DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

 

Würzburg
Kulturspeicher Würzburg

"Hannah Höch. Abermillionen Anschauungen"

bis 4. September 2022

Hannah Höch (1889–1978) ging als Dada-Ikone in die Geschichte ein. Bekannt ist sie vor allem für ihre Foto-Collagen, die sich kritisch mit der politischen und gesellschaftlichen Situation auseinandersetzen. Doch ihr Werk zeigt ebenso das autonome künstlerische Statement einer ungewöhnlichen Persönlichkeit. Mit über 120 Arbeiten aus allen Schaffensbereichen und -perioden, zum Teil seit Langem oder noch nie gezeigt, beleuchtet diese Ausstellung die gesamte Bandbreite eines ebenso vielfältigen wie widersprüchlichen Œuvres. Die Leihgaben stammen aus bedeutenden internationalen und nationalen Museen, Institutionen und Privatsammlungen. Höch schuf ihre erste abstrakte Collage – sowie mehrere Gemälde – im Jahr 1916, als sie in Berlin studierte und ihre ersten Begegnungen mit der künstlerischen Avantgarde hatte. Ab 1918 stellte sie mit dem Berliner Dada, ab 1920 mit der Novembergruppe aus. In den 1920er und 1930er Jahren reiste und arbeitete sie international, ebenso frei bewegte sie sich zwischen künstlerischen Ausdrucksformen. In der Zeit des Nationalsozialismus zog Höch nach Heiligensee, wo sie die als "entartet" geltenden Dada-Werke und -Dokumente bewahrte und die Kriegsjahre überlebte.

eule

Hannah Höch Eule mit Lupe 1945 Privatsammlung Düsseldorf
© VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Allein die als Einleitung veröffentlichten biografischen Daten, die das Leben der Künstlerin bis zu ihrem Tod nachzeichnen, ist beeindruckend. Und gleiches gilt für die opulente Retrospektive. Diese zwischen den Stilen vagabundierende Künstlerin, in Gotha geboren und 1978 in Berlin verstorben, bewegte sich in den Zirkeln von Dada, Expressionismus, Bauhaus, De Stijl und Futurismus und auch wieder nicht. Wie andere Künstler der Avantgarde war sie im III. Reich verfemt, wurde als Kulturbolschewistin verunglimpft. Warum sie sich dann dennoch die Ausstellungen zur Entarteten Kunst angesehen hat, sie zu diesen Schauen gesondert reiste, wird im chronologischen Überblick nicht näher erläutert.

Die Schau macht deutlich, dass die Künstlerin stets in Bewegung blieb, nie Stillstand suchte, sondern Grenzüberschreitungen brauchte. Ähnlich wie Radziwill mit seinem poetischen Realismus gab es Phasen in Höchs künstlerischer Karriere, die sie zur fantastischen Malerei führte. Sie setzte sich mit der Abstraktion auseinander, durchaus auch mit Blick auf Piet Mondrian, sie entdeckte den Raum, dynamische Strukturen, schuf aber auch Grotesken und zudem zahlreiche Selbstbildnisse, eines davon als Malende mit Palette und Pinseln in der Hand. In den Porträts wirkt sie streng, sehr ernst, teilweise verschlossen und auch androgyn.

selbst1943

Hannah Höch Selbstbildnis (Heiligensee-Serie) 1943 Sammlung Museum Reinickendorf Foto: Museum Reinickendorf und Patricia Schichl © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Das Kreative wurde schon im Elternhaus Höch gefördert. Der Vater war Freimaurer und ein Anhänger der Reformideen von Friedrich Fröbel. Nein, nicht auf eine Kunstakademie konnte Höch gehen, sondern „nur“ auf die Kunstgewerbeschule in Charlottenburg. Zunächst befasste sich Höch mit der Glasgestaltung und in weiteren Jahren dann mit Grafik und Buchkunst. Für den Broterwerb arbeitete Höch im Ullstein-Verlag. Illustrationen und Vignetten für „Die Dame“ und „Die praktische Berlinerin“ entwarf sie während drei Tagen in der Woche. Mit Dada hatte das gar nichts zu tun. Erst nach der „Ersten Dada-Rede in Deutschland“ im Saal der Berliner Secession wurde Dada zu einem Begriff, auch für Hannah Höch. Im Nachgang gab es dann 1923 die Erste Internationale Dada-Messe, an der sich auch Höch beteiligte. Umtriebig war die Künstlerin, deren Beziehungen zu Männern eher schwierig und konfliktgeladen war, so zu Raoul Hausmann.

rom

Hannah Höch Rom 1921 Sammlung Karsch-Nierendorf, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Kurt Schwitters nahm für das MerzHeft I eine Zeichnung von Höch auf. Aufgrund der Beziehung zu Til Brugman war Höch dann auch in den Niederlanden und die dortige Künstlerszene eingebunden. So beteiligte sie sich u. a. an der Ausstellung von De Onafhankelijken. Zudem engagierte sich Höch 1931 bei der Aktion Frauen in Not § 218, 1938 heiratete Höch den Handelsvertreter Kurt Matthies. Diese Beziehung hielt jedoch nur wenige Jahre. Baumeister und Schlemmer kannte die Höch, die während des III. Reichs auch dafür sorgte, dass Arbeiten von Dadaisten versteckt und somit vor der Vernichtung bewahrt wurden.

Bescheiden war das Atelier am Heiligensee, bescheiden auch das Auskommen, das nur aufgrund der Deutschen Künstlerhilfe gesichert war, bis ans Lebensende allerdings. Einige Jahre vor ihrem Tod erhielt Höch die Ehrenprofessur der Akademie der Künste Berlin. Eine späte Anerkennung des außergewöhnlichen Schaffens, oder?

derblock

Hannah Höch Der Block 1922 Sammlung Karsch-Nierendorf, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

„… das Kunstwerk ist was sonst nur die Welt als ganze oder die Seele sein kann: eine Seele aus Einzelheiten“ (Georg Simmel)

Bisweilen fragt man sich bei den Collagen, Gouachen und Ölgemälden, ob die Künstlerin hinter den Botschaften stand, ironisierend, sarkastisch durchaus, so auch in „Nur nicht mit beiden Beinen auf der Erde stehen“. Balletttänzer haben sich gekonnt mit gespreizten Füßen vom Boden abgehoben und scheinen zu schweben, so jedenfalls in Höchs Collage. In „ Mensch und Maschine“ von 1921 ist der Mensch schon gar nicht Mensch, sondern integraler Teil der Maschinenwelt, auch wenn wir noch eine Hand sehen, die einen Hebel umzulegen versucht. Doch die Umgebung, in der das geschieht, ist durch und durch von Maschinen bestimmt. Ein wenig surreal wirkt das Bildmotiv, springen doch Spiralfedern durch den Raum, sehen wir eine Hochhauskulisse und zudem eine Holzfigur mit Maskengesicht.

Ich möchte die festen grenzen verwischen, die wir menschen selbstsicher um alles uns erreichbare zu ziehen geneigt sind.“ (Hannah Höch)

kubus

Hannah Höch Kubus (oder: vom Menschen aus) 1926 Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur Foto: Kai-Annett Becker/Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Vor segmentiertem Hintergrund setzte Höch ein Selbstbildnis. Hat da De Stijl Pate gestanden? Eher neusachlich ausgestaltet ist ein Selbstbildnis in Bleistift. Aus zusammengefügten Momentaufnahmen entstand das Aquarell „Rom“ (1921). Im Hintergrund vor drei Spitzbogenfeldern sehen wir drei Kleriker. Einzelne Palmen bestimmen die Straßenansicht, ebenso ein Architekturfragment, wohl eines Palazzos. Mit der Gouache „Scheiben und Röhren“ tauchte Höch in die Welt von „Modern Times“ ein, lehnte sich ein wenig an Léger an, zeigt dem Betrachter Scheiben und Röhren auf organisch zerlaufenden Farbflächen.

Während des Rundgangs durch die in acht Themen gegliederte Ausstellung treten wir immer wieder der Künstlerin gegenüber, auch bei dem Porträt mit deutlich rotblonden Haaren, die zu einem strengen Bubikopf geschnitten sind. Zeitweilig war Höch dem Abstrakten zugetan. „Ich gehöre nicht zu denen, die das Abstrakte für das Alleinseligmachende halten Dass Gegenständliche sagt etwas und das Ungegenständliche auch.“ So liest man es in einem entsprechenden Wandtext, der Höch zitiert.

tilbrugman

Hannah Höch Porträt Til Brugman 1927 Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur Foto: Kai-Annett Becker/Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Bei einer der abstrakten Arbeiten von Höch wird ein gelber Kreis auf einem spitzwinkligen Dreieck gleichsam aufgespießt, schwebt ein feuerroter rechteckiger Block auf schwarzem Grund, vereinen sich Rechtecke und Kreissegmente in Blau, Rot und Gelb zu einem Ganzen. „Abstrakte Komposition“ nannte Höch dieses Werk von 1919. Ein Kreis als Scharnier zu anderen geometrischen Körpern entdecken wir in „Geometrische Komposition“. Gegenständliches und Ungegenständliches vereint Höch in dem Plakat für die Frühlingsmesse der Kunstgewerbegruppe des Deutschen Lyceum Clubs. Das ist eine Lithografie von 1924 mit einem Kopf-Hand-Wesen, das auf das Ereignis verweist.

Ins Satirische gleitet Höch mit „Die Mücke ist tot“ ab. Diese liegt hingestreckt auf einem gelb-braunen Absatz. Die Sanduhr scheint ihrer eigenen Zeit zu folgen. Skulptiertes Blattwerk ist ebenso zu sehen wie ein „Propagandist“ auf einem Würfelsockel – fürwahr eine surrealistische Melange. „Symbolische Landschaft I“ entstand 1924: Wellenformen stoßen an kantige geometrische Körper. Kreissegmente überwölben die übrigen Formen. Und dann stehen wir erneut vor einem Selbstbildnis, diesmal von 1937, Höch als bildende Künstlerin einfangend, im weißen Malerkittel, mit Palette und Pinseln.

stillleben mit schal

Hannah Höch Stillleben mit Schale und Blüte 1923 Sammlung Karsch-Nierendorf, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Im Kapitel der Ausstellung namens „Höch, die Seherin“ stoßen wir auf nachstehenden Text: „Ich war zu keiner Zeit links oder rechts, ich war immer weltbetrachtend.“ Dabei hatte es ihr auch die Supra-Realität angetan, sprich auch das Fantastische, gerade um verschlüsselte Aussagen mit ihrem künstlerischen Schaffen zu transportieren. In der Arbeit „Versunken“ ist unter anderem das Fantastische präsent. Ähnliches gilt für „Berglandschaft“ mit schroffen Felsen, die an Orgelpfeifen aus Basalt erinnern. Und der Flüchtende in „Flucht“ (1931) trägt ja nicht nur menschliche Züge, sondern hat zum Teil auch einen Schimpansen-Schädel. Übrigens, Höch befasste sich mit dem Thema Totentanz ebenso wie mit Grotesken.

garten

Hannah Höch Garten mit Schmetterlingen 1948 Sammlung Karsch-Nierendorf, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

War Höch janusköpfig? Verbarg sie sich persönlich in der Zeichnung „Januskopf“ (1957)? Vielleicht. Doch: „Ich habe die Dinge niemals nur von einer Seite betrachtet. Ich bin immer um die Dinge herumgegangen.“ Und dieser Blick ist in allen Arbeiten der Künstlerin nachhaltig zu spüren.
© ferdinand dupuis-panther

Information

https://www.kulturspeicher.de

zur Gesamtübersicht Ausstellungen