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Würzburg
Kulturspeicher Würzburg

KONKRET GLOBAL! bis 15. Januar 2023

Die Ideen der konstruktiv-konkreten Kunst seit ihren Anfängen im frühen 20. Jahrhundert bildeten nicht nur eine Gegenbewegung zu figurativen Kunstrichtungen, sondern auch ein künstlerisches Mittel zur Formulierung von Visionen gesellschaftlicher Zukunft. Die "Notwendigkeit des Konkreten" (Mari Carmen Ramírez) bezeichnet zunächst die Suche nach universellen Sprachen in Kunst, Architektur und Poesie. Die Weiterentwicklung der Konkretion nach 1945 hatte weltweit mehrere Ursprünge: In Europa war es die Erfahrung mit Tod und Zerstörung durch Holocaust und Zweiten Weltkrieg, in Ländern des Globalen Südens der Drang zur Formierung postkolonialer Gesellschaften. Notwendig erschien Künstler:innen eine universelle Sprache damals oft auch als Gegenentwurf zur Lebenswirklichkeit in totalitären Systemen.

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Atta Kwami, Nukunu, 2018, oil on canvas, Bearsmore Gallery London,
Copyright by A. Kwami

Auf Saaltexte verzichtet die Ausstellung. Dafür steht den Besuchern eine umfängliche Handreichung zur Verfügung, deren Lektüre während des Rundgangs allerdings nicht ohne Hindernisse ist. Zusammengeheftet wurden ausführliche Biographien mit kurzen Werkhinweisen. Da erfahren wir durchaus Wissenswerte zum Beispiel über Rubem Valentim , der ein Schlüsselwerk der brasilianischen Moderne formulierte und der in seiner Kunst auch afro-brasielianische Symbole und Embleme einband. Verbindungen zu Europa waren wichtig, so erfahren wir. Die Nähe zu Hans Arp, Theo van Doesburg, Piet Mondrian und Max Bill wurde teilweise gesucht. Paris wurde Treffpunkt und bisweilen auch Barcelona wie für den Maler und Bildhauer Joaquin Torres-Garcia. Es waren nicht nur Künstler aus Südamerika, die sich der konkreten Kunst verschrieben, sondern auch der weißrussische Künstler Nikolai Kasak. Dieser wiederum hatte Beziehungen zur konkretistischen Madí-Bewegung, die 1946 in Buenos Aires entstand, also eine Wechselwirkung zwischen Europa und Südamerika. Kasak ist es, der mit seiner Hommage an Mondrian, einer Reliefarbeit mit formalen Bezug zu den „Farbfeldern“ Mondrians, in der Ausstellung präsent ist. Dabei transformiert er die Zweidimentionalität Mondrians in eine Dreidimensionaliät. Es ist von Lidy Pratl zu reden, die die Bewegung konkreter Kunst in Argentinien wesentlich geprägt hat. Auf ihrer Europareise kam sie 1952 mit Max Bill in Kontakt. Wesentlich für die Ästhetik ihrer Arbeiten war jedoch die Gruppe De Stijl, zu der van Doesburg und Mondrian gehörten.

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Carmen Herrera,Wednesday, 1987, acrylic on canvas, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Copyriughts by Carmen Herrera

Bisweilen war auch die Kunstbiennale in Sao Paulo Impuls für die Auseinandersetzung mit konkreter Kunst, so auch für Maria Freire, die auf einer der Schauen mit den Werken von van Doesburg, Mondrian und Vordemberge-Gildewart in Berührung kam. Und auch Eduardo Terrazas wurde mit den bekannten Vertretern des Konstruktivismus und der konkreten Kunst, so mit Malevitch, Kandinsky, Albers und Bill, schon während seiner Ausbildung in New York konfrontiert. Diese Konfrontation floss dann in seine farbenprächtigen Garnwollbilder auf Wachskarton ein, die aktuell in Würzburg gezeigt werden.

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Mohammed Melehi, Composition,1976, découpage cellulosique on panel, Ramzi & Dalloul Art Foundation Copyright VGBIldKunst 2022

Dies sind nur einige Beispiele für den Transfer zwischen Europa und außereuropäischen Ländern, in denen sich Künstler der konkreten Kunst verschrieben. Es war also keine autonome Entwicklung, sondern stets durch den Austausch bedingt. Das, was nun zu sehen ist, trägt den richtigen Ausstellungstitel und unterstreicht das Globale der konkreten Kunst, einer abstrakten, geometrisch geprägten Bildsprache, die mathematisch zu dechiffrieren ist.

Beim Betreten der Ausstellung fällt der Blick des Besuchers auf Carmen Herreras Arbeit mit zwei am oberen und unteren Bildrand auf die schwarze Grundfläche ragenden Dreiecken. „Wednesday“ nannte die Künstlerin ihr Werk. Nicht allein in Grün finden wir rechtwinklige Dreiecke, sondern bei fiktiver Linienziehung noch weitere in den schwarzen „Zwischenräumen“ zwischen den beiden Dreiecken. Die kubanische Künstlerin Lolo Soldevilla prasentiert eine Art Diptyk in Schwarz und in Weiß. Es sind abstrakte Reliefs mir Ringen, Kreisen und Kreissegmenten, die in dominant vertikaler bzw. horizontaler Ausrichtung platziert wurden. Entsprechungen zwischen den zwei Teilen der Arbeit sind Drehungen bzw. Spiegelungen zu verdanken.

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Saloua Raouda Choucair: Rythmical Composition with Yellow, oil on Board_100x124cm, Copyrights Saloua Raouda Choucair Foundation, Lebanon

In stufiger Hängung finden wir die vierteilige Arbeit von dem gebürtigen Mexikaner Eduardo Terrazas. Es sind „Farbtafeln“ („Tablas 2.61“) , deren Grundmuster aus gleichseitigen, rechtwinkligen Dreiecken unterschiedlicher Größen in Rot, Schwarz, Gelb, Blau, Grün und Braun besteht. Irgendwie erinnern diese Arbeiten an Kaleidoskopbilder bzw. an Tangramelemente. Dabei werden die Farbtafeln immer differenziert, zerfallen in immer mehr Dreiecke, die schlussendlich auf vier „Ebenen“ dargestellt werden. Wie gesagt geschaffen wurden diese vier Tafeln aus bunten Garnen, wie bereits oben angedeutet.

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Jesús-Rafael-Soto Ambivalenz im Farbraum Nr. 21, 1981,Foto André Morain, Museum im Kulturspeicher, Copyrights VGBIldKunst 2022

In der Ausstellung sind auch Plakate zu finden, so von Almir Mavignier, in Rio geboren und in Hamburg 2016 verstorben. Bekannt ist der Künstler durch seine Bilder mit Punktrasterungen. Doch in dem gezeigten Werbeplakat für einen Vortrag sieht man davon nichts. Statt dessen verschränken sich auf grünem Grund drei Balken in Schwarz, Rot und Weiß. „Konvex-konkav-Verschiebung“ ist ein weiteres Werk von Mavignier. Auf schwarzem Grund platzierte der Künstler geometrische Körper, die er durch gelbe Punktrasterung strukturierte, dabei die Punkte am Rand verdichtend. Da scheint dann auch ein wenig Op Art durch, oder?

Inspiriert wohl durch Arbeiten von Max Bill schuf Mary Vieria eine plastische Arbeit einer rhythmischen Säulengruppe. Diese sind aus Edelstahl und auf einer Edelstahlplatte verankert. Ruben Valentim erdachte „Emblem“ und nahm wohl ikonografisch Elemente aus den präkolumbischen Kulturen auf. So entstanden ganz eigene Totem-Darstellungen. Abstrakten Scherenschnitten gleichen die Arbeiten von Maria Freire, die so „skulptierte Strukturen“ schuf. Ein stufiges Turmgebilde aus Metall „modellierte“ Elsa Gramcko.

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Rubem Valentim, Emblema 1987, 1987, acrylic on canvas, Copyrights The Approach London

Atta Kwami, aus Ghana gebürtig, aber in Großbritannien beheimatet und gestorben, konfrontiert uns in der Ausstellung mit „Indice“ . Zwei Raketen, deren Köpfe auf zwei grüne Zielscheiben mit Trefferringen gerichtet sind, hat die ägyptische Künstlerin Menhat Helmy der Nachwelt hinterlassen. Und noch eine weitere Künstlerin bereichert die aktuelle Schau. Saloua Raouda Choucait aus der Hauptstadt der Libanons: Von ihr ist unter anderem eine rhythmische Komposition mit Gelb zu sehen, aber auch eine „Architekturstruktur“.

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Casablanca School, Ali Noury during the preparation of the Casablanca Art school annual students exhibition, Fine art gallery of the Arab League park, 1968, Mohammed Chabâa archives, Scan and foto Zaman Books & Curating

So spannend es ist, sich den nicht-europäischen Künstlern und deren Werken zu nähern, so sehr muss man den Mangel an gezielter Erläuterung bedauern. Statt sich eine Auswahl von Werken und Künstlern vorzunehmen und dann in den jeweiligen Ausstellungssegmenten auf deren Biografien und Werkinhalte einzugehen, hat man ein Konvolut von DIN A4 Seiten, die zusammengeheftet wurden, als Begleitung für die Besucher gewählt. Dabei entsprechen die in dem „Begleitheft“ vorgenommenen Nummerierungen in keiner Weise der Rhythmisierung des Ausstellungsparcours. Wieso hat man nicht einfach die Werke durchnummeriert und dazu in kleinen Dosen weitreichendere Infos als Abreißblätter zur Verfügung gestellt? Es fehlt auch an einer offensichtlichen Strukturierung, bei der auf die Herkunftsländer der Künstler sowie die dortigen politischen und sozialen Strukturen zum Zeitpunkt des Aufkeimens konkreter Kunst eingegangen wird. „Zwischenüberschriften“ wären als Orientierung hilfreich, ebenso kurze Saaltexte. Da wurde eine Chance vertan, Besucher mit einer überlegten Didaktik an die konkrete Kunst heranzuführen, oder?

© ferdinand dupuis-panther

Information
https://www.kulturspeicher.de

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