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Wuppertal
von der Heydt Museum

Fokus Von der Heydt: ZERO, Pop und Minimal – Die 1960er und 1970er Jahre

bis 16. Juli 2023

Die 1960er Jahre waren ein Jahrzehnt der Revolte: Auch Künstler politisierten sich und setzten mit ihren Werken provokative Statements. Jenseits von Leinwand und Ölfarbe erschlossen sich Maler wie Bildhauer neue Materialien. Mit Objekten basierend auf Licht und Bewegung machte die Gruppe der ZEROKünstler wie Günther Uecker, Otto Piene und Heinz Mack international Furore. Neue Kunstgattungen wie Installationskunst und Land Art entstanden. Die Pop Art eignete sich die Alltagskultur an, machte aus dem Trivialen Kunst. Die Fotografie wurde sozusagen "salonfähig". Künstler besetzten den öffentlichen Raum außerhalb der Museen und Galerien in Projekten der Gruppe B1 und den ersten Straßenkunstfestivals (in Monschau und Hannover). Performances mit Publikumsbeteiligung verunsicherten den Museumsbesucher, der gewohnt war, Kunst aus sicherer Distanz zu genießen.

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Günter Fruhtrunk 5 Grün, 1968/69 80 x 104 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Was erwartet den Besucher? Zu sehen ist eine sehr sensibel gehängte, thematisch durchdachte und strukturierte Ausstellung, die uns in die 1960er und 1970er Jahre mitnimmt. Ja, bekannte Namen sind auch unter den Künstlern, deren Werke gezeigt werden, ob nun Gerhard Richter oder Josef Albers, Max Bill und Andy Warhol, um nur einige an dieser Stelle zu erwähnen. Mit dem Thema „Licht und Bewegung“ macht die sehr sehenswerte Ausstellung auf und schließt mit „Neuem Realismus“. Vor dem letzten großen Ausstellungsraum findet sich auch ein „Zeitstrahl“, der die gezeigte Kunst in einen gesellschaftlichen und politischen Rahmen einfügt. Sinnvoll wäre allerdings gewesen, diesen schon gleich zu Beginn der Ausstellung – unter anderem im Verbindungsgang zwischen den Kabinetträumen – zu platzieren. So aber wird dieser „Zeitstrahl“ zu einer Art Epilog.

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Friedrich Gräsel Ohne Titel, 1975 Karton, Metall, Magnete 24 x 24 x 24 cm Kunst- und Museumsverein Wuppertal © VG Bild-Kunst, Bonn 2022


Ja, hier und da können Besucher die kinetische Kunst selbst in Gang setzen. Bei dem „Kabinett“ zu „Fluxus und Happening“ allerdings dürfen nur die Aufsichten für Bewegung und Klang sorgen. Licht und Bewegung beschäftigte nicht nur, so erfahren wir, die Gruppe ZERO bestehend aus Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker. Bewegung versteht sich nicht nur im reinen Wortsinn, sondern auch durchaus im Sinne von Raum und Raumprozess. So präsentiert man naheliegender Weise auch Lucio Fontanas diverse „Raumkonzepte“ in diesem Teil der Ausstellung. Und das beinhaltet nicht nur seine aufgeschnittenen Leinwände! Optische Täuschungen wie die von Adolf Luther gibt es außerdem zu sehen. Schließlich wird man auch mit sogenannten Vibrationsbildern von Jesus Rafael Soto konfrontiert.

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Gerlinde Beck Doppelstele Nr. II, 1964 Eisenblech 89,5 x 25,5 x 18 cm Von der Heydt -Museum Wuppertal © Gerlinde -Beck -Stiftung, Schloss Dätzingen, Grafenau


Gleich zu Beginn fällt das Auge des Besuchers auf ein filigranes Drahtgebilde namens „Trunk“, eine Arbeit von Harry Kramer. Innerhalb eines runden, turmartigen Netzgebildes rotieren Elemente im Inneren. Irritation für die Augen schuf Jesus Rafael Soto mit „Rot-Schwarze Bögen“. An dünnen Fäden hängen Bögen mit flacher Krümmung herab. Im Hintergrund sehen wir eine hellgrau geriffelte „Projektionsfläche“. Beides zusammen schafft die Illusion von kleinen Stapelsegmenten. Zugleich muss man an die farbliche Struktur von Mikado-Stäbchen denken. Auch Effektpostkarten kommen dem einen oder anderen Betrachter in den Sinn, der sich den „Flirrbildern“ der Arbeit Sotos aussetzt. Ludwig Wilding hat uns ein Objekt hinterlassen, das im Kern aus einem Quadrat besteht, in dem zwei Dreiecke „eingearbeitet“ sind. Schlierige Plasmastreifungen umgeben das Quadrat. Dichte lineare Strukturen veschwimmen, je nach Blickwinkel. „Single Z-63“ lautet der Titel der Arbeit. Verweist „Z-63“ auf das Serielle?

Aus Bronze wurde „Große Fahne“ von Gio Pomodoro geschaffen. Nein, die Fahne flattert nicht im Wind, aber die Ausformung lässt genau an eine wehende Fahne denken bzw. an zwei Flügel, die jederzeit zu flattern beginnen. Auch an einen aufgefalteten Torso mag man sich erinnert fühlen. Gerhard von Graevenitz lässt drei weiße Ovale auf schwarzem Grund kreisen. Die Ovale erscheinen wie Augenpunkte. Nagelbilder waren Ueckers Markenzeichen. Und auch in der Wuppertaler Schau sind zwei jener Arbeiten zu sehen, darunter zwei 4er-Nagelreihen, die sich in der Diagonale verschränken.

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Guido Jendritzko Figuration stehend, 1961 Bronze, Marmorsockel 28 x 16 x 12 cm Von der Heydt -Museum Wuppertal © Rechtsnachfolger:in


Grau und Weiß, zerfließend und schemenhaft aufgetragen – daraus besteht Otto Pienes „Für Munch“. Kann man da nicht auch Munchs Figuren herausfiltern? Vom gleichen Künstler, der ja auch Leinwände in Flammen setzte, stammt „Rote Feuerblume“, eher an einen rotbäckigen Apfel aus der Aufsicht denken lassend. Spiegelungen finden sich in Heinz Macks „Silberregen“, einer Metallfolie mit Riffelungen und Punktwulsten. Kleinformatiges von Jean Tinguely springt dem Besucher als nächstes ins Auge. „Maschinenbild Haus Lange“ bewegt sich, jedenfalls fünf weiße Zeiger bewegen sich mit- und gegenläufig.

Neben den zweidimensionalen Raumkonzepten von Fontana präsentiert die Schau auch eine dreidimensionale Arbeit. Zu sehen ist eine Kugel mit aufgerissener Hülle. Man könnte an eine Kugel Schokoladeneis denken, riesenhaft, und an einen Nascher, der mit seinen Fingern in die Eismasse gegriffen hat, oder? Mit sehr feiner Punktmalerei weiß Almir Mavignier zu überzeugen: „Gelbe Linie“ (1964). Und nur Schritte entfernt lässt Hans Geipel geknickte Edelstahlstäbe rotieren.

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Konrad Klapheck Die Sexbombe und ihr Begleiter, 1963 Öl auf Leinwand 89 x 69,5 cm Von der Heydt -Museum Wuppertal © VG Bild -Kunst, Bonn 2022


Unter dem Stichwort „Experiment und Wissenschaft“ stehen wir unter anderem dem Werk „Lux“ 9 gegenüber. Nikolaus Schöffer sorgt mit diesem rotierenden Gebilde für Bewegung und dank zweier Scheinwerfer auch für Licht-Schatten-Würfe. Ovale, Rechtecke und Kreise mit unterschiedlichen Ausstanzungen werden in Bewegung gebracht und bespielen einen Kabinettraum. Auf dem Flur stoßen wir auf eine Archiskulptur aus Gipssteinen, einer Baustellenlampe und Flatterband. „1 Kubikmeter Nachbarschaft“ lautet der Titel des Werks von Inge Mahn. Weiter geht es mit „Fluxus und Happening“: Erinnert wird in diesem Kontext an das 24 Stunden Happening, also vor allem an Aktionen, die sich gegen die verknöcherten Strukturen der Wohlstandsgesellschaft richteten. Wortführer jener Bewegung war nicht nur Beuys, sondern auch Wolf Vostell und Nam June Paik. Ein Klavier, Symbol der bürgerlichen Gesellschaft, wurde so präpariert, dass keine klassichen Akkorde zu spielen sind, sondern je nach Taste – diese sind markiert – infernalische Geräusche ans Ohr des Zuhörers dringen. Das passiert nur, wenn eine der Aufsichten die Tasten G, E, H und D anspielt, getreu dem Motto „Gibt es heute Döner!“ - so die anwesende Aufsicht während meines Besuchs. Dieter Roth schuf aus Schokolade und Eisen seine eigene Rheinansicht. Franz Erhard Walters Kunstobjekt versprüht Duft im Raum und Christo packte 1965 ein Magazin in Plastikfolie ein. Und auch eine Standgitarre gibt es in diesem Segment der Schau zu bestaunen und zu hören: alles andere als Mainstream im Kunstbetrieb, sondern Provokantes.

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Nicolas Schöffer Lux 9, 1959 Edelstahl, verchromt 99 x 60 x 60 cm Von der Heydt -Museum Wuppertal © VG Bild -Kunst, Bonn 2022


Fotografisch festgehalten wurde eine Beuys Aktion im Frankfurter Theater am Turm und drei an die Wand gelehnte, mit Rosshaar beklebte Holzstangen sorgen für Verwunderung, setzt man seinen Rundgang fort. Aber auch mit expressiver Figuration beschäftigt sich die Ausstellung. Die Hinwendung zum Figurativen, von Antes ebenso wie Asger Jorn, Peter Brüning, Shinkichi Tajiri und Adelheid Horschik ist als Gegenbewegung zur Abstraktion zu sehen, die die Kunst der späten 1940er und 1950er Jahre beherrschte. Zu sehen sind in diesem Abschnitt der Schau vor allem Skulpturen, so auch „Carcass“ von Tajiri. Zu sehen ist eine aufgebrochene Kugelform mit Rippen, Rippenbögen und auch einer Hand. Gestisch ist der Farbauftrag in „Komposition 76/61“ von Peter Brüning. Neben Horschiks „Seraph“ finden wir auf einem breiten Sockel auch „Totem 1“ von Tajiri. Letzteres Kunstwerk erinnert an die Nagelfetische aus Teilen Afrikas, oder?

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George Segal Ruth in der Küche, 1964 Gips, Eichenholz, Stoff, Aluminium 126 x 196 x 207 cm Von der Heydt -Museum Wuppertal © VG Bild -Kunst, Bonn 2022


Konkrete Kunst von Victor Vasarely steht neben der „Huldigung an ein Quadrat – Glühende Zeiten“ von Josef Albers. Auch ein weiterer Bauhausmeister ist zu sehen, nämlich Max Bill, der eine eigene Lösung des Quadrats präsentiert. Dieses steht auf der Spitze und zeigt offene Formen, die den Rahmen sprengen. Schließlich kam ja auch die „Pop Art nach Europa“ und damit die Banalisierung der Kunst. Für diese steht kein anderer als Andy Warhol, dessen zehn Mao-Porträts zu sehen sind. Nein, nicht Mao auf dem Platz des Himmlischen Friedens oder auf dem Großen Marsch steht im Mittelpunkt, sondern der Privatmensch Mao jenseits von Mao-Anzug und roter Fahne. Comiczeichnung und Sprechblasen brachte Roy Lichtenstein in die Pop Art ein, so auch mit „Crak“ (1965). Sieht man da nicht eine Barrikaden-Marianne mit Gewehr im Anschlag? Übrigens, KP Brehmer huldigt Mao mit Agit Prop, zeigt uns ein Propagandaposter des großen Vorsitzenden, der eine Militärparade abnimmt. Satire oder Ernst?

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Gerhard Richter Scheich mit Frau, 1966 Leinwand 140 x 135 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal © Gerhard Richter

Das Fundamentale der Malerei, die Frage nach dem Zusammenhang von Farbe und Form, wird in der Schau auch behandelt. Zu sehen sind dabei Arbeiten von Günther Fruhtrunk und Rupprecht Geiger. Hier „Fünf Grün“ von Fruhtrunk als Beitrag zum Thema und dort aber auch Dreidimensionales von Donald Judd, eine Wandinstallation in Form von einem „Zahngesimsband“, dass sich verändert und aufzulösen scheint. „Kunst für alle“ war in den 1960er und 1970er Jahre auch en vogue, so wie damals Gotthard Graubners „Kissengemälde“ und Erwin Heerichs „Kartonplastik“. Abgerundet wird die Ausstellung mit dem Thema „Neuer Realismus“. Hier findet sich der „unscharfe“ Gerhard Richter mit fotografischer Malerei ebenso wie eine Installation von Georg Segal.

Fazit: sehr lohnenswerte Ausstellung, die man nur in Wuppertal zu sehen bekommt.

© ferdinand dupuis-panther


Vorschau
JANKEL ADLER: METAMORPHOSEN DES KÖRPERS
bis 28. AUGUST 2022

Die Ausstellung rückt erstmals überhaupt in Deutschland Jankel Adlers (1895 Polen – 1949 England) grafisches Werk ins Zentrum und setzt es in Beziehung zu Arbeiten aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums. Sie wirft gezielt den Blick auf die Frage des Menschenbildes in der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und stellt Adlers Werken ausgewählte Arbeiten seiner Zeit-genossen wie Pablo Picasso, Paul Klee, Willi Baumeister und Hans Arp gegenüber. Dem Von der Heydt-Museum Wuppertal war es 2020 gelungen, ein umfangreiches Werkkonvolut von Jankel Adler zu erwerben. Die 548 Grafiken und vier Gemälde konnten mithilfe der Von der Heydt-Stiftung, des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, der Kulturstiftung der Länder sowie mit einer Spende angekauft werden. Das Konvolut stammt überwiegend aus dem Nachlass des polnisch-jüdischen Künstlers und wurde im Rahmen eines zweijährigen Forschungsvolontariats, ermöglicht durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, wissenschaftlich bearbeitet und für weitere Forschungen zugänglich gemacht. Die Darstellung des Menschen war zentral für Jankel Adler: Oft präsentierte er seine melancholisch wirkenden Figuren frontal, den Betrachter direkt anblickend. Bewusst ließ er den Menschen ohne einen narrativen Kontext.

(SELBST-)BILDNISSE VON PAULA MODERSOHN-BECKER BIS ZANELE MUHOLI
21. AUGUST 2022 - 29. JANUAR 2023

Die Ausstellung „Fremde sind wir uns selbst“ widmet sich Fragen der (Selbst-) Darstellung und Repräsentation in der Bildenden Kunst seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Anhand von Hauptwerken aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums wird erfahrbar, wie sich gesellschaftliche und soziale Rollenvorstellungen in Bilder vom Menschen einschreiben und wirken. Das Spektrum reicht von Gemälden der klassischen Moderne, etwa von Paula Modersohn-Becker, Emmy Klinker, Henry de Toulouse-Lautrec, Christian Schad und Felix Vallotton über Werke von WOLS, Francis Bacon und Miriam Cahn bis in die Gegenwart, u. a. vertreten durch Tobias Zielony und Zanele Muholi. Anhand der Werke in der Ausstellung lassen sich jene Ambivalenzen und Spielräume ausloten, die zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung bestehen. So offenbart sich, wie die Wahrnehmung eines Menschen durch die Inszenierung eines Bildes gelenkt oder beeinflusst wird. In Paula Modersohn-Beckers Figurenbildnissen etwa wird das Persönliche und Individuelle abstrahiert, um zu einer Verallgemeinerung und zu einer neuen, eigensinnigen Form zu finden. Francis Bacon umschreibt in seinen Gemälden menschliche Extremsituationen und das Ausgesetztsein des Menschen in der Welt, wobei er bildhafte Porträtdarstellungen ablehnte. Und Zanele Muholis eindrücklichen Selbstbildnisse spielen auf subtile Weise mit geschlechtsspezifischen Konventionen und zielen mit großer Konsequenz, im Sinne eines visuellen Aktivismus, auf die Auflösung repressiver Narrative.


Information
http://www.von-der-heydt-museum.de/

 


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