schwünge, ein wenig Art nouveau vorwegnehmend, sehen wir beim Centripetal Spring Chair von 1849. Thomas E. Warren hat ihn konzipiert und sich dabei auch dem Zeitgeist des Biedermeiers angepasst. Dabei setzte er verschlungene, vegetabile Linien im Fuß des Stuhls und in den Armlehnen um. Mit Bruno Mathsson begegnen wir einem skandinavischen Designer, der im schwedischen Värnamo ein eigenes Museum besitzt, in dem komplette Rauminstallationen mit seinen Designs zu finden sind. Dieser Designer pflegte nicht in einem Bürostuhl zu arbeiten, sondern in einem Liegestuhl mit Gurtbandverspannungen als Sitzfläche in einem welligen Holzrahmen.

Angesichts des grünen Metallrahmens mutet das Sitzmöbel von Jean Royère (1902-81) eher wie ein Gartenmöbel an. Seine sonstigen Entwürfe von Anrichten über Tische bis zu Deckenlampen sind im Schaudepot nicht zu sehen. Der Anblick der perforierten Metall-Lehne und Sitzfläche verspricht wenig einladenden Komfort. Dagegen besticht George Wilson mit einem fahrbaren Liegestuhl. Luxus oder Spielerei für wohlhabende Bürger des ausgehenden 19. Jahrhunderts? Dieser Stuhl, der 1870 patentiert wurde, ist im Übrigen in 30 verschiedene Sitzpositionen einzustellen. Zusammenschiebbar ist die Sitzfläche in einem 1928 konzipierten Stuhl von Pierre Chareau, der nicht nur Designer, sondern auch Architekt war und den Congrès International d'Architecture Moderne (CIAM) 1928 ins Leben rief.

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Zaha Hadid, Patrik Schuhmacher, Mesa, 2007 © Vitra, Foto: Hans-Jörg Walter

Zu den Designklassikern gehört bis heute die Sitzmaschine von Josef Hoffmann, die 1905 das Licht der Welt erblickte. Im Kontext der Künstlerbewegung De Stijl konzipierte der Niederländer Gerrit Rietveld seinen Stuhl in Rot, Blau, Gelb und Schwarz, irgendwie eine dreidimensionale Umsetzung der Farbfelder von Piet Mondrian. Rietveld war nicht nur Designer, sondern auch Architekt. In Utrecht findet man zwei Beispiele seiner architektonischen Ideen, darunter das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Rietveld-Haus. Aus Pressstoff, sprich Wellpappe, ließ Hans Günter Reinstein (188ß0-1945) einen Stuhl fertigen. Und dieses Material trägt?

Wer kennt ihn nicht den legendären Barcelona-Sessel, der von Ludwig Mies van der Rohe stammt und sehr raumgreifend ausgelegt ist. Und auch Le Corbusier ist mit Möbelentwürfen im Schaudepot vertreten. Ähnlich raumeinnehmend wie der Barcelona-Sessel ist der Freischwinger von Marcel Breuer, einst Meister am Bauhaus. Dass Architekten nicht selten auch das Interieur ihrer entworfenen Häuser gestalteten, unterstreicht Frank Lloyd Wright mit einem Möbel für Tallesin West. Der Sessel, der mit blauem Stoff ausgeschlagen ist, hat nichts mit organischen Formen gemein, sondern kommt eher kantig und aufgefaltet daher. Übrigens, die Pritzger-Preisträgerin Zaha Hadid, die die Feuerwache auf dem Vitra Campus entwarf und auch das Phaeno in Wolfsburg verantwortete, ist gleichfalls mit einem Möbelstück in der Depotschau vertreten: „Mesa Golden Line“ ist dabei in Kooperation mit Patrik Schumacher entstanden. Dass der Tisch mehrteilig gestaltet wurde, hängt damit zusammen, dass es bei den gewaltigen Maßen des Tisches Probleme mit der Herstellung gab. Die wurzelartige Struktur hätte sich nicht als einzige Gussform fertigen lassen, sodass sich die Entwerfer für eine Fragmentierung entscheiden mussten. Gearbeitet ist das Möbelstück in sogenannter Sandwichbauweise aus Faserverbundstoffen. Dass der Tisch so glänzt, wie er glänzt, ist der Silbernitratbeschichtung zu verdanken.

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15 Michele de Lucchi, Stuhl »First«, 1983 © Michele de Lucchi © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen Hans


Stapelstühle von Alva Alto, dem bekannten finnischen Architekten, sehen wir ebenso wie einen aus Plexiglas geformten. An Designs von Charles Ray Eames kommen wir beim Depotbesuch ebenso vorbei, nicht allein wegen der gezeigten Stapelstühle, sondern auch wegen der ausgestellten Schalen-Stühle aus PVC/Schaumstoff von 1951. Auch diese sind Meilensteine des Möbeldesigns, was auch für „Schwan“ und „Ei“ von Arne Jacobsen gilt. Der sogenannte schwungvoll geformte Panton-Stuhl ist genauso zu bewundern wie auch der blaue, trichterförmige Hocker, der ein wenig an eine Eistüte denken lässt. Georg Nelson hinterließ uns sein Marshmallow Sofa (1956), bestehend aus aneinandergereihten gepolsterten Scheiben in Lila, Rot, Grün, Blau und Orange und für mehr als 5000 Euro zu haben, laut Netzrecherche des Berichterstatters. Vorweggenommene Pop-Art fragt sich der Betrachter angesichts der Addition von Bonbonfarben?

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Innenansicht Vitra Schaudepo © Vitra Design Museum, Foto: Mark Niedermann

Hinzuweisen ist abschließend auf Arbeiten von Eero Aamio, Frank Gehry, Joe Colombo oder Konstantin Grcic, um nur einige Namen von Designern der Sammlung herauszugreifen. All diese Klassiker des Designs werden nunmehr mit jungen weiblichen Designerinnen konfrontiert, deren Entwürfe auf schwarzen Ausstellungsinseln zwischen den Hochregalen gezeigt werden.

© Ferdinand Dupuis-Panther

Informationen
https://www.design-museum.de

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