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Werther
Böckstiegelmuseum


BÖCKSTIEGEL – DAS FRÜHE WERK. 1910-1913
bis 26.12.2021

Die frühesten bekannten Werke von Peter August Böckstiegel stammen aus den Jahren 1909 und 1910. Doch wirken schon diese ersten Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken des 20-Jährigen nicht wie die Arbeiten eines Schülers oder gar wie die zögerliche Suche nach einer eigenen Handschrift. Es sind vielmehr frühe Meisterwerke eines jungen Mannes, der sich schon während seiner künstlerischen Ausbildung an der Kunsthandwerkerschule in Bielefeld selbstbewusst auf den Weg der Moderne wagt – in einer Stadt, in der es abgesehen von einer kleinen Galerie keine Möglichkeit gab, sich mit zeitgenössischer Kunst auseinander zu setzen. Um diese ersten Jahre der Künstlerwerdung nachzuzeichnen, vereint die Ausstellung frühe Werke Böckstiegels aus Privatbesitz mit den Beständen des Museums – insbesondere seltene frühe Radierungen und Zeichnungen sowie expressive Aquarelle. Auch die ersten Gemälde der Jahre 1912 und 1913, die der Künstler sehr schätzte und „wie ein rohes Ei“, hütete, werden in der Ausstellung prominent präsentiert.

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Erntefeld, um 1912, Öl auf Leinwand, 68,5 x 78 cm, Sammlung Bunte, Foto: Ingo Bustorf

Wer per Rad oder zu Fuß zum Museum gelangen will, folgt dem ausgewiesenen Böckstiegel-Pfad, an dem zahlreiche Informationsstelen das Leben und Wirken Böckstiegels behandeln. Vom Haus Werther aus sind es etwa 2,3 km zu Fuß, um das 2018 eröffnete Museum PAB-Haus zu besuchen. Es wurde in unmittelbarer Nähe zum ganz in Tiefrot getauchten Elternhaus Böckstiegels errichtet. Um es genau zu formulieren: Der ehemalige Kornacker der Familie wurde zum Museumsgelände nebst Museumsbau, der nach einem Entwurf von h.s.d. Architekten aus Lemgo realisiert wurde. Der flache, mehrkantige, sich in die wellige Landschaft schmiegende Bau gleicht einer aufgeworfenen Ackerkrume, so könnte man mit viel Fantasie meinen. Bisweilen wird von diesem Bau auch als „Findling auf der Wiese“ gesprochen, umgeben von einem Bestand aus Obstbäumen.

 

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Mein Vater, 1910, Öl auf Leinwand, 75 x 60,5 cm, Kunsthalle Bielefeld, Foto: Vincent Böckstiegel

Etwa 70 Werke werfen einen Blick auf das frühe Werk des Künstlers, der allerdings nie zu Lebzeiten die Anerkennung und Berühmtheit erlangte wie die Mitglieder der Künstlergruppe „Die Brücke“. Dabei teilt er das Schicksal mit den sogenannten Rheinischen Expressionisten, oder? Doch wer sich in das Werk vertieft, wird nicht nur von dem gestischen Farbauftrag fasziniert werden, sondern auch von den feinen Linien der Radierungen und Lithografien, die neben Ölgemälden ausgestellt sind. Dass das Landleben im Werk von Böckstiegel eine wesentliche Rolle spielt, unterstreichen die ausgewählten Werke. Auch wenn Böckstiegel an der Dresdner Kunstakademie studierte, so formulierte er doch „Arrode (war) meine Akademie“. Dabei bezog es sich auf das gleichnamige Dorf, in dem er aufwuchs und in das er immer wieder zurückkehrte.

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Bauernjunge, 1910, Öl auf Malkarton, 48 x 43 cm, Privatbesitz Berlin, Foto: David Riedel

Einige der ausgestellten Werke wie der „Westfälische Buchenwald“ sind „Entdeckungen“, galten als gestohlen oder verbargen sich auf der Rückseite eines anderen Gemäldes wie „Selbstbildnis mit Mutter“. In der Ausstellung sind nunVor- und Rückansicht des Gemäldes zu sehen. Wer mehr zu Böckstiegels Vita erfahren möchte, der schaut in das Begleitheftchen zur Ausstellung. In diesem wird auch hier und da auf einige der ausgestellten Werke Bezug genommen, so im Kapitel „Frühe Porträts“ mit den Hinweisen auf Arbeiten wie „Mein Vater“ und „Junger Mann“.

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Selbstbildnis, 1913, Aquarell und schwarze Tusche auf Papier, 32,5 x 22 cm, Privatbesitz, Süddeutschland, Foto: Toni Scholz

Tritt man in den Ausstellungssaal ein, dann fällt der Blick zunächst auf das Porträt des Vaters: Er trägt wohl eine blaue Joppe, um den Hals gebunden ist ein rotes Halstuch mit weißen Punkten. Der Blick des Vaters ist leicht nach unten gesenkt. Sinnend und nachdenklich erscheint der Vater, der einen rötlich blonden Bart trägt. Ausgezehrt erscheint sein Gesicht. Das ist angesichts der schweren körperlichen Arbeit eines Kleinbauers auch kein Wunder, oder? Im bereits oben erwähnten Selbstbildnis mit Mutter ist die Mutter nur schemenhaft im Hintergrund zu erkennen. Die linke Bildhälfte des Werks nimmt das Selbstbildnis ein. Böckstiegel zeigt sich mit einem breitkrempigen Hut auf dem Kopf und mit grüner Jacke über dem tiefblauen Hemd. Hier begegnet man dem Künstler wohl als Landmann, der zum Ernteeinsatz nach Arrode gekommen ist, so könnte man annehmen.

 

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Bauern (4 Landarbeiter mit Spaten), 1911, Radierung, 11,8 x 11,8 cm, Peter-August-Böckstiegel-Stiftung, Werther, Foto: Vincent Böckstiegel

 

Neben Ölgemälden besticht Böckstiegel auch durch seine Arbeiten auf Papier: Darunter ist auch ein Männerkopf auf rotgrundigem Papier. Der Porträtierte scheint in die Ferne zu schauen und seinen Tragträumereien nachzugehen. Als Radierung ausgeführt wurde das Werk „Herforder Straße“, die von einer Eisenbahnbrücke überwölbt wird. Einige Passanten, schemenhaft und gleichsam als „Schattenmenschen“ angelegt, bewegen sich über die genannte Straße. Was haben sie vor? Sind sie auf dem Weg zur Arbeit?

Vom Motiv her fällt eine gezeigte Arbeit völlig aus dem Rahmen: „Afrikanische Maske“ ( um 1910). Gewiss die Künstler der Moderne des 20. Jahrhunderts interessierten sich für außereuropäische Kulturen, zogen in die Südsee oder nach Nordafrika, vor allem aber in die Ethnografischen Museen. Das, was sie dort sahen, spiegelte sich wie Schmidt-Rottluff in Stillleben wider. Doch was ist der Hintergrund für dieses Ölgemälde von Böckstiegel? In der Begleitbroschüre erfährt man nichts Näheres dazu.

Wie sehr der Ausspruch „Arrode war meine Akademie“ zutrifft, verdeutlicht unter anderem das pausbäckige Bauernmädchen, dass Böckstiegel porträtiert hat. Gleißendes Sonnengelb bildet den Hintergrund für das tiefblonde Mädchen mit breitkrempigem Strohhut (?). Forsch-neugierig ist der Blick des Kindes, das ein rotes Schürzenkleidchen trägt. Während das Bauernmädchen lebensfroh scheint, kann man dies von dem porträtierten Bauernjungen nicht sagen. Eher mürrisch erscheint dessen Gesichtsausdruck. Blässlich ist der Knabe, der, so die Vermutung, Sonntagskleidung angelegt hat.

 

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Mühle in Deppendorf, 1912, Öl auf Leinwand, 77,5 x 79 cm, Privatbesitz, Foto: Vincent Böckstiegel

Betrachtet man vor allem die Landschaftsgemälde von Böckstiegel, so fällt auf, dass er sich stilistisch sehr an Vincent van Gogh angelehnt hat. Gestisch-dynamisch ist der Farbauftrag, so auch bei dem Winterbild vom Elternhaus, dessen Dach unter weißer Schneelast liegt. Laublos ist die Baumreihe, die den Blick auf das Elternhaus frei gibt. In Weiß und Rosa erscheint der hausnahe Feldsaum. Nur wenige gelbe Stoppeln recken sich empor und durchbrechen die Schneedecke. Imposant sind die Kopfweiden am Bach. Im Hintergrund kann man ein dunkelrot getünchtes Haus ausmachen, das teilweise durch die Weidenköpfe verdeckt wird. Ins Auge fällt dankt der Bildgliederung mit schmalem Horizont und der tiefroten, zerfurchten Ackerlandschaft das Werk „Rote Erde“. Teilweise drängt sich der Eindruck auf, dass der Boden gerade von einem Pflug bearbeitet wurde. Beinahe magisch mutet der „Westfälische Buchenwald“ mit lichtgrünem Blattwerk an. Die Stämme der Bäumen schimmern ähnlich wie bei entsprechenden Gemälden von Kirchner in gefühlten Farben, zeigen ein helles Blau, ein dunkles Rot, ein Smaragdgrün. In „Landschaft II“ sehen wir eine Baumgruppe und einen Solitär, die zusammen das Bauernhaus im Hintergrund einrahmen. Der bewegte Himmel ist in Tinten- und Himmelblau getaucht. Bestechend ist obendrein das „Winterbild mit Bauernhäusern“ (1912).

 

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Westfälischer Buchenwald, 1912, Öl auf Leinwand, 99 x 68 cm, DRV Westfalen – Dauerleihgabe im Museum Peter August Böckstiegel, Foto: Bettina Grober

Bei all den expressionistischen Gemälden sollte man nicht versäumen, sich den Lithografien und Radierungen zu widmen, die ebenfalls das Frühwerk Böckstiegels ausmachen, ob „Dorf Werther“ oder „Weiden am Bach“. Doch immer wieder wird die Aufmerksamkeit auf die farbintensiven Ölgemälde gelenkt, so auch auf „Erntefeld“. Die Hocken sind aufgerichtet. Das Getreide bzw. Heu, traditionell geerntet, muss trocknen, ehe es eingefahren wird. Und wer ist der in einen „Blaumann“ Gehüllte am Rand der Szenerie? Verlässt er gerade das in Gelbtöne getauchte abgeerntete Feld? Bei dem weiteren Rundgang entdecken wir auch einige Aquarelle und Zeichnungen, die sich dem ländlichen Leben widmen. Farbenprächtig wie ein buntes Glasfenster erscheint das Aquarell, dass Böckstiegels Mutter bei der Kartoffelernte zeigt. In einer der ausgestellten Lithografien wurde ein westfälisches Bauernpaar festgehalten. Mit Bleistift zeichnete Böckstiegel zudem zwei Bauern bei der Feldarbeit. Dass das alles körperlich schwere Arbeit war, wird ersichtlich. Die Mechanisierung der Landwirtschaft schien noch nicht gang und gäbe zu sein, als Böckstiegel das bäuerliche Milieu künstlerisch festgehalten hat.

 

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Rote Erde, 1911, Öl auf Leinwand, 65 x 52,5 cm, Privatbesitz, Foto: Marita Schlüter

Neben einigen Selbstporträts soll abschließend noch auf eine skulpturale Arbeit hingewiesen werden, die aktuell in Arrode zu sehen ist: das sogenannte Steinborn-Relief, das sich thematisch mit dem bäuerlichen Leben befasst. Inmitten der Schar von Landfrauen und männern entdeckt man auch eine Stillende. Ab Herbst 1936 erarbeitete er dieses Relief für den Wertheraner Arzt Rudolf Steinborn. Dieser lebte in einem dem Stil des Bauhauses nachempfundenen Haus. Steinborn wurde als Jude von den Nazis verfolgt und emigrierte in die USA. Sein Haus existiert bis heute ebenso wie das Relief, das man als Kulmination des plastischen Schaffens von Böckstiegel ansehen kann. Übrigens, wer sich nach dem Museumsbesuch entspannen möchte, kann dies im Museumscafé Vincent bei Käse und Streuselkuchen oder leckeren Torten wie einer Erdbeer-Yogurth-Torte nebst Kaffee!

 

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Nach dem Regen, 1912, Öl auf Leinwand, 77,5 x 77,7 cm, Kunstmuseum Ahlen, Dauerleihgabe Theodor F. Leifeld Stiftung, Foto: Kunstmuseum Ahlen

© ferdinand dupuis-panther/a.panther

Informationen
https://www.museumpab.de


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