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Vitra Design Museum

Plastik Die Welt neu denken
bis 4. September 2022

Eine Ausstellung des Vitra Design Museums, V&A Dundee und maat, Lissabon Plastik prägt unseren Alltag wie kaum ein anderes Material: von der Verpackung bis zum Turnschuh, vom Haushaltsgerät bis zum Möbel, vom Auto bis zur Architektur. Jahrzehntelang standen Kunststoffe für unbeschwerten Konsum und revolutionäre Neuerungen, sie beflügelten die Vorstellungskraft von DesignerInnen und ArchitektInnen. Doch diese Zeiten sind vorbei, seit die Folgen des Kunststoff-Booms drastisch sichtbar geworden sind. Mit der großen Ausstellung »Plastik. Die Welt neu denken« untersucht das Vitra Design Museum die Geschichte, Gegenwart und Zukunft eines kontroversen Materials: vom rasanten Aufstieg der Kunststoffe im 20. Jahrhundert über ihre verheerenden Folgen für die Umwelt bis hin zu Lösungsansätzen für einen nachhaltigeren Umgang mit Plastik. Gezeigt werden unter anderem Raritäten aus der frühen Moderne, Objekte der Pop-Ära, aber auch zahlreiche aktuelle Entwürfe und Projekte, darunter pragmatische Innovationen, Initiativen zur Säuberung der Ozeane, Konzepte zur Wiederverwertung sowie Bioplastik auf Basis von Algen oder Pilzzellen.

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Precious Plastic, geschredderter Kunststoff; Mit freundlicher Genehmigung von Precious Plastic

Plastik in den Ozeanen, das zu gigantischen Kunststoffinseln verdichtet über die Meere treibt, Plastik angeschwemmt an den Küsten, ob Seile, Kanister, Netze, Flaschen, Plastik auch als Mikroplastik, das sich im Grundwasser absetzt – das sind die aktuellen Probleme und Herausforderung. Und mit diesen setzt sich die Ausstellung thematisch strukturiert und mit Sinn für Details auseinander. Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass ein Teil unseres Alltags, ob bei Kleidung oder bei der Inneneinrichtung, auf Plastik nicht verzichtet. Führende Stuhldesigns, wie von Panton oder Eames, sind ohne Kunststoffe nicht denkbar gewesen. Und die Erfindung von Bakelit durch den belgisch-amerikanischen Chemiker Leo Baekeland hat den Alltag revolutioniert, ob bei der Herstellung von Lampen, Steckern oder Schreibtischaccessoires. Baekeland gilt vielfach als "Vater der Plastikindustrie". Wie man beim Besuch entdeckt, gab es unter anderem auch Kamerastative aus Bakelit und außerdem elektrische Schalter in unterschiedlichen Farbnuancen wie Grün, Schwarz oder Blau.

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Maison Auguste Bonaz, Broschen aus Galalith und versilbertem Lucite, ca. 1920-1930 © Vitra Design Museum, Foto: Andreas Sütterlin

In einem neunminütigen Film wird das Thema "Plastik und Ozeane" überaus plastisch ins Bild gesetzt. Zuhören ist dazu der Walzer "An der schönen blauen Donau", im gleichen Jahr entstanden wie die Weltausstellung in Paris. Der erste thermoplastische Kunststoff war einige Jahre zuvor entwickelt wurden. Parkesin war der Name dieses Kunststoffes. Doch zurück zu dem eindrucksvollen Filmwerk, in dem man schwimmende Plastiktüten, Klarsichtfolien und Plastikknäule sieht, die wie Kleinstlebewesen der Meere anmuten. PET-Flaschen tanzen in den Wellen. Das Abfackeln bei der Ölförderung und brennende Ölfelder sind im Film gleichfalls zu sehen. Die Herstellung von Plastikchips und das Umwickeln von Six-Packs mit Plastik gehören zudem zu unserer Plastikwelt. Gemüse im Supermarkt wird eingesiegelt vermarktet. Und der Plastikmüll landet auf Deponien oder wird an Stränden angespült.

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Marcel-Breuer-Richard-Schadewell-Telefon, Urheberrechte bei den Designern und

Und dann tauchen wir ein in die Welt von Bakelit, sehen die Tischlampe Modell Frankfurt und die Tischleuchte Lucidus Bloc sowie eine Sprechanlage von 1940 in Tropfenform. Tellerförmige Lautsprecher von Philips waren einst ebenso der letzte Schrei wie das EKCO-Radiogehäuse der 1930er Jahre.

Diese Designs, und darauf macht uns die Ausstellung aufmerksam, wären ohne Leo Baekeland nie zustande gekommen. Zunächst entwickelte der belgische Chemiker nach seiner Übersiedlung in die USA Fotopapier für Eastman Kodak. Der Erlös aus dem Patent für dieses Papier floss in den Aufbau eines Labors in NY City ein. Hier entstand dann im Experiment aus Phenol und Formaldehyd Bakelit. Wie es zu diesem Kunststoff kommen konnte und dass dazu das Erhitzen auf 85 bis 130 Grad notwendig ist, erfährt man selbstverständlich bei seinem Rundgang.

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Eero Aarnio, Pallo / Ball Chair, Globe Chair, 1963 © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen Hans

Ein Schalensitz, dessen Form aus dem Abguss eines Gesäßes entstand, gelang Egmont Arens 1957. Aus einer Pressform entstanden dann im 3-Minuten-Takt die Sitzflächen. Kämme auch Faltkämme, sind zu sehen, die zunächst alle aus Horn gearbeitet wurden. Auch aus Stahl wurden Kämme gestanzt und geschnitten, ebenso jedoch alsbald aus Kunststoff. Dazu verwendete man beispielsweise Zellulose und Haarspangen entstanden aus Galalith, einem Casein-Kunststoff. Ausgestellt ist obendrein ein Schrank mit Intarsien, die ebenfalls aus Galalith (Erinoid) gefertigt wurden. Ein Korsett für ein Kind, das an Tuberkulose erkrankt war, wurde in den 1930er Jahren u. a. aus Zellulosenitrat gefertigt. Leder, Stahl und Messing waren die anderen Werkstoffe für dieses Korsett.

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Bakelit-Werbeblatt, 1930er Jahre; Mit freundlicher Genehmigung der Amsterdam Bakelite Collection

Ohne die Schildlaus wäre ein Grammophon nutzlos gewesen. Aus ihr schuf man die Schellackplatte, dank an Emil Berliner, der 1895 im Rahmen eines Experiments mit Schellack auf die Idee der abspielbaren Musikplatte kam. Ein früher Kunststoff, so ist in der sehr sehenswerten Ausstellung zu erfahren, war auch Bois Durci. Dieser natürliche Kunststoff, aus dem man Klingelzüge ebenso produzierte wie auch Obstbestecke, besteht aus pulverisiertem Sägemehl von Palisander oder Ebenholz, sowie Rinderblut, Gelatine oder Eiweiß als Bindemittel.

Knöpfe aus Stahl und Horn oder Elfenbein wurden mit dem Aufkommen von Kunststoff verdrängt. Wer heute einen Operationssaal oder eine intensivmedizinische Abteilung betritt, der wird auf Schritt und Tritt mit Plastik konfrontiert, was man in einem gesonderten Kapitel der Ausstellung vermittelt bekommt. Das betrifft unter anderem Infusionsbeutel und -besteck oder ein Biopsiepaket. Auf einem Foto wird eindrücklich visualisiert, wie viel Plastikmüll innerhalb eines Tages in einem OP-Saal produziert wird.

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Foto von Peter Stackpole für einen Artikel über »Throwaway Living«, veröffentlicht in der Zeitschrift LIFE, 1. August 1955 © Getty / Foto: Peter Stackpole

Und es geht weiter auf unserer "Reise durch die Plastikwelt": Die Cockpithaube eines Jagdflugzeuges ist aus Kunststoff gefertigt worden, aber auch eine aerodynamisch geformte Antenne aus den Jahren 1940 bis 1945. Dass kriegsbedingt Fallschirmnylon sehr begehrt war und sich unter geschickten Händen in sehr tragbare Kleidung verwandelte, behandelt die Ausstellung obendrein. Und manches, was man für Kriegszwecke produzierte, wurde nach dem Kriegsende zu einem begehrten Designobjekt wie die Bubble Lamps mit unterschiedlichen sphäroiden Formen, von George Nelson entworfen und entstanden in den 1950er Jahren.

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är+Knell, Müll Direkt, 1994 © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen Hans

Das sog. Plastozän nahm in den nächsten Jahrzehnten seinen Lauf. Von 1970 bis heute verachtfachte sich die Produktion von Kunststoffen pro Jahr. Die Schwimmbrille, die Cola-Flasche, Kinderspielzeug wie die Legobausteine oder die Barbiepuppe, der Eierkarton oder die Flasche Weichspüler sind nur einige Beispiele für das "Hohelied auf Plastik". Welche Folgen das hat, zeigt eine Inszenierung eines Strandes mit den Überbleibseln aus Plastik, darunter Flip-Flops und eine PET-Wasserflasche. Die US-Raumfahrtindustrie und DuPont befeuerten die Nutzung von Teflon, Neopren, Nylon und Lycra. 1966 wurde ein Hochzeitskleid entworfen, das neben Baumwolle vor allem PVC enthielt. Erste Versuche mit "upcycling" sind die Nutzung von PET-Flaschen als Blumenvasen, wie beim Rundgang zu sehen ist. Ein erster Anfang, aber längst nicht genug, oder?

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MycoTEX in Zusammenarbeit mit Karin Vlug, MycoTEX nahtlose Jacke;
Foto: Jeroen Dietz

Dass aus Plastikmüll eine Dau geschaffen werden kann, sieht man in einem ausgestellten Modell. Dabei ist die Schiffsverkleidung aus Flip-Flops gearbeitet worden. Auch Kleidung muss nicht aus Mikroplastikfasern bestehen, sondern aus Pilzmyzelien, wie man im letzten Kapitel der Ausstellung erfährt. Es gibt also Hoffnung, oder?

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The Ocean Cleanup, System 002 im Einsatz für Tests im Great Pacific Garbage Patch, 2021 © The Ocean Cleanup

© Ferdinand Dupuis-Panther

Informationen
https://www.design-museum.de

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